30.05.2017, 10:31 Uhr | 0 |

Arbeitsmarkt für Ingenieure Bauboom macht Bauingenieure zu gesuchten Fachkräften

Seit Jahren war die Lage im Baugewerbe nicht so gut wie heute – entsprechend emsig suchen Unternehmen nach Mitarbeitern. Und finden keine. Steht die Wiedergeburt eines Schreckgespenstes bevor?

Bauingenieure gefragt
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Wegen des Booms, u.a. im Wohnungsbau, sind Bau- und Vermessungsingenieure derzeit gefragt.

Foto: Boris Roessler/dpa

Der anhaltende Bauboom und die gute Auftragslage im Bauhauptgewerbe machen Bauingenieure derzeit zu gesuchten Fachkräften. Allein im vergangenen Jahr wurde der Neubau von 375.000 Wohnungen genehmigt und Betriebe im Bauhauptgewerbe verzeichneten zuletzt, genauer: im Februar 2017, Auftragseingänge mit einem Volumen von mehr als fünf Milliarden Euro – zwei seit Jahrzehnten nicht mehr erreichte Höchstwerte.     

Entsprechend gesteht der neueste Ingenieurmonitor, den das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln gemeinsam mit dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) erstellt, gerade Bauingenieuren nachhaltig positive Beschäftigungsperspektiven zu – mit unübersehbaren Folgen für den ein oder anderen Arbeitgeber. „Im Baubereich wird es für den öffentlichen Dienst zunehmend schwierig, Ingenieure zu finden“, prophezeit der VDI.

Megatrends wie Digitalisierung und Elektromobilität steigern die Nachfrage nach Ingenieuren bundesweit

Aber nicht nur Bauingenieure werden gesucht. Um das von der Politik angestrebte Investitionsziel zu erreichen, nämlich weiterhin mindestens 3% des BIP in Forschung und Entwicklung zu investieren, sind die Unternehmen auf Ingenieure angewiesen. Und in der Maschinen-, Fahrzeug-, Energie- und Elektrotechnik werden ebenfalls deutlich mehr Ingenieure gesucht als auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. „In diesen Berufskategorien sind insbesondere Themen wie Digitalisierung, Energiewende oder Elektromobilität Treiber der hohen Nachfrage nach Ingenieuren“, erläutert Sarah Berger, Arbeitsmarktökonomin am IW Köln.

In Zahlen bedeutet das: Bundesweit waren im ersten Quartal 2017 rund 74.000 offene Stellen für Ingenieure gemeldet, davon 38% am Bau, in der Vermessung, der Gebäudetechnik und der Architektur. Gleichzeitig gab es im ersten Quartal rund 26.600 arbeitslos gemeldete Ingenieure, deutlich weniger als noch vor einem Jahr. Dabei lag die Arbeitslosenquote in den Ingenieurberufen bereits in den vergangenen Quartalen deutlich unter drei Prozent, „was in der Arbeitsmarktökonomik als Vollbeschäftigung bezeichnet wird“, so Berger.

Das Schreckgespenst Fachkräftemangel kommt zurück

Damit erwacht ein Schreckgespenst der Arbeitgeber langsam wieder zu neuem Leben: der Fachkräftemangel. Naturwissenschaftlich-technische Arbeitsstellen zählen neben den Gesundheitsberufen schon lange zu den Engpassberufen, die Situation bei den Ingenieuren schien sich aber in den vergangenen Jahren etwas entspannt zu haben. Diese Phase ist nun im Endstadium begriffen - vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen.

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (Kofa), eine Initiative des IW Köln und des Bundeswirtschaftsministeriums zur Unterstützung des Mittelstands, veröffentlichte bereits im April eine Studie, die den Fachkräfteengpass in den technischen und Gesundheitsberufen eindrücklich belegt. Besonders hoch ist die Nachfrage nach Ingenieuren demnach in Süddeutschland. „Alleine Baden-Württemberg und Bayern vereinen rund 35% der aktuellen Arbeitskräftenachfrage auf sich“, analysiert die Kölner Ökonomin. Entsprechend knapp sind die gefragten Kandidaten.

Mismatch zwischen erhobenem und gefühltem Fachkräftebedarf

Viele Ingenieure, vor allem Berufseinsteiger, können die Beschwerden der Arbeitgeber nicht nachvollziehen – sie suchen teilweise trotz Masterabschluss wochen- und monatelang nach einer Stelle. Wie kann das sein? Der Großteil dürfte auf ein klassisches Mismatch zurückgehen. „Wenn beispielsweise die Qualifikation eines Bewerbers nicht mit der Qualifikationsanforderung einer Stelle zusammenpasst oder die räumliche Entfernung ein Hindernis darstellt, finden Arbeitskräfteangebot und -nachfrage nicht zusammen“, erklärt Berger.

Aus der Statistik herausgelöst heißt das: Die Anforderungen der Unternehmen werden immer komplexer. Gesucht wird nicht der Maschinenbauingenieur oder die Bauingenieurin, gesucht werden vielmehr Spezialisten in einem bestimmten Aufgabengebiet, idealerweise mit zusätzlichen Kenntnissen, immer häufiger etwa in der IT. Gleichzeitig versuchen viele Arbeitgeber, dort eine Stelle zu finden, wo sie sich ihren Lebensmittelpunkt eingerichtet haben. Wenig überraschend kommt die Kofa-Studie schließlich zu dem Ergebnis: „Umzüge von Arbeitslosen könnten viele Fachkräftelücken schließen und zugleich Menschen in Arbeit bringen.“ Wer die Karte aufmerksam studiert, stellt zumindest fest, dass für Ingenieure grundsätzlich jede Gegend Deutschlands als Arbeitsort infrage kommt.

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Von Lisa Schneider
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