Technik und Politik 04.02.2022, 13:12 Uhr

In dieser Bundestagsfraktion sind die meisten Ingenieure

Olaf Scholz ist Jurist, Christian Lindner Politikwissenschaftler, Robert Habeck Germanist. Immerhin ist mit Umweltministerin Steffi Lemke auch eine Ingenieurin im Kabinett vertreten. Die Tüftler und Technikerinnen sind im 20. Deutschen Bundestag aber eindeutig in der Unterzahl. ingenieur.de stellt sie vor.

Ingenieurinnen und Ingenieure sind im deutschen Bundestag in der Unterzahl. Foto: Panthermedia.net/jakubcejpek

Ingenieurinnen und Ingenieure sind im deutschen Bundestag in der Unterzahl.

Foto: Panthermedia.net/jakubcejpek

Mit 736 Abgeordneten ist der neu gewählte Bundestag so groß wie nie. Ingenieure sind dennoch nicht in großer Zahl vertreten. Nur 40 Mandatsträger haben nach Zählungen von Ingenieur.de ein ingenieurwissenschaftliches Studium absolviert – also knapp 5,5 Prozent. Darunter sind Maschinenbauer, Elektrotechniker, Bau- und Wirtschaftsingenieure, aber auch Chemie- und Agraringenieure oder Architekten. Manche haben an einer Universität studiert, andere an einer Fachhochschule, wieder andere noch in einer Ingenieurschule in der DDR. Elf sind Neulinge im Bundestag.

Ganz trennscharf sind die Grenzen zwischen den beruflichen Backgrounds gleichwohl nicht, sondern fließend. So haben nicht alle ausgebildeten Ingenieure nach dem Studium auch in einem Ingenieurberuf gearbeitet. Einige sind ins Marketing gegangen, andere haben ein Unternehmen gegründet, wieder andere nach ihrem Ingenieurstudium noch ein weiteres, völlig anderes Fach studiert, Jura etwa. Auf der anderen Seite gibt es noch weitere Abgeordnete mit MINT-Background, zum Beispiel Informatiker, Mathematiker, Physiker – oder auch solche mit einer technischen Berufsausbildung. Und jene, die ein Ingenieurstudium aufgenommen, sich im Folgenden aber umentschieden oder hingeschmissen haben.

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Ingenieur.de hat die Ingenieure in allen Bundestagsfraktionen aufgespürt – und mit fünf Neulingen gesprochen:

Ingenieurinnen und Ingenieure in der SPD-Fraktion

Die Fakten

Die Sozialdemokraten stellen den Kanzler und die größte Fraktion im Deutschen Bundestag, haben aber – wenn man die Linkspartei außen vor lässt – die wenigsten Ingenieure. Von 206 SPD-Bundestagsabgeordneten verfügen nur fünf über einen ingenieurwissenschaftlichen Hochschulabschluss. Dies entspricht einer Quote von kärglichen 2,4 Prozent. Immerhin kommt noch eine Handvoll Informatiker hinzu, zum Beispiel die Co-Parteivorsitzende Saskia Esken.

Demgegenüber stehen nicht weniger als 54 SPD-Abgeordnete, die ein Studium der Politikwissenschaften aufgenommen oder beendet haben, also mehr als jeder Vierte, darunter zum Beispiel Arbeitsminister Hubertus Heil, Co-Parteivorsitzender Lars Klingbeil und Generalsekretär Kevin Kühnert. Mit Blick auf ihre Repräsentanten lautet das Resümee: Die SPD ist weniger Arbeiterpartei und auch keine Technikerpartei, sondern mehr eine Partei der Politik- und Geisteswissenschaftler.

  • 2,4 Prozent – die SPD hat die zweitgeringste Ingenieurquote aller Fraktionen im Deutschen Bundestag

Die Köpfe

Sozialer Aufstieg ist eines der Leitmotive der SPD. Mit Bernd Rützel und Udo Schiefner stellt die Partei die einzigen beiden Bundestagsabgeordneten, die als Hauptschüler über den zweiten Bildungsweg ein Ingenieurstudium aufgenommen und erfolgreich beendet haben. Rützel studierte Maschinenbau und Elektrotechnik an der damaligen FH Karlsruhe, der heutigen Hochschule Karlsruhe, nachdem er zuvor eine Ausbildung zum Maschinenschlosser durchgezogen hatte. Schiefner entschied sich erst für eine Ausbildung zum Chemisch-Technischen Assistenten, war dann in der Qualitätssicherung einer Brauerei tätig, bevor er ein Fernstudium zum Qualitätssicherungstechniker an der Technischen Fachhochschule Berlin, der heutigen Berliner Hochschule für Technik (BHT), anschloss.

