Arbeiten von Zuhause 18.09.2020, 14:41 Uhr

Studie: Homeoffice führt zu Milliardenschäden

Untersuchungen zeigen: Das Homeoffice-Prinzip könnte Hunderttausende Arbeitsplätze gefährden. Und die Studie zeigt noch einen weiteren sehr überraschenden Effekt.

Homeoffice: Wir haben uns an das Arbeiten von Zuhause gewöhnt. Aber für die Volkswirtschaft könnte das fatal sein. Foto: panthermedia.net/kasto

Homeoffice: Wir haben uns an das Arbeiten von Zuhause gewöhnt. Aber für die Volkswirtschaft könnte das fatal sein.

Foto: panthermedia.net/kasto

Und plötzlich war das Büro irgendwo zwischen Küchentisch und Wohnzimmercouch. Quasi über Nacht. Homeoffice heißt das Schlagwort, das in der Auswahl für das „Wort des Jahres“ zumindest unter den Top 10 rangieren dürfte.

Gerade in Deutschland galt mobiles Arbeiten in den allermeisten Unternehmen als exotische Angelegenheit – spätestens seit März gehört Arbeiten im Homeoffice für sehr viele Arbeitnehmer zum Alltag. Jetzt zeigen Untersuchungen: Homeoffice verursacht unter Umständen Milliardenschäden.

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Homeoffice: Kosten von 16,7 Milliarden Euro

Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie des Beratungsunternehmens Price Waterhouse Coopers (PWC) für Großbritannien. Dort arbeitete im April jeder zweite Erwerbstätige von zuhause aus. Sollte sich der Trend fortsetzen und nicht nach und nach die Angestellten in die Büros zurückkehren, könnte das insgesamt ein Loch ins Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 15,3 Milliarden Pfund (etwa 16,7 Milliarden Euro) reißen, so das Fazit der Home-Office-Studie.

Das Ergebnis hat nichts mit der vieldiskutierten Frage zu tun, ob Menschen im Home-Office produktiver sind oder nicht, sondern mit der Infrastruktur, die das traditionelle Arbeiten in Büros am Laufen hält. Denn eine gewaltige Wertschöpfungskette hängt vom Bürojob ab: Gastronomiebetriebe, Immobilienplaner, Makler, Vermieter, Reinigungsunternehmen, IT-Agenturen, Projektentwickler – um nur ein paar offensichtliche Beispiele zu nennen.

„Dass vermehrt Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, hat Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette und entsprechende Ökosysteme von Unternehmen um die Büros großer Firmen. Dazu gehört die Gastronomie, die Mitarbeiter bislang vor allem mittags versorgt haben, Einzelhändler, Verkehrsunternehmen und auch Tankstellen für Pendler“, so Philipp Wackerbeck, Partner bei PWC Strategy& Deutschland gegenüber INGENIEUR.de.

In der Studie heißt es für Großbritannien: „Der Dienstleistungssektor, auf den rund 80 % des britischen BIP entfallen, musste sich plötzlich auf leere Büros einstellen, in denen fast vier von fünf Mitarbeitern von Zuhause arbeiteten.“

Insgesamt könnten „Arbeitsstunden im Umfang von 250.000 Vollzeitstellen wegfallen“. Sprich: Hunderttausende Arbeitsplätze wären in Gefahr, wodurch wiederum die Kaufkraft und das Konsumverhalten sänke – ein Teufelskreis, wenn es denn so eintrifft, wie die Studie prophezeit.

Entwicklung auch in Deutschland denkbar

Eine solche Entwicklung wie in Großbritannien ist durchaus auch in Deutschland denkbar, betroffen wären zum Beispiel auch Bauunternehmen oder Architekten. „Innerhalb des Sektors wird es zunächst unterschiedliche Entwicklungen geben, beispielsweise weg von Aufträgen für Büros oder Hotels hin zu Infrastrukturprojekten“, glaubt Philipp Wackerbeck. Die Unternehmen würden demnach ihr Angebot nach Möglichkeit darauf ausrichten. „Einige Bereiche im und angrenzend an das Baugewerbe spüren möglicherweise negative wirtschaftliche Auswirkungen von Corona. Ein Beispiel ist die sinkende Nachfrage nach Facility Management bei Firmen, die vollständig auf Homeoffice umgestellt haben.“

Andere Unternehmen hingegen hätten dank hoher Auftragsbestände bislang wenig von der Krise gespürt, so Wackerbeck. Und: „Im Industrievergleich ist die ökonomische Lage in der Baubranche solide und wird auf einen attraktiven Wachstumspfad einschwenken, sobald die Zeichen der Volkswirtschaft wieder auf Erholung stehen.“

Bezogen auf die Wertschöpfung ist innerhalb der britischen PWC-Studie allerdings nicht miteinberechnet, ob Mitarbeiter eines Unternehmens effizienter oder weniger effizient im Homeoffice arbeiten. Viele Mitarbeiter stehen dem mobilen Arbeiten zumindest Umfragen zufolge eher positiv gegenüber. 75 Prozent der deutschen wünschen sich, auch unabhängig von Corona, bisweilen von zuhause aus arbeiten zu können, so das Ergebnis einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Mai.

Homeoffice: Aufwertung der Vororte?

Und auch viele Unternehmen haben eher positive Erfahrungen mit dem Homeoffice gemacht – auch in der Industrie beziehungsweise im verarbeitenden Gewerbe, wie etwa im Maschinenbau oder der Autoindustrie. Laut einer Analyse des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) waren in diesem Sektor vor Corona nur in jedem vierten Betrieb Mitarbeiter regelmäßig im Homeoffice. Im Juni waren es etwa 50 Prozent. Wie sich das in Zahlen und Bilanzen auswirken wird, ist derzeit noch nicht recht absehbar.

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Ein ganz anderer Faktor, der bei der Diskussion über das Arbeiten von Zuhause bislang meist übersehen wurde: Möglicherweise gibt es in manchen Bereichen eine Aufwertung von ländlichen Gebieten gegenüber der Stadt. „Beschäftigte, die früher in innerstädtischen Büros gearbeitet haben, können mehr wirtschaftliche Aktivitäten in die Vororte und ländliche Gebieten bringen“, heißt es in der PWC-Studie. „Es gibt sowohl negative, aber auch positive Effekte, was beispielsweise bereits in Bereichen wie dem Lebensmittelhandel sichtbar ist. Auch eine Verschiebung von Infrastrukturen in den ländlichen Raum wäre möglich, wenn die wirtschaftliche Aktivität und damit die Lebensqualität durch hohe Mieten und Lebenshaltungskosten in Großstädten sinkt“, so Wackerbeck.

Es wird keine Rückkehr in die „Normalität“ geben

Klar ist für ihn: Unternehmen sollten sich anpassen und nicht geduldig auf eine Rückkehr in die „Zeit vor Corona“ hoffen.

„Auf eine ‚Normalisierung‘ können Branchen und Unternehmen nicht warten, da es in den meisten Bereichen keine Rückkehr auf ein ‚Vor-Krisen-Welt‘ geben wird“, sagt der Stratege. Das betreffe vor allem notwendige Transformationen, die durch die Krise gezwungenermaßen in Angriff genommen werden. „Ein viel genanntes Beispiel ist die Digitalisierung, die auch mit der verstärkten Arbeit im Homeoffice zu tun hat. Neue Arbeits- und Geschäftsmodelle sind daher für viele Branchen und die daran geknüpften Ökosysteme relevant. Daher sollten sich Unternehmen damit beschäftigen, wie sie sich strategisch auf die ’neue Normalität‘ ausrichten.“

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