
Ein Knopfdruck, und der Fensterflügel fährt nach außen. Er bleibt parallel zur Fassade stehen, während sich rundherum ein Spalt öffnet: oben, unten und an beiden Seiten. Soll die Fensteröffnung vollständig frei werden, lässt sich der Flügel anschließend von Hand zur Seite schieben. Die Mechanik dafür steckt weitgehend verborgen in der Konstruktion.
MOVISTA heißt der Fensterbeschlag, den KDM-inno auf Grundlage eines Forschungsprojekts der TU Wien entwickelt hat. Beim Öffnen schwenkt kein Flügel in den Raum. Die Fensterbank lässt sich deshalb auch bei geöffnetem Fenster nutzen. Nun kommt es in den ersten Gebäuden zum Einsatz.
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Warum der Spalt an vier Seiten interessant ist
Zum Lüften lässt sich der Flügel elektrisch um bis zu rund 10 cm nach außen bewegen. Anders als bei einem gekippten Fenster entsteht dabei auch entlang der unteren Kante ein offener Spalt.
Wie viel Luft durch diese Anordnung strömt, untersuchte ein Team um Matthias Schuss vom Forschungsbereich Bauphysik und regenerative Systeme der TU Wien. Dafür kombinierten die Forschenden Messungen mit Computersimulationen der Luftströmung.
Laut Universität fiel der Luftaustausch unter den untersuchten Bedingungen mindestens doppelt so hoch aus wie bei einem gekippten Fenster. Der genaue Unterschied hängt vom Anwendungsfall ab. Konkrete Fenstergrößen und Vergleichsbedingungen nennt die aktuelle Mitteilung nicht; als pauschales Leistungsversprechen lässt sich die Zahl deshalb nicht verwenden.
Parallel abgestellte Fenster gibt es grundsätzlich bereits. Bei MOVISTA verbindet die Konstruktion das Ausstellen nach außen mit dem seitlichen Verschieben des Flügels. Wie das funktioniert, lässt sich besonders gut an einer Einbauvariante erkennen: Neben dem beweglichen Fenster sitzt eine Festverglasung, vor die sich der Flügel schieben lässt.
Die Idee entstand bei der Forschung an Vakuumglas
Am Anfang stand die Wärmedämmung. Die TU Wien untersuchte gemeinsam mit der Holzforschung Austria und Industriepartnern, wie sich Vakuumglas in Fenster integrieren lässt.
Zwischen den Scheiben solcher Verglasungen befinden sich kaum Gasmoleküle. Dadurch wird der Wärmetransport über das Gas stark reduziert. Das ermöglicht dünne Verglasungen, die trotzdem gut dämmen. Für die Fensterkonstruktion ergeben sich daraus eigene Anforderungen, etwa an die Einbindung der Glaskanten.
„Das brachte uns auf die Idee, auch über die Konstruktion des gesamten Fensters neu nachzudenken“, sagt Ulrich Pont vom Forschungsbereich Bauphysik und regenerative Systeme in der Pressemitteilung der TU Wien. Im Forschungsprojekt FIVA entstanden vier Fensterkonzepte mit Vakuumglas, die zu funktionsfähigen Prototypen weiterentwickelt wurden. Eines davon war ein Abstell-Schiebefenster – der Vorläufer von MOVISTA.
Für diesen Forschungsprototyp nennt ein Fachbeitrag zur BauSIM 2024 einen berechneten Fenster-U-Wert von 0,64 W/(m²K). Der Wert beschreibt, wie viel Wärme durch das gesamte Fenster verloren geht: Je kleiner er ist, desto besser die Dämmung. Er bezieht sich auf die untersuchte Konstruktion mit Vakuumglas, nicht automatisch auf jede heute angebotene Ausführung.
Vom Prototyp zum Fenster im Gebäude
Der erste Entwurf arbeitete noch mit handelsüblichen Teleskopauszügen. KDM-inno entwickelte daraus eine kompaktere Beschlagtechnik, die weitgehend in das Fenster integriert ist. Für technische Lösungen wurden nach Angaben der TU Wien mehrere Patente angemeldet.
Ein MOVISTA-Prototyp war bereits auf der BAU 2023 in München zu sehen. Inzwischen sind laut Universität erste Fenster in Gebäuden eingebaut, unter anderem in Vorarlberg. Der Beschlag ist nach Herstellerangaben derzeit für Holz- und Holz-Aluminium-Fenster verfügbar. Je nach Verglasung und Gewicht lassen sich Fensterflächen bis etwa 6 m² umsetzen.
Bei der Planung braucht vor allem der seitlich verschobene Flügel Platz. Auch der Sonnenschutz muss zur Öffnungsbewegung passen. Welche Lösung sich eignet, hängt unter anderem davon ab, ob das Fenster bündig mit der Fassade oder weiter innen eingebaut wird.
Nachts automatisch lüften
Das elektrische Ausstellen lässt sich mit Sensoren und einer Gebäudesteuerung verbinden. So kann sich das Fenster beispielsweise abhängig von Temperatur, Luftfeuchte oder CO₂-Konzentration öffnen. Der Hersteller nennt dafür eine Anbindung über den Smart-Home-Standard Matter. Das seitliche Verschieben bleibt Handarbeit.
Im Sommer bietet sich die automatische Öffnung für die Nachtlüftung an. Ist die Außenluft kühler als die Raumluft, kann sie Wärme aus dem Gebäude abführen. Diese Form der nächtlichen Kühlung gehört zu den Maßnahmen des sommerlichen Wärmeschutzes. Sie setzt voraus, dass die Temperaturen draußen ausreichend sinken.
Für die weitere Vermarktung wurde nach Angaben der TU Wien am 1. Oktober 2026 die AIRMETIQ GmbH in Bregenz gegründet. Sie entwickelt zusätzlich eine digitale Lösung, die Raumklimadaten, Wetterinformationen und Nutzervorgaben zusammenführen soll. Interessierte Bauherren und Planer können bereits Projekte beim Hersteller anfragen; öffentliche Preise nennt die Produktseite bislang nicht.
Quellen
- TU Wien: „Das Fenster neu erfinden – für optimales Raumklima“, 19. Oktober 2026 – Forschung, Zitat, Lüftungsuntersuchungen und Unternehmensgründung.
- KDM-inno: MOVISTA – Mechanik, Abmessungen, Einbau und Steuerung; Herstellerangaben.
- Pont et al.: „10 Jahre simulationsgestützte Entwicklung von Fenstern mit Vakuumglas“, BauSIM 2024, PDF – Forschungsprototyp, berechneter U-Wert und Vorstellung auf der BAU 2023.
- Forschungsprojekt FIVA: Fensterprototypen mit integriertem Vakuumglas – Hintergrund zur Entwicklung.


























