Unsichtbarer Klebstoff der Natur 23.10.2025, 14:30 Uhr

Gold zeigt, was Staub, Eidechsen und Galaxien verbindet

Mit Gold, Salz und Licht machen Forschende den „unsichtbaren Klebstoff der Natur“ sichtbar – vom Staubkorn bis zur Galaxie.

Eine Plattform aus Gold enthüllt die Kräfte, die in der unsichtbaren Verbindung der Natur wirken. Foto: Chalmers University of Technology | Mia Halleröd Palmgren

Eine Plattform aus Gold enthüllt die Kräfte, die in der unsichtbaren Verbindung der Natur wirken.

Foto: Chalmers University of Technology | Mia Halleröd Palmgren

Wenn Sie schon einmal beobachtet haben, wie eine Eidechse kopfüber an einer Wand hängt oder wie Staub an einer Glasfläche klebt, haben Sie es mit dem „unsichtbaren Klebstoff der Natur“ zu tun. Diese geheimnisvolle Kraft hält Dinge zusammen, von mikroskopisch kleinen Partikeln bis hin zu gigantischen Strukturen im All. Doch wie lässt sich so etwas Unsichtbares sichtbar machen? Forschende der Chalmers University of Technology in Göteborg haben eine verblüffend einfache Antwort gefunden – und sie beginnt mit einem Schimmer Gold.

Gold, Salz und Licht – eine ungewöhnliche Versuchsanordnung

In einem hellen Labor steht ein Glasbehälter, der unscheinbar wirkt. Darin schwimmen Millionen winziger Goldflocken in einer Salzlösung. Doktorandin Michaela Hošková greift zu einer Pipette, nimmt einen Tropfen davon auf und gibt ihn auf eine goldbeschichtete Glasplatte. Unter dem Mikroskop passiert etwas Magisches: Die Goldflocken bewegen sich wie von unsichtbarer Hand gelenkt, nähern sich der Oberfläche, bleiben aber in winzigem Abstand schweben – ein Abstand von nur wenigen Nanometern.

„Was wir sehen, ist, wie grundlegende Kräfte in der Natur miteinander interagieren“, sagt Hošková. „Durch diese winzigen Hohlräume können wir nun die Kräfte messen und untersuchen, die wir als ‚Klebstoff der Natur‘ bezeichnen – das, was Objekte auf kleinster Ebene zusammenhält.“

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Sobald die Halogenlampe des Mikroskops leuchtet, fangen die Hohlräume das Licht ein. Es reflektiert zwischen den Goldschichten, bis es in leuchtenden Farben zurückgeworfen wird – Rot, Grün, manchmal ein bläuliches Funkeln. Diese Farben sind keine Spielerei, sondern das Signal jener Kräfte, die sonst nur in der Quantenwelt existieren.

Der Tanz zweier Kräfte

Im Mikrokosmos sind zwei Kräfte ständig im Wettstreit. Die eine zieht an, die andere stößt ab.
Die Casimir-Kraft, benannt nach dem niederländischen Physiker Hendrik Casimir, ist eine Folge der Quantenfluktuationen des Vakuums. Sie sorgt dafür, dass sich Teilchen gegenseitig anziehen – auch wenn kein klassisches Feld, wie etwa Magnetismus, im Spiel ist. Die elektrostatische Kraft wirkt dagegen: Sie entsteht in der Salzlösung, weil die Partikel elektrisch geladen sind, und hält die Goldflocken auf Distanz.

Wenn sich diese beiden Kräfte die Waage halten, entsteht ein fragiles Gleichgewicht – die Goldflocken ordnen sich von selbst. „Das ist Selbstorganisation in Reinform“, sagt Hošková. „Wir müssen gar nichts tun, nur beobachten, wie sich die Natur selbst sortiert.“

Diese Selbstorganisation sorgt für die schwebenden Goldflocken und für die winzigen Lichtfallen dazwischen. Und genau diese Lichtfallen machen die unsichtbaren Kräfte sichtbar.

