Nach Wildberries trifft es Ozon: Putin gibt Staat Zugriff auf kritische Logistik
Nach Wildberries trifft es jetzt Ozon: Sechs Logistikzentren wurden binnen drei Tagen angegriffen. Putin reagiert mit neuen Eingriffsrechten.
Dichter Rauch über einem brennenden Wildberries-Logistikzentrum. Ukrainische Drohnenangriffe haben seit Mitte Juli zahlreiche Standorte des russischen Onlinehändlers getroffen und große Teile seiner Lagerkapazität beschädigt oder zerstört.
Foto: picture alliance / Anadolu | Ukraine Online Telegram Channel
Wochenlang trafen ukrainische Drohnen vor allem Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries. Nun gerät auch der Konkurrent Ozon ins Visier. Seit dem 22. August wurden nach Angaben des Unternehmens sechs seiner Logistikstandorte angegriffen. An zwei Anlagen im Süden Russlands brachen am 24. August größere Feuer aus. Präsident Wladimir Putin reagiert unterdessen mit neuen Eingriffsrechten für den Staat.
Damit geht es nicht mehr nur um die Verwundbarkeit eines einzelnen Onlinehändlers. Die Angriffe treffen inzwischen die beiden größten russischen E-Commerce-Anbieter – und damit eine Infrastruktur, von der Hunderttausende Händler und Millionen Kunden abhängig sind.
Inhaltsverzeichnis
- Sechs Ozon-Standorte in drei Tagen angegriffen
- Zuvor traf es vor allem Wildberries
- Beschädigte Fläche sagt wenig über den tatsächlichen Ausfall
- Wildberries setzt stark auf große Logistikzentren
- Ist das verteilte Ozon-Netz widerstandsfähiger?
- Wildberries baut zusätzliche Lagerkapazitäten auf
- Drohnenangriffe sind inzwischen ein eigenes Versicherungsrisiko
- Tausende Händler spüren die Folgen
- Putin wollte erst wiederaufbauen – jetzt geht er weiter
- Warum greift die Ukraine die Onlinehändler an?
Sechs Ozon-Standorte in drei Tagen angegriffen
Am 22. August trafen ukrainische Drohnen erstmals direkt ein Logistikzentrum von Ozon. Betroffen war ein Standort in Tschapajewsk in der Region Samara. Das Unternehmen stellte dort den Betrieb ein.
Einen Tag später folgte ein Ozon-Zentrum in der Region Orenburg. Nach Angaben des Gouverneurs trafen Trümmer abgewehrter Drohnen zwei Industrieanlagen, darunter das Logistikzentrum. Ozon ließ mehr als 300 Menschen evakuieren und stoppte den Betrieb. Verletzte gab es nach Angaben der Regionalregierung nicht.
Am 24. August meldete das Unternehmen vier weitere betroffene Logistikstandorte im Süden Russlands. Im Zentrum in Machatschkala in Dagestan brach nach einem Drohnenangriff Feuer aus. Nach vorläufigen Angaben wurden mehrere Menschen verletzt, der Betrieb wurde eingestellt.
Auch im Ozon-Hub in Enem in der Region Krasnodar entstand ein großes Feuer. Standorte in Adygeisk und Newinnomyssk wurden dagegen vorsorglich evakuiert und blieben laut Ozon unbeschädigt.
Damit wurden innerhalb von drei Tagen sechs Ozon-Standorte zum Ziel. Wie groß der Sachschaden und der Verlust an Logistikkapazität insgesamt sind, hat das Unternehmen bislang nicht beziffert. An der Moskauer Börse verloren Ozon-Aktien am 24. August zeitweise bis zu 12 %.
Zuvor traf es vor allem Wildberries
Bei Wildberries ist die Angriffswelle bereits wesentlich länger. Seit dem 18. Juli wurden laut Reuters mindestens zwei Dutzend Lager des größten russischen Onlinehändlers angegriffen. Einige Anlagen konnten ihren Betrieb später wieder aufnehmen, andere wurden durch Brände schwer beschädigt oder weitgehend zerstört.
