Historisches Kreuzfahrtschiff 20.08.2025, 18:18 Uhr

Nordstjernen nach Havarie: Blick auf ein schwimmendes Denkmal

Havarie in Warnemünde: Die Nordstjernen rammt eine Böschung. Was passiert ist – und warum das Schiff eine besondere Geschichte hat.

"Nordstjernen" auf der Hurtigrute in Norwegen

Die "Nordstjernen" auf der Hurtigrute in Norwegen. Nach der Havarie in Warnemünde ist das Schiff mittlerweile wieder unterwegs.

Foto: picture alliance / zb | Volkmar Heinz

Am Dienstagabend des 19. August kam es zu einem ungewöhnlichen Zwischenfall am Kreuzfahrtterminal Rostock-Warnemünde. Das fast 70 Jahre alte norwegische Kreuzfahrtschiff „Nordstjernen“ konnte beim Ablegen nicht wie vorgesehen manövrieren. Laut der Wasserschutzpolizei reagierte ein Propeller nicht richtig. Das Schiff fuhr daraufhin rückwärts und stieß gegen eine Böschung am gegenüberliegenden Ufer.

An Bord befanden sich 28 Passagiere. Verletzt wurde niemand. Ein Sprecher der Reederei Vestland erklärte, es habe sich um ein kleines technisches Problem gehandelt, das dazu geführt habe, dass das Heck die Mole berührt habe.

Nach dem Zwischenfall wurde ein Fahrverbot verhängt. Dies ist gängige Praxis, um die Sicherheit zu gewährleisten. Taucher untersuchten noch am Abend die Außenhülle. Sie stellten fest, dass keine strukturellen Schäden vorlagen. Lediglich Kratzer im Lack waren sichtbar. Am nächsten Morgen kontrollierte die Klassifikationsgesellschaft, eine Art Schiffs-TÜV, den technischen Zustand. Kurz darauf gaben die Fachleute das Schiff wieder frei

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Fortsetzung der Reise

Ein Schlepper brachte die „Nordstjernen“ zunächst in den Rostocker Überseehafen. Dort wurde sie festgemacht und weiter geprüft. Gegen Mittag konnte die Reederei Entwarnung geben. Die Ursache des Problems war behoben, das Schiff wieder einsatzfähig. Am Nachmittag verließ die „Nordstjernen“ den Hafen – mit einem Tag Verspätung und Kurs auf Dänemark.

Die Reederei betonte, dass alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten wurden. Für die Passagiere blieb die Reise damit weitgehend unbeeinträchtigt.

Ein Schiff mit Geschichte

Die „Nordstjernen“ ist kein gewöhnliches Kreuzfahrtschiff. Sie wurde 1956 auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut. Mit 89 Metern Länge und einer Breite von 12,6 Metern war sie für den Liniendienst auf der norwegischen Küste ausgelegt.

Über Jahrzehnte versorgte sie abgelegene Orte, brachte Passagiere, Post und Waren. Drei Postbeamte waren an Bord, um Briefe und Pakete zu sortieren. Auf dem Vorschiff konnten sogar Autos verladen werden. Damit war sie für viele Menschen in Norwegen ein unverzichtbares Verkehrsmittel, bevor Straßen und Schienen das Land besser erschlossen.

Ihre Zeit bei der Reederei Hurtigruten endete offiziell 2012. Sie war bis dahin das älteste Schiff der Flotte und hatte die längste Einsatzdauer im Liniendienst hinter sich. Danach wurde sie an die Reederei Vestland Classic verkauft, die das Schiff umfassend renovierte und unter Denkmalschutzbedingungen restaurierte.

Nordstjernen im Nord-Ostsee-Kanal

Die Nordstjernen ist im Nord-Ostsee-Kanal ein gerngesehenes Fotomotiv.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Klaus-Dieter Möbus

Denkmalschutz und Modernisierung

Die Arbeiten erfolgten unter strengen Auflagen der norwegischen Denkmalschutzbehörde. Ziel war es, die historische Substanz zu bewahren. Riksantikvaren beteiligte sich sogar finanziell an den Arbeiten. Viele Bereiche blieben im Stil der 1950er Jahre erhalten – von den Kabinen bis zu den Salons.

Technisch wurde die „Nordstjernen“ mehrfach modernisiert. Der ursprüngliche Dieselmotor von Burmeister & Wain wurde in den 1980er Jahren durch einen MaK-Motor ersetzt. Dieser leistet 3001 PS und treibt über ein Reduktionsgetriebe einen Verstellpropeller an. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei 15,5 Knoten.

Heute ist die „Nordstjernen“ mit 62 Kabinen ausgestattet, die Platz für rund 170 Gäste bieten. Viele Kabinen sind klein, oft mit Stockbetten, was den historischen Charakter verstärkt.

Einsatz auf Spitzbergen und neue Einschränkungen

Zwischen 2015 und 2024 charterte Hurtigruten das Schiff erneut. In den Sommermonaten fuhr die „Nordstjernen“ Expeditionsreisen rund um Spitzbergen. Doch ab 2025 sind solche Einsätze nicht mehr erlaubt. Grund sind neue Vorschriften für polare Gewässer: Offene Rettungsboote, wie sie die „Nordstjernen“ besitzt, dürfen dort nicht mehr eingesetzt werden. Da ein Austausch wegen des Denkmalschutzes nicht möglich ist, bleibt das Schiff künftig im nordeuropäischen Raum unterwegs.

Die Reederei Vestland Classic reagierte darauf, indem sie ein weiteres historisches Schiff übernahm. Die ehemalige „Harald Jarl“, heute „Serenissima“, übernimmt nun die Arktis-Routen.

Nordstjernen in Spitzbergen

Die Nordstjernen unterwegs in Spitzbergen.

Foto: picture alliance / blickwinkel | Sergio Pitamitz

Zwischenfälle in der Vergangenheit

Die Havarie in Warnemünde war nicht der erste Unfall in der langen Geschichte der „Nordstjernen“. Am 11. November 2013 lief sie im Karmsund bei Haugesund auf Grund. Zwar drang damals zunächst kein Wasser ein, doch bei einer späteren Inspektion wurden mehrere Ballasttanks mit Löchern entdeckt. Auch Rumpf und Deck waren beschädigt. Nach Reparaturen in einer norwegischen Werft kehrte das Schiff Anfang 2014 wieder in den Dienst zurück.

Noch dramatischer war die Vorgeschichte des Namens: Die Vorgängerin, ein Dampfschiff gleichen Namens, sank 1954 nach einer Kollision im Raftsund. Vier Menschen verloren dabei ihr Leben.

Heute ein Schiff für Liebhaber

Heute steht die „Nordstjernen“ für nostalgische Kreuzfahrten. Zwischen Frühjahr und Herbst bietet sie Reisen durch Nordeuropa an. Viele Gäste schätzen die familiäre Atmosphäre an Bord. Die Crew besteht aus 28 Mitgliedern, die seit Jahren Teil dieser „Schiffsfamilie“ sind.

Die „Nordstjernen“ gilt als eines der meistfotografierten Schiffe im Nord-Ostsee-Kanal. Für viele Menschen ist die Fahrt an Bord weniger eine Kreuzfahrt im modernen Sinn als vielmehr ein bewusstes Eintauchen in eine andere Zeit.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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