Datenmonopol 17.12.2020, 12:22 Uhr

Facebook zerschlagen? Diese Idee geht noch viel weiter

Amazon, Facebook und Co. häufen Informationsmacht an – das hat fatale Folgen, sagen die Autoren Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger. Im Interview erläutern sie, wie sie die Monopolmacht brechen würden – und entwickeln ein erstaunliches Modell.

Facebook, Amazon und Co. haben  Oligopolstellungen inne, wenn es um Daten geht. Foto: Panthermedia.net/Elnur_

Facebook, Amazon und Co. haben Oligopolstellungen inne, wenn es um Daten geht.

Foto: Panthermedia.net/Elnur_

Europa ist eine Kolonie. Eine Datenkolonie, ausgeliefert den neuen Kolonialmächten, die jetzt Facebook, Google oder Amazon heißen. Das ist eine der Thesen, die Jurist Viktor Mayer-Schönberger und Wirtschaftsjournalist Thomas Ramge in ihrem neuen Buch „Machtmaschinen“ aufspannen.

„Warum Datenmonopole unsere Zukunft gefährden und wie wir sie brechen“ lautet der Untertitel des Buchs, der schon andeutet: Die beiden Autoren wollen eine Revolution, einen Unabhängigkeitstag.

Nicht ganz zufällig beginnt wohl denn auch das rund 200 Seiten starke Buch mit einer Anekdote über USA-Gründervater Benjamin Franklin. Die zentrale Idee des Buches: Damit es echten Fortschritt geben kann, der allen nutzt, müssen Datenmonopole zerschlagen und Informationen geteilt und frei zugänglich gemacht werden. Wie das gelingen soll, darüber sprechen die Autoren im Interview, in dessen Verlauf wir uns auf ein informelles „Du“ verständigt haben.

Euer neues Buch hat so ein martialisch anmutendes Wort im Titel: Machtmaschinen. Das klingt bedrohlich – könnt Ihr erklären, was Ihr darunter versteht? 

Thomas Ramge: Machtmaschinen sind digitale Systeme oder Plattformen, die maschinenlesbare Informationen sammeln und den Zugang zu diesen Informationen so strukturieren, dass diejenigen, die die Plattform betreiben, in erheblichem Umfang Macht daraus ziehen können. Machtmaschinen schaffen Informationsasymmetrien. Und Macht meinen wir hier im Sinne von Max Weber: In einer sozialen Beziehung kann eine Partei ihren Willen auch gegen das Widerstreben der anderen durchsetzen. Facebook wäre zum Beispiel eine solche Machtmaschine, die Informationsmacht hat, nicht nur über den einzelnen Nutzer, sondern auch über Gesellschaften.

Tatsächlich steht Facebook gerade möglicherweise vor der Zerschlagung. Whatsapp und Instagram sollen abgespalten werden. Was hätte das für Folgen für eine solche Art von Monopol? 

Viktor Mayer-Schönberger: Keine. Das würde nach wenigen Monaten wieder von vorne losgehen. Das haben wir beispielsweise schon bei AT&T bei der Zerschlagung gesehen. Heute ist das Unternehmen wieder einer der führenden Oligopolisten im Telekommunikationsbereich. Wenn man nicht das strukturelle Problem der Machtanhäufung verhindert, dann schlägt man der Hydra nur einen Kopf ab. Der wächst ganz schnell wieder nach.

Was müsste man denn stattdessen machen?

Ramge: Wir müssen ganz anders mit dem Zugang zu Informationen umgehen. Wenn wir verhindern, dass nur die Betreiber von Machtmaschinen Nutzen aus den Informationen ziehen können, nur dann werden wir das Grundproblem der zunehmenden Konzentration und Monopolisierung von Informationsmacht lösen. Die Daten, über die Big Tech Player wie Facebook oder Google verfügen, müssen allen offenstehen, die zum Fortschritt beitragen können. Nur dann bekommen wir das, was man in einer Marktwirtschaft eigentlich möchte, nämlich gesunden und fairen Wettbewerb.

