Nach Angriffen auf 24 Lager 21.08.2026, 22:33 Uhr

Drohnen zerstören Wildberries-Lager, jetzt greift Putin ein

Mindestens 24 Wildberries-Lager wurden angegriffen. Putin greift ein und fordert einen Wiederaufbau auf „neuem technologischen Niveau“.

Dichter Rauch über einem brennenden Wildberries-Logistikzentrum

Dichter Rauch über einem brennenden Wildberries-Logistikzentrum. Ukrainische Drohnenangriffe haben seit Mitte Juli zahlreiche Standorte des russischen Onlinehändlers getroffen und große Teile seiner Lagerkapazität beschädigt oder zerstört.

Foto: picture alliance / Anadolu | Ukraine Online Telegram Channel

Seit Mitte Juli werden Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries immer wieder von ukrainischen Drohnen getroffen. Mindestens zwei Dutzend Standorte wurden inzwischen angegriffen. Schon Anfang August waren laut Reuters mindestens 1,18 Mio. m² Lagerfläche beschädigt oder zerstört. Nun schaltet sich Wladimir Putin ein: Die russische Regierung soll beim Wiederaufbau helfen.

Die Drohnenangriffe auf Wildberries sind inzwischen Chefsache im Kreml. Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Regierung angewiesen, ein Programm für den Wiederaufbau beschädigter und zerstörter kommerzieller Lagerstandorte auszuarbeiten. Der Staat soll sich daran beteiligen.

Putin nannte Wildberries bei seinen Äußerungen am 19. August nicht ausdrücklich. Reuters stellt die Anordnung jedoch in direkten Zusammenhang mit der Angriffswelle auf den größten russischen Onlinehändler. Seit dem 18. Juli wurden nach jüngster Reuters-Zählung mindestens zwei Dutzend Wildberries-Lager angegriffen.

Bemerkenswert ist vor allem, wie Putin den Wiederaufbau beschreibt: Die zerstörten Anlagen sollen nicht einfach ersetzt werden, sondern auf einem „qualitativ neuen technologischen Niveau“ entstehen.

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Was das konkret bedeutet, sagte er nicht.

Putin will zerstörte Lager mit staatlicher Hilfe wiederaufbauen

Putin räumte ein, dass die ukrainischen Angriffe der russischen Wirtschaft Schaden zufügen. „Kritische Konsequenzen“ hätten sie aus seiner Sicht allerdings nicht.

Gleichzeitig soll die Regierung nun Maßnahmen für den Wiederaufbau ausarbeiten. Welche Standorte davon erfasst werden, wie viel Geld der Staat bereitstellt und welche technischen Anforderungen für neue Anlagen gelten sollen, ist bislang offen.

Für Wildberries kommt die Unterstützung zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Schäden längst nicht mehr auf einzelne Hallen beschränken. Das Unternehmen wickelt nach Angaben der Nachrichtenagentur AP etwa die Hälfte aller Onlinebestellungen in Russland ab. Zwischen 500.000 und 800.000 Händler sollen ihre Waren über die Plattform verkaufen.

Entsprechend groß sind die Folgen, wenn zentrale Knoten des Netzes ausfallen.

Mindestens zwei Dutzend Wildberries-Lager angegriffen

Die Serie begann am 18. Juli. Inzwischen wurden Wildberries-Standorte in zahlreichen russischen Regionen getroffen – von der Umgebung Moskaus und St. Petersburgs bis nach Jekaterinburg im Ural.

Nicht jeder Angriff richtet denselben Schaden an. Einige Anlagen konnten ihren Betrieb wieder aufnehmen, andere wurden durch Feuer schwer beschädigt.

Besonders deutlich wurde das am 16. August in Koledino südlich von Moskau. Nach einem Drohnenangriff stieg dichter Rauch über dem dortigen Wildberries-Komplex auf. Reuters konnte die Folgen vor Ort filmen.

Koledino gehört zu den großen Standorten im Netz. Ähnliche Dimensionen erreichen weitere Wildberries-Zentren: AP zufolge umfassen einzelne Mega-Hubs bis zu 300.000 m².

Dass solche Anlagen für einen Onlinehändler attraktiv sind, liegt auf der Hand. Auf großen Flächen lassen sich enorme Warenmengen bündeln, automatisierte Sortier- und Fördersysteme mit hohem Durchsatz betreiben und Lkw-Verkehre konzentrieren.

Doch genau diese Bündelung wird bei einem Ausfall zum Problem.

Schon Anfang August waren 1,18 Mio. m² betroffen

Wie groß die Schäden insgesamt sind, lässt sich nicht exakt beziffern. Eine der belastbarsten Auswertungen stammt von Reuters.

