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220.000 t Sprit aus Speiseöl: Hamburgs Wasserstoffnetz bekommt seinen größten Abnehmer

20. Oktober 2026

Raffinerie in Hamburg
Auf dem Raffineriegelände in Harburg entsteht derzeit die neue Produktionsanlage: Ab Ende 2027 soll sie jährlich rund 220.000 t Diesel und Flugkraftstoff aus biogenen Reststoffen liefern, den Wasserstoff dafür bringt künftig HH-WIN. Foto: HOLBORN Europa Raffinerie
Hamburgs Wasserstoffnetz HH-WIN hat einen neuen Großabnehmer: Die Raffinerie in Harburg will mit dem Gas Diesel und Flugkraftstoff aus gebrauchtem Speiseöl herstellen. Der Vertrag wurde auf der Hamburger Wasserstoffmesse unterzeichnet. Wie weit ist das Netz inzwischen?
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Die Hamburger Wasserstoffwirtschaft hat ihren bisher größten Kunden. Auf der Messe Hydrogen Technology World Expo unterzeichneten die Holborn Europa Raffinerie und die Hamburger Energienetze am 20. Oktober einen Vertrag für den Anschluss der Raffinerie an das Wasserstoff-Industrie-Netz HH-WIN, im Beisein von Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher.

Ab 2028 soll die Anschlussanlage eine neue Produktionslinie versorgen, die Holborn derzeit in Harburg baut: Dort sollen pro Jahr rund 220.000 t klimafreundlicher Diesel und Flugkraftstoff aus gebrauchten Speiseölen und anderen biogenen Reststoffen entstehen.

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Für das Netz, dessen Schaltzentrale seit August auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Moorburg gebaut wird, ist es der Nachweis, dass sich die Investition in Rohre und Anlagen mit zahlender Nachfrage unterlegen lässt. Damit gehört HH-WIN weiter zu den wenigen deutschen Wasserstoffprojekten, die im Zeitplan liegen.

Inhaltsverzeichnis

Größter Abnehmer steht fest: die Raffinerie in Harburg

Die Holborn Europa Raffinerie versorgt den Norden mit Kraftstoffen, Heizprodukten und Grundstoffen für die Chemie. Künftig will das Unternehmen auf seinem Gelände jährlich rund 220.000 t HVO (Hydrotreated Vegetable Oil) und SAF (Sustainable Aviation Fuel) herstellen, also Diesel und Flugkraftstoff aus Altspeiseölen und biogenen Nebenprodukten. Der Wasserstoff spielt dabei die Schlüsselrolle: Beim sogenannten Hydrotreating wird den fetthaltigen Rohstoffen unter hoher Temperatur und hohem Druck Wasserstoff zugeführt. Das Gas bricht Bindungen auf und entfernt Sauerstoffverbindungen, übrig bleiben Kohlenwasserstoffketten, die weitgehend denen in fossilem Diesel und Kerosin entsprechen. Mit der geplanten Produktionsmenge lassen sich im Verkehrssektor laut den Partnern bis zu 800.000 t CO2 pro Jahr einsparen.

Die Anschlussanlage auf dem Raffineriegelände legen die Hamburger Energienetze auf eine Dauerleistung von 35,4 MW aus, in Lastspitzen auf bis zu 62 MW. Das entspricht der Leistung eines Gasturbinenkraftwerks, das eine Stadt mit 70.000 Einwohnern versorgen könnte. Praktisch ist die Lage: Die Haupttrasse zwischen Moorburg und Harburg verläuft direkt über das Gelände. Den zunächst fossilen Wasserstoff will Holborn schrittweise durch grünen aus dem Netz ersetzen, bis zu 100 % sollen möglich werden; im ersten Schritt sollen 138.000 t CO2 pro Jahr wegfallen. „Für uns ist HH-WIN mit der schnellen Verfügbarkeit von kohlenstoffarmem Wasserstoff ein klarer Standortvorteil“, sagte Holborn-Geschäftsführer Lars Bergmann bei der Unterzeichnung. Peter Wolffram, Geschäftsführer der Hamburger Energienetze, ergänzte: „Unser Wasserstoffnetz wird damit bereits wenige Monate nach Betriebsstart im Herbst 2027 erhebliche Mengen transportieren können.“

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Was der H2-Connector macht

Der Name klingt nach Marketing, beschreibt die Funktion aber ziemlich genau. Der H2-Connector verbindet drei Systeme, die mit unterschiedlichen Drücken arbeiten.

