Technikgeschichte 13.04.2012, 11:58 Uhr

Legenden umranken den Untergang der Titanic

Der Passagierdampfer Titanic, der vor hundert Jahren gesunken ist, wurde zum Symbol für den Glauben an den Fortschritt. Tatsächlich deuten Berichte und Kommentare von der Schiffskatastrophe im Nordatlantik darauf hin, dass sich moderne Technik nicht beherrschen lasse. Doch es war nicht die Unkontrollierbarkeit der Technik, die zur Katastrophe führte, sondern die fehlende Erfahrung im Umgang mit den neuen Errungenschaften.

Als die Nachricht vom Untergang des 269,04 m langen Ozeanriesen mit 2200 Menschen an Bord die Welt erschütterte, folgte das Resümee: „Großdimensionierter moderner Schiffbau und neue Funktechnik reichen nicht aus, um vor einem Untergang auf hoher See gefeit zu sein.“ So gilt der Name Titanic als Synonym für die Unkontrollierbarkeit der Natur trotz aller technischen Errungenschaften. Doch es war kein blinder Fortschrittlichkeitsglaube, sondern menschliches Versagen, das in die Katastrophe führte. Man hatte versäumt zu lernen, mit Neuerungen von Ingenieurleistungen umzugehen.

Hochgelobte Schiffbausicherheit und dann doch Untergang: eine enorme Fallhöhe. Kein Wunder, dass sich bis heute weltweit Literatur, bildende Kunst, Musik sowie Theater, Film und Fernsehen mit den Ereignissen der letzten Fahrt der Titanic beschäftigen. Unter dem Titel „Titanic“ erscheint in Deutschland sogar ein Satiremagazin. Am 14. April dieses Jahres lädt im Gedenken an den Titanic-Untergang das Badische Staatstheater Karlsruhe zur Uraufführung einer szenischen Lesung mit Musik, deren Texte Hans Magnus Enzensberger verfasst hat.

Zeitungen verbreiten Gerüchte über den Untergang der Titanic

Jedoch: Romane, Spiel- und Dokumentarfilme über die bekannteste aller Schiffskatastrophen trugen zur Entstehung etlicher Fehldeutungen bei. Die größte Quelle für Legendenbildungen sehen Historiker in direkt nach dem Unglück entstandenen Zeitungsartikeln, die teilweise nur auf Gerüchten beruhten. Zudem wurden bei Bildern über den Untergang übertriebene Darstellungen gewählt, um einen kolossaleren Eindruck zu erzielen.

Zum Seemannsgarn gehören etwa Schilderungen, Passagiere hätten Eisberg-Splitter für ihre Getränke bestellt oder sich für den Untergang noch schnell schick gemacht. Ebenso hartnäckig hält sich das Gerücht, Männer seien als Frauen verkleidet in die für Frauen und Kinder reservierten Rettungsboote gesprungen. Und wenn auch die Aura des Erhabenen jene Nachricht umgibt, die Titanic-Kapelle habe in den letzten Minuten den Choral „Näher, mein Gott, zu Dir“ gespielt, gehört auch sie ins Reich der Legenden.

An eine Behauptung wird aber teilweise heute noch geglaubt, und zwar die von der Wettfahrt: So soll die britische Reederei White Star Line versucht haben, bei der Jungfernfahrt der Titanic das „Blaue Band“ als Ehrung für die schnellste Atlantiküberquerung zu gewinnen. Insbesondere im deutschen Sprachraum machte diese Behauptung Furore. Grund dafür ist der in den 30er-Jahren erschienene Roman „Titanic“ von Josef Pelz von Felinau, in den der Autor diese angebliche Wettfahrt aus rein dramaturgischen Gesichtspunkten einbaute. Das Buch hatte seinerzeit großen Erfolg.

Trotz Eisbergwarnung drosselten die Titanic-Kapitäne das Tempo nicht

Dennoch war das gewählte Fahrtempo der Titanic im Nordatlantik zu hoch, und zwar angesichts mehrerer eingegangener Warnungen von gesichteten Eisbergen. Man blieb bei der damals hohen Reisegeschwindigkeit von 21 Knoten, um Termine von Passagieren am Zielort New York nicht platzen zu lassen. Navigationsfachleute sind heute davon überzeugt, dass angesichts der Eisbergwarnungen die Geschwindigkeit auf die Hälfte hätte reduziert werden müssen. Doch die hieraus resultierende Verspätung wollten die Verantwortlichen auf der Titanic ihren ranghohen Passagieren nicht zugemutet haben.

