Drohnen treffen Wildberries: Warum Russlands Mega-Logistik zum Schwachpunkt wird
Drohnenangriffe haben mindestens 1,18 Mio. m² Wildberries-Lagerfläche beschädigt. Warum Mega-Hubs Russlands Logistik verwundbar machen.
Dichter Rauch über einem brennenden Wildberries-Logistikzentrum. Ukrainische Drohnenangriffe haben seit Mitte Juli zahlreiche Standorte des russischen Onlinehändlers getroffen und große Teile seiner Lagerkapazität beschädigt oder zerstört.
Foto: picture alliance / Anadolu | Ukraine Online Telegram Channel
Rund 28 Mio. Bestellungen am Tag, fast 100.000 Abholstationen und riesige Lagerhallen mit mehreren hunderttausend Quadratmetern Fläche: Wildberries hat in Russland eine Logistikmaschine aufgebaut, die enorme Warenmengen bewältigt. Doch seit Mitte Juli gerät dieses System unter Druck. Ukrainische Drohnen greifen immer wieder Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers an. Zuletzt wurde am 16. August ein Angriff gemeldet. Etwa 20 Wildberries-Standorte waren bis Mitte August betroffen, einige davon mehrfach.
Inhaltsverzeichnis
- Mindestens 1,18 Mio. m² verlorene Lagerfläche
- Zwei Dutzend Mega-Lager bilden das Rückgrat
- 160.000 m² eines Lagers brennen aus
- Dezentraler heißt nicht automatisch besser
- Wildberries baut sein Netz unter Beschuss um
- Die Auswirkungen erreichen zehntausende Händler
- Warum greift die Ukraine Wildberries an?
Mindestens 1,18 Mio. m² verlorene Lagerfläche
Besonders deutlich zeigt sich das Problem an der Fläche, die innerhalb weniger Wochen verloren ging. Reuters wertete Satellitenbilder der betroffenen Standorte aus und kam bereits am 7. August auf mindestens 1,18 Mio. m² beschädigte oder zerstörte Lagerfläche. Das entsprach laut Nachrichtenagentur mehr als einem Fünftel der damaligen Lagerkapazität des Unternehmens. Danach folgten weitere Angriffe.
Am 16. August traf es erneut die Region Moskau. Über dem Wildberries-Komplex in Koledino, rund 45 km südlich der russischen Hauptstadt, stieg nach einem Drohnenangriff dichter Rauch auf. Reuters konnte die Folgen vor Ort filmen.
Die Dimension der Schäden ist auch deshalb bemerkenswert, weil Wildberries für den russischen Onlinehandel eine zentrale Rolle spielt. AP zufolge läuft etwa jede zweite Onlinebestellung in Russland über die Plattform.
Wildberries in Zahlen
- rund 28 Mio. Bestellungen pro Tag
- etwa 98.000 Abholstationen
- mehr als 200 Logistikeinrichtungen
- rund zwei Dutzend große Logistikzentren
- bis zu 300.000 m² Fläche pro Mega-Hub
- mindestens 1,18 Mio. m² beschädigte oder zerstörte Lagerfläche – Stand 7. August
Zwei Dutzend Mega-Lager bilden das Rückgrat
Wildberries betreibt zwar mehr als 200 Logistikeinrichtungen. Das Rückgrat des Systems bilden nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP jedoch nur rund zwei Dutzend besonders große Zentren. Einige davon erreichen Flächen von bis zu 300.000 m².
Von dort laufen Waren weiter zu rund 98.000 Abholstationen in Russland und angrenzenden Staaten. Wildberries gibt an, dass etwa 95 % der Bestellungen über solche Stationen an die Kunden gelangen.
Für den normalen Betrieb ist diese Konzentration effizient: Warenbestände lassen sich bündeln, Sortieranlagen mit hohem Durchsatz betreiben und Prozesse automatisieren. Gleichzeitig konzentrieren sich damit Lagerbestand, Sortierung, Personal, IT und Transportkapazität auf wenige Standorte.
Fällt ein solcher Knoten aus, reicht es deshalb nicht, die Ware einfach in eine andere Halle zu bringen. Auch Sortierleistung und anschließende Transporte müssen von anderen Standorten übernommen werden.
160.000 m² eines Lagers brennen aus
Wie groß der Schaden eines einzelnen Ausfalls werden kann, zeigte Anfang August ein Wildberries-Zentrum in Novosemeykino in der Region Samara.
Beispiel Novosemeykino
- Gesamtfläche: rund 180.000 m²
- ausgebrannte Fläche: rund 160.000 m²
- Warenbestand: laut regionalen Angaben vollständig zerstört
Ein weiterer schwerer Treffer betraf das Wildberries-Zentrum in Elektrostal östlich von Moskau. AP zufolge dauerte es drei Tage, den Brand vollständig zu löschen. Das Lager gehörte zu den wichtigen Knoten für die Versorgung der Region Moskau.
