Geniale Idee, schlechter Schutz: Erfinder, die den Preis nicht ernteten
Geschichte: Patente sichern gegen Nachahmung ab, sind aber nicht alles. Vier historische Fälle, in denen Vordenker das Nachsehen hatten.
Symbolbild: Nikola Tesla meldete weltweit etwa 300 Patente an, doch ein folgenschwerer Verzicht kostete ihn später Millionen.
Foto: pavelschulmin10081988/Smarterpix
Inhaltsverzeichnis
Galileo Ferraris & der Induktionsmotor: veröffentlicht, aber nicht patentiert.
Wir starten mit dem offensichtlichsten Versäumnis: Der italienische Physiker Galileo Ferraris zählt zu den Wegbereitern der mehrphasigen Wechselstromtechnik, aus der der Drehstrom hervorging. Eine Schlüsseltechnologie der Elektrifizierung, war sie doch praktisch und wirtschaftlich geeignet, Strom über weite Strecken zu transportieren.
Spätestens die Drehstromübertragung von Lauffen nach Frankfurt bei der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung 1891 zeigte das Potenzial der Technik; Ferraris soll dort während eines Dinners sogar als „Vater des Drehstroms“ gefeiert worden sein. Bereits 1885 hatte er das Prinzip des magnetischen Drehfelds als physikalische Grundlage selbstanlaufender Induktionsmotoren erkannt und einen zweiphasigen Prototypen entwickelt.
Nutzen zog er daraus nicht: Er meldete kein Patent an, wohl auch, weil er das wirtschaftliche Potenzial seiner Forschung unterschätzte. Im März 1888 schrieb er dennoch öffentlich über sie. Nach heutigem europäischem Patentrecht hätte er sich damit seine Chancen auf ein Patent weitgehend verbaut – Stichwort Neuheitserfordernis. Wenige Wochen später, am 1. Mai 1888, erhielt ein gewisser Nikola Tesla ein US-Patent – für, genau: einen zweiphasigen Induktionsmotor. Eingereicht hatte Tesla es im Oktober 1887.
Dieses Patent wurde Anfang des 20. Jahrhunderts angefochten. Nicht von Ferraris, der 1897 starb, sondern von Unternehmen, die sich auf die Konzepte des Italieners beriefen. Verteidigt wurden sie ebenso wenig vom Tüftler Tesla, auf den wir gleich zurückkommen. Obwohl Ferraris den Preis für diese Erfindung nicht erntete, genoss er als Strompionier seines Landes bis zu seinem Tod hohes Ansehen. Und: Sein Name geistert bis heute durch unsere Keller. Jedenfalls solange dort Ferrariszähler an der Wand hängen.
Nikola Tesla & der Induktionsmotor: Patentrechte aus der Hand gegeben.
Im Gegensatz zu Galileo Ferraris war Nikola Tesla ein patentfreudiger Erfinder; weltweit werden ihm rund 300 Patente zugeschrieben. Legendär gewordene Ideen wie die Erdbebenmaschine oder sein „Todesstrahl“ gehörten allerdings nicht dazu. Womöglich hätte sich Tesla den überschuldeten Lebensabend in New Yorker Hotels ersparen können, wäre er nicht nur ein technischer Visionär, sondern auch ein besserer Geschäftsmann gewesen.
Dabei sah es 1888 gut für Tesla aus: George Westinghouse sicherte sich im Stromkrieg mit Gleichstrom-Verfechter Thomas Edison die Rechte an seinem kompletten Wechselstromsystem samt Induktionsmotor. Vereinbart wurden ein hoher fünfstelliger Kaufpreis und eine Lizenzgebühr von 2,50 $ pro Pferdestärke verkaufter Motorleistung. Ein hoher stolzer Preis, wie Westinghouse selbst befand. Aber der ließ sich ja an die Kundschaft weiterreichen.
