
Ein wichtiges Projekt läuft schief, eine Entscheidung erweist sich als falsch oder die Probezeit endet früher als gedacht. Fehler gehören zum Berufsleben dazu. Trotzdem spricht kaum jemand darüber. Zu groß ist die Sorge, als inkompetent zu gelten oder berufliche Nachteile zu riskieren. Dabei stellt sich die Frage: Ist der Fehler selbst das Problem oder vielmehr der Umgang damit?
Gerade in technischen Berufen, in denen Präzision und Sicherheit eine zentrale Rolle spielen, scheint für Fehler wenig Platz zu sein. Vollständig vermeiden lassen sich jedoch nicht. Entscheidend ist deshalb, wie Unternehmen und Beschäftigte damit umgehen. Eine konstruktive Fehlerkultur kann helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen und mögliches Scheitern nicht als Karriere-Aus, sondern als Chance zu sehen. Welche Rolle Führungskräfte dabei spielen können und wie der ein oder andere berufliche Ausrutscher einen Menschen stärken können, erklärt Fehlerforscher und Professor für Entrepreneurship an der ESCP Business School in Berlin, Christoph Seckler im Podcast „Prototyp“.
Inhaltsverzeichnis
ingenieur.de: Herr Seckler, sind Sie schon einmal gescheitert?
Christoph Seckler: Scheitern ist in der Wissenschaft inhärent. Experimente leben von Versuch und Irrtum. Scheitern ist also ein Teil unserer Jobbeschreibung.
Waren Sie immer weise genug, aus Ihren Fehlern zu lernen?
Das sollen andere beurteilen. Es ist aber gar nicht so leicht, aus Fehlern zu lernen. Erkenntnisprozesse sind keine Automatismen.
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Warum der Umgang mit Fehlern schwerfällt
Der Arbeitspsychologe Michael Frese von der Universität Lüneburg hat die Fehlertoleranz in 61 Ländern untersucht. Das Ergebnis: Deutschland und Singapur liegen auf den letzten beiden Plätzen. Warum haben wir mit dem Thema ein so großes Problem?
Wir sind in Deutschland sehr fehlerintolerant. Das kennt man aus Gesprächen mit Menschen aus anderen Ländern, aber auch aus unserem Alltag. Das sollten wir erst einmal so akzeptieren. Interessant an der Studie ist noch ein anderen Aspekt bzw. eine andere Frage: Wie gehen die Menschen in den 61 Ländern mit Fehlern um, wie selbstkritisch sind sie in Bezug auf ihre Fehlertoleranz? Was glauben Sie, auf welchem Rang Deutschland liegt?
Im Mittelfeld?
Bei der Frage, wie die Fehlertoleranz aussehen sollte, sagen die meisten hierzulande, es gebe reichlich Luft nach oben. Bei der Befürwortung großer Fehlertoleranz liegt Deutschland auf Rang neun. Die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte, ist also groß.
Was ist der Unterschied zwischen Fehler machen und scheitern?
Fehler machen bedeutet, von einem Ziel oder einer Norm abzuweichen. Ich will etwas erreichen und kriege es nicht hin, habe aber noch Kontrolle über die Sache. Man denkt beim Fehler im Nachhinein: Eigentlich hätte ich es besser wissen oder besser machen sollen. Im besten Fall ist der Fehler also mit einem Lernprozess verbunden. Scheitern ist meist eine negative Konsequenz von vielen Fehlern, die nicht aufgedeckt und nicht rechtzeitig analysiert werden. Oft kommen noch Umwelteinflüsse hinzu. Das war etwa während der Corona-Pandemie der Fall, als Firmen konkurs gingen.
Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Start-up vor die Wand zu fahren, ist vergleichsweise groß. Dann wird das Scheitern oft als persönliches Versagen empfunden. Ist das System hierzulande so aufgestellt, dass es ein Scheitern vorschnell als Endstation kreativer Eigenständigkeit erscheinen lässt?
