Güterverkehr interkontinental 22.06.2012, 11:55 Uhr

Die Transsibirische Eisenbahn ist schneller als der Seeweg

Auf der Schiene durch Sibirien lässt sich die Transportzeit von Leipzig ins nordostchinesische Shenyang gegenüber dem Seeweg deutlich verkürzen. Was jahrelang nur auf Verkehrskonferenzen diskutiert wurde, ist seit einem halben Jahr Realität

Dampflok auf Schienen neben dem Baikalsee

Entlang des Baikalsees in Sibirien führt die 9300 Kilometer lange Strecke der Transsibirischen Eisenbahn. Sie ist bislang die längste Eisenbahnstrecke der Welt. 

Foto: panthermedia.net/avrutin

„Wir haben seit September mit BMW einen Siebenjahresvertrag über den Transport von Autoteilen ab Leipzig nach China“, berichtete Karl-Friedrich Rausch, Konzernvorstand für den Transport- und Logistikbereich der Deutschen Bahn, kürzlich in Berlin. Inzwischen seien bereits mehr als 6500 Container mit über 200 Güterzügen nach China gefahren, bei sehr zufriedenstellender Zuverlässigkeit.

Die eurasische Landbrücke hatte bereits vor Jahrzehnten mit dem Erscheinen des Containers auf dem Verkehrsmarkt einige Bedeutung erlangt. Von Westeuropa wurden Frachten nicht nur für die Sowjetunion auf der Schiene befördert, sondern im Transit auch in den Iran, nach Japan und über die russischen Pazifikhäfen Nachodka und Vostochny in andere Länder im Fernen Osten. Der Verkehr lief auch zu Zeiten des Kalten Kriegs, denn er brachte harte Währung.

Transsibirische Eisenbahn verkürzt die Transportzeit um bis zu 50%

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Entstehen neuer selbstständiger Staaten wuchsen jedoch die Schwierigkeiten mit Grenz- und Zollkontrollen, mit der Sicherheit, mit Sprachen und Tarifen. Seither ist ständig versucht worden, den Schienenverkehr durch Sibirien wieder zu beleben. Vorteil ist die kürzere Transportzeit: Während ein Container nach China auf dem Seeweg etwa vier Wochen unterwegs ist, schafft es die Bahn, je nach Zielpunkt, in rund 20 Tagen. Dabei wechselt zweimal die Spurweite, und die Zollabfertigung an den Grenzen zwischen Deutschland, Polen, Weißrussland, Russland und China kostet fast überall Zeit. Nur in Krasnoye, der russischen Grenzstation zu Weißrussland, können die Züge durchfahren. An den Schnittstellen zwischen der europäischen wie der chinesischen Normalspur und der russischen Breitspur werden die Container auf Wagen mit der jeweils anderen Spurweite umgeladen.

Für den BMW-Zug liegen die Verhältnisse besonders günstig: Das Montagewerk Shenyang, das die Teile aus Deutschland erhält, liegt im Nordosten Chinas und damit günstig zur Transsibirischen Eisenbahn. Ungünstig wäre dagegen der Seeweg, weil vom nächsten Hafen noch eine beträchtliche Transportentfernung zu Lande bewältigt werden müsste.

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„Mit der attraktiven Transportzeit von zugesicherten 23 Tagen unterbieten wir das Seeschiff um mehr als die Hälfte“, so Rausch. „Und meistens schöpfen wir diese vereinbarte Zeit gar nicht mehr aus“, ergänzt Alexander Hedderich, Vorstand DB Schenker Rail. Im bisher günstigsten Fall sei der Zug schon nach 19 Tagen angekommen.

BMW transportiert Autoteile von Leipzig nach China

„Beim Zeitvorteil von Fernostverkehren auf der Schiene ist vor allem interessant, dass sich der Kapitaleinsatz halbieren lässt, wenn das Equipment so viel schneller wieder verfügbar ist“, nennt Bahnchef Rüdiger Grube als einen der Gründe, weshalb sich BMW für den ungewöhnlichen und nicht risikolosen Weg entschieden hat. Hauptproblem seien immer noch die Frachtbriefe und die Einführung durchgehender IT-Lösungen bleibe eine Herausforderung. Auch dass das „Handaufhalten“ an den Grenzen kategorisch ausscheide, habe von den Betroffenen erst verinnerlicht werden müssen.

Grube hat sich persönlich, offenbar in bestem Einvernehmen mit seinem russischen Kollegen Wladimir Jakunin, für diesen Verkehr stark gemacht dass seine Herkunft von der Automobilindustrie entscheidend zu dem Auftrag beigetragen hat, gilt als offenes Geheimnis. Schon 2008 gründeten die Deutsche und die Russische Bahn das Gemeinschaftsunternehmen Trans Eurasia Logistics, das bei dem internationalen Vorhaben die operativen Aufgaben wahrnimmt, die Bahnen koordiniert und den reibungslosen bahntechnischen Ablauf zu gewährleisten sucht.

DB Schenker verpackt in Leipzig Kfz-Teile klimasicher in Container und liefert sie gewissermaßen ans Fließband des Werks in Shenyang. Zuvor gehört auch das Auspacken wieder zu den Logistikleistungen. Unterwegs sind rund ein Dutzend „Leistungserbringer“ in die Logistikkette eingebunden, vor allem die Bahnen Polens, Weißrusslands, Russlands und Chinas.

Die Züge sind für die beteiligten Bahnen ein lukratives Geschäft, für DB Schenker damit auch ein Hebel, die Verhältnisse unterwegs zu verbessern. „Zurzeit sind wir noch in der Investitionsphase“, so Hedderich, „und müssen uns noch mit einer ,schwarzen Null‘ zufrieden geben.“ Künftig würden aber alle Beteiligten auf dieser kontinentalen Verbindung Geld verdienen.

Auch die Elektronikindustrie nutzt die Transsibirische Eisenbahn

Inzwischen fährt ebenfalls regelmäßig, allerdings nur einmal in der Woche, ein Containerzug für die Elektronikindustrie aus dem südwestlichen Hinterland Chinas über Kasachstan nach Duisburg. Die Preise für den Bahntransport sind höher als die für den Seeweg, aber deutlich geringer als für Luftfracht. Allein darin sieht DB Schenker erhebliches Marktpotenzial. Zwar drückt ein Verfall der Frachtraten zur See auf das Preisniveau, aber zurzeit ist die Tendenz wieder steigend, und entsprechend groß der Optimismus, die Bahnverbindung Europa-Asien nachhaltig etablieren zu können.

 

Ein Beitrag von:

  • Ralf Roman Rossberg

    Freier Journalist und Buchautor, der im wesentlichen zu Eisenbahnthemen schrieb. Studium der Elektrotechnik in München und Berlin, später viele Jahre im Pressedienst der Deutschen Bundesbahn.

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