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Außerdem gibt es in der Fraktion noch Michael Thews. Der gebürtige Bremerhavener ist Diplom-Chemieingenieur und Experte für Abfallwirtschaft und Emissionsschutz, hat seinen Abschluss an der Universität Paderborn gemacht. Katrin Budde blickt als einzige SPD-Abgeordnete auf eine Ingenieurausbildung in der DDR zurück. Die ehemalige Wirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt studierte in den 80ern an der Technischen Hochschule Magdeburg und schloss als Diplom-Ingenieurin für Arbeitsgestaltung ab. Nesthäkchen des SPD-Quintetts ist der 29 Jahre alte Elektrotechniker und Wirtschaftsingenieur Markus Hümpfer. Im Dunstkreis der fünf SPD-Ingenieure bewegt sich außerdem noch die frühere Generalsekretärin Yasmin Fahimi. Sie studierte von 1987 bis 1989 Elektrotechnik in ihrer Heimatstadt Hannover, brach das Studium aber ab und machte ihren Abschluss lieber in Chemie.

„Ich würde mich für das Wirtschaftsministerium entscheiden“

Der Neue

Markus Hümpfer ist der Mann, den sie „Mücke“ nennen. Der Franke ist für eine Ü30-Party noch zu jung – aber der einzige Ingenieurwissenschaftler, der 2021 neu für die SPD in den Bundestag einzog. „Der Mensch besitzt die Fähigkeit, alles lernen zu können, was er möchte“, sagt der 29 Jahre alte Schweinfurter. Für problematisch hält er die mikroskopisch kleine Techniker-Quote seiner Fraktion daher nicht. „Aber es ist natürlich schon so, dass der Bundestag eigentlich ein Abbild der Gesellschaft sein sollte. Und da sind fünf Ingenieure in der SPD-Fraktion schon sehr wenig.“

Hümpfer ist gelernter Industriemechaniker, studierte dann von 2014 bis 2016 Elektrotechnik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Würzburg-Schweinfurt, um hiernach an gleicher Stelle ein Bachelorstudium in Wirtschaftsingenieurwesen zu absolvieren. Seinen Abschluss machte er erst im Wahljahr 2021, arbeitete danach noch kurz für ein neu gegründetes Energie-Unternehmen in seiner unterfränkischen Heimat, das Ladestationen für E-Autos vertreibt. „Ein geregelter Acht-Stunden-Tag ist etwas anderes als die 17-Stunden-Tage, die ich hier tagtäglich habe“, so Hümpfer, der jetzt im Energieausschuss sitzt. Auf ihn wartet viel Arbeit und, wenn alles gut läuft, noch die eine oder andere Legislaturperiode. Auf die Frage, welches Ministerium er denn — rein hypothetisch — irgendwann gerne einmal übernehmen würde, sagt Hümpfer: „Ich würde mich für das Wirtschaftsministerium entscheiden“.

Ingenieurinnen und Ingenieure in der  CDU/CSU

Die Fakten

Bei der Bundestagswahl 2017 hatten CDU und CSU noch 246 Mandate errungen, im Jahr 2021 reichte es nur noch zu 197 — der Laschet-Effekt. In der Unionsfraktion sind vorrangig Juristen und Wirtschaftswissenschaftler versammelt. 82 Christdemokraten haben einen Hintergrund im Bereich der Rechtswissenschaften. Demgegenüber stehen nur acht Ingenieure mit einem Hochschulabschluss — das ergibt eine Quote von vier Prozent. Darunter ist nur eine Frau, Mechthild Heil, und ein Bundestagsneuling, Alexander Engelhard.

