Tunnelbau 15.10.2010, 19:49 Uhr

Sein Weg führt mit dem Kopf durch den Berg

Auf Granit beißen und doch keinen Zahn verlieren. So ließe sich, auf einen einfachen Nenner gebracht, die Herausforderung beschreiben, die sich dem Unternehmer Martin Herrenknecht jeden Tag von neuem stellt. Seine Tunnelbohrmaschinen fressen sich durch den härtesten Fels – überall auf der Welt. Aktuell wird eine Herrenknecht-Maschine heute (15.10.) den längsten Tunnel der Welt – den Gotthard-Basistunnel – durchschlagen.

Wenn es einen Namen als Synonym für ein Erzeugnis gibt, dann Herrenknecht für Tunnelbohrmaschinen, kurz TBM. Wo steckt da Hightech in einer Maschine, die mit ihren Zähnen Fels zermalmt und Löcher ins Gebirge schneidet? Eine Ahnung davon vermittelt die Genauigkeit, mit der eine TBM ihrer Sollachse folgt und auf der anderen Seite des Bergs nach vielen Kilometern wieder ans Tageslicht kommt: Im Gotthard wichen die TBM auf einer Länge von mehr als 7000 m nur um 4 mm horizontal und um 8 mm vertikal ab.

„Hightech im Tunnelbau ist vor allem nötig, um mit den riesigen Maschinen im Berg millimetergenau navigieren zu können. Im Schneidrad allein sind 3400 kW installiert, trotzdem muss beim Wirken der hohen Kräfte die Richtung exakt eingehalten werden. Die Getriebe müssen allen Belastungen standhalten und Schwingungen unterbunden werden“, erläutert Martin Herrenknecht, dem die Technische Universität Braunschweig 1998 die Würde eines Dr.-Ing. E.h. verliehen hat.

An vielen Stellen verknüpfe sich heute Mechanik mit Elektronik zur Mechatronik, so bei der Navigation im Berg, aber auch beim Geo-Monitoring zur ständigen Überwachung des anstehenden Gebirges. „Der maschinelle Tunnelvortrieb gehört heute technisch, ökonomisch und ökologisch zu den innovativsten Spezialgebieten im internationalen Baugeschäft“, bekräftigt Herrenknecht.

Von den ersten vier Jahren, in denen er ab 1971 am Seelisberg in der Schweiz Erfahrungen im Tunnelbau sammeln konnte und sich über Verbesserungen der maschinellen Vortriebstechnik Gedanken zu machen begann, erzählt er geradezu schwärmerisch: „Das gelingt nur in der Schweiz. Die Menschen dort haben die Geduld, aber auch die Bereitschaft, Probleme zu erkennen und gemeinsam zu lösen.“ So stand am Anfang seines Aufstiegs zum Weltmarktführer nicht Intuition oder eine besondere Begabung, die Naturgesetze an den richtigen Stellen richtig anzuwenden, sondern schlicht ein fruchtbarer und offener Austausch mit den Männern vor Ort.

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Heute ist Herrenknecht weltweit tätig, nicht nur beim Bau von Tunneln für Verkehrswege, sondern auch für unterirdische Ver- und Entsorgungssysteme. Unter dem Dach des Konzerns, der inzwischen 65 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften umfasst, ist alles an Know-how versammelt, was mit Tunnelbau zu tun hat. Dazu zählt auch die Technik, um schräge Schächte etwa für Rolltreppen zu bohren, senkrechte Schächte oder Bohrungen bis in Tiefen von 6000 m oder kürzere für die oberflächennahe Geothermie.

Dass sich der Firmenchef mit weiteren Ideen trägt, lässt sich denken: Unterirdische Parkhäuser beschäftigen ihn ebenso wie die Erschließung unterirdischer Öl- und Gasquellen. Dafür könnte der nächste Schritt der Bau einer TBM mit 19 m Durchmesser sein. „Ich liebe die Herausforderung“, sagt Martin Herrenknecht. „Sie lässt einen kreativ sein und nicht in Routine verfallen. Natürlich haben wir auch Niederlagen erlebt. Aber auch sie motivieren – wie die Höhepunkte – zu neuen Anstrengungen.“

Dem Stand der Technik ist Herrenknecht immer eine Handbreit voraus. Um diesen Vorsprung zu behalten, hilft ihm neben Patenten vor allem ein Patentrezept: „Am wichtigsten ist der enge Kontakt zu den Kunden und deren Rückmeldung über ihre Erfahrungen.“

Die kleineren Maschinen, deren Durchmesser bei 0,1 m beginnt, sind in hohem Maß standardisiert, die großen mit mehr als 4,2 m Durchmesser dagegen fast immer „Unikate“: Sie werden an den Baugrund angepasst, an die Baustellenlogistik oder – vor allem in bebauten Gebieten – an die Topografie. Als „Mutter“ jeder TBM gilt die Geologie. Weiche Böden oder hartes, standfestes Gebirge stellen eben unterschiedliche Anforderungen an die Maschinen.

