Ingenieurjobs im Wandel: Was Rheinmetall, BAADER und Arbeitsagentur raten
30. Oktober 2026

Der Arbeitsmarkt für Ingenieurinnen, Ingenieure und IT-Fachkräfte sendet widersprüchliche Signale. Im dritten Quartal 2026 stieg die Zahl der offenen Stellen erstmals seit drei Jahren wieder – um 5,9 % auf 105.340. Gleichzeitig waren so viele Menschen in Ingenieur- und Informatikberufen arbeitslos gemeldet wie nie zuvor seit Beginn der Erhebung im Jahr 2011: 65.427. Fachleute rechnen dennoch mittelfristig mit einem steigenden Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren. Das geht aus dem aktuellen Ingenieurmonitor von VDI und Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hervor.
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Der VDI stellte die Ergebnisse am 28. Oktober 2026 beim VDI nachrichten Recruiting Tag in Hamburg vor. Besonders auffällig ist die Entwicklung im Norden Deutschlands: Dort nahm die Zahl der offenen Stellen um 22,4 % zu – stärker als in allen anderen Regionen. Gleichzeitig bestehen weiterhin Engpässe bei Ingenieurinnen und Ingenieuren.
Deutschland muss seine Innovationskraft stärken
Sven Warnck, der die VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ vor Ort vertrat, richtete in seinem Impuls den Blick auf die Stärken des Standorts und die Herausforderungen des technologischen Wandels. „Wir fühlen uns immer als Innovationsweltmeister. Faktisch ist das nicht so. Andere Länder ziehen an uns vorbei“, sagte er. Deutschland müsse seine Innovationsfähigkeit stärken und schneller auf Veränderungen reagieren. Zugleich wollte Warnck Mut machen: „Deutschland hat viele Stärken, auf denen wir aufbauen können.“
Eine wichtige Voraussetzung dafür sei, Ingenieurinnen und Ingenieure auf neue Anforderungen vorzubereiten. Weiterbildung und der kompetente Umgang mit künstlicher Intelligenz spielten dabei eine zentrale Rolle. Warnck plädierte außerdem für eine engere Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Bildungseinrichtungen. Gemeinsam müssten sie Weiterbildungsangebote entwickeln, die den tatsächlichen Bedarf der Arbeitswelt aufgreifen.

Ingenieurarbeitsmarkt bleibt trotz Krise robust
Prof. Dr. Axel Plünnecke, Leiter des Themenclusters Bildung, Innovation, Migration am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), stellte den aktuellen Ingenieurmonitor vor und ordnete die Entwicklung auf dem deutschen und norddeutschen Arbeitsmarkt ein. Sein Fazit fiel trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten verhalten optimistisch aus: „Der Arbeitsmarkt ist trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage robust.“
Allerdings unterscheiden sich die Beschäftigungsperspektiven je nach Region und Branche. Während klassische Autoregionen unter Druck geraten, verzeichnet der Norden einen deutlichen Zuwachs bei den offenen Stellen. Plünnecke verwies zudem auf den steigenden Bedarf an Weiterbildung und qualifizierten Fachkräften. Eine zentrale Zukunftsaufgabe sieht er in der Bildung: „Eine gute MINT-Bildung ist die zentrale Zukunftsaufgabe.“ Deutschland müsse mehr in Mathematik, Lesekompetenz und technische Bildung investieren, um langfristig genügend Nachwuchs für Ingenieur- und Informatikberufe zu gewinnen.

Mehr offene Stellen nach drei Jahren Rückgang
Der leichte Aufwärtstrend auf dem Ingenieur- und Informatikarbeitsmarkt wird vor allem von den Informatikberufen getragen. Dort stieg die Zahl der offenen Stellen um 10,3 %. Bei Ingenieurberufen in der technischen Forschung und Produktionssteuerung betrug das Plus 7,5 %. Beide Bereiche gehören zu den größten Segmenten des Ingenieur- und Informatikarbeitsmarkts.
Die meisten offenen Stellen gab es weiterhin in den Bauingenieurberufen mit 36.310 Positionen. Im Bundesländervergleich lag Bayern mit 18.600 offenen Stellen vorn, dicht gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 18.320.
VDI-Direktor Adrian Willig wertete den Anstieg als positives Signal, mahnte aber in einer Pressemitteilung zur Vorsicht: „Die steigende Zahl offener Stellen ist ein erstes positives Signal für den Ingenieur- und Informatikarbeitsmarkt, auch wenn von einer echten Trendwende noch keine Rede sein kann. Während in einigen Industriebereichen Arbeitsplätze unter Druck geraten, entstehen in anderen neue Chancen. Entscheidend ist jetzt, dass wir Ideen schneller in die Anwendung bringen und Ingenieurinnen und Ingenieure für neue Aufgaben qualifizieren. Denn ihre Kompetenzen werden wir auch in Zukunft dringend brauchen“.
Diskussionsrunde: Wie kommen Ingenieure durch die Transformation?
