Autokrise: IAV streicht über 2000 Stellen – steht jetzt auch der Verkauf bevor?
Nach Informationen der Automobilwoche will VW seinen Anteil am Entwicklungsdienstleister IAV noch 2026 an Accenture verkaufen. Erst vergangene Woche hatte IAV einen Zukunftstarifvertrag vorgestellt – samt Abbau von über 2000 der rund 5000 deutschen Stellen.
In der Zentrale der IAV Automotive Engineering in Berlin Charlottenburg dürften nach den jüngsten Gerüchten um einen Verkauf ausgiebige Debatten geführt werden.
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Beim Entwicklungsdienstleister IAV verdichten sich die Spekulationen über einen Eigentümerwechsel. Die Automobilwoche berichtet am 11. August 2026 exklusiv, Volkswagen wolle den Teil seiner Entwicklungstochter noch in diesem Jahr an die Beratungsgesellschaft Accenture verkaufen. Nach Informationen des Fachmediums soll der Abschluss bereits für 2026 geplant sein.
Eine offizielle Bestätigung für den Verkauf liegt bislang nicht vor. Damit steht die aktuelle Meldung zugleich in einem bemerkenswerten Spannungsverhältnis zur jüngsten Unternehmenskommunikation von IAV. Erst am 6. August hatte das Unternehmen gemeinsam mit Gesamtbetriebsrat und IG Metall einen Zukunftstarifvertrag sowie acht Gesamtbetriebsvereinbarungen vorgestellt. Im Mittelpunkt stand dabei nicht ein bevorstehender Eigentümerwechsel, sondern die Neuaufstellung des Unternehmens.
IAV will die Zahl der Beschäftigten in Deutschland bis Ende 2027 von derzeit mehr als 5000 auf 2970 reduzieren. Gleichzeitig sollen sämtliche deutschen Regionen erhalten bleiben. Gifhorn soll als Entwicklungszentrum gestärkt werden, Stollberg bleibt Teil des Standortnetzes, Berlin soll als Zentrum für Kernkompetenzen mit einem neuen IT-Hub weitergeführt werden. Auch die Standorte in Bayern und Baden-Württemberg sollen bestehen bleiben.
Inhaltsverzeichnis
- IAV plant massiven Stellenabbau – aber keinen Rückzug aus Deutschland
- VW wollte IAV bereits 2025 verkaufen
- Verkauf, Sanierung oder strategische Neuausrichtung?
- Astalosch warnte bereits vor Kosten- und Wettbewerbsdruck
- Entwicklungsdienstleister geraten nach den Zulieferern unter Druck
- KI und neue Geschäftsfelder sollen die Engineering-Branche stabilisieren
- Ein möglicher Accenture-Deal wäre Teil eines größeren Umbruchs
IAV plant massiven Stellenabbau – aber keinen Rückzug aus Deutschland
Der Stellenabbau ist allerdings erheblich. Mehr als 2000 Arbeitsplätze sollen innerhalb von rund anderthalb Jahren entfallen. Betriebsbedingte Kündigungen sind nach der Vereinbarung bis Ende 2028 ausgeschlossen. Der Personalabbau soll stattdessen über ein Ansprache- und Freiwilligenprogramm erfolgen.
Damit bestätigt sich ein Teil der bereits zuvor kursierenden Berichte über einen tiefen Einschnitt bei IAV. Gleichzeitig unterscheidet sich die jetzt vereinbarte Lösung in wichtigen Punkten von früheren Darstellungen. Im Frühjahr war unter anderem berichtet worden, IAV wolle rund 1400 Stellen in Deutschland abbauen und die Berliner Zentrale bis spätestens 2027 verkaufen. Betroffene Mitarbeiter sollten überwiegend nach Gifhorn wechseln. In Berlin sollten nach diesen Informationen lediglich rund 270 Beschäftigte für systemkritische Aufgaben verbleiben.
Die nun veröffentlichte Vereinbarung zeichnet ein anderes Bild. Alle deutschen Standorte bleiben bestehen. Berlin soll ausdrücklich als Standort für Kernkompetenzen und mit einem neuen IT-Hub weiterentwickelt werden. Von einer Schließung oder einem weitgehenden Rückzug aus der Hauptstadt ist in der IAV-Mitteilung keine Rede.
