Studie begann 1870 18.09.2014, 12:19 Uhr

Klimawandel führt in Mitteleuropa zu rasantem Baumwachstum

Die Bäume in mitteleuropäischen Wäldern schießen in den Himmel: Buchen haben seit den 1960er Jahren 77 Prozent bei ihrer Wachstumsgeschwindigkeit zugelegt. Das zeigt eine Studie deutscher Wissenschaftler, die 1870 begann. Verantwortlich machen sie wärmeres Klima und höhere Konzentrationen an CO2 und Stickstoff. 

Die Sonne scheint in Düsseldorf durch die Blätter einer fast 100-jährigen Buche: Diese Baumart wächst seit den 1960er Jahren 77 Prozent schneller. Fichten haben um 33 Prozent zugelegt.  

Die Sonne scheint in Düsseldorf durch die Blätter einer fast 100-jährigen Buche: Diese Baumart wächst seit den 1960er Jahren 77 Prozent schneller. Fichten haben um 33 Prozent zugelegt.  

Foto: dpa/Achim Scheidemann

Waldspaziergänger nehmen die Veränderung nicht wahr. Denn man sieht den Bäumen nicht an, dass sich ihre Wachstumsgeschwindigkeit stark verändert hat. Die entsprechenden Daten liefern jetzt Wissenschaftler der Technischen Universität München – auf Basis einer Langzeitstudie, die vor 144 Jahren startete. Seitdem wurden insgesamt 600.000 Einzelmessungen an Bäumen vorgenommen.

Wärmeres Klima und CO2-Konzentration ist Hauptursache des schnellen Wachstums

Zwar hat sich an den typischen Entwicklungsphasen der Bäume selbst kaum etwas verändert, doch die Schnelligkeit des Wachstums stieg in der Vergangenheit rasant an – besonders seit den 1960er Jahren. Die Buchen wachsen seitdem 77 Prozent und die Fichten etwa 32 Prozent schneller als früher.

Betrachtet man die Waldbestände im Ganzen, lässt sich eine schnellere Entwicklung der Buchen um 30 Prozent und der Fichten um 10 Prozent verzeichnen. „Der Wert auf Bestandsebene liegt niedriger als das Wachstum einzelner Bäume, da – vereinfacht gesagt – größere Bäume mehr Platz brauchen, das heißt, die Gesamtzahl sinkt“, erklärt Prof. Hans Pretzsch vom Lehrstuhl für Wachstumskunde.

Doktoranden der Technischen Universität München nehmen eine Jahresring-Probe von einem Baum auf einer Versuchsfläche. Vor 144 Jahren begann die Waldstudie in Bayern. 

Doktoranden der Technischen Universität München nehmen eine Jahresring-Probe von einem Baum auf einer Versuchsfläche. Vor 144 Jahren begann die Waldstudie in Bayern. 

Foto: Technische Universität München

„Obwohl die Versuchsflächen hinsichtlich Klima und Bodenbeschaffenheit variieren, lässt sich überall ein Trend zum schnelleren Wachstum erkennen“, so Pretzsch. Das wärmere Klima und die längere Vegetationszeit halten die Wissenschaftler trotzdem für die Hauptgründe der Veränderung. Weitere Ursachen sind die Konzentrationen an Kohlenstoffdioxid und Stickstoff, die seit 100 Jahren kontinuierlich ansteigen. „Interessanterweise haben wir beobachtet, dass der saure Regen das Wachstum unserer Versuchsflächen nur vorübergehend beeinträchtigt hat, der Eintrag von Schadstoffen wurde ja auch seit den 1970er Jahren deutlich reduziert.“

Auswirkungen auf das gesamte Waldökosystem

Das schnelle Baumwachstum sowie das frühere Altern bekommt das gesamte Waldökosystem zu spüren, erklärt Pretzsch. „Das bekommen besonders die Pflanzen- und Tierarten zu spüren, deren Habitate von speziellen Waldentwicklungsphasen und -strukturen abhängen. Höhere Mobilität kann für sie zu einer Lebensnotwendigkeit werden.“

Mithilfe von Laserscans untersuchen die TUM-Wissenschaftler, wie sich Strukturen in Baumkronen verändern. 

Mithilfe von Laserscans untersuchen die TUM-Wissenschaftler, wie sich Strukturen in Baumkronen verändern. 

Foto: Technische Universität München

Vor 144 Jahren begannen die Waldstudien in Bayern, als August von Ganhofer als leitender Beamter der königlichen Forstverwaltung und Franz von Baur als erster Fachvertreter für Ertragskunde an der Universität München ein Versuchsflächennetz aufbauten. Heute gibt es 151 Versuchsanlagen mit 980 Parzellen und 153 Hektar Messfläche, welche die Uni München gemeinsam mit der Bayerischen Staatsforstverwaltung betreut.

„Wir betrachten die Bäume nicht isoliert, sondern immer in der Wechselwirkung mit ihren Nachbarn. So können wir verstehen, wie sich die Dynamik einzelner Bäume auf den ganzen Bestand auswirkt. Die Wachstumstrends auf Bestandsebene sind entscheidend für die Forstwirtschaft, wenn wir über Produktivität, CO2-Speicherung und Klimarisiken sprechen“, so Pretzsch abschließend.

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