Fußball-WM 04.06.2010, 19:47 Uhr

Luyanda Mpahlwa: „Südafrika hat bereits gewonnen“

Luyanda Mpahlwa fiebert der Weltmeisterschaft im eigenen Land entgegen. Wenn sich die zehn Stadien nächste Woche mit Fußballfans aus aller Welt füllen, endet für den Architekten eine arbeitsintensive Zeit. Der Absolvent der TU Berlin gehört zu einem Expertenstab, der die Neu- und Umbauten der WM-Arenen überwacht hat. Nun hofft er auf ein Fußballfest, das die Apartheid ein weiteres Stück verblassen lässt.

Sie haben ihn nicht geschafft. Munter wirkt dieser große Mann. Aufrecht. Und wenn er von seinen Projekten erzählt, funkeln seine Augen, dass der ganze Raum zu leuchten scheint.

Luyanda Mpahlwa ist Architekt mit Leib und Seele. Vor zehn Jahren hat er in Kapstadt mit Kollegen das Büro mma architects gegründet. Sie waren maßgeblich an Planung und Bau der Botschaft Südafrikas in Berlin beteiligt. Und sie haben Sandsackhäuser entworfen, die Leuten in den Townships für kleines Geld vernünftigen Wohnkomfort bieten. Mpahlwa erhielt dafür 2008 in London den CurryStone Designprize. Da war er längst „Oversight Project Manager“ in einem Stab von Architekten und Ingenieuren, der die Neu- und Umbauten der zehn WM-Stadien überwacht hat.

Jetzt sitzt er in einem Berliner Hotel und trägt das Trikot der Bafana Bafana. Jener Elf also, die seine Nation bei der WM im eigenen Land vertritt. „Seine“ Nation. Dass er das einmal sagen würde, hätte sich Mpahlwa in den ersten 30 Jahren seines Lebens nicht träumen lassen. Aufgewachsen unter ärmlichsten Verhältnissen war er als Schwarzer offiziell Mensch zweiter Klasse. Er fand sich nicht damit ab. Mit 22 holten sie ihn. Sie verhörten ihn, fragten nach Leuten, die er aus Politgruppen kannte oder auch nicht. Für die Schergen des Apartheidregimes war er nur ein Mosaikstein in der Vorbereitung eines Hochverratsprozesses. Für ihn war es sein Leben. Mpahlwa schwieg eisern. Fünf Jahre lang. Seine Altersgenossen studierten, reisten, verliebten sich und setzten ihre Pläne um. Er saß auf der Gefängnisinsel Robben Island fest und sehnte das Ende dieses Albtraums herbei.

Das liegt ein Vierteljahrhundert zurück. Doch es hat Spuren hinterlassen im Denken des 51-Jährigen. Und in seinem Land. „Wir sind noch immer von unseren Nachbarn isoliert“, erklärt er in fließendem Deutsch.

Beim Bau der Botschaft hat er bewusst mit Materialien aus diesen Nachbarländern gearbeitet. Südafrika verschmilzt dort mit Hölzern aus Mosambik, Granit aus Simbabwe und Kunst der gesamten Region. Das ist die Botschaft – auch in seinem Architekturbüro. „Wir sind bunt. Mehr Frauen als Männer, Südafrikaner, Architekten aus der Region, aus Europa, der Welt“, sagt er. Kein Raum mehr für die rassistische Einöde.

Nun hofft der Architekt auf die WM. Fußball war der Sport der Schwarzen. Die Weißen rümpften die Nase und gingen zum Rugby. „Jetzt ist das anders. Die Begeisterung, der Stolz, die weltweite Aufmerksamkeit haben aufs ganze Land übergegriffen.“

Die Leute merken, dass die WM ihr Land vorwärts bringt, die Skeptiker verstummen. Und die Stadionbauten strahlen aufs Umfeld aus. Wo sich Pendler täglich im zähen Stop and Go durch marode Infrastruktur quälten, können sie nun in Schnellbussen zügig ans Ziel zu kommen.

Und was Mpahlwa überrascht: Die Leute nehmen das Angebot an. Dieses Umdenken, die Idee von besser funktionierenden Städten, in denen eingefleischte Autofahrer per Park and Ride zum Stadion und später vielleicht zur Arbeit fahren, ist für ihn wichtig. „Hier wirkt die WM nachhaltig, weil sie rund um die Stadien neue langfristige Verbindungen schafft.“

Er selbst hat seine zweite Sozialisation in einer Stadt erfahren, die ohne öffentlichen Verkehr undenkbar ist: Berlin. Amnesty International organisierte nach der Haftentlassung die Flucht. In Deutschland bewarb er sich um einen Architektur-Studienplatz. Deutschkurse folgten, Studienkolleg, Seminare und Vorlesungen.

