Automobilbau 25.08.2006, 19:23 Uhr

Auf ausgepressten Zulieferern wächst Korruption gut  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 25. 8. 06, Si – Die Automobilbauer haben mit ihrer Einkaufspolitik selbst den Nährboden für die bekannt gewordenen Schmiergeldaffären bereitet, meint Prof. Wolfgang Meinig. Korruption lässt sich nach Ansicht des Leiters der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft nur dann wirksam bekämpfen, wenn sowohl bei den Endproduzenten als auch bei den Zulieferern eine Unternehmenskultur gelebt wird, die ein „Nein“ bei unzumutbaren Forderungen zulässt.

Meinig: Ja, dies ist eine gängige Praxis. Wir wissen dies nicht erst seit gestern. Bereits Anfang/Mitte der 90er Jahre haben uns Einkäufer großer Automobilhersteller aus erster Hand berichtet, was alles hinterrücks getan wird, damit ein Auftrag überhaupt in Aussicht gestellt wird.

VDI nachrichten: Die Kfz-Hersteller sollen vor einer Vertragsvergabe die Zahlung von „Quick Savings“ in ein- bis zweistelligen Millionen-Euro-Summen verlangen. Wofür sind diese Zahlungen?

Meinig: Quick Savings sind zusätzlich vom Automobilhersteller eingeforderte Festbeträge, die sich zunächst an der vermuteten finanziellen Leistungskraft des Zulieferers orientieren und zu zahlen sind, um überhaupt in den Kreis der potenziellen Entwicklungs- und Lieferpartner aufgenommen zu werden. Diese Zahlungen werden vor dem eigentlichen Vertragsschluss seitens der Hersteller regelrecht diktiert aus Sicht der Zulieferer fallen sie in die Phase der Auftragsakquisition. Wie unterschiedlich die einzelnen Automobilhersteller diese Praktiken handhaben, zeigt unsere Untersuchung „Supplier Satisfaction Index SSI“. Aus ihr geht hervor, dass das Verhalten der Volumen-Fabrikate Opel, Ford und VW deutlich stärker Anlass zur Kritik gibt als das der Premium-Hersteller wie BMW oder Porsche.

VDI nachrichten: Während der Laufzeit sollen weitere „Savings on Current Account“ hinzukommen, damit sich Zulieferer für weitere Aufträge qualifizieren. Wofür ist dieses Geld?

Meinig: „Savings on Current Account“ sind vom Automobilhersteller eingeforderte Preisnachlässe auf das bereits laufende Geschäft als Bedingung für einen Folgeauftrag. Der Hersteller verlangt dann einfach „noch mal so eben“ auf einen längst ausgehandelten Abgabepreis eine weitere Preissenkung in Höhe von 3 % bis 5 %.

VDI nachrichten: Nennt man so etwas nicht Erpressung?

Meinig: Aus den zahlreichen Beschwerden, die ich jeden Tag aus den Reihen der Zulieferer höre, weiß ich, dass viele von ihnen – und ich meine zu Recht – diese Spontan-Zahlungen ohne konkretisierte Aussicht auf Gegenleistung als eine versteckte ¿Schmiergeldzahlung“ interpretieren.

VDI nachrichten: Wenn mein Unternehmen auf diese Art Millionen kassiert, warum darf ich das als Einkäufer nicht auch mal? – wird zumindest mancher Einkäufer sich fragen.

Meinig: Genau so ist es. Die Saving-Politik ist der Humus, auf dem Bestechung und Korruption gedeihen können. Wer tagtäglich sieht, welche Summen an sein Unternehmen fließen, der wird in Versuchung geführt, sich allzu leicht ebenfalls auf einfachem Wege zu bereichern.

VDI nachrichten: Bestechung soll in der Dritten Welt bei Diktatoren üblich sein. Werden Konzerne diktatorisch geführt?

Meinig: Man könnte geneigt sein, dies aufgrund der Macht der Automobilhersteller anzunehmen. Doch die Realität lässt sich nicht mit diesem vereinfachenden Bild beschreiben. Wir wissen zum Beispiel, dass es bei den Einkäufern zwei Lager gibt: die Falken und die Tauben. Die Falken sind in der Regel ausschließlich auf Kostensenkung aus und kokettieren regelmäßig damit, ihre Lieferanten fertigzumachen. Die Tauben hingegen zeichnen sich durch konstruktiveres Verhalten aus, sind technisch versierter und sprechen häufig eine ähnliche Sprache wie der Verkäufer des Lieferanten. Auch tun sich Unterschiede in der Unternehmenskultur auf, wie wir eindrucksvoll mit unserer Studie zur Zuliefererzufriedenheit nachweisen konnten. Bessere Manieren werden darin z. B. BMW und Porsche bescheinigt, dann folgen mit etwas Abstand DaimlerChrysler und mit deutlichem Abstand Audi. Am unteren Ende tummeln sich VW und die amerikanisch geführten Konzerne Opel und Ford. Hier wird die Unternehmenskultur am deutlichsten von den Lieferanten kritisiert.

