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Erst „40 GW bis 2040“, jetzt Stillstand: Was ist los bei Deutschlands neuer Geothermie?

28. Oktober 2026

Luftaufnahme des Geothermie-Standorts Geretsried mit zwei Bohrtürmen, Containern und einer Kühleranlage, umgeben von Wald und Feldern
Zwei Bohranlagen, dahinter das Kraftwerk: Der Eavor-Standort in Geretsried aus der Luft. Beide Bohrtürme zieht das Unternehmen nun ab. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Matthias Schrader
Vor einem Jahr sprach Eavor noch von 40 GW bis 2040. Jetzt stehen die Bohranlagen in Bayern still, Hannover hat abgesagt, und in Neu-Ulm wartet man auf eine Entscheidung. Was ist passiert?
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Es hätte so schön werden können. Im Sommer 2025 sagte Alexander Land, damals Kommunikationschef der deutschen Tochter des kanadischen Geothermie-Start-ups Eavor, im Interview mit der Fachzeitschrift gwf Gas + Energie: „Wir sprechen gerne von ‚Forty by Forty‘: 40 GW bis 2040 halten wir für durchaus realistisch.“ Gemeint waren Tiefengeothermie-Projekte des kanadischen Unternehmens. In Geretsried bei München entstand gerade die erste kommerzielle Anlage der Welt, in Hannover stand ein Wärmeliefervertrag mit Enercity, und in Neu-Ulm hatten die Stadtwerke Eavor mit der Erkundung beauftragt.

Gut ein Jahr später hagelt es schlechte Nachrichten. Das Enercity-Projekt hat Eavor am 22. Oktober abgesagt. In Geretsried entfernen die Kanadier beide Bohranlagen, und der Wärmeversorger der Stadt tritt vom Liefervertrag zurück. Aus Neu-Ulm gibt es bislang keine Entscheidung.

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Was ist los bei Eavor – stockt die Technik, oder doch der Markt?

Inhaltsverzeichnis

Was an Eavors Technologie besonders ist

Klassische Tiefengeothermie braucht ein Wasservorkommen im Untergrund. Eine Bohrung fördert das heiße Wasser nach oben, eine zweite leitet es abgekühlt zurück. In Deutschland sind solche Vorkommen die Ausnahme: Nach Lands Angaben eignen sich nur 10 bis 15 % der Landfläche dafür, vor allem das Molassebecken südlich von München und der Oberrheingraben.

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Eavor will daher ohne Wasser aus der Tiefe auskommen. Das Unternehmen bohrt für seine Anlagen zwei Bohrungen senkrecht nach unten, in Geretsried rund 4500 m tief auf etwa 160 °C heißes Gestein. Dort knicken die Bohrungen fast rechtwinklig ab und laufen als lange Seitenstränge waagerecht durch das Gestein, bis sie sich treffen. Je zwei dieser Stränge bilden eine Schleife. Zwölf Schleifen ergeben zusammen eine Anlage, die Eavor ‚Loop‘ nennt.

Die Bohrköpfe finden sich mit einem magnetischen Ortungssystem, das Eavor selbst entwickelt hat. Pro Schleife entstehen so rund 8 km durchgehende Bohrstrecke. Laut Eavor gehören sie zu den längsten der Welt.

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So funktioniert der Loop

    In das fertige System füllt Eavor einmalig Wasser ein. Es sinkt kalt nach unten. In den Schleifen unter der Erde nimmt es dann die Wärme des Gesteins auf und steigt von selbst wieder auf, weil warmes Wasser leichter ist als kaltes. Pumpen braucht die Anlage nicht. „Ich zögere, das Wort Perpetuum mobile zu verwenden, aber wenn der Kreislauf einmal in Bewegung gesetzt worden ist, bewegt es sich über Jahrzehnte von allein“, sagte Land im gwf-Interview.

    Oben kommt das Wasser mit rund 120 °C an und gibt seine Wärme an ein Fernwärmenetz oder ein Kraftwerk ab. Damit nichts ins Gestein entweicht, versiegelt Eavor die Wände der Seitenstränge mit einer patentierten Rezeptur namens Rock-Pipe. Der Vorteil des Verfahrens: Es funktioniert überall, wo das Gestein in der Tiefe heiß genug ist, also fast überall.

