Zurück ins Büro: Warum der große Homeoffice-Rückzug ausbleibt
Präsenzpflicht und Jobwechselgefahr: Studien zeigen, warum weniger Homeoffice Stress erhöht und die Mitarbeiterbindung gefährden kann.
Der Trend hin zum „Zurück-ins-Büro“ verstärkt sich, wobei zahlreiche Arbeitnehmer wegen unklarer Homeoffice-Regelungen über einen Jobwechsel nachdenken.
Foto: PantherMedia / AndreyPopov
Der große Rückzug aus dem Homeoffice bleibt bislang aus. Nur wenige Unternehmen planen, ihre Homeoffice-Angebote in den kommenden zwei Jahren zu reduzieren oder ganz abzuschaffen. Gleichzeitig wollen deutlich mehr Unternehmen die Möglichkeit zum Arbeiten von zu Hause ausweiten.
Inhaltsverzeichnis
- Homeoffice bleibt beliebt: Ausbaupläne überwiegen
- Wie viele Unternehmen wollen Homeoffice reduzieren?
- Rückkehr ins Büro: Wie stark setzen Unternehmen auf Präsenz?
- Präsenzpflicht: Was passiert mit Produktivität und Belastung?
- Homeoffice erhöht für Unternehmen die Attraktivität als Arbeitgeber
- Büropflicht kann für Frauen zum Stressfaktor werden
- Weniger Homeoffice kann den Jobwechsel begünstigen
- Warum Unternehmen ihre Beschäftigten wieder ins Büro holen
- Gericht kippt Vier-Tage-Präsenzpflicht
- Kein genereller Anspruch auf zwei Homeoffice-Tage
- Homeoffice bleibt – aber die Regeln verändern sich
Homeoffice bleibt beliebt: Ausbaupläne überwiegen

„Die Homeoffice-Nutzung verharrt seit der Corona-Pandemie auf einem konstant hohen Niveau und ein Rückgang ist nicht zu erwarten. Die Pläne der Unternehmen deuten für die kommenden zwei Jahre sogar eher auf mehr Beschäftigte im Homeoffice hin“, erklärte Studienleiter Dr. Daniel Erdsiek aus dem ZEW-Forschungsbereich „Digitale Ökonomie“.
Fast jedes dritte Unternehmen mit Homeoffice-Angeboten plant, diese auszuweiten. Derzeit ermöglichen 80 % der Unternehmen in der Informationswirtschaft und rund die Hälfte der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe ihren Mitarbeitenden, mindestens einen Tag pro Woche im Homeoffice zu arbeiten. Bei größeren Unternehmen mit mindestens 100 Beschäftigten liegt der Anteil noch höher: 88 % im Verarbeitenden Gewerbe und 98 % in der Informationswirtschaft.
Wie viele Unternehmen wollen Homeoffice reduzieren?
Rund 10 % der Unternehmen mit Homeoffice-Angeboten planen, diese in den kommenden zwei Jahren zu reduzieren oder ganz abzuschaffen. Deutlich mehr Unternehmen wollen ihre Möglichkeiten dagegen ausbauen und zusätzlichen Beschäftigten das Arbeiten von zu Hause ermöglichen: 29 % in der Informationswirtschaft und 34 % im Verarbeitenden Gewerbe.
Auch Unternehmen, die bislang kein Homeoffice anbieten, denken teilweise über eine Einführung nach. Das gilt für 21 % der Unternehmen in der Informationswirtschaft und 9 % im Verarbeitenden Gewerbe.
Damit zeichnet sich kein flächendeckender Abschied vom Homeoffice ab. Vielmehr passen Unternehmen ihre Modelle an: Manche reduzieren die Zahl der möglichen Homeoffice-Tage, andere weiten die Angebote aus oder führen mobiles Arbeiten erstmals ein.
Rückkehr ins Büro: Wie stark setzen Unternehmen auf Präsenz?
Die Debatte über die Rückkehr ins Büro hält trotzdem an. Tatsächlich ist eine vollständige Rückkehr zur Präsenzarbeit eher die Ausnahme. Das zeigt auch ein Faktenblatt des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa), das Ergebnisse verschiedener Studien zum mobilen und hybriden Arbeiten zusammenfasst.
