Lenkung kann ausfallen: VW ruft weltweit über 2 Mio. Autos zurück
Volkswagen ruft in Deutschland 895.832 Golf, Golf Variant, Tiguan, Touran und Caddy zurück, weltweit sogar mehr als 2 Mio. Fahrzeuge. Eine Befestigungsschraube am Lenkgetriebe kann korrodieren und brechen.
Ein VW Golf von 2016 in der Autotürmen in Wolfsburg. In Deutschland müssen fast 900.000 Golf und weitere Modelle wegen einer möglichen defekten Schraube am Lenkgetriebe in die Werkstätten.
Foto: picture alliance / dpa | Julian Stratenschulte
Der Rückruf ist größer, als die Zahl von „fast einer Million Autos“ zunächst vermuten lässt: In Deutschland sind 895.832 Fahrzeuge der Marke Volkswagen betroffen, weltweit jedoch sogar 2.159.054. Hinzu kommen weitere Modelle der Konzernmarken Audi und Seat, für die das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) eigene Rückrufaktionen führt. Die weltweite Zahl entstammt dem KBA-Datensatz zur Rückrufaktion mit der Nummer 17016R.
Bei Volkswagen geht es um die Baureihen Golf, Golf Variant, Tiguan, Touran und Caddy. Der zusammengefasste Produktionszeitraum reicht vom 24. September 2013 bis zum 1. Juli 2024. Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Fahrzeug dieser Modelle und Baujahre zurückgerufen wird. Entscheidend ist die Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN).
Das KBA führt den VW-Rückruf unter der Referenznummer 17016R. Der interne Aktionscode von Volkswagen lautet 48VS.
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Schraube am Lenkgetriebe kann korrodieren
Ursache des Rückrufs ist eine Befestigungsschraube des Lenkgetriebes. Nach Angaben des Herstellers kann Feuchtigkeit in den Bereich der Verschraubung eindringen. Im Laufe der Jahre kann die Schraube dadurch korrodieren und womöglich abreißen. Bricht der Schraubenkopf, ist das Lenkgetriebe nur noch über einen weiteren Befestigungspunkt mit dem Vorderachsträger verbunden. Bei einer hohen mechanischen Belastung kann anschließend auch das Gehäuse des Lenkgetriebes beschädigt werden. Im ungünstigsten Fall geht die Lenkfähigkeit verloren.
Besonders hohe Kräfte treten beim Einparken und bei langsamen Rangiermanövern auf. Ein beginnender Schaden muss für den Fahrer nicht unmittelbar erkennbar sein. Das KBA stuft den Mangel deshalb als sicherheitsrelevant ein und untersucht bzw. überwacht die Rückrufaktion. Bislang sind nach Angaben von KBA, Volkswagen und ADAC keine Unfälle sowie keine Personen- oder Sachschäden bekannt, die auf den Fehler zurückgeführt werden. Volkswagen geht Medienberichten zufolge davon aus, dass höchstens 1 % der zurückgerufenen Fahrzeuge tatsächlich den beschriebenen Schaden aufweisen. Wegen der möglichen Folgen werden dennoch alle potenziell betroffenen Autos überprüft.
Auch Audi Q3 betroffen
Neben Volkswagen ruft Audi in Deutschland 58.555 Exemplare des Q3 zurück, weltweit sind es knapp 700.000 Fahrzeuge. Der Audi-Produktionszeitraum reicht vom 31. Oktober 2017 bis zum 23. Mai 2024. Das KBA führt diesen Rückruf unter 17014R, Audi unter dem Aktionscode 48LG.
Auch bei Seat sind Ateca und Tarraco von einer entsprechenden Aktion betroffen. Diese Fahrzeuge gehören jedoch nicht zum VW-Rückruf 17016R, sondern werden separat erfasst.
Dürfen die Autos noch gefahren werden?
Nach Angaben eines Volkswagen-Sprechers dürfen die Fahrzeuge vorerst weitergefahren werden. Eine Stilllegung oder ausdrückliche Aufforderung, das Auto bis zur Reparatur nicht zu benutzen, ist nicht bekannt. Halter sollten den Rückruf trotzdem ernst nehmen und nach Erhalt des Schreibens möglichst zeitnah einen Werkstatttermin vereinbaren. Wer beim Lenken ungewöhnliche Geräusche, Spiel, schwergängige Bewegungen oder eine Warnmeldung bemerkt, sollte laut VW vorsichtshalber anhalten und Volkswagen, eine Vertragswerkstatt oder die Pannenhilfe kontaktieren.