Thomas Ramge (l.) ist Sachbuchautor und Journalist sowie Research Fellow am Weizenbaum-Institut für vernetzte Gesellschaft. Viktor Mayer-Schönberger ist Jurist, lehrte an der Harvard Kennedy School und ist derzeit am Oxford Internet Institute tätig. Foto: Peter Van Heesen

Thomas Ramge (l.) ist Sachbuchautor und Journalist sowie Research Fellow am Weizenbaum-Institut für vernetzte Gesellschaft. Viktor Mayer-Schönberger ist Jurist, lehrte an der Harvard Kennedy School und ist derzeit am Oxford Internet Institute tätig.

Foto: Peter Van Heesen

Eigentlich sollte ja die Die Datenschutzgrundverordnung uns Nutzern wieder mehr Macht geben. 

Mayer-Schönberger: Das ist aber nicht der Fall. In Wirklichkeit spielt die DSGVO den Machtmaschinen in die Hände und verstärkt die Informationsasymmetrien. Denn die DSGVO legt die gesamte Verantwortung auf die Schultern der Nutzerinnen und Nutzer. Aber das hat mit umfassender informationeller Selbstbestimmung zu tun, wie sie das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil von 1984 eingefordert hat. In Wirklichkeit ist es eine binäre Entscheidung: Will ich einen Onlinedienst nutzen oder nicht? Wenn ja, muss ich auf OK klicken. Die Last liegt bei den Nutzern. Und zu glauben, dass die dann im Zweifel gegen Facebook oder andere große Konzerne vor Gericht ziehen, ist naiv. 99,9 Prozent akzeptieren einfach die Nutzungsbedingungen. Die DSGVO trägt dazu bei, dass die großen Machtmaschinen Daten lange aufbewahren und nutzen dürfen, während kleine Start-Ups oft an den Auflagen der DSGVO scheitern.

Ihr fordert – mit einem amüsanten Wortspiel – eine Datennutzgrundverordnung und damit eine radikale Öffnung der Informationskisten, die bei den Big Playern liegen. Heißt das, dass jeder sich dann personenbezogene Daten abgreifen kann? 

Ramge: Natürlich heißt es das nicht. In unserem Modell müssen personenbezogene Daten anonymisiert oder pseudonymisiert werden.  Für ganz viele Anwendungen braucht man aber auch gar keine personenbezogenen Merkmale, das ist ein Irrglaube. Auch mit Rohdaten können Unternehmen ihre Algorithmen trainieren und ihre eigenen Geschäftsmodelle vorantreiben.

Wie lassen sich denn Big Player aus den USA oder aus China dazu bringen, sich an eine solche Datennutzgrundverordnung zu halten? 

Mayer-Schönberger: Genau wie bei der DSGVO. Die Europäische Union müsste ein entsprechendes Gesetz verabschieden und die großen Player, die in Europa tätig werden wollen, zwingen, ihre Datenschätze zu öffnen.

Hat Europa denn da wirklich ein Druckmittel? Das chinesische Unternehmen Tik Tok zum Beispiel könnte doch locker auf 600 Millionen EU-Nutzer verzichten, wenn es allein in Asien mehrere Millarden potenzielle Nutzer gibt, oder? 

Mayer-Schönberger: Die jüngste Vergangenheit zeigt, dass das nicht so ist. Bei der DSGVO haben auch manche US-Unternehmen damit gedroht, den europäischen Markt zu verlassen. Aber passiert ist genau nichts. Alle großen Plattformen halten sich nun mehr oder weniger daran. So einen großen Markt wie Europa mit einer hohen Digitalisierungsdichte aufzugeben, in dem 600 Millionen potenzielle Nutzer mit relativ hohem Einkommen leben, wäre ein echter Verlust für so eine Plattform. Gerade auch für chinesische Unternehmen, die ihren lokalen Markt abgedeckt haben und jetzt nach Europa drängen, um expandieren zu können.

Alexa und Co.: Beherrschen wir noch die Maschine – oder ist es umgekehr?

