Selbsttest

Wenn der Chef Narzisst ist: Mit dieser Frage entlarven Sie ihn – oder sich selbst

Narzissten in Führungspositionen sind ein Problem – und immer mehr jungen Menschen sind betroffen. Das Unternehmen Zortify will mit einem KI-basierten Selbsttest Lösungen anbieten. Im Interview erklärt Mitgründer und Psychologe Marcus Heidbrink, wie das gelingen soll.

Ein Narzisst oder eine Narzisstin gilt als extrem egozentrisch, selbstverliebt und manipulativ - reagiert dabei aber äußerst gekränkt auf Kritik. Foto: panthermedia.net/minervastock

Ein Narzisst oder eine Narzisstin gilt als extrem egozentrisch, selbstverliebt und manipulativ - reagiert dabei aber äußerst gekränkt auf Kritik.

Foto: panthermedia.net/minervastock

Anfangs wirkt er auf seine Mitmenschen oft besonders charismatisch – doch mit der Zeit zeigen sich unangenehme Wesenszüge: Ein Narzisst gilt als extrem egozentrisch, kritikunfähig, intrigant und manipulativ. Narzisstische Wesenszüge haben die meisten Menschen an sich, doch eine starke Ausprägung bis hin zu einer Persönlichkeitsstörung ist problematisch. In Unternehmen sorgen Narzissten unter Umständen für ein toxisches Arbeitsklima und richten im schlimmsten Fall erheblichen – auch finanziellen – Schaden an.

Denn oft tragen Menschen mit einer starken Neigung zum Narzissmus Verantwortung: Unter Führungskräften ist jeder vierte Mann und jede fünfte Frau Studien zufolge betroffen. Wie geht man als Mitarbeiter mit einem Chef um, der Narzisst ist? Was sollte ein Unternehmen machen, wenn sich die Teamleaderin als manipulative Egomanin entpuppt? Der People-Analytics-Anbieter Zortify versucht, diese Fragen zu klären und Lösungen anzubieten. Ein eigens entwickelter neuartiger KI-basierter Online-Selbsttest soll helfen, einen ersten Eindruck zu gewinnen. Wer den Test von Zortify macht, muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass er es vielleicht mit einem unerwünschten Spiegelbild zu tun bekommt: Was, wenn ich selbst Narzisst bin?

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Organisationspsychologe und Zortify-Mitgründer Marcus Heidbrink erklärt im Interview, was man dann tun kann, wie man mit Narzissten am besten umgeht und woran man sie erkennt.

ingenieur.de: Wer Ihren Selbsttest macht, kann vom Ergebnis ja unter Umständen regelrecht erschüttert sein. Wie fangen Sie das auf?

Marcus Heidbrink: Ich arbeite im Coaching mit Führungskräften, die bei unserem Narzissmustest einen sehr hohen Wert von weit über 90 haben. Von denen haben einige exponierte Positionen in deutschen Spitzenunternehmen inne. Man könnte denken, dass sie vielleicht eher unangenehm auf so ein Ergebnis reagieren, aber das war nie so. Eigentlich alle wollten wissen, wie sie damit umgehen und wie sie die Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen verbessern können. Wohlgemerkt sind auch sehr hohe Ergebnisse bei unserem Test immer noch im vorklinischen Bereich und nicht gleichbedeutend mit einer Persönlichkeitsstörung. Bisher gibt es viel zu wenige Ansatzpunkte, die helfen, konstruktiv mit einer narzisstischen Neigung umzugehen. Da gibt es im Grunde oft nur den Rat: Sieh zu, dass du Narzissten gar nicht erst in Führungspositionen kommen lässt.

Organisationspsychologe und Zortify-Mitgründer Marcus Heidbrink: Er unterstützt Aufsichtsräte und Inhaber bei der Analyse von C-Level-Kandidaten und der Besetzung von Positionen für das Topmanagement. Foto: Zortify

Organisationspsychologe und Zortify-Mitgründer Marcus Heidbrink: Er unterstützt Aufsichtsräte und Inhaber bei der Analyse von C-Level-Kandidaten und der Besetzung von Positionen für das Topmanagement.