Mit Astrid Damerow zählt die Union sogar neun Akademiker mit technischem Background. Die 63 Jahre alte Schwarzwälderin studierte von 1980 bis 1982 Architektur, brach aber ab, um sich zur Bankkauffrau ausbilden zu lassen. In der CDU/CSU dominieren die klassischen Fächer wie Elektrotechnik, Maschinenbau und Bauingenieurwesen. Die CSU hat im Übrigen mit fünf Ingenieuren die Nase vorn, die Schwesterpartei CDU stellt nur drei.

  • 1 weibliche Ingenieurin hat die Union in ihren Reihen

Die Köpfe

Dienstältester Ingenieur im Deutschen Bundestag ist Manfred Grund. Der 66-jährige Elektrotechniker sitzt schon seit 1994 im Parlament und kennt noch die Zeit, als CDU-Kanzler männlich waren und die Hauptstadt Bonn hieß. CSU-Mann Michael Kießling ist Bauingenieur und arbeitete lange für das Münchener Bausoftwareunternehmen Nemetschek. Parteikollege Thomas Erndl ist gelernter Elektroingenieur, studierte an der FH Regensburg mit Schwerpunkt Mikroelektronik.

Als Hochdekorierter darf sich Reinhard Brandl fühlen. Der Ingolstädter machte seinen Abschluss zum Diplom-Wirtschaftsingenieur am Karlsruher KIT, fügte danach in Frankreich einen Abschluss als Ingénieur en Génie industriel hinzu und promovierte auch noch an der TU München – allerdings in Informatik. Dieter Stier ist Agraringenieur, hatte zuvor in der DDR eine Ausbildung zum Zootechniker absolviert. Der einzige Maschinenbauer in der Fraktion heißt Alexander Radwan. Der Münchener spezialisierte sich im Studium auf Luftfahrzeuge, schloss danach aber noch ein Jura-Studium an – zweites juristisches Staatsexamen inklusive. Die Rheinländerin Mechthild Heil ist Architektin, arbeitete vor ihrer politischen Karriere in verschiedenen Ingenieurbüros.

„Natürlich fehlt es in der Ampel am Fachwissen.“

Der Neue

Für eine schwarz-grüne Koalition wäre Alexander Engelhard genau der richtige Mann gewesen. Der gelernte Müller verwendet in der Familienmühle in Schwaben ausschließlich regionales Bio-Getreide. Auch den Klimaschutz hatte der CSU-Mann im Wahlkampf zu einem seiner Schwerpunktthemen gemacht. Aus Schwarz-Grün aber wurde nichts, darum kann der 49-Jährige jetzt in den Angriffsmodus wechseln. „Ich könnte niemals zu den Grünen gehen. Uns trennen Welten. Die Grünen handeln nicht pragmatisch, sondern ideologisch“, sagt Engelhard, der nach der Müller-Lehre Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Produktionstechnik an den Fachhochschulen Ulm und Neu-Ulm studierte, seine Diplomarbeit über Rasenmäher bei Gardena schrieb.

„Das ist ein super Studium. Ich war immer begeistert davon. Ich würde das Gleiche heute definitiv nochmal studieren und kann es jedem nur empfehlen“, sagt er. Weniger begeistert ist der Schwabe von der neuen Regierung. „Natürlich fehlt es in der Ampel am Fachwissen. Man merkt das. Der Praxisbezug fehlt vielen. Ein Kevin Kühnert ist das beste Beispiel.“ Engelhard selbst hat die Maskenaffäre um CSU-Mann Georg Nüsslein ins Parlament getragen. Nüsslein trat aus der CSU aus und nicht mehr für den Bundestag an, daraufhin sicherte sich Engelhard das Direktmandat im Wahlkreis Neu-Ulm. Nach 19 Jahren im Kreistag kümmert sich Engelhard nun auf der harten Oppositionsbank um die Themen Umwelt, Landwirtschaft und Nachhaltigkeit.

Ingenieurinnen und Ingenieure bei den Grünen

Die Fakten

Die politischen Präferenzen der Grünen spiegeln sich auch in den Lebensläufen ihrer Ingenieure wieder. Gleich drei Agraringenieure entsendet die Ökopartei ins hohe Haus, dazu einen Wasserbauingenieur und eine Wald- und Forstwissenschaftlerin. Elektrotechniker und Maschinenbauer gibt es in der Fraktion dagegen nicht. Dafür stellen die Grünen mit Steffi Lemke die einzige Ingenieurin im Kabinett, mit Niklas Wagener den jüngsten Studierenden und mit Kassem Taher Saleh den einzigen Ingenieur mit Fluchtgeschichte im Deutschen Bundestag.

