Es regnet Sternschnuppen 12.08.2020, 09:17 Uhr

Perseiden-Sternschnuppen heute besonders gut zu sehen: „Wir pflügen mit der Erde durch sie durch“

Die Sternschnuppen sind im Anflug. In der Nacht zum 13. August sind die Perseiden besonders gut zu sehen. INGENIEUR.de hat mit Astrophysikerin Carolin Liefke über den bekanntesten Sternschnuppen-Regen des Jahres gesprochen.

Perseiden Sternschnuppenregen

Der Sternschnuppenstrom der Perseiden ist heute besonders gut zu sehen.

Foto: panthermedia.net/Fundiworks1

ingenieur.de: Frau Liefke, wenn Sie in den Himmel schauen und so viele Sternschnuppen sehen, ist das für Sie denn überhaupt noch etwas Besonderes? Fällt das Wünschen aus?

Liefke: Vermutlich bin ich da mittlerweile zu abgestumpft, um mir bei jeder Sternschnuppe etwas zu wünschen. Ich verbringe sehr viele Nächte draußen und sehe auch außerhalb der Perseiden so viele davon. Da sind irgendwann alle Wünsche erfüllt, die man so haben kann.

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Das ist doch auch schön. Wie viele Sternschnuppen kommen denn regulär pro Nacht so runter?

Tatsächlich ist es so, dass man in jeder beliebigen Nacht drei oder vier Sternschnuppen sehen kann. Wenn man aber mitten in der Großstadt ist oder an einer Straßenlaterne steht, sieht man Sternschnuppen natürlich nicht so gut. Unter dunklem Nachthimmel auf freiem Feld lassen sich deutlich mehr Sternschnuppen erblicken.

Sie sind Astrophysikerin. Was verbirgt sich wissenschaftlich hinter dem Erscheinen einer Sternschnuppe am Himmel?

Sie müssen sich vorstellen, dass das Weltall ja nicht leer ist. Sowas wie Atome oder Staubpartikel sind unterwegs. Das kann man sich ruhig wie kleine Sandkörnchen vorstellen, nur deutlich weiter verteilt. Diese wurden hinterlassen von einem Kometen, diesmal nicht von Neowise, sondern von Swift-Tuttle. Letztendlich bilden sie eine Art Schlauch, der die Umlaufbahn des Kometen nachbildet. Jetzt ist es so, dass dieser Schlauch unsere Erdumlaufbahn schneidet und jedes Jahr Mitte August pflügt unsere Erde da sozusagen durch. Wir fahren einmal mit Volldampf durch eine Staubwolke durch. Das ist im Prinzip so, als wenn man im Winter mit dem Auto durch eine Schneewolke fährt. Da hat man auch das Gefühl, dass die Schneeflocken seitlich an einem vorbeiflitzen. Dasselbe passiert mit den Sternschnuppen auch. Wir flitzen zwar an den Staubkörnern nicht mehr vorbei, sie verglühen in der Atmosphäre und daher sehen wir sie so gut.

Die geozentrische Geschwindigkeit der Perseiden beträgt 59 km/s. Ist das im Vergleich zu anderen Geschwindigkeiten im Sonnensystem schnell?

Im Vergleich zu den Geschwindigkeiten in unserem Sonnensystem ist das überdurchschnittlich schnell. Die Erde bewegt sich mit knapp 35 km/s auf ihrer eigenen Umlaufbahn durch die Sonne. Das heißt, dass Teilchen da sein können, die uns auf Kollisionskurs entgegen fliegen oder sich mit derselben Geschwindigkeit bewegen. Langsam bewegen ist hier auch relativ zu sehen, denn es handelt sich dann meistens immer noch um 10 km/s.

Komet Swift-Tuttle sorgt ja für den Sternschnuppen-Regen. Ist der Komet mit Neowise vergleichbar?

Ja und nein. Swift-Tuttle kommt ja wieder im Gegensatz zu Neowise. Das letzte Mal war Swift-Tuttle aber auch in den 90igern da. Dementsprechend füllt er seine Bahn regelmäßig auf. Das Staubteilchen-Reservoire wird also stetig aufgefüllt.

Der Durchmesser beträgt ja 26 Kilomter. Für einen Kometen ist das doch durchaus gigantisch, oder?

Sagen wir es mal so: Die meisten Kometen sind nur ein paar Kilometer groß, wobei das auch nur eine Durchschnittsangabe ist, nicht wahr. Da gibt es mal welche, die sind größer oder kleiner. Bei Swift-Tuttle zu sagen, der Komet ist jetzt 26 Kilometer groß, ist auch etwas schwierig. Es handelt sich auf jeden Fall um eine grobe Einschätzung. Man hat kein aufgelöstes Bild von der Oberfläche. Um zu wissen, wie diese aussieht, hätte man schon eine Raumsonde hinschicken müssen. Die Abschätzung erfolgt aus der Helligkeit des Kometen und der Zusammensetzung. Trotzdem: Für einen Kometen ist das schon groß.

