Hannover Messe 2026 20.04.2026, 15:30 Uhr

Hermes Award 2026: Schaeffler gewinnt mit Lösung für großes Roboter-Problem

Humanoide Roboter sind zu teuer für die Serie, weil ihre Gelenke zu groß sind. Schaeffler hat sie geschrumpft und dafür den Hermes Award geholt.

Hermes Award 2026 Preisübergabe

Schaeffler erhält den Hermes Award 2026 auf der Hannover Messe. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär überreichte die Auszeichnung.

Foto: Deutsche Messe AG

Humanoide Roboter sollen Pakete sortieren, Autos montieren und in der Pflege helfen. Weltweit investieren Konzerne in die Entwicklung. Doch eine Komponente bremst die Branche aus: das Gelenk. Ein humanoider Roboter braucht Dutzende davon, und jedes muss stark, präzise, kompakt und langlebig zugleich sein.

Der fränkische Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler hat jetzt eine Antriebsplattform für Roboter-Gelenke entwickelt, die 20 % weniger Bauraum braucht als bisherige Lösungen und damit deutlich günstiger werden soll. Dafür hat Schaeffler am 19. April auf der Hannover Messe den Hermes Award erhalten, einen der wichtigsten Industrie-Innovationspreise der Welt.

Was steckt hinter dem Hermes Award?

Der Hermes Award wird seit 2004 jährlich zur Eröffnung der Hannover Messe vergeben. Die Jury unter dem Vorsitz von Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka bewertet nicht nur, wie neu eine Technik ist, sondern auch, ob sie wirtschaftlich tragfähig und gesellschaftlich nützlich ist. Die Auszeichnung überreichte in diesem Jahr Bundesforschungsministerin Dorothee Bär im Beisein von Bundeskanzler Friedrich Merz.

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Bär verknüpfte den Preis mit der Hightech Agenda Deutschland: Schaeffler bringe die Robotik im Land voran, die Plattform sei ein zentraler Baustein, damit die Technologie im Zusammenspiel mit der heimischen Industrie ihr Potenzial entfalten könne.

Schaeffler: Warum das Gelenk das Nadelöhr der Robotik ist

Ein Aktuator ist das Roboter-Äquivalent zu einem Muskel: Er bewegt das Gelenk. In der Praxis steckt dahinter ein ganzes System aus Elektromotor, Steuerelektronik, Sensorik und Getriebe. Je kompakter dieses Paket ausfällt, desto menschenähnlicher kann sich ein Roboter bewegen und desto wirtschaftlicher lässt er sich bauen. Lineare und rotatorische Aktoren machen nach Angaben von Schaeffler rund die Hälfte aller Bauteile eines humanoiden Roboters aus.

Schaefflers Plattform soll all diese Elemente in einer Einheit verbinden. Kunden können zwischen einem Planetengetriebe für hohe Drehzahlen und einem Wellgetriebe für besonders präzise Bewegungen wählen. Schaeffler verspricht 20 % weniger Bauraum bei gleichem Dauerdrehmoment. Ein höherer Kupferanteil im rahmenlosen Motor hält die Temperatur auch unter Volllast niedrig. Das Ergebnis wären günstigere Gesamtsysteme, die den Weg in die Serienproduktion ebnen könnten.

Jury-Vorsitzender Hanselka nannte die Plattform eine „Schlüsselkomponente der humanoiden Robotik“, die aufgrund ihrer hohen Kraftwirkung auf engem Raum einen nachhaltigen Einfluss auf industrielle Wertschöpfungsketten haben werde. Auf der Hannover Messe demonstriert Schaeffler sein Programm mit einem „gläsernen“ Humanoiden, der mit einem digitalen Hologramm synchronisiert ist und zeigt, welche Schaeffler-Komponenten im Inneren arbeiten.

Festo: Miniatur-Fabrik auf Kunststoffplatte

Der zweite Nominierte kommt aus einem anderen Feld. Festo aus Esslingen baut sogenannte Manifolds: mehrlagige Kunststoffplatten, in denen winzige Kanäle verlaufen. Durch sie fließen Flüssigkeiten, die auf engstem Raum gesteuert, gemischt, dosiert und analysiert werden.