Michaela Hošková

Im Labor der Chalmers-Universität zeigt Doktorandin Michaela Hošková einen Glasbehälter, der mit Millionen von mikrometergroßen Goldflocken in einer Salzlösung gefüllt ist.

Foto: Chalmers University of Technology | Mia Halleröd Palmgren

Eine Plattform, die Licht in eine Falle lockt

Das Team um Physikprofessor Timur Shegai hat auf Basis dieser Erkenntnis eine Plattform entwickelt, die so simpel wie genial ist. Zwei Glasplatten, ein Tropfen Salzlösung, ein paar Goldflocken – mehr braucht es nicht. Wird die Probe unter das Mikroskop gelegt, verraten die Farben, wie stark die Kräfte sind, die zwischen den Goldflächen wirken.

„Mit dieser Methode können wir die Ladung einzelner Partikel und die zwischen ihnen wirkenden Kräfte untersuchen“, erklärt Shegai. „Andere Methoden erfordern oft hochentwickelte Instrumente, die keine Informationen auf Partikelebene liefern können.“

Das Verfahren funktioniert fast wie ein optischer Seismograf: Es macht winzige Vibrationen und Bewegungen sichtbar, die normalerweise in der Dunkelheit der Nanowelt verborgen bleiben. Licht, das in den Hohlräumen gefangen ist, reagiert empfindlich auf kleinste Änderungen der Abstände. Schon eine minimale Veränderung im Salzgehalt oder in der Temperatur verschiebt das Farbspektrum – ein Hinweis darauf, dass sich die Kräfte verändert haben.

Vom Nanometer bis zur Galaxie

Was hat all das mit Galaxien zu tun? Mehr, als man denkt. Denn die Mechanismen, die Atome und Moleküle im Nanobereich zusammenhalten, ähneln in gewisser Weise den Prozessen, die auch im Kosmos wirken. „Wenn wir diese Prinzipien vollständig verstehen würden“, sagt Hošková, „könnten wir lernen, die Selbstorganisation im Nanobereich zu kontrollieren. Gleichzeitig könnten wir Erkenntnisse darüber gewinnen, wie dieselben Prinzipien in viel größeren Maßstäben wirken – sogar wie Galaxien entstehen.“

Selbstorganisation ist eines der großen Themen der modernen Physik – vom Kristallwachstum bis zur Bildung von Sternsystemen. Dass nun ausgerechnet Goldflocken in Salzwasser dazu beitragen, diese Prozesse besser zu verstehen, zeigt, wie eng das Kleine und das Große miteinander verknüpft sind.

Goldflocken als schwebende Sensoren

Die Forschenden sprechen von einer neuen „Forschungsplattform“, die viele Türen öffnen könnte. Sie eignet sich nicht nur für Grundlagenphysik, sondern auch für Chemie, Materialwissenschaften oder Biotechnologie. Die Goldflocken fungieren dabei als winzige Sensoren, die anzeigen, wie Partikel miteinander interagieren – etwa, warum manche Flüssigkeiten stabil bleiben, während andere verklumpen.

Solche Erkenntnisse könnten helfen, bessere Medikamente zu entwickeln oder neue Wasserfilter zu konstruieren. Auch in der Kosmetik oder bei der Herstellung von Nanopartikeln sind diese Fragen entscheidend. „Die Tatsache, dass wir mit dieser Plattform grundlegende Kräfte und Materialeigenschaften untersuchen können, zeigt ihr Potenzial als wirklich vielversprechende Forschungsplattform“, so Shegai.

Der unsichtbare Klebstoff – sichtbar gemacht

Am Ende des Experiments hält Hošková eine hauchdünne Glasplatte in der Hand. Zwischen zwei Schichten befindet sich das, was man fast poetisch den „unsichtbaren Klebstoff der Natur“ nennen kann.

„Am spannendsten finde ich, dass die Messung selbst so schön und einfach ist“, sagt sie. „Die Methode ist schnell, basiert nur auf der Bewegung von Goldflocken und der Wechselwirkung zwischen Licht und Materie.“

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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