Der Astrophysiker Ethan Siegel hat in einem Fachbeitrag in der Zeitschrift Forbes geschrieben, dass Swift-Tuttle eines Tages wohl mal die Erde treffen könnte…

Das ist natürlich die logische Konsequenz, wenn wir sagen, dass die Erde durch die Kometen-Umlaufbahn pflügt. Hier müsste man ausrechnen, ob und wann Erde und Komet gleichzeitig an einer Stelle sind. Dieser Komet wird dementsprechend auf einer Liste von Himmelskörpern geführt, die man deswegen im Auge behält. Zum Beispiel kann sich die Umlaufbahn des Kometen ein klein wenig verschieben, zum Beispiel weil er von einem anderen Planeten im Sonnensystem abgelenkt wird. Aktuell ist es so, dass Swift-Tuttle maximal 130.000 Kilometer an die Erdoberfläche ran kommen kann. Das heißt nicht, dass er der Erde überhaupt so nah kommen kann. Für einen Körper dieser Größe ist das dennoch ordentlich und sollte Swift-Tuttle tatsächlich ungewollt zu Besuch kommen, wäre das aufgrund seiner Größe unschön. Dann hätten wir hier ein ernsthaftes Problem. Aber momentan sieht es in absehbarer Zukunft nicht danach aus.

Woher kommt denn der Name Perseiden überhaupt?

Bei zusammengehörenden Sternschnuppen, wie das bei den Perseiden der Fall ist, pflügen wir mit der Erde durch diese Staubwolke durch. Diese Wolke kommt aus einer ganz bestimmten Richtung. Und das ist in diesem Fall das Sternbild Perseus. Wenn wir bei dem Bild des Schneesturms bleiben, mit dem man mit dem Auto durchfährt. Da hat man auch so einen Punkt, von dem die Schneeflocken herzukommen scheinen. Aber in Wirklichkeit fallen sie von oben runter. Aber dadurch, dass wir uns mit dem Auto bewegen, sieht es eben so aus. Im Sternbild Perseus scheint der Sternschnuppenstrom auch herzukommen und daraus ergibt sich der Name Perseiden. Bei anderen Sternschnuppen wie den Leoniden im November, ordnet man zum Beispiel das Sternbild Leo, also dem Löwen, zu. Es gibt ja mehrere Hundert Sternschnuppenströme, aber nur eine Handvoll sind für den Laien zu erkennen.

Haben Sie abschließend Tipps, wo man die Perseiden am besten beobachten kann?

Der wichtigste Tipp wäre, sich einen Standort zu suchen, wo man fernab von störendem Licht ist. Also sich nicht unter die nächste Straßenlaterne legen. Wenn man die Gelegenheit hat, aus den Orten rauszukommen, ist es noch besser. Ein ruhiges Fleckchen mit möglichst viel Blick auf freiem Himmel ist super. Dann in Blickrichtung Osten schauen, denn dort steht das Sternbild.

Die Perseiden sollen ja superhell sein, so hell wie die Venus…

Das ist relativ, es gibt es schon immer mal wieder, dass Sternschnuppen sehr hell sind, aber da muss man auch Geduld mitbringen. Sich hinstellen und hoffen, jetzt eine superhelle Sternschnuppe zu sehen, klappt in der Regel nicht. Etwas Zeit sollte man schon haben. Eine Helligkeit von der Venus ist aber dennoch sehr selten. Je heller die Sternschnuppen sind, desto seltener. Wir sehen eher die, die schwächer sind. Aber ein oder zweimal pro Nacht erstrahlen die Sternschnuppen ganz hell am Himmel.

So ab 22 Uhr soll es ja in der Nacht zum 13. August losgehen. 

Die Sache ist die, die beste Sicht ist tagsüber, aber davon haben wir ja überhaupt nichts. Menschen, die ein paar Zeitzonen versetzt von uns wohnen, haben sogar noch bessere Chancen. In den USA besteht die allerbeste Chance, möglichst viele Sternschnuppen zu sehen. Uns bleiben diese Nacht oder die Folgenächte. Man kann noch fast bis Monatsende Sternschnuppen sehen, aber es nimmt mit jedem Tag ab.

Danke für das Interview, Carolin Liefke! 

Lesen Sie auch das Interview mit der Astrophysikerin über den Kometen Neowise.

Porträt Carolin Liefke

Carolin Liefke, Haus der Astronomie, im Interview.

Carolin Liefke ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Haus der Astronomie, MPIA-Campus. Ihre Forschungsinteressen sind: ESO Science Outreach Network, HdA-Angebote im Studiengang Physik-Lehramt der Universität Heidelberg, Teleskope und „Fernrohrführerschein“, Schülerforschung, Pan-STARRS-Asteroidensuche und die Vortragsreihe „Faszination Astronomie“. Sie promovierte an der Hamburger Sternwarte und legte ihre Forschungsarbeit auf den Gebieten stellare Aktivität und Röntgenastronomie ab. Zudem ist Liefke passionierte Amateurastronomin, in mehreren astronomischen Vereinen und Internet-Communities aktiv.

Ein Beitrag von:

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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