Interview zu Wirtschaftsprognosen 12.10.2012, 19:54 Uhr

„Die beste Prognose ist die, die nicht eintritt“

Im Herbst überbieten sich Wirtschaftsforscher mit Vorhersagen für das kommende Jahr. Doch die Qualität der Prognosen nimmt ab. Woran das liegt erläutert Klaus Abberger, Konjunkturforscher an der ETH Zürich.

Klaus Abberger zur Qualität von Prognosen.

Klaus Abberger zur Qualität von Prognosen.

Foto:  ifo Institut für Wirtschaftsforschung

VDI NACHRICHTEN: Herr Abberger, die Treffsicherheit von Konjunkturprognosen sinkt. Was macht Ihre Arbeit so schwierig?

ABBERGER: Prognosen befassen sich mit der Zukunft. Die zur Verfügung stehenden Daten – und seien sie noch so neu – spiegeln immer die Vergangenheit wider – nicht einmal die Gegenwart. In diesen Daten sucht man nach Mustern aus der Vergangenheit, um für die Prognose zu lernen…

…aber das hilft offenbar nicht immer.

Die Trefferquote ist selten 100 %. Treten im Prognosezeitraum plötzlich kleine oder große Schocks ein, gibt es ein Problem: In der zuvor erstellten Prognose konnten diese Schocks nicht berücksichtigt werden. So geschehen 2008/2009 als in Folge der Finanzkrise die deutsche Wirtschaft einbrach. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging um über 5 % zurück. Kaum eine Konjunkturprognose hat damals diesen Wirtschaftseinbruch widergespiegelt.

Auch die anschließende kräftige Konjunkturerholung hat Sie auf dem falschen Fuß erwischt.

Für ein solches Muster gab es wenig Erfahrungen aus der Vergangenheit. Zwar hat man ökonomische Modelle, die einen bei der Prognose leiten. Aber für konkrete Prognosezahlen fehlen Daten aus denen man Vergleiche ableiten kann. Und selbst wenn man Muster findet, muss man bedenken, ob die Zusammenhänge auch jetzt so gelten.

Wie sehr können sich Konjunkturforscher auf die Daten der Statistikämter verlassen? Die werden ja im Nachhinein häufig korrigiert.

Die Arbeit der Ämter ist zweifellos gut und für die Prognostiker unverzichtbar – aber sie ist auch schwieriger geworden: Die heute wesentlich stärkere Arbeitsteilung ist national wie auch international schwerer zu erfassen.

Das Ziel der Politik, die Entbürokratisierung voranzutreiben, hat zudem dafür gesorgt, dass es schwieriger geworden ist, Daten zu sammeln. Die sogenannten Abschneidegrenzen sind oft heraufgesetzt worden. Besteht zum Beispiel für Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern keine Meldepflicht zur Statistik mehr, dann fehlen natürlich wichtige Informationen.

Das erfordert immer wieder Revisionen weil man zusätzliche Daten – wie etwa Steuerdaten – benötigt, um zu möglichst realitätsnahen Zahlen zu kommen. Solche Daten sind aber erst mit einer deutlichen Verzögerung verfügbar.

Konjunkturelle Wendepunkte sind offenbar besonders schwer vorherzusagen. Versagt da die Konjunkturtheorie?

Es gibt Theorien zu dem Problem. Dennoch bleibt es schwierig, die Wendepunkte in der Praxis zu erkennen. Gerade Wendepunkte – und damit eine neue konjunkturelle Phase – zu prognostizieren, erfordert eine gewisse Sicherheit. Man wartet also bis man mehrere Indikatoren hat, die auf eine Wende hindeuten.

Das klingt plausibel. Wo liegt dann das Problem?

Gerade zu Beginn einer Wende gibt es viele, sich widersprechende Indikatoren. Auch durch empirische Schätzungen sind konjunkturelle Wendepunkte nur schwer zu ermitteln. Man wartet also, bis sich die Indikatoren mehren, die auf eine Wende hindeuten. Der Prognostiker muss sich sicher sein, damit es nicht leichtfertig zu Fehlprognosen kommt.

Auch im Moment stehen wir vor einem solchen Problem: Wir wissen, dass sich die deutsche Wirtschaft bereits deutlich abkühlt. Unklar bleibt, ob das eine Schwächephase oder ein richtiger Abschwung ist.

Mit Prognosen nehmen Konjunkturforscher ja auch Einfluss auf das Verhalten von Verbrauchern, Unternehmen, Regierungen. Ist das gewollt?

Ja, es ist unter Umständen auch gewollt. Man kennt die gegenwärtigen Verhältnisse und trifft unter der Bedingung, dass sie sich fortsetzen, die Prognose. Die bedingte Prognose zeigt also auf, was passiert, wenn es weiter geht wie bisher.

Eine solche Prognose soll auch Signale an die Politik aussenden – zum Beispiel nicht in eine Rezession zu steuern. In diesem Fall wäre es ein Optimum, wenn sich die Prognose selbst zerstören würde…

…etwa indem die Regierung Maßnahmen ergreift, um die Konjunktur anzukurbeln.

