Geothermie 15.10.2010, 19:49 Uhr

Die Metro – Wärmespender für die Pariser Bürger

Die Pariser U-Bahn eine Energiequelle – das ist keinesfalls eine reine Hypothese französischer Ingenieure. In Frankreich diskutiert die Fachwelt intensiv die Möglichkeit, Wärme im Pariser U-Bahn-Verkehrsnetz für die Beheizung der Büro- und Wohnhäuser zu verwenden. Bisher jedoch hat noch niemand die unterirdische Energiequelle im Metrotunnelsystem von 211,5 km Länge erschlossen.

Paris leidet unter permanentem Parkplatzmangel. Der Pkw-Verkehr ist oft so dicht, dass der Oberbürgermeister wegen zu hoher Luftbelastung das Tempo 30 km/h vorschreiben muss. Viele Verkehrsteilnehmer weichen deshalb auf die Metro aus, aber dort herrscht auf manchen Linien – wie auf der Strecke 4 zwischen Porte de Clignancourt im Norden und Porte d´Orléans im Süden – eine Bullenhitze, die übel riechen und Benutzer abschrecken kann. 150 Mio. Fahrgäste muss die Linie 4 jedes Jahr verkraften. Aber man kommt im dichten Stadtverkehr in der Unterwelt wenigstens voran.

In den 300 für den Pariser Fahrgast geöffneten Metrostationen, die zum Teil bis zu 30 m tief liegen, herrschen durchschnittlich Temperaturen von 20 °C bis 25 °C. Der Zufall einer Entdeckung im Pariser Untergrund eröffnet jetzt neue Perspektiven für ein energiepolitisch interessantes Projekt.

Die Baufinanzierungsgesellschaft Paris Habitat-OPH stieß bei Kellerarbeiten in einem Bürohauses in der Nähe des Pompidou-Museums auf einen Durchgang zu einem Tunnel der Metrolinie 11. Den Bauingenieuren fiel die erstaunlich hohe Temperatur auf. Die dort herrschende Wärme verursachen vor allem die U-Bahn-Zugmotoren, die Beleuchtung der Stationen sowie die Menschenansammlungen. Um diese Wärme zu nutzen und in das alte Bürohaus umzuleiten, in dem die Finanzierungsgesellschaft 20 Apartments einrichten will, gaben die Ingenieure Studien über die Nutzung der Erdwärme unter dem Pflaster von Paris in Auftrag.

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Die Tunnelwärme – auf manchen Stationen je nach Tieflage im Untergrund bis zu 25 °C – soll über hierfür geeignete Wärmeaustauschpumpen durch ein Röhrensystem in das System der Gebäudeheizung eingespeist werden. Die Anlage filtert die Metroluft, um Wasser vorzuheizen und in die 20 Apartments abzugeben. Die Fachleute haben präzise Vorstellungen: Eine Wärmepumpe wird im Zwischengang des Hauses zur Metro eingerichtet. Das sei technisch machbar, sagen die Experten. Voraussetzung sei die „Abdichtung“ zwischen U-Bahn und Wohnhaus vor Feuergefahren und Luftverschmutzung, Pumpenfilter müssten regelmäßig „entstaubt“ werden.

Wenn sich das System als erfolgreich erwiese, so Umweltexperten der Baugesellschaft, solle das Pilotprojekt als Modell für die Nutzung der Untergrundwärme auch an anderen Stellen des dichten Metro-Verkehrssystems dienen.

Paris Habitat-OPH, mit der Renovierung und Sanierung von 120 000 Wohnungen beschäftigt, erhofft sich noch mehr. Die Temperatur in der Metro als Gebäudeheizung zu nutzen, kann die Kosten des Energieverbrauchs für Eigentümer und Mieter erheblich senken. Allerdings wird die Wärme aus dem Untergrund nur eine zusätzliche Quelle sein.

Die Umweltverträglichkeit, die Paris Habitat-OPH verspricht, kommt den ökologischen Zielen des Oberbürgermeisters von Paris, Bertrand Delanoe, entgegen. Der hat als Klimaziel ausgegeben, den CO2-Ausstoß seiner Metropole bis 2020 um ein Drittel zu verringern und auf das Niveau von 2004 zu bringen.

Fachleute, die das U-Bahn-Netz in Paris als Wärmequelle nutzen wollen, verweisen gern auf das Beispiel des Wiener Vororts Penzing. Dort arbeitet mit großem Erfolg die Geothermieanlage TunnelThermie. Die Abwärme wird aus dem Lainzer Tunnel zur Heizung und Warmwasserbereitung einer nahen Sportstätte genutzt. Jährlich wird so der Ausstoß von 30 t CO2 vermieden, gleichzeitig werden Luftschadstoffe herausgefiltert.

Die einflussreiche Abendzeitung „Le Monde“ findet die Idee von Paris als Wärmequelle genial. Ihr Appell an die Leser: „Bitte kritisieren Sie nicht mehr die unreine Luft in der Metro sie wird bald ihr Apartment heizen!“ LUTZ HERMANN

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