Die Warnungen kamen per Funk. Doch diese Informationstechnik war damals relativ neu, sodass man ihren Nutzen noch unterschätzte. Auf der Strecke von Southampton (Südengland) bis zur Unglücksstelle empfing der Funker der Titanic nach heutigem Wissen insgesamt acht Eiswarnungen von anderen Schiffen.

Die ersten zwei Meldungen funkte am 12. April das französische Schiff La Touraine, das Eis gesichtet hatte, und am 13. April der Dampfer Rappahannock, der im Vorbeifahren mittels einer Signallampe herübermorste, sie seien durch schweres Packeis gefahren. Wahrscheinlich veranlassten diese Warnungen Kapitän Edward John Smith dazu, zehn Meilen südlich der in dieser Jahreszeit üblichen Route zu fahren.

Kurz vor 13:00 Uhr am 14. April erreichte die Titanic eine Eiswarnung von der Caronia. Diesen Funkspruch zeigte Kapitän Smith dem zweiten Offizier Charles Lightoller und ließ ihn im Kartenraum aufhängen. Weitere Eismeldungen wurden dann nicht mehr genauer beachtet. Teilweise schaltete man das Funkgerät sogar ab.

Auch auf dem Schiff California, das sich bei Kollision der Titanic mit dem Eisberg in unmittelbarer Nähe befand, war das Funkgerät auf „aus“ gestellt. Zur Zeit des Unglücks hatte sich der Funker zu Bett gelegt. Hier wie auch auf der Titanic wusste man diese Informationstechnik für Sicherheitsfragen nicht zu würdigen. Die Funktechnik stand in erster Linie zahlkräftigen Passagieren zur Verfügung, um Kontakt mit der Außenwelt zu halten.

Titanic-Matrosen standen ohne Fernglas im Mastkorb

Es gab aber noch weitere Fehlleistungen auf der Titanic. Nach den Eismeldungen wurden zwei Matrosen in den Mastkorb beordert. Von hier aus blickten sie in die dunkle, mondlose Nacht, allerdings ohne Fernglas. Der verhängnisvolle Eisberg wurde deshalb zu spät erkannt. Als dann der Ruf erschallte: „Eisberg voraus!“, war es für ein Ausweichmanöver zu spät. Trotzdem riss man das Steuer herum, sodass es zu der verhängnisvollen seitlichen Kollision kam. Crash-Fachleute wissen, dass es richtig gewesen wäre, einen Frontalzusammenstoß in Kauf zu nehmen.

Auch bei der Rettung wurden Fehler gemacht. Von den vorhandenen 1178 Rettungsbootplätzen nutzte man nur 705. Viele Boote – in jedes passten 65 Passagiere – wurden nur zur Hälfte besetzt. Das wäre richtig gewesen, hätte es hohen Seegang gegeben. Doch das Wasser war zur Zeit des Unglücks glatt wie ein Froschteich.

Außerdem machte die Titanic noch längere Zeit einen stabilen Eindruck, da sie kaum Schlagseite zeigte. Viele der an Bord befindlichen Personen sahen in der Titanic deshalb einen sichereren Ort als die kleinen Rettungsboote. Einen weiteren Beitrag zum mangelnden Gefahrenbewusstsein könnte das Orchester der Titanic unter Leitung des Kapellmeisters Wallace Hartley geleistet haben. Die acht Musiker, von denen keiner den Untergang überlebte, hatten auf Anordnung der Schiffsführung auf dem Bootsdeck Ragtime-Musik gespielt, um Panik zu vermeiden. Erst als offensichtlich wurde, dass das Schiff bald sinken würde und nur noch wenige Rettungsboote übrig geblieben waren, brach Panik unter Mannschaft und Passagieren aus. Die zum Schluss zu Wasser gelassenen Boote wurden dann überbesetzt. In einigen saßen mehr als 70 Menschen.

Der Untergang der Titanic ist das Ergebnis menschlichen Versagens

Das große Schiffsunglück am 14. April 1912 im Nordatlantik geht also weitgehend auf menschliches Versagen zurück, wobei die Nutzung technischer Assistenzsysteme – man denke nur an das Fehlen eines Fernglases im Mastkorb – nicht oder nur unzulänglich erfolgte. Außerdem resultiert die Katastrophe aus dem Synergie-Effekt mehrerer unglücklich verlaufener Umstände, nicht aber aus technischem Versagen.

Ironie des Schicksals: Im Januar dieses Jahres, also 100 Jahre später, verunglückte wieder ein großes Passagierschiff, und zwar das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ mit 4200 Menschen an Bord. Die Katastrophe vor der italienischen Küste resultierte wieder aus einer seitlichen Kollision, diesmal mit einem Felsenriff. Das Unglück riss mindestens 32 Menschen in den Tod. Auch hier gilt als Ursache menschliches Versagen.

Von Lars Wallerang

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