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Indeed-Ökonomin Virginia Sondergeld: Was der Stellenabbau für Ingenieure bedeutet

16. Oktober 2026

Dr. Virginia Sondergeld
Dr. Virginia Sondergeld, Ökonomin im Indeed Hiring Lab, erklärt, wie Stellenabbau und KI den Arbeitsmarkt für Ingenieurinnen und Ingenieure verändern und warum berufliche Neuorientierung nicht bei null beginnen muss. Foto: Indeed
Weniger Stellen, mehr Konkurrenz und neue Anforderungen durch KI: Der Ingenieurarbeitsmarkt steht vor einem Wandel. Dr. Virginia Sondergeld, Ökonomin im Indeed Hiring Lab, erklärt, warum selbst technische Berufe vom Stellenabbau betroffen sind und wie Ingenieurinnen und Ingenieure ihre Fähigkeiten für neue Karrierewege nutzen können.
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Inhaltsverzeichnis

Warum selbst Ingenieure immer schwerer einen Job finden

Wir hören immer wieder vom Fachkräftemangel. Gleichzeitig erzählen uns Bewerbende bei unseren Recruiting-Tagen, dass sie trotz 140 Bewerbungen keine Stelle finden. Wie passt das zusammen?

Dr. Virginia Sondergeld: Die wirtschaftliche Flaute und der Stellenrückgang sind inzwischen auch im MINT-Bereich angekommen. Besonders betroffen sind akademische Berufe, darunter ingenieurwissenschaftliche Tätigkeiten und Einstiegspositionen. Die Perspektive der Jobsuchenden kann ich deshalb gut nachvollziehen.

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Lange haben wir in vielen naturwissenschaftlichen und technischen Berufen vor allem über den Fachkräftemangel gesprochen. Inzwischen zeigt sich aber, dass auch diese Bereiche vom Stellenabbau betroffen sind. Bei Ausbildungsberufen, etwa im Laborbereich, ist die Nachfrage dagegen vergleichsweise stabil. Für Menschen mit einem akademischen Abschluss stehen in einigen technischen Berufsfeldern heute weniger Stellen zur Verfügung als noch vor einigen Jahren.

Betrifft der Stellenrückgang vor allem Berufseinsteigende oder auch erfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure?

Er betrifft nicht nur Berufseinsteigende. Auch insgesamt sind die Stellen in einigen ingenieurwissenschaftlichen Berufsgruppen überdurchschnittlich stark zurückgegangen. Ich hätte zunächst erwartet, dass sich Bereiche wie Elektrotechnik oder Chemieingenieurwesen angesichts des langjährigen Fachkräftemangels vergleichsweise gut halten. Das ist aber nicht überall der Fall.

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Der Rückgang fällt in diesen Berufsgruppen teilweise stärker aus als auf dem Gesamtarbeitsmarkt. Das zeigt, dass auch technische Berufe, die lange als besonders zukunftssicher galten, von der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung betroffen sind.

KI gefährdet den Berufseinstieg: Was hinter dem Stellenrückgang steckt

Viele Berufseinsteigende befürchten, dass KI ihre Einstiegsjobs übernimmt und ihnen damit der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird. Wie groß ist dieser Einfluss tatsächlich?

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Das lässt sich derzeit noch nicht eindeutig beziffern. Wir können nicht klar trennen, welcher Anteil des Stellenrückgangs auf KI und welcher auf die wirtschaftliche Flaute zurückgeht.

Gegen die These, dass KI allein dafür verantwortlich ist, spricht, dass die Zahl der Einstiegsjobs bereits seit dem Frühjahr 2022 zurückgeht. ChatGPT wurde erst im November 2022 veröffentlicht. Die Zinswende und eine mögliche Marktkorrektur nach dem Corona-Boom dürften deshalb ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass KI keinen Einfluss hat. Sie kann Routineaufgaben übernehmen, wodurch bestimmte Tätigkeiten und möglicherweise auch Stellen wegfallen. Wir müssen deshalb genau beobachten, wie sich die Anforderungen an Berufseinsteigende verändern.

Was bedeutet das für eine Generation, die gerade Schwierigkeiten hat, in den Beruf einzusteigen?

Wenn junge Menschen über längere Zeit keinen passenden Job finden, kann das Folgen für ihre gesamte Karriere haben. Wer mit einer Phase der Arbeitslosigkeit beginnt, nimmt möglicherweise zunächst eine schlechter bezahlte Stelle an oder findet schwerer Anschluss an den gewünschten Berufsweg. Solche Nachteile können sich langfristig auswirken.