Foto: Zortify

Aber nach unseren repräsentativen Daten hat aktuell jeder vierte Mann und jede fünfte Frau in Top-Positionen eine starke Persönlichkeitsneigung in Richtung Narzissmus. Wir verfolgen mit befreundeten Trainingsagenturen ein Konzept, mit dem die positive Ich-Stärke oder auch Selbstwirksamkeitsüberzeugung gefördert wird. Es ist das Ziel, dass Personen mit narzisstischen Neigungen nicht andere entwerten müssen, um sich groß zu fühlen, sondern es im Gegenteil sehr gut ertragen oder sogar unterstützen können, dass andere neben ihnen groß sind oder gar über sie hinauswachsen. Das ist ganz im Sinne eines modernen transformativen Führungsstils.

Narzisst: Warum sein Verhalten strafrechtliche Konsequenzen haben kann

Wie schaden Menschen mit einer starken narzisstischen Neigung denn dem Team oder dem Unternehmen?

Das Paradoxe ist, dass Narzissten in Führungspositionen mit ihrer charismatischen Art für kurze Zeit sogar einen positiven Effekt haben können. Bei Changeprozessen können sie Energien aktivieren und Kräfte mobilisieren. Aber spätestens nach anderthalb bis zwei Jahren macht es sich negativ bemerkbar, wenn ein CEO Narzisst ist. Dann wird oft deutlich, dass die neue Chefin oder der neue Chef zu viel versprochen hat und gar nicht das liefern kann, was sie oder er leisten soll. Das kann beim Narzissten auch im Extremfall zu strafrechtlich relevanten Handlungen wie Betrug führen, Beispiel Wirecard.

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Das heißt, es gibt einen Zusammenhang zwischen Narzissmus und krimineller Energie?

Narzissten ertragen keine Kränkung. Sie müssen sich und der Welt immer wieder beweisen, dass ihr überhöhtes Selbstbild der Realität entspricht. Abweichungen davon dürfen nicht passieren. Und bei einer extremen Ausformung sind Narzissten bereit, alles dafür zu tun, das Idealbild aufrecht zu erhalten, Fehler zu vertuschen und Misserfolge zu kaschieren. Im ersten Schritt kommt es vielleicht dazu, dass Rechnungen unsauber gebucht oder Budgets verschoben werden. Und dann ist es ein kleiner Schritt zu Luftbuchungen und handfesten Manipulationen. Das ist im höchsten Maße gefährlich für den Unternehmenswert.

Wer gehört denn zu Ihren Kunden? Sind das die Unternehmen selbst?

Ja, das können zum Beispiel Unternehmen sein, die jemand Neues in die Chefetage holen wollen oder einfach ihr Team oder ihren Führungsnachwuchs coachen möchten. Es können aber auch Investoren sein, die längerfristig in Unternehmen reingehen. Für die ist ein integres, zuverlässiges und nachhaltig agierendes Management natürlich sehr wichtig.

Typische Zeichen, an denen man Narzissten erkennt

Woran erkennt man denn Narzissten, wenn man keinen psychologischen Test zur Hand hat? Gibt es typische Zeichen?

Da muss man erst mal unterscheiden zwischen dem grandiosen und dem vulnerablen Narzissten. Der grandiose Narzisst ist leichter zu erkennen. Er neigt zur Selbstdarstellung, mag Statussymbole, will betont anders sein als die anderen. Auf Kritik reagiert er meist ungehalten. Traditioneller Weise ist es der Typ mit dem dicksten Auto, heute ist es vielleicht eher derjenige, der als einziger immer mit dem Klapprad zur Arbeit fährt. Der vulnerable Typ ist schwieriger zu erkennen. Er tritt parkettsicher auf, hat aber eigentlich permanent das Gefühl, dass ihm mehr zusteht, als er bekommt. Daraus resultieren intrigante Methoden, sich diese Dinge, die ihm angeblich zustehen, zu verschaffen, und dafür erscheint ihm jedes Mittel gerechtfertigt.

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Wo hat eine solche Persönlichkeitsneigung denn ihren Ursprung?

Wenn man im klinischen Bereich Anleihen nimmt, gibt es klare Hinweise darauf, dass der Ursprung häufig im frühkindlichen oder jugendlichen Alter liegt, beispielsweise dass ein Gefühl der permanenten Benachteiligung entwickelt worden ist. Narzissten kompensieren das durch Selbstüberhöhung, die sie dadurch erreichen, indem sie andere Menschen entwerten. Das ist eine ungesunde Form des Selbstvertrauens, das nur funktioniert, wenn ich andere kleiner mache.

Laut Ihrer Studie ist der Anteil junger Menschen mit erhöhten Narzissmuswerten auffällig hoch. Wie ist das zu erklären?