  • Das Verteilnetz HH-WIN versorgt die Hamburger Industrie mit einem Betriebsdruck von bis zu 25 bar.
  • Das übergeordnete Fernleitungsnetz Hyperlink des Betreibers Gasunie, das Hamburg in der niedersächsischen Gemeinde Rosengarten erreicht, ist dagegen auf bis zu 70 bar ausgelegt.
  • Der Elektrolyseur auf dem Nachbargrundstück liefert seinen Wasserstoff auf einem dritten Druckniveau an.
Visualisierung des H2-Connectors in Moorburg, also des Anlagenparks, der gerade auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände entsteht. Foto: Hamburger Energienetze / XKP Visual Engineers

Damit die Systeme zusammenarbeiten können, errichten die Hamburger Energienetze bis 2027 einen ganzen Anlagenpark. Drei Komponenten sind geplant:

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  • Eine Gasdruckregelanlage senkt den Druck des ankommenden Wasserstoffs aus dem Fernleitungsnetz von bis zu 70 bar auf unter 25 bar ab. Die Energie kommt über eine mehr als 13 km lange Hochdruckleitung von der Übernahmestation in Rosengarten nach Moorburg.
  • Eine Wasserstoff-Einspeiseanlage nimmt den Elektrolysewasserstoff des benachbarten Hamburg Green Hydrogen Hub (HGHH) ins Netz auf.
  • Eine Verdichterstation soll später hinzukommen. Sie erhöht bei Exporten den Druck aus dem Verteilnetz auf bis zu 70 bar, damit Hamburger Wasserstoff auch ins Kernnetz fließen kann. Diese Anlage befindet sich laut Netzbetreiber noch in der Projektierung.

„Für den Erfolg der Wasserstoffwirtschaft brauchen Abnehmer Wahlmöglichkeiten“, sagte Michael Dammann, der technische Geschäftsführer der Hamburger Energienetze, zum Baustart. Der Anlagenpark erlaube es, Energie aus der Elektrolyse vor Ort einzuspeisen, Wasserstoff aus dem Fernleitungsnetz zu beziehen und sogar zu exportieren.

In der ersten Ausbaustufe sollen die Anlagen stündlich bis zu 360.000 m³ Wasserstoff nach Hamburg importieren oder bis zu 200.000 m³ ins Fernleitungsnetz exportieren können. Die Baukosten beziffert der Netzbetreiber auf rund 22,6 Mio. €, ohne die noch nicht beauftragte Verdichterstation. Etwa 16,3 Mio. € davon deckt die IPCEI-Förderung des HH-WIN-Gesamtprojekts ab.

Hamburg als H2-„Brückenkopf“

Die Verbindung nach Rosengarten koppelt Hamburg an das entstehende deutsche Wasserstoff-Kernnetz, konkret an die Leitung Hyperlink, die Gasunie derzeit in Nordwestdeutschland aufbaut. Rund 70 % davon entstehen laut der Fernleitungsnetzbetreiberin durch die Umrüstung bestehender Erdgasleitungen. Teile von Hyperlink sollen bereits zum Netzstart von HH-WIN in Betrieb gehen, sagte Gasunie-Geschäftsführerin Britta van Boven beim Baustart in Moorburg. Hamburg bilde als Verbrauchs- und Importzentrum „einen wichtigen Brückenkopf in der bundes- und europaweit entstehenden Wasserstoffwirtschaft“.

Die Industrie im Hafen soll Wasserstoff also aus dem Kernnetz beziehen können, wenn die lokale Produktion nicht ausreicht. Umgekehrt könnte die Stadt überschüssigen oder perspektivisch per Schiff importierten Wasserstoff in das Kernnetz einspeisen.

Wo HH-WIN heute steht

Während in Moorburg der Anlagenpark entsteht, kommt der Leitungsbau schneller voran als noch im Sommer: Nach Angaben von Bürgermeister Tschentscher auf der Wasserstoffmesse am 20. Oktober sind inzwischen 40 km des Netzes fertig und gehen 2027 in Betrieb, weitere 20 km werden gebaut, um bis 2031 zusätzliche Großkunden anzubinden. Wie aufwendig der Netzbau im dicht genutzten Hafen ist, zeigte im Frühjahr ein Bauabschnitt in Altenwerder.

Hier muss die Wasserstoffleitung von Südosten kommend mehrere Gleise der Hafenbahn-Hauptachse kreuzen, eine der zentralen Güterverkehrsadern im Hamburger Hafen. Eine offene Baugrube hätte den Bahnbetrieb über Wochen oder Monate unterbrochen. Keine Option für eine Infrastruktur, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen soll.