Nur etwa 17 % der Unternehmen setzen demnach noch auf vollständige Präsenz. Stattdessen dominieren hybride Arbeitsmodelle, bei denen Beschäftigte einen Teil der Woche im Büro und einen Teil mobil arbeiten.
Welche Regelung gilt, hängt dabei stark von der Tätigkeit ab. Abteilung, Rolle, Projekt und Hierarchieebene können beeinflussen, wie viel Präsenz ein Unternehmen verlangt. Das Büro wird dabei insbesondere für den persönlichen Austausch, die Zusammenarbeit, die Einarbeitung neuer Kolleginnen und Kollegen und den Aufbau von Teamstrukturen genutzt.
Für Unternehmen bedeutet hybrides Arbeiten zugleich neue Anforderungen an Führung und Organisation. Klare Regeln, geeignete Raumkonzepte, technische Infrastruktur und eine gute Abstimmung innerhalb der Teams werden wichtiger.
Präsenzpflicht: Was passiert mit Produktivität und Belastung?
Wie Beschäftigte auf eine stärkere Präsenzpflicht reagieren, untersucht unter anderem die Universität Konstanz. Die dortige Homeoffice-Studie untersucht seit mehreren Jahren die Entwicklung des mobilen Arbeitens in Deutschland.
Nur 19 % der Beschäftigten geben an, dass die Präsenzpflicht in ihrem Unternehmen verschärft wurde. Im Vorjahr waren es 22 %. Lediglich 8 % arbeiten wieder an allen fünf Tagen der Woche im Büro.
Die Studie zeigt außerdem einen Zusammenhang zwischen einer stärkeren Präsenzpflicht und der emotionalen Erschöpfung von Beschäftigten. Ob mehr Büropräsenz tatsächlich zu höherer Produktivität führt, lässt sich anhand der Erhebung dagegen nicht eindeutig beantworten.
„Unsere Daten deuten darauf hin, dass Präsenzpflicht oft mehr schadet als nützt“, kommentiert Florian Kunze, Leiter der Studie und Professor für Organizational Behavior an der Universität Konstanz.
Kilian Hampel, Senior Research Fellow am Future of Work Lab und Ko-Autor der Studie, erklärte, dass vor allem in krisenanfälligen Unternehmen Büropräsenz offenbar gezielt als Strategie genutzt werde, um Personal abzubauen – nach dem Motto, wer nicht ins Büro komme, verlasse eben das Unternehmen.
„Besonders in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten scheinen manche Unternehmen auf Präsenzpflichten als vermeintliche Strategie zur Produktivitätssteigerung zu setzen. Ein aktuelles Beispiel ist der Volkswagen-Konzern, der nach einem Gewinneinbruch eine Präsenzpflicht an drei Tagen pro Woche verordnete. Die verbreitete Annahme, dass solche Maßnahmen die Produktivität erhöhen, lässt sich jedoch durch unsere Erhebungen nur begrenzt beurteilen, da wir keine objektiven Leistungsdaten erfassen“, heißt es in der Auswertung.
Homeoffice erhöht für Unternehmen die Attraktivität als Arbeitgeber
Für Unternehmen hat Homeoffice nicht nur mit Produktivität und Organisation zu tun. Auch die Arbeitszufriedenheit und die Gewinnung von Fachkräften spielen eine Rolle.
„Mit Homeoffice-Angeboten können vielfältige Effekte einhergehen. Besonders positiv bewerten Unternehmen die Wirkung auf die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten. Rund zwei Drittel der Unternehmen sehen hier einen Vorteil von hybriden Homeoffice-Angeboten mit einem Mix aus Präsenz- und Homeoffice-Tagen“, sagt auch Dr. Daniel Erdsiek aus dem ZEW-Forschungsbereich „Digitale Ökonomie“. „Darüber hinaus berichten mehr als die Hälfte der Unternehmen, dass hybride Modelle das Anwerben von Fachkräften erleichtern.“
Damit wird die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Büro- und Heimarbeit auch zu einer Frage der Mitarbeiterbindung. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels kann die Möglichkeit, zumindest einen Teil der Arbeitszeit mobil zu arbeiten, für Beschäftigte ein wichtiges Kriterium sein.
