Autobau ohne Hersteller 10.07.2026, 12:00 Uhr

Alte Bausätze, neue BMW: Was in Kaliningrad vom Band rollt

In Kaliningrad entstehen weiter BMW X5, X6 und X7 – ohne Freigabe des Herstellers. Wie Avtotor alte Bausätze wieder auf die Straße bringt.

BMW-Logo im Avtotor-Werk in Kaliningrad

Ein Bild aus alten Zeiten: BMW-Logo im Avtotor-Werk in Kaliningrad. Der frühere Produktionspartner montiert dort weiterhin BMW-SUVs – ohne Genehmigung des Herstellers.

Foto: picture alliance/dpa/TASS | Vitaly Nevar

BMW stoppte 2022 die Fahrzeugexporte nach Russland und beendete die lokale Montage beim Kaliningrader Partner Avtotor. Vier Jahre später werden dort trotzdem wieder BMW-SUVs zusammengesetzt. Der deutsche Hersteller hat die Produktion weder genehmigt noch kontrolliert.

BMW bestätigte gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty, dass Avtotor 2025 mit der Fertigung kleiner Serien begonnen hat. Verwendet würden alte und teilweise veraltete Bausätze, die nach dem Ende der Zusammenarbeit im Werk geblieben seien. Die nicht autorisierte Montage finde bis heute in unregelmäßigen Abständen statt.

Ein früheres Partnerwerk baut auf eigene Rechnung weiter

Das Werk in Kaliningrad gehörte nie zum BMW-Konzern. Avtotor war jedoch mehr als zwei Jahrzehnte lang ein offizieller Produktionspartner. Seit Oktober 1999 montierte das Unternehmen verschiedene BMW-Modelle für den russischen Markt. Bis zum Ende der Zusammenarbeit entstanden nach Angaben von Avtotor mehr als 261.000 Fahrzeuge.

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BMW lieferte dafür Fahrzeugbausätze und Komponenten nach Kaliningrad. Avtotor übernahm die Montage vor Ort. Ein zusätzlich geplantes Werk, in dem X5, X6, X7 und die 5er-Reihe im vollständigen Produktionsprozess geschweißt, lackiert und montiert werden sollten, ging laut Kommersant nicht mehr in Betrieb.

Nach dem Abbruch der Zusammenarbeit blieben jedoch Bausätze und Teilebestände zurück. Genau diese Bestände nutzt Avtotor nach Angaben von BMW heute für eine neue Kleinserie.

Auch Stellantis verlor die Kontrolle über ein russisches Werk

Der Fall BMW ist kein Einzelfall. Bereits 2024 nahm das russische Unternehmen Automotive Technologies im früheren Stellantis-Werk in Kaluga die Montage des Citroën C5 Aircross wieder auf. Stellantis hatte die Produktion dort im April 2022 wegen der Sanktionen und logistischer Schwierigkeiten gestoppt. Ende 2023 kam der Konzern nach eigener Aussage zu dem Schluss, die Kontrolle über seine russischen Gesellschaften verloren zu haben.

Anders als bei Avtotor stützte sich die neue Produktion nicht vor allem auf alte Lagerbestände: Nach Recherchen von Reuters importierte Automotive Technologies mindestens 42 Fahrzeugbausätze aus China. Sie stammten vom chinesischen Hersteller Dongfeng, der Citroën-Modelle in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Stellantis produziert. Ab März 2024 wurden die Bausätze in Kaluga montiert. Der Vorgang zeigt, dass sich bestehende Werke nicht nur mit Restbeständen weiterbetreiben lassen. Mit Hilfe chinesischer Lieferketten kann sogar neuer Nachschub für westliche Modelle organisiert werden.

145 neue BMW aus russischer Fertigung

Die ersten dieser Fahrzeuge erschienen im März 2025 auf dem russischen Markt. Nach Zulassungsdaten, die der Wirtschaftszeitung Kommersant vorliegen, wurden im vergangenen Jahr 145 neue BMW aus russischer Fertigung registriert. Das waren 2,8-mal so viele wie 2024. Avtotor beantwortete Fragen der Zeitung zur Produktion nicht.