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Sechs ihrer acht Ingenieurwissenschaftler wurden 2021 neu ins Parlament gewählt – alle anderen Fraktionen kommen zusammen auf die gleiche Zahl. Von insgesamt 118 grünen Abgeordneten haben acht einen technischen Hochschulabschluss, darunter drei Frauen und eine Transfrau. Obwohl sie Rekorde brechen, machen die grünen Ingenieure aber nur 6,7 Prozent ihrer Fraktion aus. Demgegenüber stehen 39 Politikwissenschaftler, also jeder Dritte. Ebenfalls auffällig: Die Grünen sind die einzige Fraktion mit einer nennenswerten Zahl an Sozialpädagogen und Sozialarbeitern. Davon gibt es acht – genauso viele wie Ingenieure.

  • 26 – so jung ist die jüngste Abgeordnete der Grünen mit ingenieurwissenschaftlichem Hochschulabschluss

Die Köpfe

Tessa Ganserer ist eine von zwei Transfrauen im Deutschen Bundestag. Außerdem ist sie Diplom-Ingenieurin für Wald- und Forstwirtschaft. Ihren Abschluss machte die Bayerin 2006 an der FH Weihenstephan, der heutigen Hochschule für angewandte Wissenschaften Weihenstephan-Triesdorf. Damals hörte die 43-Jährige noch auf den Namen Markus Ganserer.

Harald Ebner, Stefan Wenzel und Steffi Lemke heißen die drei Agraringenieure der Fraktion. Lemke ist 53, Ostdeutsche, studierte von 1988 bis 1993 Agrarwissenschaften an der Humboldt-Uni in Berlin und ist nun Umweltministerin. Bernhard Herrmann hat sein Diplom als Wasserbauingenieur 1992 an der TU Dresden erworben. Dort studierte rund 20 Jahre später auch Kassem Taher Saleh. Anfang des Jahrtausends flüchtete der heute 27-Jährige mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland und ließ sich an der TU Dresden zum Bauingenieur ausbilden. Noch ein Jahr jünger ist Zoe Mayer – und mit Ingrid Nestle eine von zwei Wirtschaftsingenieurinnen in der Fraktion. Nestle studierte an der Uni Flensburg und wählte – wie es sich für eine Grüne gehört – als Schwerpunkt „Energie- und Umweltmanagement“.

„Meine Promotion verfolge ich nun als Hobby“

Die Neue

Mit 26 Jahren ist Zoe Mayer die jüngste Ingenieurin mit Abschluss im Deutschen Bundestag. Im Wahlkampf errang sie den Wahlkreis Karlsruhe-Stadt zum allerersten Mal für die Grünen und zog als Direktkandidatin ins Parlament ein. Von 2013 bis 2019 hatte die gebürtige Karlsruherin Wirtschaftsingenieurwesen am heimischen KIT studiert. „Die Motivation für mein Studium war und ist die Bewältigung der Klimakrise“, sagt sie. „Als technisch interessierte Person erschien mir mein Studiengang dafür sehr geeignet.“

Erst kam der Bachelor, dann der Master, nur der Doktor muss auf sich warten lassen. Seit 2019 arbeitete Mayer an ihrer Dissertation über die energetische Sanierung von Gebäuden. „Meine Promotion verfolge ich nun als Hobby in meiner Freizeit“, sagt sie. Am Studentenleben vermisst sie vor allem den Mittagsplausch mit den anderen in der Mensa, im schnelllebigen Bundestag fehlt dafür die Zeit. Nun sitzt Mayer im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. „Neben der Klimakrise ist für mich der Umgang mit Tieren in unserem System eine zentrale Frage der Menschheit“, meint Mayer. „Der Tierschutz hat mich dazu gebracht, 2010 in die Politik zu gehen.“

Zoe Mayer. Foto: Titus Tamm

Zoe Mayer.