Büropflicht kann für Frauen zum Stressfaktor werden
Eine weitere Perspektive liefert die Deloitte-Studie „Women @ Work“. Sie untersucht unter anderem, wie sich Vorgaben zur Büropräsenz auf das Stressniveau und das Wohlbefinden von Arbeitnehmerinnen auswirken.
Von den 500 Studienteilnehmerinnen in Deutschland gibt fast jede sechste an, dass ihr Arbeitgeber sie verpflichtet hat, an allen Arbeitstagen ins Büro zu kommen. Jede Fünfte erhielt eine solche Verpflichtung zumindest für einen Teil der Arbeitstage. Unter den Frauen mit vollständiger Büropflicht berichten 37 %, dass diese Verpflichtung ihr Stressniveau oder ihr seelisches Wohlbefinden negativ beeinflusst hat. In der Gruppe mit teilweiser Büropflicht geben dies 22 % an. Weltweit liegen die entsprechenden Anteile etwas niedriger, bei 26 % bzw. 18 %.
„Je mehr Flexibilität Arbeitgeber bieten, desto mehr Chancen eröffnen sich vor allem für Frauen“, kommentiert Sandra Mühlhause, Chief People Officer bei Deloitte Deutschland. „In hybriden Arbeitsmodellen sollten zusätzliche Freiräume ermöglicht werden, um je nach Bedarf Arbeitszeit und -ort an die individuelle Situation anzupassen.“
Die Studie liefert auch eine mögliche Erklärung dafür, warum Anordnungen zur Büropflicht solche Probleme für Frauen verursachen können. Neben ihren beruflichen Verpflichtungen übernehmen viele Frauen auch zunehmend familiäre Aufgaben wie Kinderbetreuung und häusliche Pflege. Diese Aufgaben lassen sich im Alltag oft schwer mit einer Präsenzpflicht im Büro und der damit verbundenen fehlenden Flexibilität vereinbaren.
So stieg der Anteil der Studienteilnehmerinnen, die in ihrem Haushalt die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung tragen, von 41 % im Vorjahr auf nun 45 %.
Weniger Homeoffice kann den Jobwechsel begünstigen
Die Frage nach dem Homeoffice kann auch für die Mitarbeiterbindung entscheidend sein. Darauf deuten Ergebnisse des Jobwechselkompasses der Königsteiner Gruppe in Zusammenarbeit mit Stellenanzeigen.de hin.
Für Beschäftigte, die über einen Jobwechsel nachdenken, ist die Möglichkeit, regelmäßig im Homeoffice zu arbeiten, ein wichtiger Faktor. 41 % der wechselinteressierten Mitarbeitenden gaben in der zugrunde liegenden Befragung an, von ihrem Arbeitgeber die Anweisung erhalten zu haben, seltener von zu Hause aus zu arbeiten als zuvor.
Auch feste Regeln spielen eine Rolle: 56 % der Befragten, die einen Jobwechsel in Erwägung ziehen, bevorzugen Arbeitgeber mit festgelegten Homeoffice-Richtlinien.
„Viele Unternehmen planen für das kommende Jahr, ihre Mitarbeitenden wieder verstärkt an den Unternehmensstandort zu binden. In den USA beispielsweise wurde das sogar bei den großen Tech-Giganten schon 2023 umgesetzt. Aus Arbeitgebersicht ist es allerdings wichtig, dass behutsam zu tun und vor allem mit klaren Regelungen für Heim- und Präsenzarbeit zu versehen. Ansonsten könnte das für einige Beschäftigte zum Wechselgrund werden“, so Nils Wagener, Geschäftsführer der Königsteiner Gruppe, zu den Ergebnissen der Umfrage.
Damit kann die Rückkehr ins Büro für Unternehmen zum Balanceakt werden: Mehr Präsenz soll Zusammenarbeit und Steuerung verbessern, zu weitgehende Vorgaben können aber die Zufriedenheit und möglicherweise auch die Bindung von Beschäftigten beeinträchtigen.
Warum Unternehmen ihre Beschäftigten wieder ins Büro holen
Für mehr Präsenz gibt es aus Sicht der Arbeitgeber verschiedene Gründe. Dazu zählen der persönliche Austausch, die Zusammenarbeit im Team, die Einarbeitung neuer Beschäftigter und die Möglichkeit, spontane Gespräche und Begegnungen zu ermöglichen.