Das hängt stark von der Fehlerkultur in dem jeweiligen Industriezweig ab. In traditionellen Branchen beobachten wir eine große Fehlerintoleranz; im Start-up-Bereich, also auf stark innovativem Gebiet, ist die Fehlertoleranz weitaus größer. Die Leute dort wissen, dass Experimentieren und daraus resultierende Fehler zum Alltag gehören. In solch einem Umfeld ist es leichter, nicht zu scheitern oder mit dem Scheitern konstruktiv umzugehen. Wenn jeder weiß, dass die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns relativ hoch ist, ist auch die Bereitschaft darüber zu sprechen und nach Unterstützung zu fragen, hoch.
Fehlerkultur in Unternehmen: Wie aus Fehlern gelernt werden kann
Wie sieht eine gute, effektive Fehlerkultur in einem Unternehmen aus?
Wir beschreiben eine konstruktive Fehlerkultur im KARLI-Framework: „K“ steht für das unmittelbare „Korrigieren“ von Fehlern. A bedeutet „Antizipieren“ von Fehlern. In einer guten Fehlerkultur wird antizipiert, was tatsächlich schief laufen könnte, um auf Fehler vorbereitet zu sein. „R“ steht für Fehler „Riskieren“. Man riskiert kleine Fehler, um ein großes Ziel zu erreichen. „L“ bedeudet „Lernen“. Dahinter stecken die Fragen: Was ist die Ursache, dass etwas schief gelaufen ist? Was sollten wir beim nächsten Mal besser machen? Und das „I“ weist auf „Informieren “ hin, auf die Notwendigkeit, über Fehler zu sprechen. Das ist nicht einfach und fällt in der Regel keinem leicht. Auch ich spreche nach 15 Jahren Fehlerforschung nicht gerne über eigene Fehler. Geht man aber Gesprächen aus dem Weg, führt die Sprachlosigkeit in die Sackgasse.
Wie sieht es in der Unternehmenspraxis aus? Werden solche Konzepte umgesetzt?
Ja, durchaus. Studien belegen, dass Unternehmen, die eine auf ihre Bedürfnisse angelegte Fehlermanagementkultur ernst nehmen, innovativer, sicherer und vor allem profitabler sind, auch weil ihre Produktqualität besser ist.
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Warum auch Ingenieure Fehler machen dürfen
Bestimmte Berufsgruppen wie Ärzte oder Ingenieure werden sagen, sie könnten sich keine Fehler leisten. Was sagen Sie denen?
Das ist nachvollziehbar. Aber Fehler sind menschlich. Es gibt keine Chance, keine Fehler zu machen. Wenn man das akzeptiert, ist der nächste Schritt, zu schauen, wie man damit umgeht, etwa in Form einer Nachbetrachtung.
Wenn der Chef einen Mitarbeitenden vor versammelter Mannschaft auf einen Fehler hinweist, ist das in Ordnung?
Es ist, wie bereits gesagt, gut, Fehler anzusprechen, aber wenn möglich im kleinen Kreis. Das Beispiel mit der versammelten Mannschaft ist sicherlich suboptimal. Wenn das Teamklima es zulässt, ist es zu begrüßen, Fehler zu benennen. Das bezeichnen wir als „psychologische Sicherheit“.
Sie sprechen von „Demut“ als wichtiger Eigenschaft. Was meinen Sie damit?
Schön, dass Sie es ansprechen, weil ich das für einen bedeutenden Aspekt halte. Unsere Studien zeigen, dass Demut eine gute Voraussetzung ist, Fehlern auf den Grund zu gehen. Demütige Menschen wissen, dass sie fehlbar sind. Sie sind bereit sich selbst realistisch einzuschätzen. Zudem fordern sie Feedback ein und nehmen Ratschläge eher an als andere. Sie sind erwiesenermaßen wertschätzender gegenüber Kolleginnen und Kollegen. Unter dem Strich: Demütige Menschen gehen besser mit Fehlern um, weil sie ihre Fehlbarkeit anerkennen und Fehler als Lernchance begreifen.
Sollten Führungskräftige diese Mitarbeitenden auf exponierte Positionen setzen?
