
Ein Großbrand hat das Kehlsteinhaus auf 1834 m Höhe weitgehend zerstört. Das 1938 fertiggestellte Gebäude war Teil des nationalsozialistischen Machtzentrums am Obersalzberg. Sein Bau erforderte eine 6,5 km lange Bergstraße, fünf Straßentunnel und einen Aufzug mitten im Fels. Unter enormem Zeitdruck arbeiteten Tausende Menschen an dem Projekt.
Das Kehlsteinhaus hoch über Berchtesgaden ist in der Nacht zum 24. Oktober 2026 weitgehend ausgebrannt. Nach Angaben der Polizei löste die Brandmeldeanlage am Freitagabend gegen 21:50 Uhr Alarm aus. Als die Feuerwehr eintraf, stand das Gebäude bereits in Vollbrand. Rund 200 Einsatzkräfte waren an den Löscharbeiten beteiligt.
Die Feuerwehr musste über die schmale Kehlsteinstraße zum Brandort gelangen. Schnee, die exponierte Lage und die schwierigen Zufahrtsbedingungen erschwerten den Einsatz. Verletzt wurde nach bisherigen Erkenntnissen niemand. Die Polizei nahm einen 33-jährigen Mann fest, gegen den wegen des Verdachts auf Brandstiftung ermittelt wird. Ein politisches Motiv wird ebenfalls geprüft.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann geht davon aus, dass das historische Gebäude wieder aufgebaut wird. „Wir werden da kaum eine Ruine stehen lassen können“, sagte er am Samstag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa), wie die Süddeutsche Zeitung berichtete.
Was der Wiederaufbau erfordern würde, hängt unter anderem davon ab, wie viel von der historischen Bausubstanz erhalten geblieben ist. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Seine Entstehungsgeschichte zeigt, welchen baulichen Aufwand die Nationalsozialisten für ihren Repräsentationsbau betrieben.
Inhaltsverzeichnis
- 3800 Arbeiter und ein ehrgeiziger Zeitplan
- Eine 6,5 km lange Bergstraße mit nur einer Kehre
- Bormann wollte mit dem Auto bis vor den Eingang
- Der Aufzugsschacht musste während des Baus größer werden
- Wie kamen schwere Baustoffe auf den Gipfel?
- Ein Gebäude aus Naturstein auf dem Gipfel
- War das Kehlsteinhaus ein Geburtstagsgeschenk für Hitler?
- Was bedeutet der Großbrand für den Wiederaufbau?
3800 Arbeiter und ein ehrgeiziger Zeitplan
Im April 1937 begannen die Arbeiten an der Kehlsteinstraße. Martin Bormann, einer der engsten Vertrauten Adolf Hitlers, hatte den Bau eines repräsentativen Empfangsgebäudes auf dem Kehlstein vorangetrieben. Mit der Planung des Hauses wurde der Architekt Roderich Fick beauftragt. An der Straßenplanung waren unter anderem Fritz Todt und der Landschaftsarchitekt Alwin Seifert beteiligt.
Bevor auf dem Gipfel gebaut werden konnte, musste zunächst der Zugang geschaffen werden. Der Berg war steil, die Hänge felsig und die Bauzeit knapp bemessen. Rund 3800 Arbeiter waren an dem Projekt beteiligt. Sie kamen unter anderem aus Deutschland, Österreich, Italien und der damaligen Tschechoslowakei.
Die Männer brachen Fels aus, errichteten Stützmauern und schlugen Tunnel in den Berg. Sprengstoff und Baumaschinen erleichterten die Arbeiten, doch vieles musste weiterhin mit körperlicher Schwerarbeit erledigt werden. Hinzu kamen die Wetterbedingungen im Hochgebirge.
Die Baustelle war gefährlich. Nach Angaben der Dokumentation Obersalzberg kam es zu Hunderten Arbeitsunfällen mit Verletzten und Todesopfern. Unter dem von Bormann vorgegebenen Zeitdruck wurde teilweise rund um die Uhr gearbeitet. Nach nur 13 Monaten war die Kehlsteinstraße fertiggestellt. Das Empfangsgebäude wurde Mitte 1938 übergeben.