Ramge: Das sehen wir ja gerade ganz stark etwa bei der chinesischen B2B-Handelsplattform Alibaba, die in Europa Fuß fassen will. Oder bei Huawei. Der europäische Markt ist enorm wichtig für diese chinesischen Machtmaschinen.

Mayer-Schönberger: Ich würde sogar sagen, dass chinesische Unternehmen weniger Probleme damit haben, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, wenn sie im Gegenzug die Informationen anderer Unternehmen bekommen. In der DNA chinesischer Unternehmen ist weniger als bei uns verankert, dass Daten das neue Öl sind, das man im Keller bunkert und wartet, dass der Preis steigt. Vielmehr nutzen sie die Vorteile aus dem Wissen und den Daten.

Hierzulande haben wir es gerade beim Thema Daten mit einem Phänomen zu tun, das manche German Angst nennen, also mit einer gewissen Zögerlichkeit oder vielleicht Übervorsicht. Kann man da bei Unternehmen und Nutzern eine offenere Kultur schaffen? 

Ramge: Das ist entscheidend, eine solche Kultur zu schaffen. Die Daten nur verfügbar zu machen, wenn sie dann keiner nutzt, bringt ja nichts. Wir sehen, dass Europa sich da in den letzten Jahren bessert. Viele Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass der Nutzen von Daten nur durch Nutzung entsteht. Unsere Idee basiert im Kern darauf, dass die wichtigste Quelle, nämlich die Informationen, mehr Akteuren, Wettbewerbern, Innovatoren jeglicher Couleur zur Verfügung stehen, damit sie Nutzen daraus im Sinne des Fortschritts ziehen können. Derzeit ist Europa noch ein digitaler Nachzügler. Mit ein bisschen Pathos ausgedrückt: Mit einem offenen europäischen Datenraum könnten wir wieder ein Vorreiter der Innovation oder gar der innovativste Kontinent der Welt werden.

Viele junge Ingenieure und Kreative zieht es zu den Machtmaschinen hin. Was müsste sich da ändern? 

Ramge: Die Frage ist ja: Warum zieht es sie dahin? Einerseits sind es die hohen Gehälter, die solche Unternehmen zahlen können. Vor allem sind es aber auch die Möglichkeiten, die sich Softwarespezialisten oder Datenwissenschaftlern dort bieten. Aber wenn die Monopolmacht der Big Tech Unternehmen ins Wanken gerät und auch Start-Ups plötzlich datenreich sind, dann könnte sich das Spiel grundsätzlich verändern.

Mayer-Schönberger: Ich sehe bei meinen Studentinnen und Studenten, dass sie etwas in der Welt verändern und bewegen möchten. Das können sie derzeit in großem Maß nur bei den Machtmaschinen. Und hier können wir ansetzen und durch eine Datennutzgrundverordnung eine größere Vielfalt schaffen.

Ramge: Viktor und ich kennen viele Leute, die bei diesen Machtmaschinen arbeiten. Die Frustration ist bei denen häufig hoch, viele fühlen sich in einem goldenen Käfig dort. Ich habe schon den Satz von jemandem gehört, der gesagt hat: ‚Im Grunde arbeite ich jetzt bei einem Waffenunternehmen‘. Die Zeiten, in denen es das Coolste war, bei Google zu arbeiten, sind auch vorbei. Viele zieht es heute auch zu kleinen Unternehmen, die wirklich Innovatives im Bereich Analytics machen. Innovativ im Sinne von: Erkenntnisse aus Daten gewinnen, um die Welt voran zu bringen. Und nicht im Sinne von: Lasst uns die nächste Machtmaschine bauen.

<em>„Machtmaschinen – Warum Datenmonopole unsere Zukunft gefährden und wie wir sie brechen“, erschienen im Murmann-Verlag, 208 Seiten, Preis: 20 Euro.</em>

„Machtmaschinen – Warum Datenmonopole unsere Zukunft gefährden und wie wir sie brechen“, erschienen im Murmann-Verlag, 208 Seiten, Preis: 20 Euro.

Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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