Ja, absolut. Es macht Sinn, Demut und deren Protagonisten im Unternehmen zu fördern. Es geht zunächst darum, den verstaubt wirkenden Begriff als etwas Positives hervorzukehren. Zudem muss den Leuten vermittelt werden, dass sie diese Demut im Unternehmen offen leben können. Im Teammeeting könnte etwa das wertschätzende Verhalten einer Kollegin hervorgehoben werden. Es gibt Firmen, die mit Value Awards arbeiten und das Praktizieren guter Werte quasi institutionalisieren.
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Scheitern im Job: Wie man im Bewerbungsgespräch damit umgehen kann
In Bewerbungsgesprächen rächen sich bereits kleine Fehler. Da ist Fehlervermeidung das Gebot, oder?
Bei den Bewerbungsgesprächen, die ich führe, empfinde ich Ehrlichkeit und Offenheit, Fehler und Wissenslücken einzugestehen, als positives Merkmal. Ein solches Verhalten findet auch in Teams sehr gute Resonanz. Auch das wissen wir aus Studien. Der Mut zur Lücke signalisiert den anderen, sich auch zu dem ein oder anderen Defizit bekennen zu können.
Wie gehe ich bei Bewerbungen damit um, wenn ich beim letzten Arbeitgeber gescheitert bin, weil ich etwa die Probezeit nicht überstanden habe?
Ich würde das zunächst einmal so, wie es ist, anerkennen. Das ist kein einfacher Prozess. Danach kann man sauber überlegen, welchen Anteil man selbst daran hatte und welchen Anteil das Umfeld. Die Crux ist, möglichst ehrlich mit sich selbst zu sein. Meist versuchen wir, uns vor uns selbst in einem guten Licht zu präsentieren und den anderen die Verantwortung zuzuweisen. Das Dritte ist, sich zu überlegen, was man beim nächsten Job anders und besser machen sollte.
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Angst vor dem Scheitern: Was hilft wirklich?
Wie mindere ich meine Angst vor dem Scheitern?
Angst hängt stark an Glaubenssätzen. Wenn ich glaube, dass ein Fehler immer schlimm ist, dann habe ich auch immer Angst vor den Folgen und sehe überall Gefahren. Verändere ich den Glaubenssatz und sage mir „Ja, Fehler sind tendenziell negativ, aber ich kann sie managen, sie durch Lernen ins Positive kehren“, dann verlieren Fehler ihre Schrecken.
These: Wer Dienst nach Vorschrift macht, kann nicht scheitern, wer viel Herzblut und Ambitionen in die Sache steckt, schon. Die Quintessenz: Ich mache Dienst nach Vorschrift.
Es gibt nicht nur Handlungs- sondern auch Unterlassungsfehler. Wenn ich etwas tun sollte, um eine Sache voranzubringen, es aber nicht tue, während sich die Umwelt verändert, schießt die Entwicklung an mir vorbei. Das führt erst recht zum Scheitern. Mit anderen Worten: Dienst nach Vorschrift schützt nicht vor Scheitern, manchmal beschleunigt er sogar das Scheitern.
Wie gehe ich persönlich mit Fehlern um?
Menschen, die offen mit Fehlern umgehen, haben guten Einfluss auf die anderen Mitarbeitenden. Das gilt insbesondere für Führungskräfte. Manche verzweifeln völlig an Fehlern und machen aus einem Mausfehler einen Elefantenfehler. Andere wollen Fehler nicht sehen und nicht wahrhaben. Eine Führungskraft sollte dabei coachen, den Fehler richtig einzuschätzen. Welche Konsequenzen ein Fehler tatsächlich hat, hängt vor allem davon ab, wie wir mit ihm umgehen und ihn managen. Kurz: vom Fehlermanagement.
Zur Person: Christoph Seckler
Christoph Seckler leitet den Lehrstuhl für Entrepreneurial Strategy an der ESCP Business School in Berlin. Der BWL-Professor forscht insbesondere zu den Themen „Fehlerkultur“, „Lernen“ und „Resilienz“. Seckler berät außerdem Unternehmen bei der Einführung einer Fehlermanagementkultur.


































