Nach 237 Tagen im All: Sophie Adenots Körper muss die Erde neu lernen
237 Tage war Sophie Adenot im All. Jetzt untersucht das DLR, wie sich Kreislauf, Gleichgewicht, Muskeln und Augen wieder an 1 g anpassen.
Nach 237 Tagen im All wird ESA-Astronautin Sophie Adenot nach der Landung aus der Crew-Dragon-Kapsel geholfen. Ihr Körper muss sich nun wieder an die Belastung unter Erdschwerkraft gewöhnen.
Foto: picture alliance / NASA via AP | Keegan Barber
Als Sophie Adenot am Samstagmorgen, den 10. Oktober, in Köln ankam, standen ihre beiden Missionsärzte direkt neben ihr. Beim ersten Pressestatement stützten Prof. Bimba Hoyer und ihr kanadischer Kollege Dr. David Kim die französische ESA-Astronautin. Fast acht Monate hatte Adenot im All verbracht. Nun muss sich ihr Körper wieder daran gewöhnen, sein eigenes Gewicht zu tragen.
237 Tage, 5 Stunden und 18 Minuten dauerte Adenots erster Raumflug – länger als jeder einzelne Raumflug eines europäischen Astronauten oder einer europäischen Astronautin zuvor. Seit ihrer Landung am 8. Oktober steht sie wieder unter 1 g. Zwei Tage später begann im des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln die medizinische Nachsorge.
Dabei geht es vor allem um Kreislauf, Gleichgewicht, Koordination, Muskulatur und Augen. Viele Veränderungen sind keine Erkrankung, sondern Folgen der monatelangen Anpassung an die Schwerelosigkeit.
Warum selbst eine Kurve plötzlich schwierig wird
Besonders schnell macht sich die Rückkehr beim Gleichgewicht und bei der Bewegungskoordination bemerkbar. „So wissen wir, dass die Koordination unter ‚normaler‘ Schwerkraft zunächst schwierig ist. Um die Ecke laufen wird auf einmal zur Herausforderung. Und auch der Blutdruck muss sich erst wieder an die Umstände hier unten gewöhnen“, erklärt Adenots Missionsärztin Prof. Bimba Hoyer in der aktuellen Mitteilung des DLR.
Auf der ISS musste Adenots Körper sein eigenes Gewicht monatelang nicht tragen. Nach der Rückkehr müssen Muskeln und Kreislauf wieder mit den Bedingungen auf der Erde zurechtkommen. Das gilt auch für die Rückenmuskulatur. Sie stabilisiert auf der Erde den Oberkörper praktisch ständig. In Schwerelosigkeit fällt ein großer Teil dieser Arbeit weg.
Damit Astronautinnen und Astronauten möglichst wenig Muskelkraft und Knochensubstanz verlieren, gehört intensives Training zum Alltag auf der ISS. Bei Sophie Adenot wurde während ihrer Mission unter anderem ein spezieller Anzug mit elektrischer Muskelstimulation getestet.
Wie stark fehlende Gewichtskraft den Körper verändert, untersuchen Raumfahrtmediziner auch am Boden. Beim ESA-Experiment Vivaldi simulierten Forschende Auswirkungen der Schwerelosigkeit unter anderem durch Trockentauchen und Bettruhe.
Auch Adenots Augen werden untersucht
Nach Langzeitmissionen richten Raumfahrtmediziner ihren Blick außerdem auf die Augen. Bei Astronautinnen und Astronauten können sich unter anderem die Sehstärke und der Sehnerv verändern. „Ein wichtiges raumfahrtmedizinisches Thema sind die Augen, die sich in der Schwerelosigkeit verändern, zum Beispiel die Sehstärke betreffend. Oder der Sehnerv kann dicker werden“, sagt Hoyer in der DLR-Mitteilung.
Solche Veränderungen werden unter dem Begriff Spaceflight Associated Neuro-ocular Syndrome, kurz SANS, zusammengefasst. Welche Mechanismen dahinterstecken, ist noch nicht vollständig geklärt.