Foto: Titus Tamm

Ingenieurinnen und Ingenieure in der FDP

Die Fakten

Der neue Finanzminister ist Freidemokrat, ein Ingenieur ist Christian Lindner freilich nicht (sondern Politikwissenschaftler). Dennoch blickt fast jeder zehnte Bundestagsabgeordnete der FDP auf ein ingenieurwissenschaftliches Studium zurück. Neun von 92 ergibt eine Ingenieurquote von 9,8 Prozent (Koalitionspartner SPD kommt nur auf 2,4 Prozent). Unter den Neun sind drei weibliche Ingenieure und zwei Bundestagsnovizen, nämlich Ingo Bodtke und Rainer Semet.

Insgesamt haben die Liberalen sogar 27 Neulinge ins Parlament gebracht. Die erste Geige spielen bei ihnen aber zweifelsohne die Juristen. 29 FDP-Abgeordnete haben ein rechtswissenschaftliches Fach belegt, darunter auch Verkehrsminister Volker Wissing und Justizminister Marco Buschmann.

  • 9 Ingenieure sitzen für die FDP im Parlament – mehr als bei SPD und Grünen

Die Köpfe

Beliebt ist in der FDP vor allem das Wirtschaftsingenieurwesen. Nicole Bauer, Christian Sauter und Rainer Semet heißen die drei Diplom-Wirtschaftsingenieure in der FDP-Fraktion. Die 34-jährige Bauer entschied sich für die Fachrichtung Elektrotechnik an der Hochschule Landshut, der 41-jährige Sauter für Logistik an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, der 64-jährige Semet studierte berufsbegleitend. Zwei liberale Techniker durchliefen ihre akademische Ausbildung in der DDR. Ingo Bodtke nennt sich „Ingenieur Fleischwirtschaft“, besuchte von 1985 bis 1988 die „Robert Neddermeyer Ingenieurschule“ in Oranienburg, Gerald Ullrich absolvierte von 1983 bis 1986 ein Studium an der Fachschule für Elektrotechnik und Keramik Hermsdorf.

Renata Alt ist eine von zwei Abgeordneten im Bundestag, die im Ausland geboren wurden (neben dem Grünen Saleh). Ihr Geburtsort ist Skalica in der heutigen Slowakei, studiert hat die „Diplom-Ingenieurin Chemie“ in den 80ern an der Slowakischen Technischen Universität in Bratislava. Der Breisgauer Christoph Hoffmann ist promovierter Forstwissenschaftler, Westfale Karlheinz Busen Diplom-Bauingenieur, war lange Jahre als Selbstständiger mit eigenem Ingenieurbüro tätig. Carina Konrad bewirtschaftet zusammen mit ihrer Familie im Hunsrück einen Hof mit Ackerbau, studiert hat die Diplom-Agraringenieurin an der FH Bingen.

„Es ist wie ein Sahnehäubchen“

Der Neue

Während andere in seinem Alter in Rente gehen, fängt die politische Karriere für Rainer Semet im Bundestag mit 64 Jahren erst an. „Ich habe ein ganzes Berufsleben hinter mir und kann noch mal eine ganz neue Aufgabe wahrnehmen. Es ist wie ein Sahnehäubchen“, sagt der Stuttgarter, der erst 2002 in die FDP eingetreten war. Früher sei er politisch links gewesen, später habe ihn die Wirklichkeit eingeholt, erzählt er. Studiert hat Semet von 1978 bis 1982 Holztechnik an der Fachhochschule Rosenheim, schloss mit Diplom ab.

Die ersten 100 Tage im neuen Job

Sein nachfolgendes VWL-Studium in Berlin schmiss er für einen Job hin, startete parallel ein berufsbegleitendes Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Technischen Fachhochschule Berlin (heute: Berliner Hochschule für Technik). „Mit der Entscheidung war ich immer sehr zufrieden. Heute würde ich vielleicht Architektur studieren, wenn ich nochmal die Wahl hätte“, sagt Semet. Lange Jahre war er als Projektleiter in der Bauwirtschaft tätig, fuhr von einer Baustelle zur nächsten, bevor er 2009 zum Berufsschullehrer umsattelte – der Work-Life-Balance wegen. „Ich habe mich immer als Wirtschaftsingenieur gefühlt. Jetzt fange ich an, mich als Politiker zu fühlen.“

Rainer Semet. Foto: Privat

Rainer Semet.