Am Anfang verstand er nicht alles. „Es war hart, den ganzen Betrieb aufzuhalten und zu sagen: Prof, ich hab das nicht kapiert. Und es wurde nicht leichter dadurch, dass ich oft der einzige Schwarze war.“ Doch er hat gefragt und die Inhalte in sich aufgesogen wie ein jahrelang ausgetrockneter Schwamm.

Diese Studienjahre mitten im Aufbruch nach dem Mauerfall sind für ihn entscheidend. „Ich erinnere mich, wie ich an der Baustelle des Potsdamer Platzes stand, den Tauchern beim Fundamentegießen in den riesigen Baugruben zugesehen habe und dabei den ganzen Kontext begriff“, sagt er.

Diskussionen, ob die riesige Baustelle die Bäume im Tiergarten trockenlegt, über die Ver- und Entsorgungskonzepte, die Effizienz der Haustechnik. Alles das steigt nun wieder in ihm auf: „Ich kann Architektur und Nachhaltigkeit nach meiner Ausbildung nicht mehr getrennt voneinander betrachten.“

Im Aufbruch Berlins bekam der junge Architekt jede Menge Praxis. Höhepunkt war die Planung der Nordischen Botschaften, die er als junger Projektarchitekt hautnah erlebte.

Es hätte so weiter gehen können. Doch inzwischen hieß Südafrikas Präsident Nelson Mandela. Noch so ein Aufbruch, bei dem der Architekt nicht länger fehlen wollte. Im Jahr 2000 ging er zurück, erfuhr vom Vorhaben des Botschaftsbaus in Berlin und setzte alles daran, sich ins Gespräch zu bringen. „Wir haben dafür mma gegründet.“ Drei von ihnen hatten in Deutschland studiert, kannten das Land, die Richtlinien und Bauverordnungen. Sie bekamen den Zuschlag.

In Deutschland knüpfte Luyanda Mpahlwa auch erste WM-Kontakte. Aus Interesse nahm er an einer Exkursion zu den deutschen WM-Stadien teil. Hier traf er Vertreter des Südafrikanischen Organisationskomitees. Die horchten bei seiner Vita auf und banden sein Büro kurz darauf in ihren technischen Beraterstab ein. Dieser hat in den letzten vier Jahren drei Aufgaben: sicherstellen, dass alle zehn Stadien rechtzeitig fertig werden. „Das haben wir hinbekommen“, freut er sich. Sie haben die Zeitpläne auf Benchmarks der deutschen Stadien entwickelt. Mpahlwa war mit seinen Leuten bei deren Planern, hat Akten gewälzt und dann die Baudauer kalkuliert. „In Kapstadt und Durban haben wir uns am ähnlich großen Stadion in München orientiert“, sagt er. Während der Bauphase waren sie regelmäßig vor Ort und haben Alarm geschlagen, sobald es irgendwo klemmte.

Bei den Budgetplanungen haben die Experten sich ebenfalls an den deutschen Erfahrungen orientiert. Es ging um immerhin 1,4 Mrd. € für die Stadien und weitere 4 Mrd. € für die Infrastruktur. Der Staat hat das Geld aufgrund der Benchmarks von Mpahlwa und Kollegen locker gemacht. Sie haben dann beim Bau dafür Sorge getragen, dass keine Staatsgelder versickern.

Am kompliziertesten war für den Architekten Teil drei der Aufgabe. Es galt, den Bauherren die Fifa-Richtlinien nahezubringen. „Da sind Welten aufeinander geprallt“, stöhnt er. Endlose Gespräche mit den Verantwortlichen in Zürich, dann wieder Verhandlungen mit den Bauherren vor Ort. Ermüdende Überzeugungsarbeit – „allein die Frage der Medienarbeitsplätze“, erinnert er sich. Es habe gedauert, bis die Verantwortlichen jene 600 voll vernetzten Arbeitsplätze in den Stadien schluckten – und bis sie einsahen, dass sie tatsächlich 10 000 m2 direkt vor den Arenen für Übertragungswagen reservieren mussten. Mpahlwa kannte das Denken beider Seiten – und konnte die Wogen glätten.

Inzwischen sind die Stadien perfekt. Das Fest kann beginnen. Wer am Ende den Pokal stemmen wird, ist Mpahlwa nicht so wichtig. „Südafrika hat bereits gewonnen“, sagt er. Nach einer kurzen Pause huscht ein Lächeln über sein Gesicht. „Aber Weltmeister – das wäre natürlich schon die Krönung.“ PETER TRECHOW

Von Peter Trechow

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