Eine 6,5 km lange Bergstraße mit nur einer Kehre
Die Kehlsteinstraße ist der aufwendigste sichtbare Teil der Erschließung. Sie führt vom Obersalzberg bis zu einem Parkplatz unterhalb des Gipfels. Auf 6,5 km Länge bewältigt sie einen Höhenunterschied von mehreren Hundert Metern. Je nach amtlicher Beschreibung werden rund 700 bis 800 m angegeben.
Bemerkenswert ist die Trassenführung: Die Straße besitzt nur eine einzige Kehre. Statt den Hang mit zahlreichen Serpentinen zu überwinden, verläuft sie über weite Strecken entlang der steilen Bergflanke. An mehreren Stellen mussten die Bauarbeiter die Fahrbahn direkt in den Fels sprengen. Wo der Hang keinen ausreichenden Platz bot, entstanden Stützmauern. Fünf Straßentunnel mit zusammen 277 m Länge führen durch besonders schwierige Passagen. Die Fahrbahn ist lediglich 4 m breit.
Für den Bau bedeutete das Arbeiten auf engem Raum und an steilen Hängen. Fels musste gesprengt, abtransportiert und die freigelegte Bergflanke gesichert werden. Die Wahl dieser Streckenführung war nicht allein eine technische Entscheidung. Auch die landschaftliche Wirkung des Bauwerks spielte bei den damaligen Planungen eine Rolle.
Bis heute benötigt die Straße regelmäßige Sicherungsarbeiten. Frost und Niederschläge können Gestein aus den Felswänden lösen. Deshalb werden die Hänge kontrolliert und lose Felsstücke entfernt. An gefährdeten Stellen schützen Zäune vor Steinschlag. Seit 1952 ist die Kehlsteinstraße für private Fahrzeuge gesperrt. Besucher wurden vor dem Brand mit speziellen Bussen zum Parkplatz unterhalb des Hauses gebracht.
Bormann wollte mit dem Auto bis vor den Eingang
Am Ende der Bergstraße war das Ziel noch längst nicht erreicht. Zwischen dem Parkplatz und dem Empfangsgebäude lag weiterhin ein erheblicher Höhenunterschied. Bormann wollte die Straße ursprünglich bis unmittelbar vor das Gebäude führen lassen. Der leitende Straßenbauingenieur Hans Haupner schlug stattdessen eine andere Lösung vor: einen waagerechten Tunnel in den Berg und einen senkrechten Aufzug bis zum Gipfel.
Nach längeren Diskussionen setzte sich Haupner durch. Damit erhielt das Kehlsteinhaus eine Erschließung, die für ein Gebäude in dieser Lage ungewöhnlich war. Im September 1937 begannen die Arbeiten am Zugangstunnel. Er führt vom Parkplatz rund 124 m in den Fels. An seinem Ende liegt die Talstation des Aufzugs, der ebenfalls 124 m Höhenunterschied überwindet. Die Fahrt dauert nur 41 Sekunden.
Die ursprünglichen Baupläne sahen einen etwas längeren Tunnel von rund 126 m und einen 131 m hohen Schacht vor. Die unterschiedlichen Höhenangaben beziehen sich auf die gesamte Schachtkonstruktion beziehungsweise auf die tatsächliche Förderhöhe des Aufzugs.
Für die Planer war die Anlage eine anspruchsvolle Kombination aus Tunnelbau, Schachtbau und Aufzugstechnik. Der Aufzug musste direkt in das Gebäude integriert werden. Gleichzeitig waren ein geeigneter Maschinenraum, die Energieversorgung und die Belüftung unterzubringen.

Der Aufzugsschacht musste während des Baus größer werden
Die Arbeiter begannen, den Schacht von oben in den Fels zu treiben. Dabei wurde das Gestein mit Werkzeugen und Sprengstoff gelöst und abtransportiert. Mitten während der Arbeiten änderte Bormann jedoch eine entscheidende Vorgabe. Der Aufzug sollte nicht länger zehn, sondern 15 Personen gleichzeitig aufnehmen können. Dafür musste der Schacht vergrößert werden. Seine Querschnittsfläche wuchs auf 23 m². Am 4. Mai 1938 waren die Ausbrucharbeiten abgeschlossen. Danach konnten die technischen Anlagen eingebaut werden. Den Aufzug lieferte die Firma Flohr aus Ravensburg.