Die Zahl klingt zunächst überschaubar – und ist es auch. Insgesamt wurden 2025 nach Angaben der russischen Analyseagentur Autostat rund 16.740 neue BMW in Russland verkauft. Die Fahrzeuge aus Kaliningrad machten damit weniger als 1 % aus. Der weitaus größere Teil gelangte über alternative Importwege in das Land.

Bemerkenswert ist die lokale Montage dennoch. Sie zeigt, dass ein früheres Partnerwerk die Fertigung in kleiner Stückzahl selbst dann fortsetzen kann, wenn der ursprüngliche Hersteller nicht mehr beteiligt ist.

Produktionsjahr 2026, Modellstand von früher

Ein russischer Verkäufer wirbt inzwischen mit BMW X5, X6 und X7, die für Russland im Jahr 2026 produziert worden sein sollen. Für einen X5 oder X6 xDrive30d nennt die Website einen Grundpreis von 11,9 Mio. Rubel. Der X7 xDrive30d wird mit 12,9 Mio. Rubel angeboten. Höher ausgestattete Fahrzeuge kosten deutlich mehr. Die Website weist allerdings selbst darauf hin, dass die Angaben unverbindlich sind.

Neu ist vor allem das angegebene Produktionsjahr. Die Fahrzeuge entsprechen äußerlich weitgehend den Modellständen, die BMW vor dem Rückzug aus Russland fertigen ließ. Radio Free Europe/Radio Liberty beschreibt die zugelassenen Autos als Fahrzeuge mit Produktionsdaten von 2025, aber mit dem Erscheinungsbild der Modelle von 2022.

Besonders deutlich wird das bei X5 und X6. BMW überarbeitete beide Baureihen Anfang 2023. Seit April desselben Jahres werden sie unter anderem mit schmaleren Scheinwerfern, veränderter Front, neuen Antrieben und dem BMW Operating System 8 samt Curved Display gebaut. Die Kaliningrader Fahrzeuge zeigen dagegen offenbar den Stand vor dieser Modellpflege. Über ihre genaue technische und elektronische Ausstattung liegen jedoch keine unabhängigen Untersuchungen vor.

BMW warnt vor lange gelagerten Bauteilen

Die entscheidende Frage lautet, in welchem Zustand sich die seit 2022 gelagerten Teile befinden. BMW weist nicht nur darauf hin, dass die Montage ohne Zustimmung des Konzerns erfolgt. Die russische Landesvertretung warnte bereits im März 2025 ausdrücklich vor möglichen Folgen der langen Lagerzeit.

Bestimmte Fahrzeugteile und Betriebsstoffe könnten nach längerer Einlagerung nicht mehr für die Produktion geeignet sein, erklärte BMW nach Angaben von Kommersant. Zudem könnten die ursprünglichen Bausätze inzwischen mit Komponenten ergänzt worden sein, die von Drittanbietern stammen und nicht für den jeweiligen Fahrzeugtyp vorgesehen sind.

BMW behauptet damit nicht, dass jedes in Kaliningrad montierte Fahrzeug zwangsläufig mangelhaft oder unsicher ist. Der Konzern warnt aber vor Risiken, weil er weder den Zustand der Teile noch deren Herkunft und Montage kontrolliert. Nach BMW-Angaben könnten Fahrzeuge aus dieser Produktion Risiken für Fahrer, Insassen und andere Verkehrsteilnehmer darstellen.

Genau hier liegt der Unterschied zur früheren Auftragsfertigung. Damals war Avtotor in das Produktionssystem von BMW eingebunden. Heute gibt es keine vom Hersteller überwachte Qualitätskontrolle mehr.

Woher kommen fehlende Teile?

Wie viele vollständige Bausätze 2022 in Kaliningrad zurückblieben, ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist öffentlich dokumentiert, welche Komponenten Avtotor inzwischen ersetzen musste.

Russische Medien berichten, dass einfache Bauteile wie Schläuche und Kabel mittlerweile lokal produziert würden. Außerdem sollen mechanische Komponenten von nicht genannten Lieferanten stammen. Weder Avtotor noch BMW haben diese Angaben bestätigt.

