China-Audi in Deutschland: Die Zulassung ist das kleinste Problem
Der Importeur „Auto China“ bringt die nur für China entwickelten AUDI-Modelle E5 und E7X nach Deutschland – inklusive Zulassung, Garantie und Service. Doch was passiert bei einem Unfall, wenn Ersatzteile aus China kommen und Audi keine Verantwortung übernimmt?
Der AUDI E5 Sportback - mit Schriftzug in Großbuchstaben und ohne die klassischen vier Ringe. Audi konzipierte ihn ausschließlich für den chinesischen Markt und produziert ihn in Shanghai. Ein Importeur bringt ihn jetzt trotzdem nach Deutschland. Zulassungsfähig?
Foto: Audi AG
Ein Audi aus China ohne die gewohnten vier Ringe auf deutschen Straßen? Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist inzwischen Realität. Die neue, ausschließlich für China entwickelte Marke AUDI – bewusst in Großbuchstaben und ohne das klassische Audi-Logo – ist mit dem E5 Sportback und dem E7X auch auf dem deutschen Importmarkt angekommen. Der Importdienstleister Auto China bietet neben Fahrzeugen der chinesischen Hersteller Xiaomi, SAIC, BYD und weiteren auch die beiden AUDI-Modelle an und übernimmt nach eigenen Angaben Beschaffung, Homologation, Zulassung und Service.
Damit betritt ein Geschäftsmodell den deutschen Markt, das über den klassischen Grauimport hinausgeht. Denn die Fahrzeuge sind keine für Europa entwickelten Audis, die lediglich über einen alternativen Vertriebskanal importiert werden. E5 und E7X wurden von Audi und SAIC ausdrücklich und ausschließlich für den chinesischen Markt entwickelt. Auto China versucht deshalb, die fehlende europäische Vertriebsstruktur durch eigene Leistungen zu ersetzen.
Inhaltsverzeichnis
- Zulassung bedeutet nicht Herstellerservice
- Auto China will das Servicenetz ersetzen
- Der erste Unfall wird zum Härtetest
- Garantie kommt vom Importeur
- Software wird zum Langzeitproblem
- Auch die Versicherung muss mitspielen
- Was passiert, wenn Auto China ausfällt?
- Der Unterschied liegt nicht beim Auto, sondern dahinter
Zulassung bedeutet nicht Herstellerservice
Technisch sind die Fahrzeuge durchaus interessant. So wird etwa der E5 Sportback in seiner stärksten Variante mit zwei Elektromotoren, 579 kW und 800 Nm zum Netto-Basispreis von 59.980 € verkauft – für Privatkunden also gut 71.000 € brutto, zuzüglich Fracht, Überführung und Zulassung. Beim E7X sind es nach Informationen der Automobilwoche 72.900 € netto und rund 86.700 € brutto.
Eine 100-kWh-Batterie und 800-V-Technik gehören beim E5 ebenso zur Ausstattung wie eine umfangreiche Sensorik mit Lidar, Radar, Kameras, Ultraschallsensoren und das Betriebssystem Audi OS. Auto China bietet die Fahrzeuge mit einer EU-Straßenzulassung an, beim E5 kostet diese nach Angaben des Importeurs 1500 € zusätzlich. Für den Käufer ist allerdings wichtig, zwischen Zulassungsfähigkeit und Herstellerverantwortung zu unterscheiden.
Eine Einzelgenehmigung beziehungsweise nationale Zulassung bedeutet zunächst, dass das konkrete Fahrzeug die technischen und rechtlichen Voraussetzungen für den Betrieb auf deutschen Straßen erfüllt. Daraus entsteht jedoch nicht automatisch ein Anspruch auf Leistungen des deutschen Audi-Vertriebsnetzes. Genau an diesem Punkt beginnt das eigentliche Risiko des Parallelimports:
- Wer repariert das Fahrzeug, wenn ein komplexes Bauteil ausfällt?
- Wer liefert Ersatzteile?
- Wer spielt Software auf?
- Wer übernimmt die Kosten?
Bislang hat Audi Deutschland keine Informationen zur Sachlage veröffentlicht, ingenieur.de hat aber bereits angefragt und wird die Antworten zu einem späteren Zeitpunkt nachreichen.
Auto China will das Servicenetz ersetzen
Auto China versucht, die offenen Fragen mit einer eigenen Infrastruktur zu beantworten. Der Importeur bietet ein Serviceprogramm an und arbeitet nach eigenen Angaben mit zahlreichen Partnerwerkstätten zusammen. Gängige Ersatzteile sollen in Deutschland verfügbar sein, spezielle Komponenten können aus China beschafft werden. Auch Ferndiagnose und Unterstützung bei Software-Updates gehören zum Konzept.
Damit unterscheidet sich Auto China deutlich vom klassischen Grauimporteur. Bei einem privaten Einzelimport kann der Käufer nach dem Kauf selbst für Werkstatt, Ersatzteile und technische Unterstützung verantwortlich sein. Auto China versucht dagegen, diese Leistungen als Teil des Geschäftsmodells zu organisieren. Ob das langfristig funktioniert, muss allerdings die Praxis zeigen.
Der erste Unfall wird zum Härtetest
Denn bei einem modernen Elektrofahrzeug ist die Ersatzteilversorgung mehr als die Verfügbarkeit eines Kotflügels. Wird beispielsweise bei einem Unfall ein Frontbereich beschädigt, können neben Karosserieteilen auch Kamera-, Radar- oder Lidar-Sensoren betroffen sein. Nach dem Austausch müssen diese Systeme möglicherweise programmiert und kalibriert werden. Dafür benötigt die Werkstatt nicht nur das passende Ersatzteil, sondern auch Diagnosegeräte, Software und technische Reparaturinformationen. Noch komplexer wird es bei Hochvoltkomponenten, Leistungselektronik oder Batteriemanagement.
Genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen einem offiziell in Deutschland vertriebenen Audi und einem China-Import. Beim regulären Modell existiert eine etablierte Infrastruktur aus Hersteller, Händler, Werkstatt, Ersatzteillager und technischer Dokumentation. Beim Importfahrzeug muss diese Infrastruktur der Importeur bereitstellen.
Garantie kommt vom Importeur
Auch bei der Garantie ist die Konstruktion eine andere. Auto China bietet für E5 und E7X ein zweijähriges Garantie- und Servicepaket für 3500 € an. Nach den veröffentlichten Angaben umfasst es unter anderem Hochvoltbatterie, Elektromotoren, Leistungselektronik sowie Sensorik und elektronische Komponenten. Das klingt zunächst umfassend, entscheidend sind jedoch die Details. Eine Garantie des Importeurs ist keine Herstellergarantie von Audi Deutschland. Deshalb muss geklärt werden, welche Gesellschaft tatsächlich Garantiegeber ist, welche Leistungen ausgeschlossen sind und welche finanziellen Sicherheiten dahinterstehen.
Auch die Haftungsfrage ist relevant: Was passiert, wenn der Importeur wirtschaftlich nicht mehr in der Lage ist, Garantie- oder Ersatzteilansprüche zu erfüllen? Die Höhe des Stammkapitals einer Gesellschaft allein beantwortet diese Frage nicht. Entscheidend sind vielmehr Rückstellungen, Versicherungen, Garantiegeber und die konkrete Vertragsstruktur.
Software wird zum Langzeitproblem
Besonders schwer einzuschätzen ist natürlich die Software. E5 und E7X verwenden für den chinesischen Markt entwickelte digitale Dienste, Cloud-Anbindungen und Sprachassistenzsysteme. Für einen deutschen Käufer stellt sich deshalb nicht nur die Frage, ob das Menü deutschsprachig ist. Viel wichtiger ist, wie lange die digitale Infrastruktur funktioniert.
Was passiert, wenn ein chinesischer Cloud-Dienst eingestellt wird? Wer stellt Sicherheitsupdates bereit? Können Steuergeräte in Deutschland aktualisiert werden? Funktionieren Over-the-Air-Updates auch langfristig? Und wer ist verantwortlich, wenn ein Softwarefehler ein sicherheitsrelevantes System betrifft? Auch das Thema Cybersicherheit ist letztendlich noch nicht beantwortet.
Bei einem offiziell in Europa angebotenen Fahrzeug liegen diese Prozesse beim Hersteller und seinem Servicenetz. Beim China-Import verschiebt sich ein Teil der Verantwortung auf den Importeur.
Auch die Versicherung muss mitspielen
Ein zulassungsfähiges Fahrzeug lässt sich grundsätzlich versichern. Bei der freiwilligen Kaskoversicherung können die Bedingungen jedoch schwieriger sein. Versicherer kalkulieren unter anderem anhand von Schadenhistorie, Reparaturkosten und Ersatzteilpreisen. Bei einem Fahrzeug, das in Deutschland kaum Erfahrungswerte besitzt und dessen Ersatzteile teilweise aus China beschafft werden müssen, fehlen solche Daten natürlich.
Lange Lieferzeiten oder hohe Kosten für Sensorik und Elektronik könnten sich durchaus heftig auf die Prämie auswirken. Ob ein E5 versicherungstechnisch ähnlich behandelt wird wie ein vergleichbarer Audi A6 Sportback e-tron oder wegen seiner hohen Leistung und komplexen Sensorik anders eingestuft wird, ist deshalb eine noch offene Frage.
Was passiert, wenn Auto China ausfällt?
Damit rückt der Importeur selbst in den Mittelpunkt. Auto China verspricht Zulassung, Ersatzteile, Service, Garantie und Softwareunterstützung. Das Unternehmen übernimmt damit wesentliche Aufgaben, die bei einem regulär in Deutschland angebotenen Audi der Hersteller beziehungsweise dessen Händlernetz erfüllt. Für den Käufer ist deshalb entscheidend, wer sein Vertragspartner ist und wer im Schadenfall tatsächlich haftet.
Das gilt insbesondere bei einem Totalschaden oder einem Defekt an teuren Hochvolt- und Elektronikkomponenten. Ein einzelner Batteriedefekt kann schnell einen fünfstelligen Betrag erreichen. Dann muss sich zeigen, wie belastbar das Garantie- und Servicemodell tatsächlich ist.
Der Unterschied liegt nicht beim Auto, sondern dahinter
Der AUDI E5 Sportback ist technisch kein einfacher Exot. 579 kW, 800 Nm, 800-V-Technik und umfangreiche Fahrerassistenz machen ihn zu einem technisch anspruchsvollen Oberklassefahrzeug.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht primär, ob sich ein China-Audi in Deutschland zulassen lässt. Das scheint grundsätzlich möglich zu sein. Entscheidend ist vielmehr, was danach kommt. Auto China versucht, aus dem klassischen Grauimport ein organisiertes Geschäftsmodell zu machen. Homologation, Zulassung, Ersatzteile, Werkstattnetz, Garantie und Service sollen aus einer Hand kommen. Ob daraus tatsächlich eine belastbare Alternative zum offiziellen Herstellervertrieb entsteht, wird sich allerdings erst im Alltag zeigen. Der erste größere Unfall, ein schwerer Elektronikdefekt oder ein Softwareproblem könnte zum entscheidenden Praxistest werden.
Denn ein Auto kann problemlos auf deutschen Straßen fahren. Die wesentlich schwierigere Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass es auch fünf oder zehn Jahre später noch repariert, aktualisiert und betrieben werden kann.
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