Die Größe solcher Anlagen verschärft die Folgen eines Ausfalls. In einem einzigen Gebäudekomplex befinden sich Warenbestände, Förder- und Sortiertechnik sowie erhebliche Umschlagkapazitäten. Selbst wenn ein anderes Lager noch freie Fläche besitzt, kann es diese Funktionen nicht zwangsläufig kurzfristig vollständig übernehmen.
Dezentraler heißt nicht automatisch besser
Wildberries-Konkurrenten wie Ozon und Yandex Market setzen laut AP stärker auf kleinere, geografisch verteilte Depots. Ein solches System ist allerdings nicht automatisch überlegen.
| Zentrale Mega-Hubs | Viele kleinere Depots |
| hohe Automatisierung | Ausfall trifft kleineren Netzanteil |
| gebündelte Warenbestände | geografisch stärker verteilt |
| Skaleneffekte bei großen Mengen | mehr Ausweichmöglichkeiten |
| hohe Folgen bei Ausfall | komplexere Bestandssteuerung |
| hohe Leistung je Standort | teilweise geringere Skaleneffekte |
Viele kleinere Lager verursachen zusätzliche Kosten. Bestände müssen auf mehr Standorte verteilt werden, Transporte und IT-Steuerung werden komplexer, und Skaleneffekte großer automatisierter Anlagen gehen teilweise verloren.
Aus Sicht der Resilienz kann eine stärkere Verteilung dennoch Vorteile bieten. Entscheidend ist dabei weniger die Zahl der Lager als die tatsächlich verfügbare Ersatzkapazität. Ein Netzwerk mit 100 Lagern ist nicht automatisch redundant, wenn 80 % der Sortierleistung in wenigen Mega-Hubs stecken.
Wildberries baut sein Netz unter Beschuss um
Das Unternehmen reagiert inzwischen auf die Serie von Angriffen. Wildberries leitet Warenströme auf andere Standorte um und baut zusätzliche sogenannte Partner-Hubs auf, in denen Waren zwischengelagert und verteilt werden können. Nach Berichten russischer Medien suchte das Unternehmen zudem nach zusätzlicher Lagerfläche außerhalb Russlands.
Allein in Kasachstan entstehen große neue Kapazitäten. Wildberries baut dort Logistikzentren mit zusammen rund 270.000 m² Fläche in Almaty und Astana.
Solche Kapazitäten lassen sich allerdings nicht kurzfristig schaffen. Ein Ersatzstandort braucht unter anderem:
- ausreichend Hallenfläche,
- Energie- und Verkehrsanbindung,
- Förder- und Sortiertechnik,
- Personal und Transportkapazitäten,
- IT-Anbindung an das bestehende Netzwerk.
Ein ausgefallener Mega-Hub lässt sich deshalb nicht innerhalb weniger Tage ersetzen.
Die Auswirkungen erreichen zehntausende Händler
Die Folgen beschränken sich längst nicht mehr auf beschädigte Gebäude. Wildberries dient Hunderttausenden Unternehmen als Verkaufsplattform. Anfang August hatte der Konzern nach eigenen Angaben bereits erste freiwillige Entschädigungszahlungen an mehr als 97.000 Verkäufer geleistet, deren Waren bei Angriffen verloren gegangen waren.
Auch die Abholstationen spüren die Störungen. Reuters dokumentierte bei einzelnen Standorten deutlich sinkende Liefermengen. Bei einem von der Nachrichtenagentur begleiteten Betreiber sank die tägliche Lieferung von rund 400 auf etwa 150 Pakete.
Auch Banken beobachten inzwischen die Folgen. Rund 300 Unternehmen hatten laut Reuters Ende Juli eine Restrukturierung ihrer Kredite beantragt. Die russische Zentralbank prüft zudem, ob die gestörten Lieferketten zusätzlichen Inflationsdruck erzeugen könnten.
Warum greift die Ukraine Wildberries an?
Die Ukraine begründet die Angriffe unter anderem damit, dass über Wildberries auch militärisch nutzbare Produkte und Komponenten verkauft würden.
AP fand auf der Plattform unter anderem Schutzwesten, Helme, Drohnenkomponenten, Funktechnik und Wärmebildgeräte. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Wildberries selbst Teil einer organisierten militärischen Versorgungskette ist. Das Unternehmen und der Kreml bestreiten, die russischen Streitkräfte zu beliefern.
Für die technische Bewertung der Angriffe ist diese Frage nur ein Teil der Geschichte. Unabhängig vom militärischen Nutzen einzelner Waren zeigt die Angriffswelle, wie empfindlich moderne Logistiknetze reagieren können, wenn große Teile ihrer Kapazität auf wenige Knoten konzentriert sind.
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