Wie groß dieser Schaden wird, hängt auch davon ab, wie schnell wir unser Bildungssystem anpassen. Studiengänge und Ausbildungsordnungen müssen stärker auf die Fähigkeiten ausgerichtet werden, die Unternehmen angesichts des zunehmenden KI-Einsatzes tatsächlich benötigen.

Das ist allerdings nicht einfach. Studienordnungen lassen sich nicht von heute auf morgen verändern. Auch Lehrende stehen vor neuen Fragen. Manche berichten mir beispielsweise, dass sie angesichts von KI kaum noch wissen, welche Hausarbeiten sie vergeben können. Die Herausforderung betrifft also nicht nur die Studierenden, sondern das gesamte Bildungssystem.

Lesen Sie auch: Zwei Drittel weniger Einstiegsjobs seit 2022: Wo die Krise als Erstes zuschlägt

Demografischer Wandel: Warum der Industrie trotzdem Fachkräfte fehlen

Sie haben auch den demografischen Wandel angesprochen. Welche Bedeutung hat er für den Ingenieurarbeitsmarkt?

Technische Berufe sind davon besonders betroffen. In den Ingenieurwissenschaften, im Bauwesen und in angrenzenden technischen Bereichen arbeiten viele Babyboomer, die in den kommenden Jahren in Rente gehen. Damit steigt der Bedarf, ihre Stellen nachzubesetzen.

Gleichzeitig bauen Unternehmen in Teilen der Industrie derzeit eher Stellen ab, als neue zu schaffen. Das wirkt zunächst widersprüchlich: Einerseits finden Fachkräfte nicht ohne Weiteres eine neue Stelle, andererseits scheiden erfahrene Beschäftigte aus dem Berufsleben aus und nehmen viel Wissen mit.

Wenn sich die wirtschaftliche Lage wieder verbessert, könnte dieses Wissen fehlen. Unternehmen müssen deshalb beides im Blick behalten: die aktuelle Situation und den langfristigen Bedarf an qualifizierten Fachkräften.

Neben dem demografischen Wandel verändern KI, Digitalisierung und Dekarbonisierung die Arbeitswelt. Wie stark werden diese Trends den Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren beeinflussen?

Sie verändern die Anforderungen an technische Berufe erheblich. Wie schnell sich beispielsweise die Automobilindustrie in Richtung Elektromobilität entwickelt, hängt auch von politischen Entscheidungen ab. Die Transformation ist also nicht allein eine technische Frage.

Gleichzeitig ist die Dekarbonisierung nur einer von mehreren Faktoren. Auch Outsourcing und Veränderungen in der industriellen Produktion haben die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen schon früher beeinflusst. Der Bedarf an neuen Fähigkeiten entsteht deshalb nicht erst durch die Energiewende oder den Einsatz von KI.

Wir müssen diese Entwicklungen zusammen betrachten. Nur so lässt sich einschätzen, welche Kompetenzen künftig gebraucht werden und wo Beschäftigte sich weiterentwickeln müssen.

Re-skilling statt Neustart: Wie Ingenieure ihre Fähigkeiten neu einsetzen können

Damit sind wir beim Thema Re-skilling. Ist die berufliche Neuqualifizierung eher eine Herausforderung oder eine Chance für Ingenieurinnen und Ingenieure?

Sondergeld: Ich glaube, wir haben dabei nicht wirklich eine Wahl. Re-skilling ist eine Herausforderung, aber zugleich eine Chance. Entscheidend ist, die verschiedenen Trends gemeinsam zu betrachten. Wie können wir beispielsweise den demografischen Wandel und den Einsatz von KI zusammendenken? Und wie können wir KI nutzen, um neue Produkte, Geschäftsfelder und Absatzmärkte zu erschließen?

Gerade in einer Phase, in der Teile der Industrie unter Druck stehen, könnte das neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen. Wir sollten deshalb versuchen, aus den Veränderungen Chancen zu entwickeln, statt sie nur als Bedrohung zu sehen.

Zunächst müssen wir allerdings verhindern, dass Menschen Qualifikationen erwerben, die am Arbeitsmarkt kaum noch gefragt sind. Es ist frustrierend, wenn jemand eine mehrmonatige Weiterbildung absolviert, etwa ein Coding-Bootcamp, mit der vor einigen Jahren noch gute Einstiegsmöglichkeiten verbunden waren, und anschließend trotzdem keinen Job findet. Hier sind Staat, Bildungseinrichtungen und Weiterbildungsträger gefragt. Sie müssen genauer darauf achten, welche Kompetenzen tatsächlich gebraucht werden.