Die Ingenieure mussten auch verhindern, dass sich im Schacht zu viel Feuchtigkeit ansammelte. Dafür sahen sie eine Heiz- und Lüftungsanlage mit zwei Ventilatoren und elf Luftauslässen vor. Zur technischen Ausstattung gehörten außerdem Einrichtungen für die Notstromversorgung. Eine Besonderheit war die Anordnung der Kabinen. Unter der repräsentativen Hauptkabine befand sich eine weitere Kabine für Personal und Material. Zusätzlich war ein kleiner Notaufzug mit eigenem Antrieb vorgesehen.
Die Hauptkabine erhielt eine Ausstattung aus poliertem Messing, Spiegeln und Ledersitzbänken. Sie entsprach damit eher einem repräsentativen Innenraum als einem gewöhnlichen Personenaufzug. 1972 wurde der ursprüngliche Antrieb durch modernere Technik ersetzt. Die historische Kabine blieb erhalten.
Wie kamen schwere Baustoffe auf den Gipfel?
Die Straße führte nicht bis zur Baustelle des Hauses. Baumaterialien, technische Anlagen und schwere Bauteile mussten deshalb auf anderem Weg nach oben gebracht werden. Dafür errichteten die Arbeiter eine Materialseilbahn. Sie war 1270 m lang und überwand rund 670 Höhenmeter. Acht Stützen trugen die Anlage. Nach der historischen Baubeschreibung waren allein beim Aufbau der Seilbahn etwa 50 Arbeiter beschäftigt.
Mit ihrer Hilfe ließen sich Material und Ausrüstung zum Gipfel transportieren. Ohne diesen zusätzlichen Transportweg wären die Bauarbeiten auf der exponierten Baustelle erheblich schwieriger gewesen. Der Straßenbau, die Arbeiten am Tunnel und die Errichtung des Gebäudes liefen teilweise parallel. Gleichzeitig kam es immer wieder zu Änderungen an der Planung und den Zuständigkeiten.
Die historische Baubeschreibung berichtet sogar von Verhandlungen über eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 60 Stunden. Sie verdeutlicht damit den enormen Druck, unter dem die Beteiligten standen.
Der Tunnel- und Schachtbau gehörte bereits damals zu den schwierigsten Aufgaben des Ingenieurbaus. Welche Herausforderungen dabei selbst erfahrene Ingenieure bewältigen mussten, zeigt auch die Geschichte des Simplontunnels. Dort trafen die Arbeiter beim Vortrieb auf bis zu 56 °C heißen Fels und massive Wassereinbrüche. Die beiden Projekte unterscheiden sich deutlich in ihrer Dimension, zeigen aber die technischen und menschlichen Belastungen des historischen Tunnelbaus.

Ein Gebäude aus Naturstein auf dem Gipfel
Während die Erschließungsanlagen entstanden, bereiteten die Arbeiter den Gipfel für das eigentliche Gebäude vor. Dafür musste zunächst weiterer Fels abgetragen werden, um Platz für das Fundament und die geplanten Räume zu schaffen.
Architekt Roderich Fick entwarf einen weitgehend eingeschossigen Bau mit einer Granitwerksteinfassade und einem flach geneigten Dach. Das Gebäude erhielt einen achteckigen Empfangsraum, weitere Aufenthaltsräume, einen überdachten Wandelgang und eine großzügige Sonnenterrasse.
Die großen Fenster ermöglichten einen weiten Blick auf die Berchtesgadener Alpen. Der Aufzug endete unmittelbar im Haus. Gäste konnten damit vom Parkplatz aus durch den Berg fahren, ohne den steilen Schlussanstieg zu Fuß bewältigen zu müssen.
