Globaler Wettbewerb 05.05.2026, 13:30 Uhr

Chinas KI-Robotik-Offensive: Was der neue Fünfjahresplan für Europas Industrie bedeutet

Mit dem 15. Fünfjahresplan stellt China bis 2030 Robotik und KI ins Zentrum seiner Industriepolitik. Ziel ist die konsequente Überführung von KI in physische Anwendungen. Das hat Folgen für die Robotik weltweit.

Humanoider KI-Roboter schaut auf Hologramm mit einer Weltkarte

China setzt verstärkt auf KI und Robotik. Humanoide Roboter dienen dabei als Beispiel für die Verköperung künstlicher Intelligenz. Mit Tänzen und bei Laufwettbewerben beeindrucken chinesische Hersteller damit regelmäßig ein internationales Publikum.

Foto: PantherMedia / BiancoBlue

Schon seit langem beobachtet die International Federation of Robotics (IFR) die verstärkten Aktivitäten Chinas im Bereich der Robotik. Der jüngste Fünfjahresplan für die Jahre 2026 bis 2030 ist deshalb ein wichtiges Rahmendokument für die Branchenvereinigung. Er zeigt, in welche Richtung staatliche Maßnahmen in KI und Robotik gelenkt werden und was das für Industriebetriebe bedeutet.

Takayuki Ito, Präsident der International Federation of Robotics, stellt dazu fest: „Mit diesem Rahmenplan verlagert China seinen Schwerpunkt von der traditionellen industriellen Automatisierung hin zu hochwertiger, intelligenter Robotik, die mit künstlicher Intelligenz kombiniert wird.“

China gibt KI durch Roboter einen Körper

Nach Einschätzung der IFR sieht Chinas neuer Fünfjahresplan den Hauptnutzen von KI in der praktischen Anwendung in Wirtschaft und Industrie. Anders ausgedrückt geht es um „embodied intelligence“. Die KI bekommt durch Robotik einen Körper, um auch physikalisch mit der Umgebung zu interagieren.

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Diese Kompetenz veranschaulicht das Land bereits seit einigen Jahren im Bereich humanoider Roboter, die tanzen oder laufen. Die jüngsten Beispiele: Humanoide Roboter beeindruckten mit Choreographien in der Formation bei den Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahrsfest 2026 und liefen Halbmarathon in Peking. Das sorgt zwar regelmäßig für weltweite Aufmerksamkeit, lässt aber bisher kaum Rückschlüsse auf Fähigkeiten von humanoiden Robotern in realen Produktionsszenarien zu. Denn auch in China beschränken sich die Einsätze dabei laut IFR derzeit noch auf Demonstrationsmodelle oder Pilotprojekte.

IFR relativiert Erwartungen in humanoide Roboter für die Industrie

Die Experten der IFR heben mit Blick auf KI-basierte Robotik in China hervor: „Entgegen den Erwartungen wird die humanoide Plattform selbst und die darin genutzte künstliche Intelligenz nicht unbedingt gleichzeitig und von denselben Marktteilnehmern entwickelt.“ Generell gebe es im Vergleich mit traditionellen Industrie-Robotern grundlegende Nachteile, die den Einsatz humanoider Roboter einschränken.

Die menschliche Gestalt ist nach Ansicht der Experten aufgrund der Vielzahl an Gelenken für einige Anwendungen weniger geeignet als das Design herkömmlicher Robotermodelle. Aufgrund einfacherer Steuerungskonzepte könnten klassische Roboter deshalb schneller und zuverlässiger arbeiten als humanoide Roboter. In Fertigungsumgebungen, in denen es auf hohe Geschwindigkeit und Präzision im Millimeterbereich ankommt, ist das laut IFR ein wichtiges Differenzierungsmerkmal.

Aus diesem Grund erwartet die internationale Branchenvereinigung in naher und mittelfristiger Zukunft keine breite Markteinführung von universellen humanoiden Helfern in Fabriken oder in Privathaushalten. Auch der 15. Fünfjahresplan sehe die Kommerzialisierung humanoider Roboter eher gegen Ende des Planzeitraums vor. Eine breite Einführung von KI in der traditionellen Industrie-Robotik werde demnach in den nächsten fünf bis zehn Jahren erwartet.

Roboter in der Industrie: China nutzt Potenzial des großen Binnenmarktes

Dennoch sieht die IFR ein enormes Potenzial für die Umsetzung des 15. Fünfjahresplans, schon allein durch den großen Binnenmarkt in China. Das betrifft verschiedene Branchen und wird in wachsenden Marktanteilen einheimischer Hersteller deutlich. So stieg laut IFR der Anteil chinesischer Anbieter an den Installationen von Industrierobotern von 30 % im Jahr 2020 auf 57 % im Jahr 2024.

Mit Blick auf die Branchen werden in China beispielsweise 64 % der Industrieroboter in der weltweiten Elektronikindustrie installiert. Chinesische Hersteller beliefern zudem 59 % der heimischen Anwender in dieser Branche. In der Metall- und Maschinenbauindustrie erreichten chinesische Roboterlieferanten sogar einen Inlandsmarktanteil von 85 %.

Druck auf die Industrie in Europa wächst im KI-Zeitalter

Für die Industrie in Europa, die bisher von Exporten nach China profitierte, ist das ein alarmierendes Signal. Branchenbeobachter Georg Stieler von der Stieler Technologieberatung verweist auf Nachfrage der VDI nachrichten auf einen zusätzlichen Effekt:

„Die EU hat gerade beschlossen, den Ausbau von Solarenergie wegen Abhängigkeiten von China zu verlangsamen. Zusammen mit den Sanktionen gegen Russland und der Situation am Persischen Golf wird das die Energieprobleme weiter verschärfen. Und Energie ist nun einmal ein wesentlicher Faktor für die Industrie und wird im KI-Zeitalter noch wichtiger.“

Bereits in den letzten zehn Jahren ist der Anteil Europas am globalen Absatz von Industrierobotern laut Stieler von etwa 25 % auf 16 % bis 17 % gesunken. „Innovationen müssen aus den Unternehmen kommen. Diese brauchen ein attraktives Umfeld“, verdeutlicht er zur aktuellen Wettbewerbssituation. Eine Folge daraus: „Wenn Sie sich anschauen, wofür die meisten deutschen Roboter-Startups das derzeit eingesammelte Kapital verwenden wollen, ist die Expansion nach Nordamerika ganz oben.“

China schafft eigene Ökosysteme für strategische Industriebranchen

Stieler verweist zudem auf einen Aspekt, der bisher als Merkmal der deutschen Innovationsstärke gilt: „In China sind in den letzten 15 bis 20 Jahren um die Lieferketten für Elektrofahrzeuge und Mobiltelefone industrielle Ökosysteme entstanden, die sich gegenseitig befruchten und die technologische Entwicklung des Landes weiter beschleunigen.“

Er mahnt deshalb: „Solange die Politik in Berlin und Brüssel nicht endlich ihre Hausaufgaben macht und die Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit ins Zentrum ihres Handelns stellt, wird eine Roboterstrategie nur wenig ausrichten können.“ Nach der Automobilindustrie dürfte daher auch der Wettbewerb mit China für die deutsche Vorzeigebranche der Robotik härter werden.

Ein Beitrag von:

  • Martin Ciupek

    Martin Ciupek ist Ingenieur und Technikjournalist mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Robotik und Automatisierungstechnik.

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