Dass auf der ISS keineswegs einfach „keine Schwerkraft“ herrscht, ist dabei wichtig: Die Erdanziehung ist in rund 400 km Höhe weiterhin stark. Astronautinnen und Astronauten schweben, weil Station und Besatzung die Erde gemeinsam im freien Fall umrunden. Warum auf der ISS trotzdem Schwerelosigkeit herrscht, erklärt ingenieur.de ausführlich in einem eigenen Beitrag.
Bis zu zwei Wochen Direct Return in Köln
Adenot durchläuft nun das sogenannte Direct-Return-Programm. Es dauert laut DLR üblicherweise zehn bis 14 Tage. Dabei kombinieren die Ärzte medizinische Messungen mit den Beobachtungen der Astronautin. Wie stabil ist der Blutdruck? Wie funktionieren Gleichgewicht und Koordination? Welche Bewegungen bereiten Schwierigkeiten? Und wie schnell normalisieren sich einzelne Funktionen wieder?
„Reine Untersuchungsdaten und Messwerte sind zwar wichtig, aber sie ergeben noch kein medizinisches Gesamtbild“, schreibt das DLR über das Programm. Gerade deshalb spielt die Missionsärztin eine besondere Rolle. Hoyer begleitet Adenot nicht erst seit der Landung. Beide arbeiten bereits seit 21 Monaten vor dem Start zusammen. Die Ärztin kennt damit auch die medizinischen Ausgangswerte und kann Veränderungen besser einordnen.
Das ist während dieser Phase Forschungszentrum und zeitweiser Wohnort zugleich. Neben Untersuchungs- und Trainingsbereichen gibt es dort abgeschirmte Räume, in denen sich zurückgekehrte Raumfahrerinnen und Raumfahrer mit ihren Angehörigen aufhalten können.
Alexander Gerst war 2014 nach seiner Mission „Blue Dot“ der erste ESA-Astronaut, der unmittelbar nach der Rückkehr ins Kölner gebracht wurde. Inzwischen gehört dieses Verfahren bei europäischen Langzeitmissionen zum etablierten Ablauf.
237 Tage bedeuten europäischen Rekord
Adenot war am 13. Februar 2026 mit der SpaceX-Mission Crew-12 zur Internationalen Raumstation gestartet. Am 8. Oktober landete die Crew Dragon „Freedom“ vor der kalifornischen Küste im Pazifik.
Ihre Raumflugdauer von 237 Tagen, 5 Stunden und 18 Minuten bedeutet einen neuen europäischen Rekord für einen einzelnen Raumflug. Adenot übertraf damit den bisherigen Rekord des italienischen ESA-Astronauten Luca Parmitano um mehr als 35 Tage. Auch außerhalb der Raumstation sammelte sie ungewöhnlich viel Erfahrung. Adenot absolvierte drei Außenbordeinsätze und verbrachte dabei insgesamt 19 Stunden und 42 Minuten außerhalb der ISS.
Während ihrer Mission arbeitete sie außerdem an zahlreichen Experimenten aus Medizin, Biologie, Materialwissenschaft, Strahlungsforschung und Raumfahrttechnik. Einige Untersuchungen beschäftigten sich direkt damit, wie sich Menschen bei langen Aufenthalten im All körperlich leistungsfähig halten können.
Warum gerade die ersten Tage interessant sind
Für die Raumfahrtmedizin sind die ersten Tage nach der Landung besonders wertvoll. Jetzt lassen sich Veränderungen messen, bevor sich der Körper wieder stärker an das Leben unter 1 g angepasst hat. Das Direct-Return-Programm ist deshalb mehr als Rehabilitation. Untersuchungen und wissenschaftliche Experimente laufen weiter und gehören nach Angaben des DLR noch zur Mission.
Aus den Ergebnissen sollen bessere Trainingsprogramme und medizinische Gegenmaßnahmen entstehen – vor dem Start, während des Aufenthalts im All und nach der Landung. Für Adenot bedeutet das zunächst etwas wesentlich Bodenständigeres: wieder sicher stehen, gehen, Kurven nehmen und den eigenen Körper unter Erdschwerkraft kontrollieren.
Quellen
- DLR, 10. Oktober 2026: ESA-Astronautin Sophie Adenot zurück in Kölner Schwerkraft
- ESA, 8. Oktober 2026: Splashdown confirmed for Sophie Adenot
- ESA: Mission εpsilon – Daten und Missionsverlauf
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