In die Platten sind aktive Ventile und Sensoren eingebaut, die Temperatur, Druck, Durchfluss oder pH-Wert direkt erfassen. Klassische Kanalplatten verteilen Flüssigkeiten nur passiv. Festos System kann laut dem Unternehmen hingegen eigenständig eingreifen und steuern.

Die Einsatzgebiete liegen in der Biotechnologie, der Medizintechnik und der Halbleiterfertigung. Ein Beispiel: Das lettische Unternehmen Cellbox Labs nutzt Festos Manifolds, um Wirkstoffe automatisiert an menschenähnlichen Zellen zu testen. Das soll schneller und günstiger sein als mit herkömmlichen Methoden. Die Flüssigkeitsführung sei kontaminationsfrei, so Cellbox-CTO Roberts Rimša, und das sei entscheidend für verlässliche Testergebnisse.

Ziehl-Abegg: Ein Aufzugsmotor ohne kritische Rohstoffe

Metalle wie Neodym und Dysprosium stecken in vielen Hochleistungsmotoren. Das gilt auch für solche, die Aufzüge antreiben. Die Lieferketten laufen fast vollständig über China, der Abbau ist umweltschädlich. Wer darauf verzichten kann, senkt nicht nur Kosten, sondern auch geopolitisches Risiko.

Das hat Ziehl-Abegg aus Künzelsau nach eigenen Angaben geschafft. Das Unternehmen hat einen Aufzugsmotor entwickelt, der statt Neodym-Magneten auf Ferritmagnete setzt. Der Vorteil: Das Material ist besser verfügbar und günstiger. Bislang galten Ferritmagnete als zu schwach für Hochleistungsanwendungen. Ziehl-Abegg hat den Motor so umkonstruiert, dass er trotzdem die gleiche Leistung bringt: identische Größe, gleiche Laufruhe, vergleichbare Effizienz.

Eine Patentanmeldung ist bereits eingereicht. Die neue Aufzugsmaschine der Baugröße 200 wird auf der Hannover Messe erstmals gezeigt. Die Serienproduktion soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 am Standort Deutschland starten.

Startup Award: BTRY baut Batterien, dünner als ein Haar

Den Hermes Startup Award gewann das Schweizer Unternehmen BTRY. Seine Festkörperbatterien sind ultradünn, biegsam und kommen ohne die flüssige Elektrolytlösung klassischer Lithium-Ionen-Akkus aus. Das macht sie sicherer, hitzebeständiger und deutlich schneller ladefähig.

BTRY nutzt dafür Fertigungstechniken aus der Halbleiterindustrie. Die Zielmärkte: Smartwatches, Hörgeräte, medizinische Implantate. Also überall dort, wo Energiespeicher klein, sicher und langlebig sein müssen. Bundesforschungsministerin Bär nannte die Entwicklung einen Beleg dafür, dass Wettbewerbsfähigkeit durch innovative Ideen entstehe.

Was die Innovationen verbindet

Humanoide Roboter, mikrofluidische Medikamentenforschung, rohstoffunabhängige Motoren, Festkörperbatterien: Auf den ersten Blick haben diese vier Technologien wenig miteinander zu tun. Was sie verbindet, ist, dass sie die Möglichkeit zur industriellen Skalierung eröffnen.

Entscheidend dafür ist, ob Komponenten zum richtigen Preis und ohne kritische Abhängigkeiten verfügbar sind. Der Hermes Award 2026 zeichnet also nicht die spektakulärste Idee aus, sondern diejenige, die einer Branche einen gangbaren Weg in die Realität ebnet.

Ein Beitrag von:

  • Ken Fouhy

    Chefredakteur von VDI nachrichten und ingenieur.de – mit langjähriger Erfahrung an der Schnittstelle von Ingenieurwesen, Technikjournalismus und Fachmedien.

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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