Ja, die Politik kann die Signale aufnehmen und reagieren. In diesem Fall gilt: Die beste Prognose ist die, die nicht eintritt.

Also geht es dem Prognostiker nicht nur darum eine Prognose abzugeben, sondern es spielen für ihn auch die Reaktionen auf Prognosen eine Rolle?

Vieles in der Wirtschaft ist von Erwartungen und Plänen geprägt. Es ist schon wichtig, wie die Unternehmen auf Prognosen reagieren: Zum Beispiel wird nicht investiert, wenn die Zukunftserwartungen eher negativ sind.

Oder für den weiteren Konsum ist von zentraler Bedeutung, wie die künftige Arbeitsmarktentwicklung eingeschätzt wird. Denn davon hängt die Sicherheit des Arbeitsplatzes ab, die für Konsumentscheidungen wesentlich ist. Die Prognose hat zwar künftiges Handeln der Wirtschaftssubjekte im Blick, berücksichtigt aber nicht mögliches Handeln der Politik als Reaktion darauf.

Es kann aber auch zu sich selbst erfüllende Prognosen kommen. Etwa je negativer die Prognose, desto schlechter wird es.

Diese Gefahr ist bekannt und daher ist es das Ziel des seriösen Prognostikers, den Pessimismus nicht zu verstärken, sondern durch rechtzeitige Signale konstruktives Handeln auszulösen.

Wenn zum Beispiel zu vermuten ist, dass sich die Konjunktur in Asien deutlich abkühlen wird, weil die dortigen Notenbanken aufgrund steigender Inflationsraten auf eine restriktive Geldpolitik umgeschwenkt sind, dann hat das negative Auswirkungen auf die deutschen Exportaussichten in dieser Region.

Dies in Prognosen einfließen zu lassen ist geboten, damit sich die Unternehmen darauf einstellen und rechtzeitig ihre Kapazitäten justieren können. Andernfalls liefe man ja Gefahr, dass ein möglicher Abschwung hierzulande noch deutlich stärker ausfiele, weil sich die Exporteure möglicherweise nicht rechtzeitig auf die Situation in Asien einstellen würden.

Sinn und Zweck von Prognosen ist es auch, dem Ziel eines glatteren und reibungsloseren Konjunkturverlaufs nicht entgegen zu wirken. Schließlich geht es auch darum, Übertreibungen, Abwärtsspiralen oder Blasenbildungen zu vermeiden.

Nach dem Prognosedesaster in der Finanzkrise rief ein bekannter Wirtschaftsforscher dazu auf, Konjunkturprognosen zu unterlassen. Sein Ruf verhallte. Warum?

2008/2009 war man mit einem Ereignis konfrontiert, das es so zuvor nie gegeben hatte. Es fehlte an Erfahrungen. Zur üblichen Unsicherheit trat damals ein völlig überraschendes Ereignis.

Unsere Erfahrungen lehren, dass aber gerade in solch unsicheren Zeiten eine besonders große Nachfrage nach dem Blick in die Zukunft besteht. Deshalb ist es wichtig, dass die Prognostiker die Entwicklung aufnehmen, gewisse Annahmen treffen und davon ableiten, was aus ihrer Sicht plausibel ist. Wirtschaft aber auch Politik benötigen für ihre Entscheidungen Anhaltspunkte.

Auch in der Eurokrise stehen Wirtschaftsforscher ziemlich ratlos da. Ist das nicht frustrierend?

In der Euroschuldenkrise stehen wir ebenfalls ohne Erfahrungen da. Was wir wissen ist, dass die Krise bisher durch die zahlreichen Programme und Bemühungen der Politik nicht gemildert, geschweige denn beendet worden ist.

Auch hier kann man nur mit vielen Annahmen arbeiten, die unter anderem davon ausgehen, dass die Maßnahmen greifen. Aber was passiert wenn sich die Lage nicht beruhigt und ein zusätzlicher plötzlicher Schock, wie ein Run auf die Banken, ausbricht?

Was sind die häufigsten Ursachen für Prognosefehler?

Zunächst: Die Prognosen der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute sind handwerklich solide erstellt und werden verantwortungsbewusst präsentiert. Das Problem besteht darin, dass positive und negative Schocks, die auf die Wirtschaft zukommen, vorher oft nicht absehbar sind und daher auch nicht prognostiziert werden können.

Berücksichtigen Sie dabei auch technologische Schocks oder Durchbrüche?

Ja, derzeit bemühen wir uns etwa darum, in Prognosen die Tatsache zu berücksichtigen, dass die USA zu einem neuen Energiegiganten aufsteigen. Vor wenigen Jahren war nicht vorauszusehen, dass neue Technologien dazu führen würden, in den USA große Mengen an Energierohstoffen wirtschaftlich lohnend zu erschließen.