Technisch ist das grundsätzlich denkbar. Normteile, Schläuche, Halterungen oder bestimmte Kunststoffkomponenten lassen sich vergleichsweise leicht beschaffen oder nachfertigen. Schwieriger wird es bei modellspezifischen Steuergeräten, Sensoren, Sicherheitssystemen oder Antriebsteilen. Diese Komponenten müssen nicht nur mechanisch passen, sondern auch mit den übrigen Fahrzeugsystemen zusammenarbeiten.

Der von Radio Free Europe/Radio Liberty befragte Experte für Automobillogistik Christopher Ludwig hält es zudem für möglich, dass Originalteile oder kompatible Komponenten über Zwischenhändler nach Russland gelangen. Konkrete Belege für die Lieferwege der in Kaliningrad verbauten Teile gibt es bislang jedoch nicht.

Bei Software und Diagnose endet die Transparenz

Auch ein vollständig vorhandener Bausatz ist noch kein fahrbereites Auto. Moderne Fahrzeuge enthalten zahlreiche miteinander vernetzte Steuergeräte. Diese müssen passend zur Motorisierung und Ausstattung codiert und aufeinander abgestimmt werden.

Wie Avtotor diese Arbeiten ausführt, ist nicht bekannt. Offen bleibt auch, ob die Fahrzeuge auf frühere BMW-Diagnosesysteme zugreifen können, welche Softwarestände installiert sind und ob spätere Updates möglich sind.

Ludwig geht davon aus, dass die Fahrzeuge nicht mehr regulär an die BMW-Systeme angebunden sind. Das ist bislang allerdings eine fachliche Einschätzung und kein Ergebnis eines unabhängigen Fahrzeugtests.

Teuer trotz fehlender BMW-Garantie

Der russische Verkäufer bewirbt die Kaliningrader Autos mit einer Garantie. Wer sie übernimmt, wie lange sie gilt und welche Schäden sie abdeckt, geht aus dem Angebot jedoch nicht eindeutig hervor. Eine von BMW bestätigte Herstellergarantie für diese Fahrzeuge ist nicht dokumentiert. Die Website erklärt lediglich, die Fahrzeuge würden vor dem Verkauf von eigenen Spezialisten geprüft.

Auch die hohen Preise sagen wenig darüber aus, was Avtotor oder die Händler an den Autos verdienen. Produktionskosten, Aufwendungen für fehlende Teile und Händlermargen sind unbekannt. Ein direkter Vergleich mit aktuellen deutschen BMW-Preisen wäre zudem irreführend: Die Fahrzeuge unterscheiden sich beim Modellstand, bei der Ausstattung, bei den digitalen Funktionen und bei der Absicherung durch den Hersteller.

Parallelimporte sind für BMW wichtiger

Die 145 lokal montierten Autos bleiben eine Randerscheinung. Westliche Fahrzeuge gelangen weiterhin in deutlich größeren Mengen über China und andere Drittländer nach Russland. Reuters zufolge wurden 2025 fast 47.000 Fahrzeuge von BMW, Mercedes-Benz und Marken des Volkswagen-Konzerns in Russland registriert. Mehr als 20.000 davon waren in China produziert worden.

BMW erklärte gegenüber Reuters, das chinesische Vertriebsnetz ausdrücklich angewiesen zu haben, mögliche Exporte nach Russland zu verhindern. Gelangten Autos dennoch über den Graumarkt dorthin, geschehe dies außerhalb des Einflussbereichs und gegen den Willen des Konzerns.

Die Fertigung in Kaliningrad ist deshalb weniger wegen ihrer Stückzahl bemerkenswert als wegen ihrer Entstehung. Avtotor kann vorhandene Bausätze offenbar noch immer in fahrbereite Autos verwandeln. Wie groß der Anteil ursprünglicher BMW-Teile ist, welche Komponenten ergänzt wurden und ob Software und Qualitätskontrolle den früheren Standards entsprechen, lässt sich von außen nicht überprüfen.

Quellen und weiterführende Informationen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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