Verschleißfreies System 02.10.2017, 07:29 Uhr

Erste Autofähre tankt drahtlos Strom

Die norwegische Reederei Norled hat eine erste Autofähre in Betrieb genommen, die in den von ihr angefahrenen Häfen elektrischen Strom drahtlos aufnimmt. Bei dem für die Testfahrten eingesetzten Schiff handelt es sich um die 85 Meter lange Fähre „MF Folgefonn“.

Die 85 Meter lange Hybrid-Fähre MF Folgefonn der norwegischen Reederei Norled wurde so umgebaut, dass sie drahtlos Strom tanken kann. Das von dem finnischen Konzern Wärtsila entwickelte Ladesystem soll zudem besonders schnell arbeiten. 

Die 85 Meter lange Hybrid-Fähre MF Folgefonn der norwegischen Reederei Norled wurde so umgebaut, dass sie drahtlos Strom tanken kann. Das von dem finnischen Konzern Wärtsila entwickelte Ladesystem soll zudem besonders schnell arbeiten. 

Foto: Norled

„Kein anderes drahtloses System arbeitet ähnlich schnell“, erklärte der am Projekt beteiligte finnische Technologiekonzern Wärtsila. Er beziffert den Zeitvorsprung des eingesetzten eigenen Systems gegenüber anderen drahtlosen Übertragungsmöglichkeiten auf bis zu 20 Prozent. Das bedeutet vor allem einen wirtschaftlichen Vorteil, wenn die Fähre nach einem kurzen Ladevorgang direkt wieder auslaufen kann.

In Norwegen drängt die Regierung vor allem unter Umweltschutz-Überlegungen darauf, dass die vielen Fähren des Landes mit einem Hybridantrieb versehen sind. Daher verfügen sie bereits über eine relativ große Batteriekapazität. Die „MF Folgefonn“ musste also nicht stark umgebaut werden.

Platte auf der Außenhaut des Rumpfes

Sie erhielt im wesentlichen eine Strom aufnehmende Platte auf der Außenhaut des Rumpfes, die mit der Batterie durch Kabel verbunden ist. Kommt diese Platte im Hafen ihrem örtlichen, in die Kaimauer eingebauten Gegenstück auf wenigstens 50 Zentimeter nahe, so läuft der Ladevorgang an. Durch die Einfachheit dieses nach außen kabellosen Ladevorgangs und das schnelle Ladetempo „wird ein beträchtlicher Nutzen für die Betreiber von Hybrid-Fähren geschaffen“, betont Inge Sörfon, Senior Technical Officer von Wärtsila Marine Solutions.

Nähert sich die Fähre bis auf einen halben Meter der Ladestation wird sie drahtlos aufgeladen. Dafür wurde an der Hybridfähre MF Folgefonn eine Strom aufnehmende Platte auf der Außenhaut des Rumpfes montiert. Eine weitere Platte befindet sich am Roboterarm der Ladestation.

Nähert sich die Fähre bis auf einen halben Meter der Ladestation wird sie drahtlos aufgeladen. Dafür wurde an der Hybridfähre MF Folgefonn eine Strom aufnehmende Platte auf der Außenhaut des Rumpfes montiert. Eine weitere Platte befindet sich am Roboterarm der Ladestation.

Quelle: Wärtsila

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Zu der genannten Produktivitätssteigerung der Fähre trägt wesentlich bei, dass der Ladevorgang automatisch in Gang kommt, wenn die Fähre sich der Ladeplatte im Hafen ausreichend genähert hat. Zudem arbeitet das berührungslose Wärtsila-System verschleißfrei.

Schnelle Umstellung der Hybrid-Fähren erwartet

Wärtsila geht davon aus, dass die neue drahtlose Stromübertragung den Betrieb von Hybridfähren „revolutioniert“, wie Cato Experö, Vorstandsmitglied von Wärtsila Norway, hervorhebt. Dass Wärtsila das System in Norwegen testet, erklärt sich aus dem ganz erheblichen Fährbetrieb dieses Landes. Allein Norled, die zu den großen Fährgesellschaften in Norwegen zählt, betreibt 45 Autofähren, 17 Schnellfähren für den Personenverkehr und einen Wasserbus für touristische Zwecke.

Wärtsila geht davon aus, dass sowohl Norled wie auch andere norwegische Fährschiffsbetreiber schon bald auf die berührungsfreie Stromübertragung übergehen werden. Dafür müssen zuvor in den vielen Fährhäfen des Landes die Anschlussplatten in den Kais installiert sein, da die meisten der Fähren nicht ausschließlich auf einer Strecke verkehren. Das neue Übertragungssystem soll auch bei Eis und Schnee ohne Einschränkung funktionieren. Die Anpassung des Wärtsila-Übertragungssystems an die Erfordernisse des Fährschiffsbetriebs ist von Innovation Norway, einem staatlichen norwegischen Entwicklungsfonds, mitfinanziert worden.

Die erste große E-Autofähre weltweit im regulären Linienbetrieb wurde übrigens von Siemens gemeinsam mit dem norwegischen Schiffsbauer Fjellstrand entwickelt. Die nur mit Strom angetriebene Fähre ist nicht nur emissionsfrei und leise, sondern wegen ihres Leichtbaukonzeptes auch besonders effizient. Ihr Betreiber: Norled. Mehr dazu lesen Sie hier.

Die vollständig elektrische Fähre

Die vollständig elektrische Fähre „Ampere“ war 2015 die weltweit erste Elektrofähre im Liniendienst.

Quelle: Siemens

Die größte Hybridfähre der Welt ist schon 26 Jahre alt, heißt Tycho Brahe und wurde von ABB zusätzlich zum Dieselantrieb mit einem Elektromotor ausgestattet. Künftig soll sie die Überfahrt zwischen den Hafenstädten Helsingör in Dänemark und Helsingborg in Schweden rein elektrisch absolvieren.

Größte Elektrofähre der Welt: Die Tycho Brahe wurde von ABB zusätzlich zum Dieselantrieb mit einem Elektromotor ausgestattet – und ist schon 26 Jahre alt. 

Größte Elektrofähre der Welt: Die Tycho Brahe wurde von ABB zusätzlich zum Dieselantrieb mit einem Elektromotor ausgestattet – und ist schon 26 Jahre alt.

Quelle: HH Ferries

Ihr offizieller Betriebsbeginn im Juni 2017 musste allerdings verschoben werden: Die Ladetechnik funktionierte noch nicht fehlerfrei. Wir berichteten.

 

Ein Beitrag von:

  • Peter Odrich

    Peter Odrich studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Verkehrsbetriebe. Nach 28 Jahren als Wirtschaftsredakteur einer deutschen überregionalen Tageszeitung mit langer Tätigkeit in Ostasien kehrte er ins heimatliche Grossbritannien zurück. Seitdem berichtet er freiberuflich für Zeitungen und Technische Informationsdienste in verschiedenen Ländern. Dabei stehen Verkehrsthemen, Metalle und ostasiatische Themen im Vordergrund.

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