Eine der belastbarsten Größenordnungen stammt vom 7. August. Reuters wertete Satellitenbilder betroffener Wildberries-Standorte aus und kam damals auf mindestens 1,18 Mio. m² beschädigte oder zerstörte Lagerfläche. Das entsprach mehr als einem Fünftel der damaligen Gesamtkapazität.
Seit dieser Auswertung folgten weitere Angriffe. Die 1,18 Mio. m² sind deshalb kein aktueller Endstand, sondern eine Untergrenze.
Besonders schwer traf es beispielsweise ein Zentrum in Samara. Anfang August brannten dort nach Reuters-Angaben rund 160.000 von insgesamt 180.000 m² Lagerfläche aus. Bei einem weiteren Großbrand an einem Standort in der Region Wladimir waren mehr als 200 Feuerwehrleute im Einsatz.
Beschädigte Fläche sagt wenig über den tatsächlichen Ausfall
Für die Folgen eines Angriffs ist die zerstörte Fläche allein nur bedingt aussagekräftig. Ein modernes E-Commerce-Zentrum lagert Waren nicht einfach nur ein. Dort werden Lieferungen angenommen, identifiziert, sortiert, kommissioniert und für den Weitertransport zusammengestellt. Automatisierte Förderanlagen bewegen enorme Mengen an Artikeln durch die Halle, IT-Systeme koordinieren Bestände und Aufträge.
Wie weit diese Automatisierung inzwischen reicht, zeigt etwa Amazon: In den Warenlagern des Konzerns übernehmen bereits Hunderttausende Roboter Aufgaben im Materialfluss.
Trifft ein Feuer vor allem Dach oder Fassade, kann ein Zentrum unter Umständen teilweise weiterarbeiten. Werden dagegen zentrale Fördertechnik, Sortieranlagen, Stromversorgung, Datennetze oder Verladebereiche beschädigt, kann der Verlust an Verarbeitungskapazität wesentlich größer sein als der reine Gebäudeschaden vermuten lässt.
Umgekehrt lässt sich ein ausgefallenes Logistikzentrum nicht kurzfristig durch irgendeine freie Halle ersetzen. Benötigt werden unter anderem Förder- und Sortiertechnik, IT-Anbindung, Personal, Lkw-Abfertigung und ausreichende Transportkapazitäten.
Wildberries setzt stark auf große Logistikzentren
Bei Wildberries kommt die Struktur des Netzes hinzu. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP bilden rund zwei Dutzend besonders große Lager- und Sortierzentren den Kern des Systems. Einzelne Anlagen erreichen Flächen von bis zu 300.000 m².
Wildberries wickelt etwa die Hälfte der Onlinebestellungen in Russland ab. Nach Schätzungen nutzen zwischen 500.000 und 800.000 Händler die Plattform. Reuters zählte Anfang August zudem rund 98.000 Wildberries-Abholstationen in Russland und angrenzenden Staaten. Große Hubs bieten erhebliche wirtschaftliche Vorteile. Warenmengen lassen sich bündeln, Fördertechnik hoch auslasten und Transporte zentral organisieren.
Der Nachteil zeigt sich beim Ausfall eines solchen Knotens: Dann verschwindet auf einen Schlag nicht nur Lagerfläche, sondern ein erheblicher Teil der Sortier- und Umschlagleistung. Ob andere Standorte das auffangen können, hängt vor allem davon ab, wie viel freie Kapazität dort vorhanden ist.
Ist das verteilte Ozon-Netz widerstandsfähiger?
Spannend ist deshalb der Vergleich mit Ozon. Anders als Wildberries verteilt der Konkurrent seine Logistik stärker auf mehrere, kleinere Standorte. Fällt ein einzelnes Zentrum aus, sollte sich der Schaden im Netz theoretisch leichter abfedern lassen.
Ob das in der Praxis funktioniert, lässt sich nach den jüngsten Angriffen noch nicht beurteilen. Innerhalb von drei Tagen waren sechs Ozon-Standorte betroffen. Für eine belastbare Bewertung fehlen bislang Angaben dazu, wie viel Logistikleistung tatsächlich ausgefallen ist und in welchem Umfang andere Zentren Aufträge und Transporte übernehmen konnten. Erst solche Daten würden zeigen, ob das stärker verteilte Netz Ozon tatsächlich widerstandsfähiger macht als die stärker auf große Hubs ausgerichtete Struktur von Wildberries.