Eisenbahn-, Metro- und Straßentunnel finden allgemein Beachtung. Doch die Bedeutung sogenannter Utility-Tunnel wächst ständig: Überall auf der Welt haben Infrastrukturprojekte zur Wasserversorgung hohen Stellenwert, ebenso steigt der Bedarf an leistungsfähiger Kanalisation für die Abwässer. Auch zur Verteilung von Öl und Gas werden Tunnel gebohrt, wo die offene Verlegung nicht möglich ist.

Zu seinen besonderen Erfolgserlebnissen zählt Martin Herrenknecht die Tätigkeit beim Bau des Seelisbergtunnels vor vierzig Jahren. Noch heute trifft er sich jedes Jahr mit seinen damaligen Weggefährten in der Schweiz. Aus neuerer Zeit zählt er die erfolgreiche Vollendung der ersten Röhre des Eisenbahntunnels durch die Hallandsas-Höhen an der Westküste Schwedens zu den Höhepunkten. Die Strecke ist Teil der Verbindung Malmö – Göteborg, die für Hochgeschwindigkeit ausgebaut wird. „Dass unsere TBM den schwierigen Bau unter komplexen baugrundtechnischen und logistischen Herausforderungen meistern konnte, war zweifellos ein großer Erfolg.“ Der Versuch, den Tunnel bergmännisch aufzufahren, war früher an den geologischen Schwierigkeiten wie hohem Wasserdruck, starkem Zufluss und zerklüftetem Gebirge gescheitert.

In diesen Tagen krönt ein Höhepunkt der besonderen Art das Werk des Tunnel-Weltmeisters: Der Durchschlag des Gotthard-Basistunnels in der Schweiz: „Das ist sicher in meinem Leben ein Ereignis der Königsklasse, der Champions League“. Nicht weniger als vier Gripper-TBM – Gabi I und Gabi II, Sissi und Heidi – waren dort im Einsatz, um die beiden 57 km langen Tunnelröhren mit nahezu 10 m Durchmesser zu bohren. In sieben Jahren haben sie mehr als 10 Mio. m3 Gestein in den unterschiedlichen Formationen des Gotthard-Massivs in Stücken von Untertassengröße abgetragen und nach hinten befördert. „Das entspricht etwa dem vierfachen Volumen der Cheopspyramide“. Nur wenige Kilometer mussten hier wegen der Geologie im Sprengvortrieb aufgefahren werden, rund 85 km leisteten die vier TBM. Nach der Eröffnung – voraussichtlich 2017 – wird der Gotthard-Basistunnel der längste der Welt sein.

Weltrekorde lassen sich aber auch anderswo im Tunnelbau erzielen. Zum Beispiel in Italien: Für den Autobahnbau zwischen Bologna und Florenz wird 2011 ein Herrenknecht-Erddruckschild mit 15,55 m Durchmesser an den Start gehen. Dieser Gigant aus Schwanau ist dann die größte Tunnelbohrmaschine, die bisher weltweit hergestellt wurde.

In anderen Weltregionen kommen noch Probleme besonderer Art hinzu, etwa in China. Dort fahren inzwischen 48 Herrenknecht-TBM die U-Bahnröhren in Guangzhou auf. Um Fuß zu fassen und den „local content“ zu erfüllen, gründete Herrenknecht selbst zwei Werke in China und beschäftigt dort über 400 Mitarbeiter. Seine Überzeugung: „Wir brauchen die Chinesen dringender als die Chinesen uns.“ Deshalb blickt er pragmatisch über die Schattenseiten in China hinweg auf den Wandel, der im „Reich der Mitte“ allenthalben deutlich wird. Der Hightech-Anteil kommt immer noch aus Deutschland.

Zuhause ist Martin Herrenknecht längst in der Welt, eigentlich aber doch immer noch in seiner badischen Heimat, in Allmannsweier, einem Ortsteil von Schwanau, gleich neben dem Werk. Hin und wieder spielt er Tennis, geht auch gelegentlich schwimmen. Doch sonst lebt und arbeitet er für die Firma, für die Hochtechnologie im Tunnelbau. Manche sagen, wenn er ein Ziel verfolgt, gehe er mit dem Kopf durch die Wand. Richtig ist sicher: Mit dem Kopf durch den Berg.

Ein Beitrag von:

  • Ralf Roman Rossberg

    Freier Journalist und Buchautor, der im wesentlichen zu Eisenbahnthemen schrieb. Studium der Elektrotechnik in München und Berlin, später viele Jahre im Pressedienst der Deutschen Bundesbahn.

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