Wenn ein Gleichteil zum Serienrisiko wird
Die ungewöhnlich hohe Zahl betroffener Fahrzeuge verweist auf einen grundsätzlichen Zielkonflikt moderner Plattformstrategien. Volkswagen verwendet im Modularen Querbaukasten und in weiteren Baukastensystemen gemeinsame Komponenten, Module und Fertigungsprozesse für zahlreiche Modelle und Konzernmarken. Das senkt Entwicklungs- und Produktionskosten, vereinfacht die Fertigung und ermöglicht größere Stückzahlen bei einzelnen Bauteilen.
Genau diese Skalierung kann sich bei einem Konstruktions-, Material- oder Fertigungsfehler jedoch umkehren. Wird ein anfälliges Gleichteil über Jahre hinweg in mehreren Modellreihen verwendet, beschränkt sich ein Rückruf nicht auf einzelne Fahrzeuge. Aus einer korrodierenden Schraube wird dann eine konzernweite Aktion für Hunderttausende oder sogar Millionen Autos.
Ob der aktuelle Rückruf unmittelbar auf die Plattformstrategie zurückzuführen ist, lässt sich anhand der bislang veröffentlichten Informationen jedoch nicht genau beurteilen. Golf, Tiguan und Touran nutzen zwar den Modularen Querbaukasten, doch nicht alle betroffenen Modellgenerationen basieren auf exakt derselben Plattform. Gemeinsam ist ihnen offenbar vor allem die betreffende Befestigungslösung am Lenkgetriebe. Präziser als von einem „MQB-Fehler“ zu sprechen, ist daher die Einordnung als Risiko einer weitreichenden Gleichteile- und Modulstrategie, wie sie auch viele andere Hersteller befolgen.
Die hat allerdings auch eine positive Seite: Ist der Fehler einmal erkannt, können Hersteller Ursache, Prüfverfahren und Ersatzteil zentral festlegen und die Reparatur über ihr gesamtes Servicenetz ausrollen. Im aktuellen Fall genügt nach bisherigem Stand der Austausch einer einzelnen Schraube. Logistisch bleibt eine Werkstattaktion für fast 900.000 Fahrzeuge allein in Deutschland dennoch gewaltig.
Was macht die Werkstatt?
In der Vertragswerkstatt wird die Befestigung des Lenkgetriebes kontrolliert. Die vorhandene Schraube wird durch eine Ausführung mit höherer Korrosionsbeständigkeit ersetzt. Die Arbeiten sind für die Fahrzeughalter kostenlos. Wie lange der Werkstattaufenthalt dauert, hat Volkswagen bislang nicht öffentlich angegeben. Auch der genaue Beginn der Halteranschreiben ist für Deutschland noch nicht eindeutig veröffentlicht. Brancheninformationen zufolge soll die eigentliche Abhilfemaßnahme im November anlaufen.
Kasten:
So prüfen Besitzer, ob ihr VW betroffen ist
Der Produktionszeitraum allein reicht für eine sichere Zuordnung nicht aus. Besitzer eines Golf, Golf Variant, Tiguan, Touran oder Caddy sowie Audi oder Seat aus den Jahren 2013 bis 2024 sollten folgendermaßen vorgehen:
- Die 17-stellige Fahrzeug-Identifizierungsnummer bereithalten. Sie steht in der Zulassungsbescheinigung Teil I im Feld E und ist außerdem am Fahrzeug angebracht.
- Einen Volkswagen-Vertragspartner oder die Volkswagen-Kundenbetreuung kontaktieren.
- Dabei den VW-Aktionscode 48VS oder die KBA-Referenznummer 17016R nennen.
- Wird die Betroffenheit bestätigt, einen kostenlosen Werkstatttermin vereinbaren.
- Das Halteranschreiben nicht ignorieren – auch dann nicht, wenn die Lenkung bislang unauffällig funktioniert.
Die kostenfreie Volkswagen-Kundenbetreuung ist unter 0800 8655792436 erreichbar. Anfragen sind außerdem per E-Mail an kundenbetreuung@volkswagen.de möglich. Caddy-Besitzer können sich laut VW auch an einen Volkswagen-Nutzfahrzeuge-Partner wenden; die zentrale Telefonnummer ist dieselbe.
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