Automobilelektronik 26.10.2012, 19:55 Uhr

Lkw-Abbiegeassistent kann Leben retten

Für über 50 Radfahrer und Fußgänger jährlich endet in Deutschland die Kollision mit einem rechts abbiegenden Lkw tödlich. Grund genug für Automobilbauer und Zulieferer, sich schon seit Jahren Gedanken über elektronische Helfer zu machen. Die Technik ist da, doch bislang ist noch kein Assistenzsystem in Serie gegangen. Die Käufer von Lkw scheuen die Mehrkosten.

Abbiegeassistenzsysteme: Käufer scheuen Kosten.

Abbiegeassistenzsysteme: Käufer scheuen Kosten.

Foto: Schenker

Die 47-jährige Radfahrerin macht alles richtig, als sie am Vormittag des 24. Mai 2012 in Mindelheim unterwegs ist. Trotzdem wird sie Opfer eines schweren Unfalls: Sie fährt geradeaus, ein Lkw will rechts abbiegen und übersieht die Frau. Bei dem Zusammenstoß gerät sie unter das Fahrzeug und wird überrollt. Zum Glück erwischt sie der Lastwagen „nur“ im Bereich der Beine. Mit schwersten Verletzungen muss sie per Rettungshubschrauber in die Klinik geflogen werden.

Die Mindelheimerin überlebt den Unfall – im Gegensatz zu rund 50 anderen Radfahrern jährlich in Deutschland. Für sie endet diese Konfrontation tödlich. Das Abbiegen von Lkw nach rechts ist eine der unfallträchtigsten Situationen im Zusammentreffen von Radfahrern oder Fußgängern einerseits und Lastkraftwagen andererseits.

Das Problem: Die Sicht aus dem Führerhaus des Lkw ist stark eingeschränkt. Radfahrer, Fußgänger und hier vor allem Kinder werden vom Fahrer leicht übersehen – mit gravierenden Folgen für Leben und Gesundheit.

Zwar steht den Lkw-Lenkern eine ganze Armada von Spiegeln zur Verfügung, um den toten Winkel zu überwachen, doch damit haben sich die Unfallzahlen kaum senken lassen: Die Aufmerksamkeit der Lkw-Fahrer beim Abbiegen nach rechts gilt keineswegs nur den Spiegeln – sie müssen gleichzeitig den Lenkradius ihres Fahrzeugs im Blick behalten, auf den Gegenverkehr achten und einiges mehr. Da kann ein Blick in den Spiegel schon mal etwas kürzer ausfallen, als nötig wäre.

ADAC-Sicherheitsexperte plädiert für Abbiegeassistent für Lkw

In Industrie und Verbänden werden mögliche Lösungen heftig diskutiert. Manche Sicherheitsexperten fordern die Einführung von Abbiegeassistenten für Lkw. Die elektronischen Helfer sollen mit ihren Sensoren den toten Winkel seitlich und unmittelbar vor dem Lkw überwachen und den Fahrer mit akustischen oder haptischen Signalen warnen, sobald eine Kollisionsgefahr gegeben ist.

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„Ein Assistent, der dem Lkw-Fahrer signalisiert, dass sich im toten Winkel eine Person befindet, wäre sehr hilfreich“, sagt ADAC-Verkehrssicherheitsexperte Hubert Paulus.

Ingenieure und Sicherheitsexperten arbeiten seit Jahren an der Entwicklung solcher Assistenzsysteme. Der Lkw-Hersteller MAN hat bereits vor Jahren das „Ultrasonic Guard System“ entwickelt. Dabei erkennen Ultraschall-Sensoren, ob sich im gefährdeten Bereich eine Person aufhält, und signalisieren das dem Fahrer. Nach Überzeugung des ADAC funktionierte das gut, der Club überreichte dem Lkw-Bauer dafür den Innovationspreis „Gelber Engel“.

Konkurrent Daimler hat einen ähnlichen Assistenten entwickelt. Vor gut einem Jahr führte das Unternehmen seinen Unfallvorbeuger dem Radfahrerclub ADFC vor. Dieser war begeistert. Das Gerät zeige, dass die Automobilindustrie technisch schon weiter sei als der Gesetzgeber, erklärte der ADFC-Vorsitzende Ulrich Syberg.

Abbiegeassistent: Lastwagenhersteller und Zulieferer reagieren auf Nachfragen zurückhaltend

In Serie gegangen ist keine dieser Entwicklungen. Journalisten, die danach forschen, sehen Pressestellen branchenweit in Deckung gehen. „Wir sprechen nicht über laufende Forschungsprojekte“, sagt Claws Tohsche, Sprecher von Daimlers Lkw-Sparte.

Unisono lassen Lastwagenhersteller und Zulieferer von Bosch bis Wabco verlauten, dass man daran arbeite, dass aber die Technik noch nicht so weit gediehen sei.

Erfolg verspricht man sich bei Continental von einer Sensorik, die bereits in Spurwechselassistenten verbaut wird: Radarwellen tasten die Umgebung des Fahrzeugs ab und ermitteln auch den Bewegungsvektor des Fußgängers oder Radfahrers.

Allerdings können die üblichen Spurwechselassistenten und Tote-Winkel-Sensoren Fußgänger und Radfahrer nur erkennen, solange sie sich bewegen. „Sobald der Fußgänger steht, kann ihn der Sensor nicht mehr von einer Mülltonne unterscheiden“, sagt ein Insider.

Mehr Potenzial könnte Continentals neue „Top View“-Technik haben. Dabei nehmen mehrere Kameras das Umfeld des Fahrzeugs auf, ein Rechner erzeugt daraus ein synthetisches Bild, das scheinbar von einem Punkt oberhalb des Fahrzeugs aufgenommen ist. Andere Verkehrsteilnehmer sind darauf ebenso zu erkennen wie Fußgänger und Radfahrer. „Damit sieht der Fahrer, was sich rund um das Fahrzeug tut“, erklärt Continentalsprecher Frederick Wilde. „Die Technik eignet sich geradezu ideal etwa für den Einsatz in einem Schulbus mit herumlaufenden Kindern.“

Abbiegeassistent: „Die Technik wäre da, aber der Markt hat sich noch nicht entschieden“

Die Branche forscht also weiterhin nach der idealen Technik für solche Abbiegeassistenten. Doch offenbar tut sie das mit angezogener Handbremse. „Die Technik wäre da, aber der Markt hat sich noch nicht entschieden“, ist hinter vorgehaltener Hand zu hören.

Im Klartext: Lkw-Käufer sind nicht bereit, Geld für diese Art von Zubehör auszugeben. Deswegen müsse man Anreize setzen, etwa durch Rabatte bei der Versicherung, schlägt ADAC-Mann Paulus vor.

Mittelfristig werde der Druck zunehmen, zu einer Lösung zu kommen, prophezeit Paulus. Die hohen Verkaufszahlen bei Pedelecs lassen vermuten, dass immer mehr ältere Menschen auf das Zweirad mit Hilfsantrieb umsteigen. „Das lässt steigende Unfallzahlen erwarten“, warnt der Verkehrssicherheitsexperte.

 

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