VDI nachrichten: Lassen sich Bestechungsfälle überhaupt unterbinden?

Meinig: Schmiergeld und Korruption lassen sich nur dann bekämpfen, wenn auch die Zulieferunternehmen eine in sich schlüssige Unternehmenskultur leben. Wir wissen ja: Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken – also muss vor allem die Unternehmensleitung mit Aufrichtigkeit und gutem Beispiel vorangehen. Dazu gehört auch, dass ein Lieferant – selbst auf die Gefahr hin, einen Auftrag zu verlieren – einmal Nein sagen muss, wenn von ihm zu hohe Preisnachlässe oder Zusatzzahlungen eingefordert werden.

VDI nachrichten: Laut einer Studie von Roland Berger ist die Kapitalrendite bei Automobilzulieferern von 8,6 % in 2001 auf 11,3 % in 2005 gestiegen. Wie geht das angesichts des Verdrängungswettbewerbes?

Meinig: Auch die Zulieferer müssen sich in den ihnen vorgelagerten Wertschöpfungsstufen – also bei den Tier2- und Tier3-Lieferanten – um Kostensenkung bemühen, d. h. zu einem großen Teil muss der Kostendruck dorthin weitergegeben werden. Das gelingt natürlich nicht immer, da z. B. die Rohstoffpreise, insbesondere für Stahl und Energie immens gestiegen sind.

Generell vermuten Branchenkenner, dass das Wachstum der Zulieferer größer ist als das der Hersteller, weil sich vor allem deren Fertigungstiefe weiter verringert. Kostensenkungspotenziale zwischen 10 % und 40 % – so die Schätzungen – seien zu realisieren, wenn Konstruktion, Berechnung und Simulation sowie Muster- und Prototypenbau in Billigländer verlagert wird. Eine Engineering-Stunde kostet in Indien bis zu 70 % weniger als bei uns.

Doch dieser Outsourcing-Trend muss sich nicht zwingend fortsetzen, da z. B. aufgrund mangelnder Auslastung „Re-Sourcing“ betrieben wird und einstmals ausgelagerte Tätigkeiten wieder im eigenen Unternehmen ausgeführt werden. Auch dass die Modellzyklen immer kürzer werden, die Stückzahlen durch Nischenpolitik und Cross-Over-Produkte eher kleiner werden, kann sich negativ auf die Kapitalrendite der Lieferanten auswirken insofern halte ich die Zahlen für reichlich optimistisch.

VDI nachrichten: Die Zulieferindustrie gewinnt immer mehr Anteile am Produktionsprozess, steht gleichzeitig aber unter einem knallharten internationalen Wettbewerb. Bedroht der anhaltende Ertragsdruck auf die Unternehmen die Innovationskraft der deutschen Vorzeigebranche?

Meinig: Immer mehr stehen die Zulieferunternehmen unter Druck – und damit meine ich nicht nur den Kostendruck. Vor allem Zeitdruck kann das Qualitätsbewusstsein beeinflussen und auch negativ auf die Produktqualität wirken. Der Ingenieur hat aufgrund von Rapid Prototyping – also Versuche und Entwicklung am PC – weniger Realitätsbezug. Zwar verringert dies auch die Kosten, aber es besteht die Gefahr, dass wegen fehlender Tests, die natürlich Zeit kosten, der Endkunde der erste Testfahrer ist und auf Mängel stößt, die zu Rückrufen und damit letztlich zu Imageproblemen führen.

VDI nachrichten: Marktanteile durch Mergers & Acquisitions hinzukaufen, Werke schließen, erprobte Mitarbeiter feuern, Schuldige für Qualitätsprobleme suchen, Berater anheuern: Sieht so eine nachhaltige Qualitätsstrategie aus?

Meinig: Nein – von Qualität oder gar Strategie kann hier wirklich nicht gesprochen werden. Das Schlimme ist: Qualitätsmanagementsysteme sind in der Automobilwirtschaft ein zentraler Bestandteil der Unternehmensleitsätze geworden und alle Hersteller verpflichten ihre Zulieferer, QM-Systeme einzuführen und diese gemäß einer international anerkannten Norm zertifizieren zu lassen. Die Endproduzenten klopfen dann den Lieferanten auf die Finger, wenn diese sich nicht nach ISO bzw. VDA 6.1, QS 9000 und TS 16949 verhalten – da frage ich mich immer wieder: Welche Instanz klopft den Automobilherstellern einmal auf die Finger? Si

Wolfgang Meinig
ist Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft (FAW) in Bamberg. Zu den tragenden Forschungsschwerpunkten der von dem Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bamberg gegründeten Forschungsstelle gehören Untersuchungen der Zufriedenheit zwischen Kfz-Händlern, Automobilherstellern und -zulieferern in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie Anspruchsanalysen von Autofahrern. Si

www.faw-bamberg.de

Von Jürgen Siebenlist
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