Die Nachrichtenagentur untersuchte Satellitenbilder der betroffenen Standorte und kam bereits am 7. August auf mindestens 1,18 Mio. m² beschädigte oder zerstörte Lagerfläche. Das entsprach damals mehr als einem Fünftel der gesamten Lagerkapazität von Wildberries.

Seitdem folgten weitere Angriffe. Die 1,18 Mio. m² sind daher kein aktueller Endstand, sondern eine Untergrenze.

Zudem sagt die Fläche allein noch wenig darüber aus, wie viel Logistikleistung tatsächlich verloren geht.

Ein beschädigtes Hallendach kann den Betrieb möglicherweise nur in einem Teil der Anlage beeinträchtigen. Treffen Feuer oder Explosionen dagegen Fördertechnik, Sortieranlagen, Stromversorgung oder IT-Systeme, kann ein deutlich größerer Teil des Standorts ausfallen.

Das ist bei hochautomatisierten Lagern entscheidend. Wie stark moderne E-Commerce-Logistik inzwischen von automatisierten Systemen abhängt, zeigt beispielsweise Amazon: Dort übernehmen Roboter bereits einen erheblichen Teil der Warenbewegungen und Sortierprozesse.

Freie Hallenfläche allein ersetzt deshalb noch kein funktionierendes Logistikzentrum.

Warum ein Mega-Hub nicht einfach durch eine andere Halle ersetzt werden kann

Ein großes Verteilzentrum muss Waren nicht nur lagern. Es muss sie annehmen, erfassen, transportieren, sortieren, kommissionieren und anschließend wieder auf die Straße bringen.

Fällt ein solcher Standort aus, braucht Wildberries deshalb mehr als zusätzliche Quadratmeter.

Ein Ersatzstandort benötigt unter anderem:

  • ausreichend Lager- und Umschlagfläche,
  • leistungsfähige Strom- und Datenanschlüsse,
  • Förder- und Sortiertechnik,
  • IT-Anbindung an das Warenwirtschaftssystem,
  • Personal,
  • Lkw-Abfertigungsflächen,
  • zusätzliche Transportkapazitäten.

Auch andere Lager im Netz können einen Ausfall nur auffangen, wenn dort tatsächlich Reserven bei Sortierung, Personal und Transport vorhanden sind.

Genau darin liegt die Schwäche eines stark konzentrierten Netzes: Nicht nur der Warenbestand, sondern auch ein erheblicher Teil der Verarbeitungskapazität steckt in wenigen großen Knoten.

Rund zwei Dutzend große Zentren bilden das Rückgrat

Wildberries verfügt über ein weit verzweigtes Logistiknetz. Für die entscheidende Verarbeitung großer Warenmengen sind nach AP-Recherchen jedoch rund zwei Dutzend besonders große Lager- und Sortierzentren von Bedeutung.

Von dort gelangen die Bestellungen weiter zu rund 98.000 Abholstationen in Russland und angrenzenden Staaten.

Wildberries-Konkurrenten wie Ozon und Yandex Market verteilen ihre Logistik laut AP stärker auf kleinere Standorte.

Daraus folgt allerdings nicht, dass viele kleine Lager grundsätzlich besser sind als wenige große.

Große Hubs ermöglichen hohe Automatisierungsgrade und Skaleneffekte. Eine stärker verteilte Struktur kann dagegen den Anteil der Gesamtkapazität reduzieren, der beim Ausfall eines einzelnen Standorts verloren geht.

Entscheidend ist letztlich die Redundanz im Gesamtsystem: Können andere Knoten die Aufgaben eines ausgefallenen Standorts tatsächlich übernehmen?

Dass dezentrale Strukturen technische Vorteile bei der Ausfallsicherheit bieten können, zeigt sich auch innerhalb einzelner Logistikzentren. So können beispielsweise autonome Transportroboter mit dezentraler Steuerung weiterarbeiten, wenn einzelne Fahrzeuge ausfallen. Das Prinzip lässt sich nicht direkt auf ein komplettes Lagernetz übertragen, verdeutlicht aber den Grundgedanken: Systeme werden robuster, wenn nicht jede Funktion an einem zentralen Punkt hängt.

Wildberries sucht bereits nach zusätzlichen Hubs

Wildberries hat auf die Angriffe reagiert und Warenströme zwischen bestehenden Standorten verlagert.

Seit dem 7. August testet das Unternehmen außerdem ein neues Modell sogenannter Partner-Hubs. Eigentümer oder Mieter geeigneter Immobilien können Flächen für Wildberries zur Verfügung stellen und dort Waren von Verkäufern annehmen, lagern und für den weiteren Transport vorbereiten.

Nach Angaben des Unternehmens sollen die Partner-Hubs Waren annehmen, zusammenstellen und an Sortierzentren weitergeben.