    Der Preis dafür sind die langen Bohrungen. Und bei denen gilt, was Eavor-Sprecher Paul Wiehager gegenüber ingenieur.de so formuliert: „Jeder Bohrmeter im Bohrgeschäft ist ein erheblicher Kostenfaktor.“

    Geretsried: Das Vorzeigeprojekt steht still

    In Geretsried hat Eavor genau das erlebt. Die erste Schleife ist fertig gebohrt und seit Ende 2025 in Betrieb ärme, die mangels Fernwärmenetz vorerst verstromt wird. Die zweite Schleife sollte folgen, mit zwei parallelen Bohranlagen. Doch dann traten beim Zementieren einer Bohrung Probleme auf. Die Folge: Eavor musste die beiden Anlagen nacheinander statt gleichzeitig einsetzen. Wiehager betont, dass die Ursache dafür nicht die hauseigene Technologie gewesen sei: „Das waren bohrtechnische Probleme, die mit der Eavor-Technologie an sich nichts zu tun hatten und so bei jeder anderen Bohrung dieser Komplexität auch hätten auftreten können.“

    Teurer wurde es trotzdem. Eine Tiefbohrung auf 5000 m kostet nach Branchenschätzungen 8 bis 13 Mio. €, rund 70 % davon sind Zeitkosten für Miete, Personal und Dienstleister. Bei einer Dauer von durchschnittlich 100 Tagen sind das überschlägig 55.000 bis 90.000 € pro Tag. Mit anderen Worten: Jeder Tag, an dem eine Anlage stillsteht, geht ins Geld.

    In den nächsten Wochen will Eavor daher beide Bohranlagen abziehen. Wann die Arbeiten weitergehen, kann das Unternehmen derzeit nicht sagen. Bis ein neuer Vertrag steht und das Equipment zurück auf der Baustelle ist, vergehen aber üblicherweise viele Monate. Mit einer Bohrung im kommenden Jahr ist deshalb kaum zu rechnen.

    Geretsrieds Wärmeversorger zieht die Reißleine

    Für den örtlichen Wärmeversorger, die Isar Loisach Naturwärme GmbH (ILN), war die zweite Schleife jedoch die Bedingung, überhaupt ein Fernwärmenetz zu bauen. Die Idee: Erst der Proof of Concept bzw. der Nachweis, dass sich die Anlage reproduzieren lässt, dann die Leitungen.

    Dazu kam Geld. Eavor wollte den bestehenden Wärmeliefervertrag „kommerziell anpassen“, so steht es in der ILN-Mitteilung vom 26. Oktober. Eine gemeinsame Grundlage dafür fand sich nicht. Gesellschafter und Aufsichtsrat der ILN nahmen den Abzug der Bohranlagen „mit großer Enttäuschung zur Kenntnis“ und beschlossen, vom Vertrag zurückzutreten.

    Die ILN will nun andere Wege für die Wärmeversorgung der Stadt prüfen. Ganz verbrannt ist das Verhältnis aber nicht. Das ILN-Rücktrittsstatement enthält ausdrücklich das „Angebot an Eavor, zu einem späteren Zeitpunkt erneut zusammenzuarbeiten“.

    Hannover: Der Dominostein fällt

    Die Erfahrungen aus den Bohrungen in Geretsried hatten Folgen für ein zweites Projekt 600 km weiter nördlich. Eavor zog aus den Kosten und Verzögerungen des Leuchtturmprojekts in Bayern den Schluss, keine Projekte mehr auf eigene Rechnung zu entwickeln. Das traf Hannover, das zweite deutsche Projekt. Und es stand kurz vor der Umsetzung.

    Der Energieversorger Enercity hatte einen langfristigen Wärmeliefervertrag mit Eavor geschlossen, 30 MW sollten aus dem Untergrund kommen und so 15 bis 20 % des städtischen Fernwärmebedarfs decken. Enercity selbst wollte nur das Netz stellen. „Das ist nicht unser Spezialgebiet“, sagt ein Sprecher des Unternehmens, für die Wärme aus der Tiefe sei man auf Fachfirmen wie Eavor angewiesen. Die Rollen waren verteilt, die seismische Erkundung abgeschlossen, und Enercity hatte bereits eine Leitung gebaut, die stadtauswärts zur Klärschlamm- und Müllverbrennungsanlage führt. Dort hätte die Geothermie angedockt.

    Dann zog sich Eavor zurück. Am 22. Oktober gab Enercity das Aus bekannt. Warum, kann ein danach befragter Unternehmenssprecher nicht sagen: Möglicherweise lägen neue geologische Erkenntnisse vor, das wisse nur Eavor. Man bedaure das Ende, denn man sei von dem Projekt begeistert gewesen. Für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung im Zuge des geplanten Kohleausstiegs sei Hannover aber nicht auf die Wärme aus Eavors Tiefengeothermie angewiesen; Enercity habe mehr Erzeuger im Portfolio und prüfe Alternativen.

