Digitale Geschäftsideen

Big Data: Vor allem in einer Branche müssen Ingenieure jetzt handeln

Bauchgefühl statt Big Data? Ingenieure entscheiden gern aus dem Bauch heraus, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Doch als alleinige Entscheidungsgrundlage taugt diese Methode wenig. Denn im schneller werdenden Rennen um digitale Geschäftsideen und optimierte Prozesse führt gerade in der Autoindustrie an datengetriebenen Entscheidungen kein Weg vorbei.

Zwei Männer vor Daten Maschinen

Ingenieure sollten Entscheidungen gut abwägen und Big Data Analysen hinzuziehen.

Foto: panthermedia.net/Gorodenkoff

Die Pandemie beschleunigt also die Digitalisierung. Mag sein. Aber gilt das auch für die digitale Denke jedes Einzelnen? Zweifel sind angebracht. Der Branchenverband Bitkom wird nicht müde deutsche Unternehmen zu mahnen, digital einen Zahn zuzulegen. Viele Firmen sehen laut einer Bitkom-Umfrage durch die fortschreitende Digitalisierung ihre Existenz gefährdet. Bessere Entscheidungsstrategien täten not, um es nicht zum Äußersten kommen zu lassen: „In vielen Fällen fehlt es an Methodik und Lösungen für schnellere, faktenbasierte Entscheidungen“, so die Klage des Branchenverbandes. „Mit dem richtigen Vorgehen und Technologien lassen sich datenbasiert schneller Entscheidungen treffen, die das Unternehmen nachhaltig, erfolgsorientiert ausrichten.“

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Bessere Technik und Kundenbindung dank Big Data

Gerade im Ingenieurswesen bieten sich dafür beste Voraussetzungen, weil hier wie in kaum einem anderen Industriezweig wertvolle Daten gewonnen werden. So sieht das auch James Hodge, Chief Technical Advisor EMEA bei dem Big-Data-Spezialist Splunk. Jedoch: „Daten werden derzeit kaum dazu genutzt, den Geschäftserfolg zu steigern“, bedauert Hodge.

„Wenn die Industrie auch nur einen Bruchteil mehr Daten in ihren Entscheidungsprozess einbringen könnte, würde sie die Vorteile in Form von höherer Produktionseffizienz, mehr Einblick in die Leistungsfähigkeit der Technologien und besserer Kundenerfahrung ernten.“

Das deckt sich mit der Erfahrung von Markus Uellendahl, Senior Partner bei Porsche Consulting: „Tatsächlich nutzen Automobilhersteller aber auch Zulieferer und andere Beteiligte am Ökosystem Mobilität heute nur einen Bruchteil des technisch Möglichen.“ Das ändert sich zwar gerade. Was sich gut an der Autoindustrie studieren lässt, die mitten in einer massiven Transformation steckt.

Das zeigt allein schon der Wandel von der Bereitstellung eines Fahrzeuges hin zum ‚Car-as-a-Service‘-Modell: „Dieser Wechsel hat dazu geführt, dass sich Hersteller umstellen müssen: Nun sind Daten die Basis von allem, was sie tun“, sagt Hodge.

„Autos emittieren einen enormen digitalen Ausstoß, dessen Nutzung eine Herausforderung sein kann, der aber auch einzigartige Einblicke in das ‚Car-as-a-Service‘-Konzept bietet.“

Zumal, wenn man Dark Data, also unstrukturiert vorliegende Datenmassen, nutzbar machen möchte, um neue Ideen und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wer da weiterhin glaubt, „seinem guten Gefühl“ folgen zu können, wird womöglich rasch in einer Sackgasse stranden. Hodge: „Man kommt schnell von bauchgetriebenen Entscheidungen ab und nutzt Daten als Basis jeder Frage, Entscheidung und Handlung.“ Was der Realität unter hiesigen Firmendächern noch etwas zuwider läuft.

Ohne Datenkenntnisse keine Karriere

Deutsche Führungskräfte sind unerwartet entscheidungsfreudig

In einer Studie hat sich Splunk näher angeschaut, wie C-Level-Führungskräfte aus Deutschland, Frankreich und UK ihre Entscheidungen treffen. Überraschung: Deutsche Führungskräfte sind unerwartet entscheidungsfreudig. Sie benötigen durchschnittlich acht Stunden (in Großbritannien sind es zwölf), um wichtige Weichen zu stellen, wobei 22 kritische Entscheidungen pro Woche getroffen werden. Zögern und zaudern? Eher nicht. Nur: Wie es scheint, wird meist nicht sonderlich fundiert, datenbasiert, agiert, sondern aus dem Bauch heraus. Das muss kein Fehler sein. Geht aber besser, wenn man weiß, wie man sich den in jedem Unternehmen schlummernden Datenschatz zu nutzen weiß. Wobei wohl keine Berührungsängste zu bestehen scheinen:

„Das Vertrauen Deutscher Führungskräfte in Daten ist hoch, doch werden sie trotzdem nur in 40 Prozent aller Entscheidungen als Grundlage genutzt. Die meisten Entscheidungen treffen die befragten Führungskräfte aus dem Bauch heraus“, so Hodge.

Datenbasierte Entscheidungen sind oft besser als subjektive

Und trotzdem tun sich Entscheidungsträger mit der Nutzung ihrer Daten schwer. Warum? „Daten sind häufig nicht zugänglich, wenn es darum geht, geschäftskritische Entscheidungen zu treffen“, erklärt Hodge. Der Bauch meldet sich schneller als der Data Analyst: Laut Studie würden viele zwar gerne auf Daten als Entscheidungsbasis zurückgreifen – für 52 % der Befragten liegen diese aber nicht schnell genug auf dem Tisch. „Die Technologie ist nicht das Problem – die größte Hürde für die Einführung von digitalen Systemen zur Entscheidungsfindung besteht in der Regel darin, die notwendigen Daten zu beschaffen“, sagt Uellendahl. Entscheidungen könnten „sehr viel schneller und fundierter getroffen werden“, wenn entsprechende IT-Tools genutzt würden. Zumal die Fähigkeiten von Computerprogrammen, große Mengen an Daten zu verarbeiten, die menschlichen Fähigkeiten bei Weitem überstiegen. Uellendahl: „Es gibt zwar schon einige erfolgreiche Anwendungsfälle in der Industrie, aber da ist noch viel Spielraum.“

Wie der genutzt werden kann zeige das Porsche-Pilotprojekt „Smart Twin“. Ein digitales Planungswerkzeug, das als bei Porsche bereits erprobt wird. „Es handelt sich um ein Programm, das in kürzester Zeit Planungsaufgaben hinsichtlich der Logistik durchrechnet und somit schnelle und fundierte Entscheidungen ermöglicht“, erklärt Uellendahl. Beispielsweise können die Kosten der Aufnahme einer neuen Modellvariante in eine bestehende Fertigungslinie genau beziffert werden. Das Tool berechnet aber auch, welche Art „der Bandanstellung“ am sinnvollsten ist, also auf welchem Weg ein Teil zeit- und kostensparend zu seinem Verbauort gebracht werden sollte. Klar, kann man auch alles aus dem Bauch heraus nach Try-and-Error machen. Sinnvoll ist aber nicht.

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  • Chris Löwer

    Chris Löwer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist für überregionale Medien. Seine Themenschwerpunkte sind Wissenschaft, Technik und Karriere.

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