VW wollte IAV bereits 2025 verkaufen
Dass ein Verkauf grundsätzlich auf der Agenda des Volkswagen-Konzerns steht, ist allerdings keine neue Entwicklung. Bereits 2025 war die Zukunft von IAV Gegenstand von Verkaufsüberlegungen.
Der damalige Bericht der Investment Week über die Beteiligungsstrategie von VW-Chef Oliver Blume nannte IAV ausdrücklich als möglichen Verkaufsfall. Blume verfolgt seit Längerem das Ziel, Beteiligungen des Konzerns zu überprüfen und Kapital aus nicht zum Kerngeschäft gehörenden Aktivitäten freizusetzen. Neben IAV standen beziehungsweise stehen weitere Beteiligungen und Tochterunternehmen zur Disposition.
Damit bekommt die aktuelle Meldung über Accenture einen größeren strategischen Zusammenhang. Volkswagen hält 50 % an IAV. Weitere Anteile liegen bei Schaeffler, Continental und Vitesco (gehört zu Schaeffler) sowie bei IAV selbst. VW beherrscht das Unternehmen nach den vorliegenden Angaben dennoch vollständig.
Ein Verkauf würde für Volkswagen deshalb weniger eine operative Aufgabe von Entwicklungsaktivitäten bedeuten als eine Veränderung der Eigentümerstruktur eines Engineering-Dienstleisters, der bislang eng in das VW-Entwicklungsumfeld eingebunden ist.
Verkauf, Sanierung oder strategische Neuausrichtung?
Die widersprüchlichen Meldungen der vergangenen Monate lassen sich vor diesem Hintergrund zumindest teilweise erklären. IAV befindet sich tatsächlich in einer tiefgreifenden Restrukturierung. Das Unternehmen reagiert auf sinkende Nachfrage, verschobene Entwicklungsprojekte und den zunehmenden Kostendruck der Automobilhersteller.
Bereits 2024 und 2025 wurden nach Angaben aus der aktuellen Berichterstattung rund 1200 Arbeitsplätze abgebaut. Nun kommen weitere mehr als 2000 Stellen hinzu. Gleichzeitig versucht IAV, sein Geschäftsmodell technologisch zu verändern.
In seiner Mitteilung vom 6. August betont das Unternehmen insbesondere den Ausbau der KI-Kompetenz. Künstliche Intelligenz soll nicht nur über Qualifizierungsprogramme in der Belegschaft verankert werden, sondern auch unmittelbar in Entwicklungs- und Geschäftsprozessen zum Einsatz kommen – etwa bei Automatisierung, Absicherung und datenbasierter Projektsteuerung.
CEO Jörg Astalosch beschreibt die Strategie als Konzentration auf ein kleineres Team und eine stärkere Präsenz bei Kunden und an den eigenen Standorten. Er formulierte die wirtschaftliche Zielsetzung entsprechend nüchtern: „Die Frage ist nicht, ob Engineering in Deutschland funktioniert. Die Frage ist, wie man es aufstellt.“ Damit präsentiert sich IAV derzeit als Unternehmen, das seine Kostenstruktur und sein Leistungsangebot an die veränderte Nachfrage anpassen will. Ob diese Neuaufstellung im Eigentum von Volkswagen oder unter einem neuen Gesellschafter erfolgt, ist davon zunächst getrennt zu betrachten.
Astalosch warnte bereits vor Kosten- und Wettbewerbsdruck
Wie stark sich die Rahmenbedingungen für IAV verändert haben, zeigt auch ein Interview der Zeitung Berliner Wirtschaft mit Jörg Astalosch aus dem März 2025. Damals beschrieb der IAV-Chef bereits die zunehmende internationale Konkurrenz im Engineering. IAV beschäftigte zu diesem Zeitpunkt weltweit nach seinen Angaben rund 8.000 Menschen. Rund 90 Prozent des Geschäfts seien softwarelastig. Als zentrale Felder nannte Astalosch Software, automatisiertes Fahren, künstliche Intelligenz und alternative Antriebe.
Gleichzeitig warnte er vor den Kostenunterschieden zu internationalen Entwicklungsstandorten. Deutschland könne seine technische Kompetenz nicht allein über die bisherige Marktstellung sichern. „In Bezug auf Geschwindigkeit und Kosten müssen wir aufpassen, dass wir von Wettbewerbern in Asien und den USA nicht abgehängt werden“, sagte Astalosch damals. Diese Aussage ist für die heutige Situation von IAV relevant. Der aktuelle Personalabbau ist nicht allein eine Folge der VW-Sparpolitik, sondern Teil eines strukturellen Problems der gesamten Engineering-Branche.