Man kann beobachten, dass unter den heute 25-Jährigen mehr Narzissten sind als unter den 25-Jährigen der Jahrtausendwende. Es gibt Studien, laut denen es Zusammenhänge zwischen diesem Phänomen und der Selbstdarstellung und Selbstoptimierung in den sozialen Medien gibt. Aber auch eine bestimmte Art des Parenting spielt da mit rein, beispielsweise wenn Eltern ihre Kinder immer wieder unangemessen und übertrieben loben, ihre Großartigkeit herausstellen oder sie vor berechtigter Kritik abschirmen. Eine weitere Schwierigkeit, die diese Generation in besonderem Maße hat, ist der kompetitive Druck, glücklich zu werden. Das Motto ist ja: Du kannst alles werden und alles machen, was du willst, aber du musst glücklich werden. Man ist also verdammt, seines Glückes Schmied zu sein. Und wenn das vermeintlich nicht so gut gelingt wie anderen aus der Peer Group, dann neigen Menschen zur Unzufriedenheit oder zur Überkompensation in Form von Selbstüberhöhung.

Was kann man denn tun, wenn die Chefin oder Chef narzisstisch ist?

Wenn es nur narzisstische Neigungen sind, die man häufig antrifft, ist das handhabbar. Bei einer echten Narzisstin oder einem Narzissten wird es schwieriger. Eine sehr erfolgreiche Managerin aus Indien mit viel Erfahrung in dem Bereich hat mir mal den Tipp gegeben: Was du tun musst, Marcus, ist Loben. Das scheint erst mal kontraintuitiv zu sein, einen Narzissten auch noch zu loben. Aber das Ego zu streicheln kann eben ein Mittel sein, um danach wieder eine Basis zu schaffen, um sachlich mit der Narzisstin oder dem Narzissten auf Augenhöhe zu reden. Gefährlich ist, dass Narzissten mit manipulativen Mitteln das Wertekorsett anderer völlig durcheinanderbringen. Opfer von Narzissten wissen dann selbst nicht mehr, was richtig und falsch ist und geben sich selbst die Schuld, wenn im Privaten die Beziehung oder im Job die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Da ist es dann wichtig, sich mit anderen – also Kollegen oder Freunden – auszutauschen, um sich selbst wieder zu verankern.

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Angeblich kann man einen Narzissten mit der Frage „Bist du ein Narzisst?“ als solchen entlarven. Ist da aus Ihrer Sicht was dran?

Ja, da steckt schon ein wahrer Kern drin. Die These ist, dass ein Narzisst sich selbst auf einer Narzissmus-Skala einen höheren Wert geben würde, weil er sich tatsächlich für etwas hält. Mit Zortify haben wir ein differenziertes Instrument entwickelt, das zum einen mit Selbsteinschätzungsfragen und zum anderen mit KI-basierter Textanalytik arbeitet. Dabei haben wir festgestellt, dass bei starken Narzissten diese beiden Ergebnisse oft auseinanderklaffen. Mit den klassischen psychometrischen Tests, bei denen man Items ankreuzt, kommen Sie einem Narzissten nicht bei. Wenn der sich in einer bestimmten Weise darstellen will, dann macht er das. Die textbasierte Analytik in unserem Narzissmustest ist das objektivere Messinstrument und nicht fakeable.

Narzissmus-Selbsttest setzt auf maschinelles Lernen

Wie funktioniert denn diese Analytik?

Teilnehmer haben im zweiten Teil des Tests die Aufgabe, Texte zu bestimmten berufsbezogenen Fragen selbst zu schreiben. Insgesamt brauchen wir etwa 400 Wörter. Dieser Text wird encodiert beziehungsweise in einen Vektor übertragen. Dabei nutzen wir eine Technologie, die es erst seit knapp anderthalb Jahren gibt, und die die Bedeutung des Textes erkennt.

Das heißt, es geht nicht um das bloße Auslesen von Schlüsselwörtern?

Nein, das würde wenig bis gar nichts bringen. Das hätte man früher so gemacht. Da hat man zum Beispiel geschaut, wie oft ein CEO „ich“ statt „wir“ sagt, aber mit so einer Methode erkennt man keine brauchbaren Zusammenhänge. Inzwischen haben wir einen erheblichen Präzisionsfortschritt, was das maschinelle Lernen angeht, und können den Inhalt also die Bedeutung von Texten encodieren und mit unserer Benchmark – das sind knapp 40.000 Datensätze aus mehreren europäischen Ländern – vergleichen.


Hier geht es zum Selbsttest: Der Narzissmus-Selbsttest von Zortify ist noch für einige Tage kostenlos verfügbar


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Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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