Das schafft zusätzliche Kapazitäten außerhalb der bisherigen Großlager. Allerdings befindet sich das Programm erst in der Testphase. Ob daraus langfristig ein stärker dezentrales Wildberries-Netz entsteht, lässt sich bislang nicht sagen.

Auch die zeitliche Nähe zu den Angriffen sollte nicht überinterpretiert werden. Wildberries bezeichnet das Programm als Teil eines Maßnahmenpakets für Verkäufer und Betreiber von Abholstationen. Dass die Partner-Hubs eine direkte Antwort auf die Verwundbarkeit der Mega-Lager darstellen, hat das Unternehmen nicht ausdrücklich erklärt.

Wildberries versichert inzwischen auch Schäden durch Drohnen

Auch an anderer Stelle reagiert das Unternehmen auf die neue Risikolage.

Seit dem 7. August 2026 umfasst eine freiwillige Versicherung für Verkäufer nach Angaben im Wildberries-Partnerportal auch Schäden und Verluste durch Drohnenangriffe sowie deren Folgen.

Das ist eine ungewöhnliche Anpassung für einen Online-Marktplatz und zeigt, dass die Angriffe inzwischen Teil des laufenden Risikomanagements geworden sind.

Für bereits zerstörte Waren löst das allerdings nicht alle Probleme. Wildberries hatte Anfang August nach eigenen Angaben freiwillige Entschädigungen an mehr als 97.000 Verkäufer gezahlt, deren Bestände bei Angriffen verloren gegangen waren.

Ob diese Zahlungen die tatsächlichen Verluste decken, ist offen.

3100 Abholstationen standen zum Verkauf

Die Folgen reichen inzwischen bis zu den kleinen Abholstationen, die für Wildberries einen großen Teil der letzten Meile übernehmen.

Reuters fand Anfang August auf der russischen Plattform Avito mehr als 3100 Wildberries-Abholstationen, die zum Verkauf angeboten wurden.

Die Nachrichtenagentur begleitete unter anderem einen Betreiber in Moskau, bei dem die Zahl der täglich eintreffenden Pakete nach den Angriffen von rund 400 auf etwa 150 sank. Sein Geschäft war dadurch defizitär geworden.

Auch Banken bekommen die Folgen zu spüren. Reuters berichtete bereits Anfang August von Unternehmen, die wegen der Schäden über eine Restrukturierung ihrer Kredite verhandelten. Die russische Zentralbank beobachtet zudem mögliche Folgen für Lieferketten und Inflation.

Damit wird sichtbar, warum der Ausfall eines großen Logistikzentrums weit über das beschädigte Gebäude hinausreicht: Verkäufer verlieren Waren, Abholstationen erhalten weniger Pakete und Kreditgeber müssen auf Zahlungsschwierigkeiten reagieren.

Wie hoch ist der Gesamtschaden?

Eine verlässliche Gesamtsumme gibt es weiterhin nicht.

Neben den Gebäudeschäden müssten dafür zerstörte Warenbestände, Betriebsunterbrechungen, zusätzliche Transporte, Ersatzlager, Entschädigungen und möglicherweise entgangene Umsätze berücksichtigt werden.

Zudem ist nicht jede beschädigte Fläche dauerhaft verloren. Einige Wildberries-Standorte konnten ihren Betrieb nach Angriffen wieder aufnehmen.

Milliardenschätzungen, die inzwischen kursieren, sind deshalb mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Aussagekräftiger ist bislang die Reuters-Auswertung der Satellitenbilder: mindestens 1,18 Mio. m² beschädigte oder zerstörte Lagerfläche mit Stand vom 7. August.

Warum greift die Ukraine Wildberries an?

Die Ukraine begründet die Angriffe unter anderem mit der Rolle des Unternehmens beim Verkauf militärisch nutzbarer Produkte und sogenannter Dual-Use-Güter.

AP fand auf Wildberries beispielsweise Schutzwesten, Helme, Drohnenkomponenten und Wärmebildtechnik.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Wildberries selbst Teil einer organisierten militärischen Lieferkette ist. Das Unternehmen und der Kreml bestreiten, die russischen Streitkräfte zu beliefern.

Die ukrainische Seite stellt die Angriffe zugleich in einen größeren wirtschaftlichen Zusammenhang. Ziel sei es, die Kosten des Krieges für Russland zu erhöhen und den Druck auf Unternehmen, Banken und Bevölkerung zu verstärken.

Auch Russland greift regelmäßig ukrainische Logistik- und Industrieanlagen an. Anfang August erklärte das russische Verteidigungsministerium beispielsweise, mehrere ukrainische Lager getroffen zu haben, in denen Drohnenkomponenten und andere Dual-Use-Produkte gelagert worden seien. Reuters konnte diese Darstellung nicht unabhängig überprüfen.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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