Entwicklungsdienstleister geraten nach den Zulieferern unter Druck
Die Wirtschaftswoche beschrieb im Juli 2026 die Lage der Entwicklungsdienstleister als nächste Stufe der Autokrise. Betroffen sind demnach neben IAV auch Unternehmen wie Bertrandt, FEV, Formel D und EDAG.
Die Branche beschäftigt in Deutschland rund 266000 Menschen. Zwischen 2014 und 2023 stieg der Umsatz der Engineering-Spezialisten zwar von 29 Mrd. € auf rund 46,2 Mrd. €. Das Geschäftsmodell basierte dabei stark auf der zunehmenden Auslagerung von Entwicklungsleistungen durch Automobilhersteller und Zulieferer.
Diese Grundlage gerät inzwischen unter Druck. Hersteller verschieben Projekte, reduzieren Entwicklungsbudgets und übernehmen Aufgaben teilweise wieder selbst. Gleichzeitig verlangen sie von externen Dienstleistern niedrigere Stundensätze und verlagern Leistungen in sogenannte Best-Cost-Regionen. Nach Angaben der IG Metall reichen die bei Ausschreibungen angesetzten Stundensätze in Extremfällen inzwischen bis auf etwa elf Euro pro Stunde. Damit wird für deutsche Engineering-Unternehmen ein Geschäftsmodell infrage gestellt, das lange von hoher technischer Kompetenz und vergleichsweise hohen Personalkosten getragen wurde.
KI und neue Geschäftsfelder sollen die Engineering-Branche stabilisieren
Für IAV bedeutet das, dass die Konzentration auf Software, KI und neue Geschäftsfelder nicht nur eine technologische Strategie ist, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Der Entwicklungsdienstleister versucht deshalb seit einiger Zeit, seine Abhängigkeit vom klassischen Automotive-Geschäft zu reduzieren. Dazu gehört auch der Aufbau des Verteidigungsgeschäfts. Bereits 2025 sprach Astalosch von ersten kleineren Aufträgen und bezeichnete den Bereich als möglichen Anker für die Zukunft. Auch Agrartechnik, Energie und weitere industrielle Anwendungen gehören zu den Feldern, in denen IAV seine Engineering-Kompetenz einsetzen will.
Die Wirtschaftswoche kommt allerdings zu einem ernüchternden Schluss: Neue Geschäftsfelder können den Einbruch im Automobilgeschäft kurzfristig nicht kompensieren. Dafür ist die Entwicklung neuer Märkte zu langsam, während die Kostenanpassungen im Automotive-Geschäft unmittelbar wirken.
Ein möglicher Accenture-Deal wäre Teil eines größeren Umbruchs
Vor diesem Hintergrund wäre ein Verkauf von IAV an Accenture mehr als eine reine Veränderung der Eigentümerstruktur. Er würde in eine Phase fallen, in der sich das Geschäftsmodell der deutschen Entwicklungsdienstleister grundlegend verändert. Accenture könnte IAV stärker in ein internationales Engineering- und Technologiegeschäft integrieren. Für Volkswagen wiederum würde ein Verkauf zur Strategie passen, Beteiligungen zu überprüfen und Kapital sowie Managementressourcen auf das Kerngeschäft zu konzentrieren.
Noch fehlt jedoch die offizielle Bestätigung eines solchen Deals. Die jüngste IAV-Mitteilung spricht zunächst für eine Sanierung und strategische Neuausrichtung unter Einbindung von Betriebsrat und IG Metall. Die Automobilwoche berichtet dagegen von einem geplanten Verkauf an Accenture noch in diesem Jahr.
Fest steht damit bislang vor allem eines: IAV wird deutlich kleiner, soll technologisch stärker auf Software und KI setzen und seine Abhängigkeit vom deutschen Automobilgeschäft reduzieren. Ob diese Neuaufstellung künftig unter dem Dach von Volkswagen oder Accenture erfolgt, dürfte eine der entscheidenden Fragen für den Entwicklungsdienstleister in den kommenden Monaten sein.
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