Doch der Roll-out des Wechselstroms war teuer, und Westinghouse geriet ab 1890 in finanzielle Schwierigkeiten. Um seinem Förderer zur Seite zu stehen, verzichtete Tesla auf die Lizenzklausel. Der Überlieferung nach zerriss er den Vertrag sogar vor Westinghouse. Später kaufte Westinghouse Teslas Patente endgültig für rund 216.000 $. Viel Geld – aber gemessen daran, dass Teslas Erfindungen zu einem Grundpfeiler moderner Stromversorgung wurden, entgingen ihm jedoch Millionen.
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Karl von Drais & die Laufmaschine: Patent greift territorial zu kurz.
Freiherr Karl von Drais, ein adeliger Förster und Erfinder, hatte einen Einfall, der heute die Massen mobil macht. Angeregt durch eine Mini-Eiszeit im „Jahr ohne Sommer“ 1816, als massive Missernten die Pferdehaltung erschwerten, fahndete er nach einem alternativen Fortbewegungsmittel. Er erfand die Laufmaschine, das Proto-Fahrrad.
Die Draisine, wie die Laufmaschine auch genannt wurde, erlebte das, was man heute einen Hype nennt. Angetrieben durch Muskelkraft, allerdings noch ohne Pedale, waren Menschen plötzlich schneller als die Postkutsche unterwegs. Von Drais hatte 1818 das badische Privileg erhalten, ein frühes Patent. Das allerdings griff nur im Großherzogtum Baden. Im Ausland wurde Karl von Drais‘ Erfindung munter kopiert. Auch ein französisches Patent half ihm wirtschaftlich wenig.
Zur Ehrenrettung des Freiherrn sei gesagt: Im territorialen Flickenteppich deutscher Kleinstaaten waren rechtliche Ansprüche ohnehin schwer durchzusetzen. Hinzu kam, dass die Stimmung gegen von Drais und seine Erfindung bald umschlug. Seine Laufmaschine machte als Fußgängerschreck Schlagzeilen, er selbst galt aufgrund politischer Umstände als geächtet. Eine Lehre daraus bleibt aktuell: Auch heute bietet ein Patent keinen automatischen weltweiten Rechtsschutz. Etwas mehr als 200 Jahre später hätte von Drais immerhin ein Einheitspatent für derzeit 18 EU-Staaten beantragen können.
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Philo Farnsworth & das elektrische Fernsehen: zu früh patentiert.
Ein Patent ist eben nicht alles: Manchmal kommt es zu früh, und ohne eine Geschäftsstrategie bleibt Rechtsschutz reiner Selbstzweck. Im Fall Philo Farnsworth kamen ein unreifer Markt, mächtige Konkurrenz und schließlich ein Weltenbrand hinzu.
Farnsworth war erst 21, als ihm die erste elektrische Bildübertragung gelang. Damit legte er die Grundlage für das elektrische Fernsehen, das der bis dahin mechanischen Variante überlegen war – und das er sich 1927 direkt patentieren ließ. Überschwänglich präsentierte er seine Lösung auch seinem älteren Konkurrenten Vladimir Zworykin. Der forschte seinerseits an einer elektrischen Röhre, für die er bereits 1923 ein Patent eingereicht hatte, ohne jedoch einen Durchbruch zu erzielen.
Das nutzte die Radio Corporation of America, die möglichst viele TV-Patente unter sich vereinen wollte und auch Zworykin anstellte. Mit Verweis auf dessen Patent versuchte sie, Farnsworth an weiteren Entwicklungen zu hindern. Zwar entschied Farnsworth die juristischen Auseinandersetzungen Mitte der 1930er-Jahre für sich. Doch ein gutes Jahrzehnt war verloren und der Erfinder zermürbt. Als der endlich mit einem eigenen Unternehmen durchstarten wollte, diente alles in den USA dem Zweiten Weltkrieg, auch die Fernsehtechnik. 1947 lief das Patent aus, die Firma ging kurz darauf bankrott.
Verbittert wendete sich Farnsworth vom Fernsehen ab und er konnte auch nur schwer hinsehen, als es tatsächlich vollelektrisch in die Wohnzimmer flimmerte. Alkohol und Depressionen führten ihn in die Nervenheilanstalt. 1971 starb er weit entfernt von dem Reichtum, den andere mit seiner Technik verdienten.
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