Foto: Privat

Ingenieurinnen und Ingenieure in der AfD

Die Fakten

An den Erfolg von 2017 konnte die AfD 2021 nicht mehr anknüpfen. Damals waren die Rechtspopulisten mit 94 Abgeordneten erstmals in den Bundestag eingezogen, 2021 brachten sie nur noch 83 ins Parlament. Durch mehrere Fraktions- und Parteiaustritte ist die Fraktion in der Zwischenzeit auf 80 Mitglieder geschrumpft.

Nichtsdestotrotz ist die Alternative für Deutschland die Fraktion mit dem höchsten Anteil an Ingenieuren. Zehn ihrer 80 Abgeordneten blicken auf eine technische akademische Ausbildung zurück, wenngleich nicht alle von ihnen anschließend auch als Ingenieure tätig waren. Bei manchen ist zudem fraglich, ob sie tatsächlich über einen Abschluss verfügen. Gesichert ist hingegen, dass die AfD in Michael Kaufmann den einzigen habilitierten Ingenieurwissenschaftler im Bundestag stellt. Der 57-jährige Thüringer war es auch, den die Partei zuletzt als stellvertretenden Bundestagsvizepräsident nominiert hatte, der aber mit deutlicher Mehrheit abgelehnt wurde. Kaufmann kommt aus dem Thüringer Landesverband von Björn Höcke. Der thüringische Verfassungsschutz stuft den AfD-Landesverband als „erwiesen extremistisches Beobachtungsobjekt“ ein. Er befinde sich „in einem nachweisbaren Prozess der politischen Radikalisierung“, heißt es. Auch geben die Behörden der AfD eine Mitschuld an der Radikalisierung bei den Proteste gegen Corona-Maßnahmen. Der Landesverband habe auch zur Radikalisierung der Szene beigetragen. Michael Kaufmann gilt bislang in seinen Äußerungen allerdings als vergleichsweise moderat.

  • 12,5 Prozent beträgt der Ingenieuranteil in der AfD-Fraktion – damit ist er so hoch wie in keiner anderen.

Die Köpfe

Michael Kaufmann ist Professor und Ingenieurwissenschaftler – der einzige seiner Art im Deutschen Bundestag. In den 80er Jahren hatte der gebürtige Geraer Energietechnik an der TU Bergakademie Freiberg in Sachsen studiert, danach lange als Entwicklungsingenieur in der freien Wirtschaft gearbeitet und 2002 am Karlsruher KIT promoviert. Die Habilitation ließ er im Jahr 2010 folgen, lehrte danach als Professor für Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena.

Der Ost-Berliner Jörn König war in den frühen 80ern Leistungsschwimmer in der DDR, studierte danach Elektrotechnik an der TU Ilmenau. Nach der Wiedervereinigung fand der heute 53-Jährige seine berufliche Nische als Vertriebsingenieur für Telefonanlagen.

Der Marburger Dirk Spaniel ist ausgebildeter Wirtschaftsingenieur. Gegen Spaniel war 2020 ein Ausschlussverfahren angestrebt worden, wegen parteischädlichen Verhaltens. Der ehemalige Landesvorsitzende der AfD Baden-Württemberg pflegt Kontakte unter anderem zur rechtsextremen Zeitschrift Compact und galt inhaltlich dem inzwischen aufgelösten rechtsextremen Flügel der AfD nahestehend.

Der Solinger Jörg Schneider ist Maschinenbauer. Steffen Kotré studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Berlin. Dietmar Friedhoff studierte Automatisierungstechnik an der Märkischen Fachhochschule in Iserlohn (heute: Fachhochschule Südwestfalen), arbeitete anschließend im Vertrieb. Bundestagsneuling Kay-Uwe Ziegler nennt sich Veterinäringenieur, hat seine Ausbildung an einer in Ingenieurschule für Veterinärmedizin in der DDR absolviert. Daneben zog auch Drei-Sterne-General Joachim Wundrak 2021 – mit einem Elektrotechnik-Studium im Gepäck – neu ins Parlament ein. Der Norddeutsche Thomas Ehrhorn war zeitlebens als Pilot tätig, in seiner Vita führt er aber außerdem ein Architekturstudium auf. Ob er es mit einem Abschluss beendet hat? Unklar. Antworten wollte sein Büro auf eine entsprechende Anfrage jedenfalls nicht. Sein Kollege Gerold Otten hat nach eigenen Angaben Elektrotechnik studiert, will aber nicht verraten, wo.

