Kommentar 17.08.2026, 14:00 Uhr

1085 PS im Familien-SUV: Muss das sein?

Muss ein Familienwagen mehr als 1000 PS haben, oder reichen 82 PS und ein Bruchteil des Preises? Der Twingo E-Tech und der Lucid Gravity GT-S markieren die beiden Extreme der Elektromobilität. Wie viel Leistung braucht es wirklich?

Lucid Gravity GT-S

Vorerst nur in den USA erhältlich: Der Lucid Gravity GT-S - ein SUV mit mehr als 1000 PS.

Foto: Lucid Motors

Die Elektromobilität hat ihre Extreme gefunden: hier der pragmatische Kleinwagen, dort der Familien-SUV mit Rennwagenleistung. Ein Kommentar zu den Fragen, wie viel PS ein Alltagsauto verträgt und wer die Kontrolle am Steuer behalten muss.

Zwei Autos, zwei Philosophien

Zwei E-Auto-Philosophien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten:

  • Auf der einen Seite der neue Renault Twingo E-Tech: 3,79 m lang, 60 kW (82 PS), Reichweite bis 263 km, 4 Sitzplätze, Höchstgeschwindigkeit 130 km/h, Preis unter 20.000 €.
  • Auf der anderen Seite der neue Lucid Gravity GT-S: 5 m lang, 798 kW (1085 PS), Reichweite bis 600 km, bis zu 7 Sitzplätze, Höchstgeschwindigkeit 250 km/h, Preis ab 125.000 US-Dollar.

Der Renault ist der ultimative Pragmatiker in diesem Vergleich mit einer klar definierten Stoßrichtung: Den Kopf des Kunden. Günstig, moderat motorisiert und mit einer akzeptablen Reichweite ausgestattet ist er ideal für den Großstadtdschungel oder auch für ländliche Verbindungs- oder Arbeitsstrecken, die ruhig auch mal 100 km lang sein dürfen, ohne mittendrin nach Lademöglichkeiten suchen zu müssen.

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Die Stoßrichtung des Lucid ist ebenfalls klar: Der Bauch des Kunden. Groß, luxuriös und mit einem Antrieb ausgestattet, der ziemlich genau dem PS-Niveau eines aktuellen Formel 1 Boliden entspricht.

Renault Twingo E-Tech
Der neue Twingo E-Tech will mit wenig Leistung, kleiner Batterie und günstigem Preis den Markt der kostengünstigen Stadtwagen erobern. Foto: CÉTADI Prod – R-DAM_1757298

Käfer gegen 911?

Es mutet auf den ersten Blick an wie ein Vergleich aus den 1960er Jahren: VW Käfer vs. Porsche 911. Auf der einen Seite stand mit dem Käfer die Mobilisierung der Massen im Vordergrund, auf der anderen Seite der leistungsstarke Sportwagen für – seien wir ehrlich – maximal zwei Personen und Gutbetuchte. Mit dem Lucid Gravity GT-S ist es allerdings anders – er ist kein Sportwagen wie der Porsche, sondern ein SUV. Und er ist auch nicht für das schnelle Wochenende zu zweit auf einsamen, kurvigen Landstraßen gedacht, sondern als tägliches Fortbewegungsmittel für bis zu sieben Personen. Aller Wahrscheinlichkeit nach auch für Kinder und Babys. Und das mit mehr als 1000 PS.

Hand aufs Herz: Wer kauft sich ein Auto mit mehr als 1000 PS, ohne die teuer bezahlte Leistung auch abrufen zu wollen? Ohne den Adrenalinschub bei 3,1 s von 0 auf fast 100 km/h genießen zu wollen?

Aber wer kann garantieren, dass der Gasfuß nicht doch einmal zuckt, obwohl sich hinten zwei Babyschalen und zwei Kleinkinder befinden? Etwa wenn an der Ampel der Fahrer eines Porsche 911 GT3 RS provozierend-mitleidig auf den „Papa in der Familienkutsche“ herüberblickt. Juckt es da nicht doch?

Warum der 1085-PS-SUV trotzdem kein Unsinn ist

Ist ein Auto wie der Lucid Gravity GT-S daher nichts als ein grober Unsinn für Gutbetuchte? Nein. Er zeigt nicht nur überzeugend, was technisch alles im Bereich der Elektromobilität möglich ist, sondern er bringt auch das Thema Emotion in die Elektromobilität, was dieser Antriebsform oft abgesprochen wurde und wird.

Der kühle Kopf würde sich wohl für einen Twingo E-Tech entscheiden, der Bauch für den Lucid. Aber bei über 1000 PS müssen Bauch und ein klarer Kopf im Einklang sein. Eine solche Leistung kann eine tödliche Gefahr sein und anders als in der Formel 1 befinden sich am Rand der Fahrspur keine Schotter- und Auslaufzonen, sondern womöglich Bäume und Gegenverkehr. Und im Auto befinden sich unter Umständen neben dem Fahrer sechs weitere Personen. Beim Kauf darf der Bauch sich für 1000 PS entscheiden, auf der Straße muss aber der Kopf die dominante Rolle übernehmen.

Ein Beitrag von:

  • Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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