Auf die beiden Impulsvorträge folgte eine Diskussionsrunde unter dem Titel „Zwischen Flaute und Fortschritt: Perspektiven auf den Arbeitsmarkt der Ingenieurinnen und Ingenieure“. Moderator Maximilian Stindt sprach mit Lucas Caye, Vorstand der VDI Young Engineers, Kai Sander, Bereichsleiter Arbeitgeber-Service Hamburg bei der Bundesagentur für Arbeit, Michael Kloska, Teamleiter Antriebsstrang bei Rheinmetall, und Dr. Bärbel Kratz, Head of Automation R&D bei BAADER.
Im Mittelpunkt standen die widersprüchliche Lage auf dem Ingenieurarbeitsmarkt, die Folgen des Strukturwandels für Beschäftigte und Unternehmen sowie die Frage, welche Kompetenzen künftig gefragt sind. Dabei ging es auch um konkrete Herausforderungen: Wie gelingt jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren der Berufseinstieg? Welche Chancen bietet die Verteidigungsindustrie für Fachkräfte aus der Automobilbranche? Und wie verändern KI und neue Technologien die Arbeit in den Unternehmen?
Stindt griff zu Beginn die Gegensätze auf, die den Arbeitsmarkt derzeit prägen: „Wir lesen von Stellenabbau in der Automobilindustrie und gleichzeitig von einer boomenden Rüstungsbranche. Junge Ingenieurinnen und Ingenieure haben es schwerer beim Berufseinstieg, während der demografische Wandel den Fachkräftebedarf verschärft.“
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Berufseinstieg: Gute Ausbildung, schwierige Jobsuche
Wie stark sich die angespannte Lage auf den Nachwuchs auswirkt, schilderte Lucas Caye. In der Studie „Innovation at Risk“ habe sich das Netzwerk unter anderem mit der MINT-Ausbildung beschäftigt. Deutschland verfüge über eine gute fachliche Ausbildung. Dennoch sei es für viele Absolventinnen und Absolventen schwieriger geworden, eine passende Stelle zu finden. „Die Leute sind teilweise ein Jahr im Geschäft, um einen Job zu finden“, berichtete Caye. Auch geografische Flexibilität helfe nicht immer. Wiederholte Absagen und ausbleibende Rückmeldungen sorgten für Verunsicherung: „Man weiß nicht so wirklich, wo es hingeht.“
Kai Sander bestätigte ebenso aus seiner Sicht, dass die Vermittlung anspruchsvoller werde. Die unterschiedlichen Entwicklungen seien auch eine Folge der Transformation in den Unternehmen. Anforderungsprofile veränderten sich, sodass die Qualifikationen Arbeitssuchender nicht immer zum Bedarf der Arbeitgeber passten. Während Berufseinsteiger ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt finden müssten, seien Berufserfahrene gefordert, ihre Fähigkeiten regelmäßig zu aktualisieren.
Die Bundesagentur für Arbeit setze deshalb stärker auf Prävention. Mit sogenannten Arbeitsmarktdrehscheiben wolle sie Beschäftigte bereits dann unterstützen, wenn größere Personalveränderungen in Unternehmen absehbar seien. Das betreffe beispielsweise die Automobilindustrie und ihre Zulieferbetriebe. „Unser Ansatz ist eben, Arbeitslosigkeit zu vermeiden, bevor sie überhaupt entsteht“, erklärte Sander. Ziel sei es, frühzeitig Beratung anzubieten und Unternehmen zu finden, die frei werdende Fachkräfte möglichst nahtlos übernehmen könnten.
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Verteidigungsindustrie sucht Fachkräfte aus anderen Branchen
Dass sich der Arbeitsmarkt verändert, zeigt sich auch in der Verteidigungsindustrie. Michael Kloska beobachtet bei Rheinmetall einen zunehmenden Zulauf aus der Automobilbranche. „Wir bemerken den Zuwachs aus der Automobilbranche, ganz klar“, sagte er. Auch Beschäftigte aus anderen Industrien seien inzwischen offener für einen Wechsel in die zuvor teilweise kritisch betrachtete Branche. Für wechselwillige Fachkräfte sei deshalb gerade eine gute Gelegenheit, sich dort umzusehen.
Einen perfekten „Panzerbauingenieur“ gebe es allerdings nicht. Gesucht würden klassische Fahrzeugbau- und Maschinenbauingenieure ebenso wie Elektroingenieure und zunehmend Fachkräfte aus dem Softwarebereich. Kloska plädierte dafür, bei Bewerbungen stärker auf übertragbare Kompetenzen zu achten. Wer beispielsweise in der Automobilindustrie Antriebsstränge entwickelt habe, bringe Kenntnisse mit, die auch bei Rheinmetall gefragt seien. „Die gleiche Physik benutzen wir auch. Und da kann man natürlich drauf aufsatteln.“
Das eigene Profil müsse deshalb nicht zu 100 % mit einer Stellenbeschreibung übereinstimmen. Wichtig sei, welche Fähigkeiten bereits vorhanden seien und wie sie sich im neuen Arbeitsumfeld einsetzen ließen.