Auch der Industrieverband Büro und Arbeitswelt (IBA) verweist auf die Bedeutung des Büros für Kommunikation, Zusammenarbeit und gemeinsames Lernen. Eine vom Verband in Auftrag gegebene forsa-Umfrage zeigt zudem, dass Unternehmen weiterhin in ihre Büroflächen investieren.
Fast die Hälfte (47 %) der Umfrageteilnehmer gab an, dass sie entweder bereits in die Büroeinrichtung investiert haben oder in naher Zukunft planen, dies zu tun. Aus Sicht des IBA kann eine bessere Ausstattung dazu beitragen, die Vorteile des Büros gegenüber dem Homeoffice stärker herauszuarbeiten. Dazu gehören unter anderem ergonomische Arbeitsplätze, Akustik, Beleuchtung und technische Ausstattung.
Gericht kippt Vier-Tage-Präsenzpflicht
Wie weit Arbeitgeber bei der Rückkehr ins Büro gehen dürfen, zeigt ein aktuelles Urteil des Arbeitsgerichts Düsseldorf. Der Rechtsstreit um die Homeoffice-Regelung eines IT-Mitarbeiters ist inzwischen abgeschlossen. Das Arbeitsgericht Düsseldorf gab der Klage mit Urteil vom 11. Februar 2026 teilweise statt und erklärte die Anweisung des Arbeitgebers für unwirksam, den Kläger montags bis donnerstags ins Büro zu beordern. Dabei ging es nicht um ein grundsätzliches Recht auf Homeoffice – entscheidend war vielmehr, wie der Arbeitgeber seine konkrete Anweisung begründet hatte. Das Urteil ist rechtskräftig.
Der Arbeitgeber hatte den Entzug des Homeoffice unter anderem mit organisatorischen Problemen, Kommunikationsdefiziten und einer aus seiner Sicht unzureichenden Projektsteuerung begründet. Das Gericht erkannte zwar ein berechtigtes betriebliches Interesse an, die Arbeitsabläufe zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern. Es sah aber nicht ausreichend dargelegt, warum gerade die Präsenz des Klägers an vier Tagen pro Woche geeignet sein sollte, die beschriebenen Probleme zu lösen.
Da wesentliche Ansprechpartner weiterhin remote arbeiteten, sei nicht nachvollziehbar gewesen, wie die angeordnete Präsenz zu besserer Kommunikation oder einer höheren Arbeitsqualität beitragen sollte. Die Weisung war nach Auffassung des Gerichts deshalb ermessensfehlerhaft und damit unwirksam.
Kein genereller Anspruch auf zwei Homeoffice-Tage
Einen generellen Anspruch auf 50 % Homeoffice sprach das Gericht dem Kläger allerdings nicht zu. Ein solcher Anspruch lasse sich weder aus dem Arbeitsvertrag noch aus der unternehmensinternen Homeoffice-Regelung oder einer jahrelangen betrieblichen Praxis ableiten. Auch die familiäre und persönliche Situation des Klägers begründe keinen Anspruch auf zwei feste Homeoffice-Tage.
Das Urteil ist damit kein generelles Votum für ein Recht auf Homeoffice. Es zeigt vielmehr: Arbeitgeber können grundsätzlich Vorgaben zum Arbeitsort machen. Sie müssen eine solche Weisung im konkreten Fall aber sachgerecht begründen und ihr Ermessen nachvollziehbar ausüben.
Homeoffice bleibt – aber die Regeln verändern sich
Die aktuellen Studien zeichnen damit ein differenziertes Bild. Einen flächendeckenden Rückzug ins Büro gibt es in Deutschland bislang nicht. Die meisten Unternehmen setzen weiterhin auf hybride Modelle. Gleichzeitig verändern sie die Regeln: Einige verlangen mehr Präsenz, andere bauen ihre Homeoffice-Angebote aus.
Für Beschäftigte bleibt deshalb weniger die Frage entscheidend, ob Homeoffice grundsätzlich verschwindet. Wichtiger wird, wie Unternehmen Präsenz und mobiles Arbeiten künftig miteinander verbinden. Für Arbeitgeber wiederum geht es darum, den Nutzen von Büropräsenz überzeugend zu begründen – und dabei die Auswirkungen auf Produktivität, Zufriedenheit und Fachkräftebindung im Blick zu behalten.
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