
Vier historische Eisenbahntunnel in Liverpool sind undicht. Wasser dringt durch das alte Ziegelmauerwerk und gefährdet die Stromversorgung der Züge. Jetzt sollen Tausende Bohrlöcher, Harzinjektionen und eine neue Entwässerung das Problem lösen.
6400 Bohrlöcher, 197 neue Entwässerungsöffnungen und 1672 m² abgedichtete Tunnelwand: Unter der britischen Stadt Liverpool laufen umfangreiche Sanierungsarbeiten. Die Infrastrukturgesellschaft Network Rail lässt vier Eisenbahntunnel aus viktorianischer Zeit instand setzen. Das Projekt kostet rund 3,5 Mio. £.
Die Tunnel gehören zur Northern Line des Merseyrail-Netzes. Seit dem 11. Oktober 2026 ist deshalb ein Teil der Strecke gesperrt. Mehr als 50 Beschäftigte arbeiten an der Abdichtung und Verstärkung der alten Bauwerke. Am 27. Oktober meldete Network Rail, dass die Arbeiten gut zur Hälfte abgeschlossen seien.
Warum eindringendes Wasser zum Problem wird
Die Tunnel stammen aus dem 19. Jahrhundert. Ihre Gewölbe bestehen aus Ziegelmauerwerk, wie es damals im Eisenbahnbau weitverbreitet war. Solche Konstruktionen können weit über 100 Jahre halten. Wasserdicht sind sie deshalb aber nicht unbedingt.
Durch undichte Fugen und andere Schwachstellen kann Wasser ins Tunnelinnere gelangen. Besonders kritisch ist das in Liverpool wegen der Stromversorgung. Die Züge erhalten ihre Energie über eine seitlich neben den Gleisen angeordnete Stromschiene mit 750 V Gleichspannung.
Dringt Wasser in die Nähe der elektrischen Anlagen, kann es zu Störungen kommen. Nach Angaben des Bahnbetreibers Merseyrail drohen Stromausfälle, kurzfristige Geschwindigkeitsbeschränkungen und ungeplante Streckensperrungen. Network Rail lässt die historischen Tunnel deshalb abdichten. Das Mauerwerk soll erhalten bleiben, während der Wassereintritt gezielt begrenzt wird.
6400 Bohrlöcher für die Harzinjektionen
Um die Tunnelwände abzudichten, bohren Fachkräfte zahlreiche Löcher in das alte Mauerwerk. Anschließend wird flüssiges Kunstharz eingebracht. Nach dem Aushärten soll es eine wasserundurchlässige Barriere bilden, die verhindert, dass Wasser unkontrolliert durch die Ziegelwände dringt.
Dieses Verfahren wird als Injektionsabdichtung bezeichnet. Es eignet sich grundsätzlich dazu, undichte Bereiche bestehender Bauwerke zu behandeln, ohne das gesamte Mauerwerk entfernen zu müssen. Bis zum 27. Oktober hatten die Beschäftigten bereits 6400 Löcher für die Abdichtungsinjektionen gebohrt und 1672 m² Tunnelwand abgedichtet.

Warum zusätzliche Löcher das Wasser ableiten
Mit der Harzinjektion allein ist es nicht getan. Denn auch wenn Wasser nicht mehr unkontrolliert durch die Tunnelwände gelangen soll, verschwindet es dadurch nicht aus dem umgebenden Erdreich.
Deshalb bohren die Fachkräfte zusätzliche Entwässerungsöffnungen in die Tunnelwände. Network Rail bezeichnet sie als Weep Holes. Durch diese Öffnungen soll das Wasser gezielt in die Entwässerung im Gleisbereich gelangen. Bis zum 27. Oktober waren 197 solcher Öffnungen hergestellt.
Das Abdichtungskonzept kombiniert damit zwei Maßnahmen: Das ausgehärtete Harz soll den Wassereintritt durch das Ziegelmauerwerk begrenzen. Die Entwässerungsöffnungen sorgen dafür, dass Wasser an vorgesehenen Stellen ablaufen kann. Für den Betrieb ist vor allem wichtig, dass das Wasser nicht mehr unkontrolliert in Bereiche gelangt, in denen es die Bahntechnik beeinträchtigen könnte.