„Für einen jungen Mann ist Fliegen eine sexy Sache“

Der Neuling

Als Ingenieur gearbeitet hat Joachim Wundrak ehrlicherweise nie, einzig sein Diplomzeugnis weist ihn als einen aus. Wundrak ist pensionierter Drei-Sterne-General der Bundeswehr – der ranghöchste, der jemals für die AfD ein politisches Amt bekleidet hat. In die Partei eingetreten ist er erst 2018, war zuvor kurzzeitig CDU-Mitglied, sitzt seit 2021 neu im Bundestag. Wundraks militärische Karriere begann 1976 an der Universität der Bundeswehr. In München studierte der gebürtige Kerpener Elektrotechnik, ließ sich daraufhin zum Piloten ausbilden. Der Plan war eigentlich ein anderer. Die große RWTH Aachen liegt im Einzugsgebiet Kerpens, dort hatte der junge Wundrak Elektrotechnik studieren wollen. „Ich wurde früh Vater“, erzählt Wundrak, der daraufhin das Angebot der Bundeswehr annahm. „Für einen jungen Mann ist Fliegen eine sexy Sache. Ich habe es auch nicht bereut.“

Der 66-Jährige sitzt nun im Auswärtigen Ausschuss und als Stellvertreter im Verteidigungsausschuss. Mitte Januar war der ungeimpfte General aus dem Saal des Auswärtigen Ausschusses verbannt worden – ein negativer Test hatte angesichts der verschärften Corona-Regeln nicht mehr ausgereicht. Auch in Klimafragen liegt er voll auf Parteilinie. „Ich fahre ein Auto, das nach meiner technischen Bewertung das umweltfreundlichste ist, nämlich einen modernen Diesel“, so Wundrak. Der Umstieg auf ein Elektroauto ist nicht geplant.

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Ingenieurinnen und Ingenieure in der Linkspartei

Die Fakten

Bei der Bundestagswahl 2021 war die Linkspartei an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert, zog nur dank der Grundmandatsklausel in Fraktionsstärke ins Parlament ein. Von den nunmehr 39 Abgeordneten haben lediglich zwei einen technischen Background. Über einen akademischen Hochschulabschluss als Ingenieur verfügt kein einziger. Gut bestückt sind die Linken hingegen mit Juristen, Wirtschafts-, Politikwissenschaftlern sowie Lehrern. Sechs Pädagogen sitzen in der Fraktion.

  • 0 – die Linkspartei entsendet keinen einzigen Ingenieur ins Parlament

Die Köpfe

Das Techniker-Duo der Linkspartei setzt sich aus dem Thüringer Ralph Lenkert und dem Brandenburger Thomas Lutze zusammen. Lenkert lernte erst Werkzeugmacher und bediente für seinen Arbeitgeber CNC-Fräsmaschinen. Kurz nach der Wende absolvierte er von 1991 bis 1995 ein berufsbegleitendes Fernstudium am privaten Bildungsinstitut DAG-Technikum, dem heutigen DAA-Technikum, und schloss als staatlich geprüfter Techniker in der Fachrichtung Maschinenbau ab. Um einen akademischen Grad handelt es sich gleichwohl nicht.

Thomas Lutze. Foto: Privat

Thomas Lutze.

Foto: Privat

Fraktionskollege Lutze studierte parallel – von 1991 bis 1995 – Konstruktions- und Fertigungstechnik an der Universität des Saarlandes. Eine Anfrage, ob er das Studium mit einem Abschluss beendete, ließ Lutze unbeantwortet. Gearbeitet hat er als Ingenieur jedenfalls nie. 1995 stieg Lutze als Regionalmitarbeiter der damaligen PDS-Bundestagsfraktion in Saarbrücken ein, schulte von 2003 bis 2005 in einem Saarbrücker Einrichtungshaus zum Bürokaufmann um. (mit pen)

Ein Beitrag von:

  • Sebastian Wolking

    Sebastian Wolking Porträt

    Sebastian Wolking ist freier Journalist und schreibt vorwiegend über Karrierethemen.

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