Coffee Badging: Warum Beschäftigte nur noch kurz im Büro auftauchen
16. Oktober 2026

Man packt morgens seinen Laptop ein, fährt ins Büro. Dort angekommen, hält man sein Badge an den Scanner, genießt den ein oder anderen Kaffee mit Kolleginnen und Kollegen, nimmt an zwei Meetings teil. Mittags geht’s auch schon wieder nach Hause. Offiziell war man im Büro. Aber welchen Zweck erfüllt die Präsenzpflicht dann überhaupt noch?
Dieses Phänomen geistert in der hybriden Arbeitswelt als „Coffee Badging“ umher. Es bezeichnet die Praxis, nur für kurze Zeit ins Büro zu kommen, dort sichtbar Präsenz zu zeigen und anschließend wieder im Homeoffice weiterzuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
Coffee Badging – Nur kurz im Büro zeigen
Coffee Badging ist vor allem im Zusammenhang mit vorgeschriebenen Präsenztagen diskutiert, die derzeit viele Unternehmen wieder einführen oder ausweiten. Der State of Hybrid Work Report von Owl Labs aus dem Jahr 2026 zeigt beispielsweise, dass 32 % der hybrid arbeitenden Beschäftigten in Deutschland angegeben haben, regelmäßig Coffee Badging zu betreiben. Weitere 14 % tun es zwar bisher noch nicht, zeigen sich aber bereit, es auszuprobieren. Das Unternehmen beschreibt die Praxis als Reaktion darauf, dass Arbeitnehmende Flexibilität erhalten wollen, gleichzeitig aber Anwesenheit im Büro erwartet oder vorgeschrieben wird.
Die Statistik von Owl Labs ist allerdings keine amtliche Statistik und keine unabhängige wissenschaftliche Erhebung. Owl Labs verkauft selbst Technik für hybride Meetings und hat dementsprechend ein wirtschaftliches Interesse am Thema Hybrid Work. Unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen dazu, wie verbreitet Coffee Badging in Deutschland tatsächlich ist, fehlen bislang.
Lesen Sie auch: Homeoffice vs. Büro: Welche Arbeitsbedingungen fördern Innovation?
Strengere Präsenzregeln treffen auf Coffee Badging
Parallel zur Debatte rund ums Coffee Badging haben zahlreiche Unternehmen ihre Präsenzregeln neu justiert. 2024 berichteten 31 % der von Owl Labs befragten Beschäftigten in Deutschland von Änderungen der Remote- oder Hybridregeln. Dabei spielten laut Owl Labs insbesondere die Rückkehr ins Büro und Mindestanwesenheitszeiten eine Rolle. 2025 arbeiteten zudem wieder deutlich mehr Befragte ausschließlich im Büro als im Vorjahr.
Bemerkenswert ist dabei, dass Coffee Badging offenbar keineswegs nur Beschäftigte ohne Führungsverantwortung betrifft. In der Befragung von 2026 gaben 80 % der befragten Führungskräfte an, regelmäßig Coffee Badging zu betreiben.
Coffee Badging bedeutet dabei nicht automatisch, dass Beschäftigte weniger arbeiten. Wer beispielsweise drei Stunden im Büro verbringt und anschließend regulär im Homeoffice weiterarbeitet, verkürzt dadurch nicht seine Arbeitszeit. Ob damit gegen betriebliche Präsenzvorgaben verstoßen wird, hängt vielmehr von der jeweiligen Regelung des Unternehmens ab.
Lesen Sie auch: Zurück ins Büro: Warum der große Homeoffice-Rückzug ausbleibt
Im Büro gesehen werden – Wahrnehmung der Beschäftigten
Welche Rolle die bloße Sichtbarkeit im Büro spielen kann, zeigt eine bereits 2010 im Fachjournal „Human Relations“ veröffentlichte Studie. Sie untersucht zwar nicht Coffee Badging selbst, liefert aber einen möglichen Erklärungsansatz dafür, warum es für Beschäftigte von Vorteil sein kann, am Arbeitsplatz gesehen zu werden.
Die Forschenden unterscheiden dabei zwischen zwei Arten von sogenannter passiver Anwesenheit („passive face time“):
- Erwartete Anwesenheit („expected face time“): Beschäftigte werden während der üblichen Arbeitszeiten im Büro gesehen
- Anwesenheit außerhalb der regulären Arbeitszeit („extracurricular face time“): Beschäftigte werden außerhalb der regulären Arbeitszeiten gesehen, beispielsweise besonders früh oder spät.
Das Entscheidende dabei ist die Erkenntnis, dass allein die sichtbare Anwesenheit die Wahrnehmung der Beschäftigten beeinflusste. Wer während der regulären Arbeitszeit häufig gesehen wurde, wurde eher als zuverlässig wahrgenommen. Wer außerhalb der üblichen Arbeitszeiten sichtbar war, galt sogar als besonders engagiert, unabhängig von der tatsächlich geleisteten Arbeit.
Die Studie zeigt, dass Führungskräfte aus der bloßen sichtbaren Anwesenheit Rückschlüsse auf Eigenschaften ihrer Beschäftigten ziehen können, etwa nach dem Muster: „Person X ist häufig im Büro, also halte ich sie für zuverlässig.“
Beschäftigte haben durch solche Mechanismen einen potenziellen Anreiz, im Büro sichtbar zu sein, weil bereits diese Sichtbarkeit beeinflussen kann, wie Vorgesetzte sie hinsichtlich Zuverlässigkeit und Engagement beurteilen.
Coffee Badging funktioniert möglicherweise gerade deshalb, weil Unternehmen Präsenz als Signal wahrnehmen und teilweise auch messen. Wenn das Erscheinen im Büro selbst zum Leistungsindikator wird, entsteht ein Anreiz, genau dieses Signal zu produzieren, unabhängig davon, wo man tatsächlich effizienter arbeitet.






