Der Technologiesprung hat stattgefunden und das wird wirtschaftliche Auswirkungen haben. Unter anderem dürften neue Arbeitsplätze entstehen. Das eröffnet Chancen. So dürften einige der in der US-Bauwirtschaft entlassenen Arbeitskräfte im Energiebereich neue Beschäftigungsmöglichkeiten finden.

Technologiesprünge sind nicht vorhersehbar. Man kann nur versuchen, sie – wenn sie einmal erkannt sind – schnell einzubauen. Ihre wirtschaftlichen Auswirkungen in der Prognose zu berücksichtigen, bleibt aber schwierig.

Müssen Prognosen unbedingt mit Zahlen operieren? Würde nicht auch die Angabe von Tendenzen reichen?

Wir arbeiten in den Prognosen schon sehr viel mit Tendenzen. In den Konjunkturprognosen wird das jeweils aktuelle Konjunkturbild umfänglich erfasst. Dabei geht es darum, die generelle Entwicklung darzustellen, die Situation richtig einzuordnen und die Risiken aufzuzeigen.

Aber es wird auch verlangt, dass sich die Prognose konkret in Zahlen festlegt. Das dient unter anderem den Steuerplanern aber auch den Unternehmen. Und die Politik braucht ebenfalls konkrete Zahlen, um zum Beispiel ihren Haushalt aufstellen zu können. Da reichen Tendenzen allein nicht aus.

…aber machen Zahlen nach dem Komma wirklich Sinn?

Als Prognostiker hat man in der Tat selten das Glück, auch die Zahlen nach dem Komma noch genau zu treffen. Aber der Prognostiker ist oft zu ambitioniert und läuft Gefahr, eine Präzision zu suggerieren, die so in der Prognose gar nicht möglich ist.

Der Öffentlichkeit wird also eine Genauigkeit suggeriert, die es so gar nicht gibt?

Auf die Schwierigkeiten, denen sich Prognostiker gegenüber sehen, wird nicht erst in diesem Interview hingewiesen. Sicher, es gibt bisweilen Kritik an den Prognosen, die Nachfrage zeigt aber, dass sie auch unentbehrlich sind. Im Übrigen haben die Prognostiker immer wieder auf Kritik reagiert, unter anderem auf die an den Punktprognosen. Viele arbeiten bereits neben den herkömmlichen Punkt- auch mit Intervallprognosen – so etwa die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland in ihrem Gemeinschaftsgutachten.

Kommen wir zur aktuellen Konjunkturlage. Die Eurozone befindet sich in einer Rezession. Wie lange wird sie noch anhalten?

Unter der Annahme, dass man die Euroschuldenkrise zunehmend in den Griff bekommt, sollte es im Laufe des kommenden Jahres in der Eurozone zu einem kümmerlichen wirtschaftlichen Wachstum langen.

Aber es fällt mir sehr schwer, von der Eurozone als Ganzem zu sprechen. Klar ist nämlich auch, dass das wirtschaftliche Ungleichgewicht innerhalb der Eurozone weiterhin gewaltig sein wird. Die Risiken bleiben enorm hoch. Von einer Lösung der Euroschuldenkrise sind wir nach wie vor entfernt.

Wobei die Politik immer wieder betont, dass sich die Euroschuldenkrise beruhigen wird?

Das heißt aber nur, dass sich der Sparprozess – in Form eines Zurückfahrens der staatlichen Ausgaben –in den hochverschuldeten Staaten in geordneten Bahnen vollzieht. Und es heißt nicht, dass diese Staaten nun wieder die Konjunktur anschieben können. Dazu fehlt ihnen das Geld. Zu einer konjunkturellen Belebung kann es nur kommen, wenn es gelingt, private Investoren zu animieren.

Welchen Anteil haben die in der Rezession befindlichen Länder an der Wirtschaftsleistung von Euroland?

Die Rezessionsländer bestimmen derzeit deutlich mehr als 50 % des BIP der Eurozone. Allein von den vier großen Euroländern Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien, befinden sich derzeit zwei Länder in einer Rezession, die auch 2013 noch anhalten dürfte.

Frankreich ist in der Stagnation. Dort stehen Reformen an, so dass sich das französische Wachstum bis auf weiteres eher schwach entwickeln dürfte.

Also hängen die Hoffnungen an Deutschland?

Ja, im Wesentlichen. Und wenn sich das weltwirtschaftliche Wachstum wieder belebt, sollte die exportintensive Bundesrepublik auch zu den ersten Profiteuren gehören. Wenn sich die deutsche Wirtschaft beschleunigt, profitieren davon auch einige andere Euroländer, in denen starke Zulieferer deutscher Firmen tätig sind. Von Frankreich dürften leicht stabilisierende Wirkungen auf die Eurozone ausgehen.

Lassen Sie sich zu einer Wachstumszahl für die Eurozone verleiten?

2013 wird eine maue Angelegenheit, das heißt eine schwarze Null. Falls Sie eine Zahl möchten, würde ich mal 0,1 % in den Ring werfen.

Von Dieter Heumann

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