Karriere 26.08.2011, 12:08 Uhr

Wenn der Dialekt zur Karrierebremse wird

Wer im Beruf alles außer Hochdeutsch kann, könnte Probleme bekommen. Denn Dialekte können die Karriere ausbremsen – auch bei Ingenieuren. Dabei sind die Regeln der Standardsprache schnell gelernt. Wer dann noch je nach Situation souverän zwischen beiden Welten zu jonglieren weiß, verschafft sich im Job sogar Vorteile

So hatte sich der Technikvorstand eines Maschinen- und Anlagenbauunternehmens seine Suche nach einer neuen Position nicht vorgestellt. Siegessicher ließ sich der fachlich exzellente Schwabe von Michaela Reimann, Senior Consultant New Placement bei Kienbaum Executive Consultants, beraten. Sie positionierte ihn bei einem Headhunter. An Interesse mangelte es nicht, doch das erlahmte rasch nach dem ersten persönlichen Kontakt, bis der Headhunter stöhnte: „Das wird nichts!“

Reimann, selbst Schwäbin, wunderte sich nicht: „Der Dialekt des Kandidaten irritierte die potenziellen Arbeitgeber derart, dass seine Fähigkeiten gar nicht zum Tragen kamen“, berichtet die Personalberaterin. „Von einer Führungskraft wird erwartet, dass sie mehrere Möglichkeiten hat, sich auszudrücken, vor allem hochdeutsch.“ Andernfalls griffen Vorurteile, nach denen mangelnde sprachliche Bandbreite mit mangelnder kultureller und intellektueller Bandbreite assoziiert würde. „Je größer und internationaler das Unternehmen, desto eher kann Dialekt zu einer echten Karrierebremse werden“, sagt Reimann. Das gelte auch für Ingenieure.

Man ist, was man spricht

Dialekte oder auch starke Akzente werden immer dann hinderlich, wenn das Gegenüber einen entweder nicht versteht, oder wenn ein Gesamteindruck entsteht, der die Kompetenz, die Sympathie, die Glaubwürdigkeit oder das Durchsetzungsvermögen beeinträchtigt, sagt Arbeitspsychologe Dieter Frey, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „All diese Faktoren sind wichtig, um einen Empfänger zu überzeugen.“ Insofern sei eine starke Sprachfärbung auch für Ingenieure „ein Hemmschuh“ auf der Karriereleiter.

Techniker und Ingenieure bekämen das zuweilen schon schmerzlich zu spüren, wenn der lupenrein hochdeutsch sprechende Kollege mit technischen Vorträgen und Präsentationen betraut würde, weil das bei Kunden nun mal kompetenter klingt. Das ist die Erfahrung von Sprechtrainerin Ariane Willikonsky vom Fon Institut in Bad Cannstatt.

Willikonsky bot vor sieben Jahren den wohl ersten Kurs in Hochsprache an und war von der Resonanz überwältigt: „Ich wusste damals gar nicht, dass das im Beruf ein so großes Problem ist.“ Mittlerweile gibt es etliche Nachahmer, auch Volkshochschulen sind darunter. „Die Hälfte der Kurse wird von den Arbeitgebern bezahlt, weil ihnen das Thema wichtig ist“, berichtet die Sprecherzieherin. Nicht zuletzt, weil Dialekte voll in Fremdsprachen durchschlagen. Man denke nur an das „Oettinger-Englisch“ des heutigen EU-Kommissars für Energie und ehemaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs. Und: „In erster Linie spielt das Thema auf der mittleren Führungsebene eine Rolle, auf der oberen ist es dann nicht mehr so relevant“, berichtet Willikonsky.

Den Dialekt abtrainieren will sie nicht; das geht auch gar nicht. Man könne ihn nur vernachlässigen, sagt sie. Was aber geht, ist, die Hochlautung einzuüben. „Das ist einfacher, als man denkt und mitunter in drei Stunden gelernt“, sagt die Trainerin. Die eigentliche Arbeit kommt allerdings erst nach dem Kurs, denn das Gelernte will in den Alltag integriert werden und soll ohne lange zu überlegen bei Bedarf flüssig über die Lippen kommen. Und das heißt: üben, üben, üben.

Ein Dialekt lässt sich auch strategisch nutzen

Wer zwischen beiden sprachlichen Welten hin und her wechseln kann, kann diesen Vorteil strategisch nutzen: Etwa, um einen technischen Vortrag mit einem „G’nug g’schwätzt, jetsch zur Praxis“ aufzulockern oder, um im Vertrieb über den Dialekt eine Vertrautheit mit dem Kunden aus der gleichen Region herzustellen oder um sein Team für eine knifflige Aufgabe zu motivieren, denn der Dialekt signalisiert: Er ist einer von uns. Deplatziert wäre es geradezu, wenn sich Bauingenieure auf der ländlichen Baustelle in lupenreinem Hochdeutsch versuchten. Das kommt nicht gut.

Willikonsky: „Je weniger verkopft die Aufgabe ist, desto höher sind die Sympathiewerte für den ein oder anderen dialektalen Einschlag.“

Nur kann darauf nicht jeder zählen: Besonders Sachsen sollten vorsichtig sein: „Sächsisch genießt wenig Prestige. Das zeigen etliche Umfragen“, sagt Stefan Kleiner, Sprachwissenschaftler am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache (IDS). Am unteren Ende der Beliebtheitsskala rangiere auch Schwäbisch, im Mittelfeld finde sich Berlinerisch und sozial akzeptiert ist am ehesten noch Bayerisch, am besten mit Münchner Akzent. Letztlich wirkten sich derartige Prestigefragen beruflich eher hinderlich aus, denn: „Echte Verständigungsprobleme gibt es eigentlich nicht, da heute im Job kaum jemand direkt Dialekt spricht, also für andere unbekannte Wörter benutzt, sondern sich mehr oder weniger stark regional akzentuiert artikuliert“, differenziert der Sprachforscher.

Gut dosiert kann ein Dialekt auch zum  Markenzeichen werden

Und genau jener spezielle Zungenschlag lässt sich im Berufsleben gezielt einsetzen: „Wenn damit eine spitze Bemerkung, ein humorvoller Ausdruck transportiert wird, dann kann ein Dialekt ein Eisbrecher sein“, bemerkt Arbeitspsychologe Frey. „Strategisch eingesetzt kann Dialekt, gut dosiert, sehr erfolgreich sein.“ Das sieht auch die Berliner Karriereberaterin Kirstin Schönfeld so: „Wer fachlich kompetent ist, für den kann eine dialektale Färbung im Beruf sogar zum Markenzeichen werden“, sagt die Chefin von Pas de deux creativ consult. „Das ist in jedem Fall besser, als ob alle im Unternehmen wie geklont sprechen, weil die Führungsmannschaft den gleichen Rhetorik- und Persönlichkeitstrainer besucht.“ Die Kunst bestehe darin, Dialekt gezielt einzusetzen.

Eine Lektion, die der schwäbelnde Chef auf der Suche nach einem neuen Posten nicht gelernt hatte und dem es dazu am sprachlichen Rüstzeug mangelte. Auch ohne Training nahm seine Geschichte noch ein glückliches Ende: Er wurde Vorstand bei einem Unternehmen in seinem Heimatland. Kienbaum-Beraterin Reimann: „Sein Dialekt wandelte sich zum Vorteil.“  

Ein Beitrag von:

  • Chris Löwer

    Chris Löwer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist für überregionale Medien. Seine Themenschwerpunkte sind Wissenschaft, Technik und Karriere.

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