Auch der Wissenstransfer zwischen den Generationen beschäftigt den Rüstungskonzern. Die Fahrzeuge hätten teilweise eine Lebensdauer von 50 Jahren. Über diesen Zeitraum müssten sie betreut, instand gehalten und weiterentwickelt werden. Das Wissen früherer Entwickler sei deshalb unverzichtbar. „Es ist essenziell, dass wir mit dem Wissenstransfer frühzeitig starten“, betonte Kloska. Tandemmodelle, in denen erfahrene Beschäftigte ihr Wissen weitergeben, und eine stärkere Digitalisierung sollen dabei helfen.
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KI in der Entwicklung: Nicht jede Aufgabe braucht künstliche Intelligenz
Welche Stärken Deutschland im internationalen Wettbewerb nutzen kann, erläuterte Dr. Bärbel Kratz. Sie sieht Innovationskraft und technisches Know-how als wichtige Grundlagen. Gleichzeitig müsse Deutschland seine Position verbessern. Die vorgestellten Zahlen hätten sie nachdenklich gestimmt: „Wenn ich gerade eben bei der einen Folie doch relativ entsetzt gewesen bin, uns auf Platz 11 zu sehen, dann müssen wir wohl doch noch mal mehr ran.“
Im eigenen Unternehmen komme es besonders auf Begeisterungsfähigkeit und Engagement an. Gefragt seien Menschen, die konstruktiv und effizient an stabilen, qualitativ hochwertigen Lösungen arbeiten. Ebenso wichtig seien Interesse an neuen Technologien und eine solide Wissensbasis.
Bei BAADER ist künstliche Intelligenz bereits seit Jahren Teil der technischen Entwicklung. In Maschinen für die Lebensmittelindustrie werten neuronale Netze beispielsweise Bilder aus und unterstützen Entscheidungen bei der Fischverarbeitung. Kratz betonte allerdings, dass nicht jede Aufgabe mit KI gelöst werden müsse. „Die ideale Lösung ist eine Kombination von Lösungsansätzen.“ Wo klassische Verfahren günstiger, schneller und effizienter seien, sollten diese weiterhin zum Einsatz kommen.
Auch im Arbeitsalltag der Entwickler werde KI zunehmend genutzt, etwa für Dokumentationen, Zusammenfassungen oder als Unterstützung bei der Ideenfindung. Die Ergebnisse müssten jedoch weiterhin von Menschen geprüft werden. KI könne als Sparringspartner neue Denkansätze liefern, ersetze aber nicht den Austausch im Team.
Damit möglichst viele Beschäftigte die Technologie nutzen, setze BAADER auf freiwillige Anwendung und gegenseitigen Austausch. Besonders hilfreich sei es, wenn Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrungen teilten und zeigten, welche Aufgaben sich mit KI einfacher erledigen ließen. Bei Weiterbildungen werde allerdings deutlich, wie schnell sich das Wissen entwickle. Teilweise seien Beschäftigte schon weiter als die Inhalte einer geplanten Schulung.
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Ingenieure brauchen mehr als Fachwissen
Für Lucas Caye liegt eine weitere Herausforderung darin, dass Unternehmen bei der Personalauswahl häufig noch zu stark auf klassische Qualifikationen achten. Dabei würden andere Skills immer wichtiger. Dazu zählten kritisches Hinterfragen, kreatives Denken und die Fähigkeit, interdisziplinär zu kommunizieren.
„Der Ingenieur ist ein Problemlöser. Das ist die Kernkompetenz, die beigebracht wird“, sagte Caye. Diese Fähigkeiten müssten auch in Bewerbungsverfahren stärker berücksichtigt werden. In seinem Netzwerk mit mehr als 20.000 Studierenden und über 500 aktiven Studierenden erlebe er, wie viele junge Menschen sich neben dem Studium engagierten und dabei Kompetenzen entwickelten, die in klassischen Bewerbungsunterlagen kaum sichtbar würden.
Netzwerke könnten den Berufseinstieg erleichtern. Sie ermöglichten den Austausch mit anderen Studierenden, Berufseinsteigern und Unternehmen. So entstünden Kontakte und Einblicke, die über klassische Bewerbungswege hinausgingen. Kloska bestätigte den Nutzen solcher Kontakte aus Unternehmenssicht. Erst kürzlich habe er einen ehemaligen Kommilitonen eingestellt, der in der Automobilbranche von Kurzarbeit betroffen gewesen sei.
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Technologiestandort Deutschland: Perspektive bis 2050
Zum Abschluss richtete Maximilian Stindt den Blick auf das Jahr 2050 und brachte den zentralen Gedanken der Diskussion brachte Moderator Maximilian Stindt zum Abschluss auf den Punkt: „Es hängt nicht an der KI, sondern an Menschen.“ Trotz wirtschaftlicher Unsicherheit und technologischer Veränderungen bleiben die Kompetenzen der Beschäftigten, der Wissenstransfer und die Bereitschaft zur Weiterbildung wichtige Voraussetzungen für die Zukunft des Ingenieurarbeitsmarkts.
Der Ingenieurmonitor wird zweimal pro Jahr gemeinsam vom VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. und dem Institut der deutschen Wirtschaft e.V. herausgegeben.



