Das Tunnelprojekt verbindet beim Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netz wichtige Industrieareale im Hafen.
Das Tunnelprojekt verbindet beim Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netz wichtige Industrieareale im Hafen. Foto: © Hamburger Energienetze

Aus diesem Grund griffen die Ingenieurinnen und Ingenieure der Hamburger Energienetze zu einem sogenannten Mikrotunnelvortrieb. Dafür errichteten sie zunächst einen Start- und einen Zielschacht aus Betonpfahl-Ringwänden mit über 7 m Durchmesser, die fast 13 m in die Tiefe reichen und damit weit unterhalb der Gleisanlagen liegen. Ein Kran hob eine Vortriebsmaschine mit nur 80 cm Bohrkopfdurchmesser in den Startschacht, von wo aus sie sich horizontal durchs Erdreich arbeitete. Hinter dem Bohrkopf trieben Hydraulikpressen Stahlbetonrohre in den 106 m langen Bohrkanal. Züge und Straßenverkehr liefen währenddessen regulär weiter. „Mit Tunnelvortrieben wie in Altenwerder bauen wir schonend für den im Hafen wichtigen Güterverkehr“, erklärte Dammann bereits zum Start der Bohrung im März.

Durch den Tunnel läuft dabei neben der eigentlichen Wasserstoffleitung noch mehr: Auch Strom- und Messkabel führen unter der Hafenbahn hindurch. Sie übernehmen die digitale Steuerung und Überwachung des gesamten Wasserstoffnetzes.

Über 106 m Länge gräbt sich derzeit eine Vortriebsmaschine von einem 13 m tiefen Startschacht unter der Hafenbahn in Altenwerder durch.
Über 106 m Länge grub sich eine Vortriebsmaschine von einem 13 m tiefen Startschacht unter der Hafenbahn in Altenwerder durch. Foto: © Hamburger Energienetze

Was steckt hinter HH-WIN?

Der Tunnel in Altenwerder ist nur ein Teil von HH-WIN, dem Wasserstoff-Verteilnetz südlich der Elbe. In der ersten Ausbaustufe soll es rund 40 km umfassen, bis 2031 sollen es 60 km werden. Das Netz verbindet die im Bau befindliche 100-MW-Elektrolyseanlage auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Moorburg mit den industriellen Abnehmern im Hafen, darunter der Leichtmetall-Produktion Altenwerder und dem Luftfahrt-Standort Finkenwerder. Auch die Hafenlogistik kann das Gas gebrauchen; die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) testet Brennstoffzellen-Fahrzeuge für schwere Containergeräte. Als erster Industriekunde hatte sich im März 2026 der Klebebandhersteller Tesa vertraglich an das Netz gebunden, um sein Werk in Hausbruch umzustellen. Mit Holborn kommt nun nochmal ein deutlich größerer Abnehmer hinzu.

Allein in der ersten Phase sollen jährlich 580.000 t CO₂ eingespart werden. Im Vollausbau könnte HH-WIN laut den Hamburger Energienetzen rund 6,4 TWh Erdgas durch grünen Wasserstoff ersetzen. Das entspräche einer Reduktion von 1,4 Mio. t CO₂ pro Jahr, knapp 9 % der gesamten Hamburger Emissionen. Finanziert wird HH-WIN unter anderem aus IPCEI-Mitteln des Bundes in Höhe von 126 Mio. €.

Das Netz soll perspektivisch auch nördlich der Elbe wachsen. Erweiterungscluster für Industriegebiete von Hammerbrook bis Billbrook und von Langenhorn bis Lokstedt sind bereits in der Planung. Seit Anfang 2026 hat der Netzbetreiber mit der Vermarktung begonnen: Auf der Homepage können Industrieunternehmen Transportkapazitäten reservieren. Dabei gilt das Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.

Puzzlestück in Hamburgs Klimastrategie

HH-WIN ist eines von mehreren Großprojekten, mit denen Hamburg klimaneutral werden will. Im Oktober 2025 war das Zieljahr per Volksentscheid von 2045 auf 2040 vorgezogen worden. Neben dem Wasserstoffnetz zählen auch die 100-MW-Elektrolyse in Moorburg, die industrielle Abwärmenutzung bei Aurubis und der Einsatz von Brennstoffzellenbussen bei der Hamburger Hochbahn zu den Klimaprojekten. Ob die CO₂-Rechnung aufgeht, hängt dann von den Abnehmern ab. Eingespart wird nur, was die Industrie tatsächlich umstellt. Und dafür muss der grüne Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein.

Als Gasnetz Hamburg im Jahr 2022 mit der konkreten Planung für HH-WIN begann, hatte der Wasserstoff-Hype gerade seine Hochphase. Vier Jahre später liegen zwei Drittel der Leitungen im Boden, in Moorburg stehen die Bagger für die Schaltzentrale, und mit der Raffinerie hat das Netz seinen größten zahlenden Kunden. Hamburg wolle ein bedeutender Wasserstoff-Hub werden, sagte Tschentscher auf der Messe, und mit der Millioneninvestition binde sich Holborn an den Standort. Der Starttermin im Herbst 2027 hat weiter Bestand. In der deutschen Wasserstoff-Landschaft, wo viele Projekte versanden oder auf Eis gelegt werden, ist das inzwischen mehr als eine Randnotiz.



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