Genau diese Redundanz ist bei technischen Systemen ein wichtiger Faktor für die Ausfallsicherheit. Das gilt im Kleinen auch für die Intralogistik: Dezentral gesteuerte Transportroboter können beispielsweise Aufgaben untereinander verteilen, wenn einzelne Fahrzeuge ausfallen. Auf ein landesweites Lagernetz lässt sich dieses Prinzip nicht eins zu eins übertragen, der Grundgedanke ist jedoch ähnlich: Ausfälle lassen sich leichter kompensieren, wenn Funktionen nicht ausschließlich an einem Knoten hängen.
Wildberries baut zusätzliche Lagerkapazitäten auf
Wildberries versucht unterdessen, zusätzliche Knoten in sein Netz einzubauen. Seit Anfang August testet das Unternehmen sogenannte Partner-Fulfillment-Center. Eigentümer oder Mieter geeigneter Immobilien können dabei Waren von Wildberries-Verkäufern annehmen, lagern, zusammenstellen und für den Weitertransport bereitstellen. Damit entsteht zusätzliche Lager- und Bearbeitungskapazität außerhalb der bisherigen Großzentren.
Die zeitliche Nähe zu den Drohnenangriffen ist auffällig, sollte aber nicht überinterpretiert werden. Wildberries selbst beschreibt das Programm als Teil seiner Unterstützungsmaßnahmen für Verkäufer und Betreiber von Abholstationen. Dass die Partnerzentren ausdrücklich als Reaktion auf die Verwundbarkeit der großen Hubs eingerichtet wurden, hat das Unternehmen nicht erklärt.
Drohnenangriffe sind inzwischen ein eigenes Versicherungsrisiko
Konkreter lässt sich eine andere Reaktion von Wildberries beobachten: Das Unternehmen hat sein Versicherungsangebot an die neue Risikolage angepasst. Seit dem 7. August können Verkäufer ihre Bestellungen freiwillig auch gegen Schäden oder Verluste durch Terrorakte, Sabotage und Drohnenangriffe sowie deren Folgen versichern. Dazu zählen beispielsweise Schäden nach dem Absturz von Drohnentrümmern.
Seit dem 21. August bietet Wildberries zusätzlich eine Versicherung für Waren in seinen neuen Partner-Fulfillment-Centern an. Sie greift bei vollständigem Warenverlust infolge von Terrorakten und Sabotage – ausdrücklich einschließlich Drohnenangriffen und herabfallender Drohnenteile. Für diese Versicherung gilt ein Höchstbetrag von 300 Mio. Rubel pro Schadensfall für alle versicherten Waren im betroffenen Partnerzentrum. Die Versicherung kostet nach Angaben von Wildberries 0,01 % des Warenwerts pro Tag.
Tausende Händler spüren die Folgen
Die Auswirkungen reichen weit über die beschädigten Logistikzentren hinaus. Reuters berichtete Anfang August, dass Wildberries erste freiwillige Entschädigungszahlungen an mehr als 97.000 Verkäufer geleistet hatte, deren Waren bei Angriffen verloren gegangen waren.
Bei den Abholstationen gingen gleichzeitig die Paketmengen zurück. Reuters fand Anfang August mehr als 3100 Wildberries-Abholstationen, die auf der Plattform Avito zum Verkauf angeboten wurden. Bei einem von Reuters begleiteten Betreiber in Moskau sank die Zahl der täglich eintreffenden Pakete von etwa 400 auf rund 150. Sein Geschäft schrieb daraufhin Verluste.
Auch Banken wurden betroffen. Händler, deren Waren zerstört wurden, beantragten Kreditrestrukturierungen. Die russische Zentralbank beobachtete zudem, ob Lieferengpässe die Inflation beeinflussen könnten. Die wirtschaftlichen Folgen eines ausgefallenen Logistikzentrums verteilen sich damit über mehrere Stufen: vom Betreiber über Händler und Kreditgeber bis zu Abholstationen und Kunden.