Auch die alte Betonkonstruktion wird überarbeitet
Neben den Abdichtungsarbeiten werden Teile der Tunnelkonstruktion verstärkt. Nach Angaben von Network Rail wurden bis zum 27. Oktober bereits 92 m² alter Beton entfernt, bevor neuer Beton aufgebracht wird.
Die Erhaltung historischer Tunnel ist auch in Deutschland ein wichtiges Thema. Beim Elleringhauser Tunnel im Sauerland wird beispielsweise ein altes Tunnelgewölbe mit einer 120 t schweren Spezialmaschine aufgeweitet. Während der Arbeiten können die Züge durch einen geschützten Bereich der Baustelle fahren.
Nicht immer reicht eine Sanierung allerdings aus. Beim Waisentunnel in Berlin führten unter anderem langjährige Probleme mit eindringendem Wasser zu schweren Schäden. Dort wird die alte Tunnelkonstruktion durch einen Neubau ersetzt.
In Liverpool setzt Network Rail dagegen darauf, die bestehenden Bauwerke gezielt abzudichten und zu verstärken. Bereits 2022 hatte die Infrastrukturgesellschaft den ebenfalls historischen High Neck Tunnel auf derselben Strecke saniert.
Neue Schalter für die 750-V-Stromversorgung
Parallel zu den Bauarbeiten modernisiert Network Rail die Steuerung der Stromversorgung. Dabei werden neue sogenannte Track Feeder Switches eingebaut. Mit diesen Schaltern lassen sich künftig kleinere Streckenabschnitte aus der Ferne von der Stromversorgung trennen.
Das soll Reparaturen und Wartungsarbeiten erleichtern. Bei einer Störung muss dann nicht zwangsläufig ein größerer Bereich des elektrifizierten Netzes abgeschaltet werden. Die Modernisierung betrifft sowohl die Northern Line als auch die Wirral Line. Ein Teil der Arbeiten findet während zusätzlicher sonntäglicher Streckensperrungen statt.
Ab 7. November sollen die Züge wieder fahren
Die Tunnelarbeiten kosten insgesamt rund 3,5 Mio. £. Paul Owen, Regionaldirektor von Network Rail in Liverpool, spricht in der Pressemitteilung vom 27. Oktober von einer wichtigen Investition in die historische Infrastruktur.
„Dies ist eine bedeutende Investition von 3,5 Mio. £ in den unterirdischen Abschnitt des Merseyrail-Netzes, um vier in viktorianischer Zeit errichtete Tunnel für die Fahrgäste des 21. Jahrhunderts zu erhalten“, erklärt Owen.
Während der Bauarbeiten bleibt die Northern Line zwischen Hunts Cross und Liverpool Central gesperrt. Ersatzbusse übernehmen einen Teil des Verkehrs, andere Zugverbindungen fahren nach geänderten Fahrplänen.
Nach aktuellem Zeitplan sollen die Arbeiten am 6. November abgeschlossen sein. Für Samstag, den 7. November, ist die Wiederaufnahme des regulären Zugbetriebs vorgesehen. Bis dahin müssen die Tunnelwände abgedichtet, die vorgesehenen Betonarbeiten abgeschlossen und die betroffenen Anlagen wieder für den Zugverkehr freigegeben werden.
Quellen
- Network Rail: Impressive footage released halfway through Merseyrail tunnel upgrades – Pressemitteilung vom 27. Oktober 2026 mit aktuellen Baustellenzahlen, Erläuterungen zur Harzinjektion sowie Fotos und Videos.
- Network Rail: Autumn railway upgrades on Merseyrail – Projektübersicht zur Tunnelsanierung und Modernisierung der Bahntechnik.
- Merseyrail: Northern Line tunnel upgrade works – Angaben zur 750-V-Stromversorgung, zu den neuen Schaltern und zu den Streckensperrungen.































