Halbleiter-Lieferengpass 28.09.2021, 12:36 Uhr

Chipmangel zwingt Autobauer zu absurder Maßnahme

Die Situation ist brisant: Den Auto-Konzernen entgehen weltweit Milliardensummen, obwohl die Nachfrage nach Autos groß ist. Doch die Hersteller können massenweise Modelle nur halb fertig bauen – weil es an Halbleitern mangelt. Das treibt viele Konzerne zu drastischen Schritten.

Viele Hersteller bauen ihre Autos auf Halde - bis es Nachschub bei Halbleiterchips gibt. Foto: Panthermedia.net/Curioso_Travel_Photography

Viele Hersteller bauen ihre Autos auf Halde - bis es Nachschub bei Halbleiterchips gibt.

Foto: Panthermedia.net/Curioso_Travel_Photography

Es ist absurd: Die deutschen Autohersteller könnten gewaltige Absatzzahlen feiern – doch sie können nachgefragte Modelle schlichtweg nicht bauen. Denn es fehlt nach wie vor an wichtigen Elektronikteilen: Halbleiter sind Mangelware, ohne Mikrochips, die in modernen Autos massenhaft verbaut sind, bleiben die Autos unvollendet.

Bei den Autokonzernen spricht man derweil unter der Hand von Halden-Produktion. Konkret heißt das: Autoteile und halbgefertigte Modelle müssen erst einmal zwischengelagert werden, bis Chip-Nachschub kommt. Wann das passiert, weiß allerdings keiner so genau. Ein Stückweit sind die Probleme bei den Autobauern auch hausgemacht. Im Corona-Jahr 2020 hatten viele der Konzerne Produktionsstopps eingelegt, Kurzarbeit war angesagt. Auf Zukäufe von Bauteilen wie Halbleiterchips verzichteten die meisten – natürlich auch aus Spargründen.

Auto-Branche in Bedrängnis: Halbleiter-Problem ist hausgemacht

Inzwischen werden die Lieferengpässe durch die Corona-Pandemie immer deutlicher spürbar. Hersteller aus anderen Branchen – Smartphone-, Fernseher-, Laptop-Produktion – haben die knappen Rohstoffe den Autobauern zwischenzeitlich vor der Nase weggekauft; deren Produkte waren gerade im vergangenen Jahr extrem nachgefragt. Die Autobauer gucken in die Röhre – während die Preise in der gesamten Elektronik-Branche massiv steigen. Gekauft wird nicht nach Kostenerwägungen, sondern bei dem Anbieter, der liefern kann, egal zu welchem Preis.

Bereits im Mai hatte zum Beispiel US-Autokonzern Ford seine Produktion in den Werken in Köln-Niehl vorübergehend komplett gestoppt, weil es keine Halbleiterchips mehr gab. Und auch andere Autokonzerne wie Audi und Daimler haben bereits Produktionseinschränkungen wegen der Lieferengpässe von Halbleitern angekündigt.

Auto-Hersteller produzieren auf Halde

In der Truck-Sparte von Daimler etwa gibt es derzeit einen erheblichen Bestand an produzierten Lkw, bei denen wesentliche Teile noch fehlen, wie ein Sprecher erklärte.

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„Diese Fahrzeuge werden von unseren Kunden dringend gebraucht. Wir würden sie auch gern ausliefern, warten aber auf die entsprechenden Teile“, heißt es bei Daimler.

Betroffen ist demnach unter anderem das große Lkw-Werk im rheinland-pfälzischen Wörth. Bei Mercedes-Benz heißt es: Zwischenlagerung sei zum Beispiel während der Einführung neuer Modelle oder vor dem späteren Transport durchaus normal, so eine Sprecherin. Es könne aktuell aber in der Tat von einem „erhöhten Aufkommen“ gesprochen werden. „Es gibt weltweit Logistikflächen, die von Mercedes-Benz im Rahmen eines geplanten Vorgangs zur Zwischenlagerung von Fahrzeugen genutzt werden.“

Daimler-Gigafactory in Sachsen-Anhalt? Kampf um Standort für Batteriefabrik

Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass sich phasenweise überschüssige Autos in den Werken oder eigens angemieteten Abstellflächen sammeln. Das ist nichts Neues und passiert etwa bei konjunkturellem Absatzschwund, wie nach der Finanzkrise 2008. Nur: Die Nachfrage ist da, die Absätze könnten stimmen – nur können sie die Fahrzeuge nicht in ausreichender Zahl und nicht zeitnah ausliefern. Auch beim Nutzfahrzeughersteller Traton, zu dem MAN, Scania und Navistar gehören, kennt man das Phänomen und rechnet nicht mit einer schnellen Entspannung. Bis 2022 werde es wohl Elektronik-Engpässe geben, heißt es – andere Hersteller rechnen mit Problemen bis 2024.

VW: Fahrzeuge nachrüsten

Europas Branchenführer Volkswagen handelt ähnlich wie Konkurrent Daimler. Die einzelnen Marken nutzten jede Chance zur Produktion, heißt es. „Dazu gehört auch die Möglichkeit, Fahrzeuge zunächst unfertig zu bauen, um sie unverzüglich nachzurüsten, sobald die entsprechenden Halbleiter und Bauteile wieder vorrätig sind.“ Das komme aber nur infrage, falls der Mehraufwand nicht zu groß werde. „Bei jeder Marke gibt es konkrete Planungen für die Fertigstellung der Fahrzeuge, um sie sukzessive an den Handel und schnellstmöglich unseren Kunden zu übergeben.“

Batterie-Allianz: Daimler durchbricht Abhängigkeit von China

Gleichzeitig bremst der Chipengpass auch die laufende Produktion aus, weitere Kurzarbeit folgt. Im VW-Stammwerk Wolfsburg kann diese Woche bis Donnerstag nur an einer Montagelinie in einer Schicht gearbeitet werden. Auch bei BMW gibt es Fahrzeuge, deren Bau nicht beendet werden kann. Man reagiere schnell auf kurzfristig verfügbare Komponenten, um die Autos dann zügig fertigzustellen, so eine Sprecherin.

Autoindustrie entgehen Einnahmen von 180 Milliarden Euro

Der weltweiten Autoindustrie könnten 2021 laut einer Schätzung der Beratungsfirma Alix Partners Einnahmen von gut 180 Milliarden Euro entgehen. Nicht wenige Hersteller setzen entsprechende Prioritäten bei der Produktion und bauen zuerst die teuren, hochpreisigen Modelle fertig, bei denen die Marge besonders günstig ist. (mit dpa)

Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

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