Putin wollte erst wiederaufbauen – jetzt geht er weiter
Am 19. August schaltete sich Wladimir Putin öffentlich ein. Er wies die russische Regierung an, ein Programm zum Wiederaufbau beschädigter und zerstörter kommerzieller Lager auszuarbeiten. Wildberries nannte er nicht ausdrücklich. Reuters stellte die Äußerungen jedoch unmittelbar in Zusammenhang mit der Angriffswelle auf die Lager des Unternehmens.
Putin verlangte, beschädigte Standorte nicht lediglich wiederherzustellen. Der Wiederaufbau solle auf einem „qualitativ neuen technologischen Niveau“ erfolgen. Was damit technisch gemeint ist, ist weiterhin offen. Weder konkrete Anforderungen an Neubauten noch Umfang und Finanzierung der staatlichen Unterstützung wurden bislang genannt.
Am 24. August folgte nun ein wesentlich weitergehender Schritt. Putin unterzeichnete ein Dekret, das dem russischen Staat neue Eingriffsrechte bei als kritisch wichtig eingestuften Infrastrukturanlagen gibt. Werden solche Anlagen nach Ansicht der Behörden nicht ausreichend gegen Drohnenangriffe oder andere Gefahren geschützt oder nach einem Angriff nicht schnell genug repariert, kann der Staat eine vorübergehende Verwaltung einsetzen.
Das Dekret nennt ausdrücklich Einrichtungen aus den Bereichen Kraftstoffversorgung, Energie, Industrie, Kommunikation, Verkehr und Logistik. Die staatliche Verwaltung kann laut Reuters auch Sach- und Finanzvermögen sowie Eigentumsrechte umfassen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Wildberries oder Ozon nun automatisch unter staatliche Kontrolle geraten. Ob einzelne Logistikzentren der beiden Unternehmen als kritisch wichtige Infrastruktur eingestuft werden und das Dekret dort tatsächlich angewendet wird, ist bislang nicht bekannt. Die Regelung zeigt aber, dass der Kreml die Schutz- und Wiederherstellungsfähigkeit wichtiger wirtschaftlicher Infrastruktur inzwischen als staatliches Sicherheitsproblem behandelt.
Warum greift die Ukraine die Onlinehändler an?
Die Ukraine stellt die Angriffe auf russische Logistik- und Wirtschaftsziele in den Zusammenhang mit ihrem Versuch, die Kosten des Krieges für Russland zu erhöhen. Bei Wildberries kommt ein weiterer Vorwurf hinzu. Ukrainische Vertreter werfen dem Unternehmen vor, über seine Plattform auch militärisch nutzbare Produkte und Dual-Use-Güter bereitzustellen.
AP fand im Angebot beispielsweise Schutzwesten, Helme, Drohnenkomponenten und Wärmebildtechnik. Ob Wildberries jedoch selbst Teil einer organisierten militärischen Lieferkette ist, lässt sich daraus nicht automatisch folgern. Das Unternehmen und der Kreml bestreiten, die russische Armee zu beliefern.
Auch Russland greift regelmäßig ukrainische Industrie-, Energie- und Logistikanlagen an. Die Angriffe auf wirtschaftliche Infrastruktur sind damit Teil einer Entwicklung, bei der beide Kriegsparteien zunehmend Ziele weit hinter der Front treffen.
Quellen
- Reuters: Sechs Ozon-Standorte seit 22. August Ziel von Drohnenangriffen, 24.08.2026
- Reuters: Putin schafft neue Eingriffsrechte bei kritischer Infrastruktur, 24.08.2026
- Reuters: Angriff auf Ozon-Logistikzentrum in Orenburg, 23.08.2026
- Reuters: Putin ordnet Programm zum Wiederaufbau zerstörter Lager an, 19.08.2026
- Reuters: Satellitenauswertung und wirtschaftliche Folgen der Wildberries-Angriffe, 07.08.2026
- Associated Press: Struktur des Wildberries-Logistiknetzes und Hintergründe der Angriffe, August 2026
- Interfax: Wildberries startet Partner-Hubs, 07.08.2026
- Wildberries: Versicherung von Bestellungen gegen Drohnenangriffe
- Wildberries: Versicherung von Waren in Partner-Fulfillment-Centern, aktualisiert 21.08.2026
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