Unternehmen wiederum können Re-skilling nutzen, um Beschäftigte zu halten und ihnen neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen. Weiterbildung kann damit auch ein Bestandteil der Arbeitgebermarke werden. Beim Wechsel zwischen Branchen können beide Seiten voneinander profitieren. Beschäftigte bringen Erfahrungen und Fähigkeiten mit, die im neuen Umfeld wertvoll sein können, auch wenn sie nicht unmittelbar dem klassischen Anforderungsprofil entsprechen.

Unternehmen erkennen zunehmend, dass Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten dazu beitragen können, Mitarbeitende langfristig zu binden. Gerade angesichts wirtschaftlicher Unsicherheit kann das ein wichtiges Argument sein.

Lesen Sie auch: Re-skilling als Firewall gegen Jobverlust

Von der Autoindustrie in eine andere Branche: Welche Kompetenzen übertragbar sind

Viele erfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure haben trotzdem Angst, nach 20 Jahren in der Automobilindustrie wieder bei null anfangen zu müssen. Wie lässt sich diese Sorge nehmen?

Re-skilling beginnt nicht bei null. Viele Beschäftigte wissen sehr genau, was sie studiert haben und in welchem Fachgebiet sie sich auskennen. Häufig fällt es ihnen aber schwer, ihre Fähigkeiten unabhängig von ihrem bisherigen Beruf oder ihrer Branche zu betrachten.

Wir haben lange stark darauf geschaut, welchen Abschluss jemand hat und welche konkrete Tätigkeit er oder sie ausübt. Ein sogenannter Skills-first-Ansatz setzt dagegen bei den tatsächlichen Fähigkeiten an. Welche Probleme kann ich lösen? Welche technischen Zusammenhänge verstehe ich? Welche Erfahrungen lassen sich auf andere Aufgaben übertragen?

Schon eine Bestandsaufnahme der eigenen Kompetenzen kann helfen, neue Möglichkeiten zu erkennen. Vielleicht stellt jemand fest, dass viele der eigenen Fähigkeiten auch in anderen Unternehmen oder Branchen gefragt sind. Das kann die Perspektive verändern und verhindern, dass ein beruflicher Wandel als kompletter Neuanfang erlebt wird.

Lesen Sie auch: Re-Skilling und Upskilling gegen Fachkräftemangel: VDI-Studie zeigt Wege zur Sicherung der Innovationskraft Deutschlands

Bewerbung: So überzeugen Ingenieure auch außerhalb ihrer bisherigen Branche

Wie können Ingenieurinnen und Ingenieure ihre übertragbaren Fähigkeiten in einer Bewerbung sichtbar machen?

Es wird immer wichtiger, die eigenen Fähigkeiten konkret zu beschreiben und ihren Nutzen für ein anderes Unternehmen zu erklären. Das gilt auch für Kompetenzen im Umgang mit KI, die in vielen Studiengängen noch gar nicht vermittelt wurden, weil sie damals in dieser Form nicht existierten.

Bewerbende sollten zeigen, welche Erfahrungen sie mitbringen, welche Aufgaben sie bewältigen können und wie sich diese Fähigkeiten auf das neue Arbeitsumfeld übertragen lassen. Entscheidend ist, den Zusammenhang zwischen dem eigenen Können und den Anforderungen des Unternehmens herzustellen.

Eine Bewerbung, die erklärt, warum eine bestimmte Fähigkeit für das Unternehmen wertvoll ist und welchen Beitrag die Person damit leisten kann, fällt mir besonders positiv auf. Dafür muss man sich mit dem Unternehmen und seinem Bedarf auseinandersetzen.

Was raten Sie Berufseinsteigenden und erfahrenen Ingenieurinnen und Ingenieuren, die sich beruflich neu orientieren möchten?

Sie sollten sich zunächst fragen: Bei welchem Unternehmen bewerbe ich mich? Welche Produkte stellt es her, welche Ziele verfolgt es und welche Rolle würde ich dort übernehmen? Welchen Beitrag leiste ich zur Wertschöpfung des Unternehmens? Und welche Fähigkeiten bringe ich mit, um diese Aufgabe gut zu erfüllen?

Wer diese Fragen beantworten kann, erkennt oft auch, wie die eigenen Kompetenzen in einem neuen Umfeld eingesetzt werden können. Das hilft dabei, die eigene berufliche Perspektive klarer zu formulieren und sich gezielter zu bewerben.



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