    Wie Eavor seine Strategie ändert

    Neue geologische Erkenntnisse habe es nicht gegeben, sagt Wiehager. „Über den Sommer haben intensive Gespräche stattgefunden, um alternative Umsetzungsmöglichkeiten für das Projekt in Hannover zu finden. Leider haben diese Gespräche zu keinem erfolgreichen Ergebnis geführt, sodass keine tragfähige Lösung zur Fortführung des Projekts gefunden werden konnte.“

    Letztendlich steckt hinter Eavors Entscheidung ein Strategiewechsel. Das Start-up sucht nunmehr Dritte, die Projekte als Entwickler übernehmen und finanzieren. Anders als im August 2025, als Alexander Land von 40 GW bis 2040 sprach, will man keine Projekte mehr selbst betreiben, sondern dafür externe Partner suchen. In Hannover fand Eavor keinen. „Um unser Geschäftsmodell zu stärken, sind wir von der Rolle des Projektentwicklers abgerückt, zurück zu den Wurzeln als Technologieunternehmen“, sagt Wiehager. Heißt: Künftig will man Vorstudien durchführen, beraten und Technologie ausliefern, aber die Projektentwicklung und den Betrieb anderen überlassen.

    Das Projekt, das weiterlaufen könnte

    Bleibt Neu-Ulm als drittes deutsches Eavor-Vorhaben. Die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) wollen mit einer Tiefengeothermie-Anlage der Kanadier bei Ludwigsfeld ihr Fernwärmenetz von fossilen Brennstoffen unabhängig machen und haben das Unternehmen mit der Erkundung beauftragt. Eine Entscheidung über den Bau gibt es noch nicht.

    In der Branche wird nach Geretsried und Hannover bereits gefragt, ob die Technik überhaupt funktioniert, wie die Südwest Presse am 27. Oktober berichtete. Wiehager hält dagegen. „Eavor war in Neu-Ulm nie als Projektentwickler vorgesehen. Diese Entwicklungen haben auf Neu-Ulm keinen Einfluss“, so der Pressesprecher.

    Stattdessen sind die Rollen in der schwäbischen Stadt von Anfang an so verteilt, wie Eavor sie künftig überall haben will: Das Unternehmen prüft die Machbarkeit, berät und liefert gegebenenfalls die Technologie; Dritte entwickeln, finanzieren und betreiben das Projekt hinterher.

    Ob die SWU diesen Weg letztlich gehen will oder nicht, ist derzeit offen. Im November will Eavor den Stadtwerken seinen Engineering Report übergeben. Dann liegt die Entscheidung bei den SWU. Die Stadtwerke scheinen noch interessiert zu sein: Das Konzept mit Eavor sei der kosteneffizienteste Plan, sagte Reinhard Wunder von den SWU der Südwest Presse.

    Was ist nun los bei Eavor?

    Die Antwort auf die Eingangsfrage muss also differenziert ausfallen. Und für eine Untergangserzählung ist es in jedem Fall zu früh.

    Denn technisch hat Eavor geliefert. Die erste Schleife in Geretsried zirkuliert, das Wasser steigt ohne Pumpe auf, die Versiegelung hält, und die Bohrköpfe haben sich in 4500 m Tiefe gefunden. Mit nur vier von zwölf geplanten Lateralpaaren stellt die Anlage nach Unternehmensangaben konstant 8 bis 10 MW thermisch bereit, ursprünglich waren 16 MW für den kompletten Loop kalkuliert.

    „Alle Kernkomponenten der Technologie haben wir bewiesen, unter anderem Thermosiphon-Effekt, Rock-Pipe-Versiegelung, Active Magnetic Ranging. Die Herausforderung ist nunmehr eine wirtschaftliche anstatt eine technische“, sagt Wiehager.

    Der eigentliche Knackpunkt

      Und da liegt das Problem. Der erste Loop in Geretsried wurde deutlich teurer als geplant, der daraus abgeleitete Wärmepreis ließ sich nicht halten, und für die zweite Schleife fand sich kein Investor, der das Risiko trägt.

      Das ist das Schicksal vieler junger Technologien: Die erste Anlage ist die teuerste, günstiger wird es erst durch Wiederholung. Eavor selbst sagt, dank der Erfahrungen aus Geretsried bei weiteren Projekten günstiger arbeiten zu können. Nur wer diese weiteren Projekte finanziert, ist in Deutschland derzeit unklar.

      Parallel entwickelt Eavor in Kanada die nächste Generation seines Loops, genannt „Jules“, nach Jules Vernes Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von 1864. Sie soll, nomen est omen, noch tiefer in heißeres Gestein hineinreichen, um auch Strom wirtschaftlich zu erzeugen. Erste Tests sind für 2028 in Kanada geplant. Parallel plant Eavor Loop-Projekte in den USA und Japan, wo Rechenzentren grundlastfähigen grünen Strom suchen.

      „Forty by Forty“ ist nun höchstwahrscheinlich passé. Die Tiefengeothermie ohne Wasservorkommen à la Eavor ist es nicht.

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