Die aufwendige Erschließung, die Natursteinfassade und die repräsentativen Innenräume gehörten zum politischen Zweck des Baus. Das Kehlsteinhaus sollte die Macht der nationalsozialistischen Führung demonstrieren und ausgewählte Gäste beeindrucken.
Ein anderes Beispiel für aufwendigen Ingenieurbau unter engen zeitlichen Vorgaben liefert der Bau zweier 40 m hoher Betontürme in Hamburg. Hier ermöglicht moderne Gleitschalungstechnik eine kontinuierliche Betonage. Die unterschiedlichen Verfahren zeigen auch, wie stark sich Arbeitsmethoden und Baustellenorganisation seit den 1930er-Jahren verändert haben.
War das Kehlsteinhaus ein Geburtstagsgeschenk für Hitler?
Das Gebäude wird häufig als Geburtstagsgeschenk der NSDAP an Adolf Hitler bezeichnet. Angeblich sollte es zu seinem 50. Geburtstag am 20. April 1939 übergeben werden. Diese Darstellung ist historisch nicht belegt. Die Dokumentation Obersalzberg weist ausdrücklich darauf hin, dass entsprechende Nachweise fehlen. Zudem wurde das Gebäude bereits Mitte 1938 fertiggestellt.
Seine tatsächliche Bedeutung blieb hinter den ursprünglichen Vorstellungen zurück. Hitler hielt sich nur selten im Kehlsteinhaus auf. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte er es kaum noch. Das Kehlsteinhaus war auch nicht Hitlers Wohnsitz am Obersalzberg. Der sogenannte Berghof befand sich weiter unten am Berg. Dort lag der Schwerpunkt seines abgeschirmten Wohn- und Regierungsbereichs.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Kehlsteinhaus erhalten. Seit 1952 wurde es als Berggaststätte genutzt. Eine vom Institut für Zeitgeschichte konzipierte Ausstellung informierte über die Geschichte des Gebäudes und seine Rolle im Nationalsozialismus.

Was bedeutet der Großbrand für den Wiederaufbau?
Der Brand vom 23. Oktober hat das Gebäude weitgehend zerstört. Wie groß die Schäden an den einzelnen Bauteilen sind, muss eine genaue Untersuchung zeigen. Das gilt insbesondere für die tragende Konstruktion, die Natursteinfassade und die historischen Innenräume.
Auch der unterirdische Zugangstunnel und die Aufzuganlage gehören zum denkmalgeschützten Ensemble. Welche Schäden dort entstanden sind, war zunächst nicht bekannt.
Für den angekündigten Wiederaufbau ist entscheidend, welche Teile der historischen Substanz noch erhalten sind und welche ersetzt werden müssten. Das betrifft auch den Umgang mit dem Denkmalschutz und den Anforderungen an eine künftige Nutzung.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann erklärte nach dem Feuer, dass er einen Wiederaufbau anstrebe. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung sollen wegen der NS-Vergangenheit des Gebäudes auch Historiker in die Überlegungen einbezogen werden.
Die Löscharbeiten haben nochmals deutlich gemacht, wie schwer zugänglich das Kehlsteinhaus ist. Was den Bau vor fast 90 Jahren so aufwendig machte, erschwerte nun auch die Arbeit der Feuerwehr: die steile Lage, die schmale Zufahrt und der begrenzte Raum am Gipfel.
Quellen
- Dokumentation Obersalzberg – Baugeschichte, NS-Kontext und historische Einordnung.
- Kehlsteinhaus – Tunnel and Elevator – Tunnelbau, Schacht, Aufzugstechnik und Materialseilbahn.
- Bergerlebnis Berchtesgaden – Kehlsteinhaus-Flyer (PDF) – touristische und technische Kenndaten. Der direkte PDF-Abruf war beim Nachprüfen zeitweise nicht erreichbar.
- BR24, 24.10.2026 – Polizeiermittlungen, Einsatzkräfte und aktueller Brandbericht.
- Süddeutsche Zeitung, 24.10.2026 – Zerstörung, Aussagen zum Wiederaufbau und dpa-Zitat von Joachim Herrmann.





























