Was macht ein Zeppelin in der Gare d’Austerlitz?
Warum bekommt ein Pariser Bahnhof einen Zeppelin? Die Antwort führt ins Jahr 1870, als in der Gare d’Austerlitz Gasballons gebaut wurden.
So soll der neue „Zeppelin“ in der Gare d’Austerlitz aussehen. Der luftschiffartige Baukörper greift die Geschichte der Ballonproduktion von 1870 auf und schafft zugleich neue Nutzflächen in der Bahnhofshalle.
Foto: Altarea
Mitten in der Gare d’Austerlitz in Paris nimmt ein ungewöhnlicher Baukörper Gestalt an: Unter der historischen Bahnhofshalle entsteht eine Konstruktion, die an ein Luftschiff erinnert. Die ovale Stahlstruktur gehört zum laufenden Umbau des Bahnhofs und soll später neue Nutzflächen aufnehmen.
Dass ausgerechnet hier ein „Zeppelin“ auftaucht, ist kein Zufall. Vor mehr als 150 Jahren wurden in derselben Halle tatsächlich Gasballons gebaut. Während der Belagerung von Paris im Jahr 1870 wurde der Bahnhof zeitweise zur Werkstatt für Fluggeräte.
Inhaltsverzeichnis
- Eine Bahnhofshalle mit 52 m Spannweite
- 1870 wird aus dem Bahnhof eine Ballonwerkstatt
- Warum sich ausgerechnet der Bahnhof eignete
- Eugène Godard baute hier Dutzende Ballons
- Die historische Eisenhalle steht noch immer
- Der „Zeppelin“ greift die Geschichte der Halle auf
- Der Bahnhof wird noch bis 2027 umgebaut
Eine Bahnhofshalle mit 52 m Spannweite
Die Geschichte beginnt einige Jahre vor dem Krieg. An der Stelle der heutigen Gare d’Austerlitz stand bereits seit 1840 ein Bahnhof. Für den schnell wachsenden Eisenbahnverkehr reichte er bald nicht mehr aus. Zwischen 1862 und 1869 entstand deshalb ein wesentlich größerer Neubau.
Die große Halle entwarfen der Architekt Paul Louis Renaud und der Ingenieur Charles Sévène. Ihre Metallkonstruktion wurde von den Schneider-Werken in Le Creusot ausgeführt. Das Dach folgt dem Polonceau-System, das im 19. Jahrhundert große Spannweiten mit vergleichsweise schlanken Eisenkonstruktionen ermöglichte. Seit 1997 stehen wesentliche Teile des Bahnhofs unter Denkmalschutz.
Die Dimensionen sind auch heute noch beachtlich: Die Halle ist rund 280 m lang, 52 m breit und bis zu 35 m hoch. Als Paris 1870 eingeschlossen wurde, war dieser monumentale Ingenieurbau also praktisch neu. Und plötzlich erwies sich die große stützenfreie Halle für einen Zweck als nützlich, den beim Bau wohl niemand vorgesehen hatte.
1870 wird aus dem Bahnhof eine Ballonwerkstatt
Im September 1870 schlossen preußische und verbündete Truppen Paris ein. Straßen, Eisenbahnstrecken und Telegrafenverbindungen aus der Hauptstadt waren weitgehend unterbrochen. Wie sollten Nachrichten die Stadt verlassen?
Eine Antwort darauf waren bemannte Gasballons, die sogenannten ballons montés. Sie konnten die Belagerungslinien überfliegen und Post, Passagiere sowie Brieftauben aus Paris transportieren.
Ein großes Problem hatten diese Fluggeräte allerdings: Sie ließen sich nicht wie heutige Luftfahrzeuge steuern. Die Ballonfahrer konnten durch Ballastabwurf oder Ablassen von Gas vor allem ihre Flughöhe beeinflussen. Wohin die Reise ging, bestimmte weitgehend der Wind.
Nach Angaben der Stadt Paris verließen während der Belagerung 67 Ballons die Hauptstadt. Andere historische Zählungen kommen auf etwas niedrigere Werte. Die Größenordnung zeigt dennoch, dass aus einzelnen Versuchsflügen innerhalb kurzer Zeit ein regelmäßig genutzter Transportweg wurde.
Warum sich ausgerechnet der Bahnhof eignete
Die damalige Gare d’Orléans – so hieß die Gare d’Austerlitz seinerzeit – bot etwas, das in der dicht bebauten Stadt selten war: einen riesigen überdachten Raum.
Die Ballonhüllen konnten in der Halle ausgebreitet und aufgehängt werden. Die Höhe reichte aus, um die Gasballons aufzurichten, zu füllen und vor dem Start zu prüfen. Die Eisenkonstruktion schützte Arbeiten und Material zugleich vor Wind und Niederschlag.
Aus der Eisenbahnhalle wurde eine Produktionsstätte für Luftfahrzeuge. Genau diese Nutzung bildet heute den historischen Bezug für den neuen „Zeppelin“.
Eugène Godard baute hier Dutzende Ballons
Eine der Werkstätten leitete der französische Ballonfahrer und Konstrukteur Eugène Godard. Dass dort nicht nur einige wenige Ballons entstanden, zeigt ein erhaltenes Dokument des Musée Carnavalet.
Es verzeichnet 34 von Godard gebaute und gestartete Ballonposten während der Belagerung. Das Dokument selbst nennt insgesamt 64 Ballons – ein Beispiel dafür, warum historische Quellen bei der Gesamtzahl voneinander abweichen.

Einer der Ballons aus Godards Produktion war die „Washington“. Sie startete am 12. Oktober 1870 von der Gare d’Orléans. An Bord befanden sich rund 300 kg Post und 25 Brieftauben.
Die Tauben lösten ein Problem, für das die Ballons ungeeignet waren: den Rückweg. Ein Ballon konnte Nachrichten aus Paris hinausbringen, aber nicht gezielt wieder in die Stadt fliegen. Brieftauben konnten dagegen Nachrichten zurück über die Belagerungslinien tragen.
So entstand aus einfachen technischen Mitteln ein Kommunikationssystem, das Ballone und Tauben miteinander kombinierte.
Die historische Eisenhalle steht noch immer
Die riesige Dachkonstruktion, unter der 1870 die Ballons entstanden, prägt die Gare d’Austerlitz bis heute. In den vergangenen Jahren wurde sie aufwendig restauriert.
Dafür mussten rund 17.000 m² Dachfläche erneuert werden. Zeitweise stand in der Halle ein rund 3.000 t schweres Gerüst, das etwa 12.000 m² bedeckte. Die Konstruktion aus Puddeleisen wurde untersucht, repariert und verstärkt. Bis zu 150 Beschäftigte aus rund 40 Gewerken waren an den Arbeiten beteiligt.
Die Restaurierung des Glasdachs wurde 2024 abgeschlossen. Der gesamte Bahnhof und sein Umfeld werden jedoch weiter umgebaut. AREP beziffert die komplette Modernisierung auf rund 400 Mio. €, davon etwa 100 Mio. € für die historische Halle.
Welche Herausforderungen große Stahl-Glas-Konstruktionen in modernen Bahnhöfen mit sich bringen, zeigt auch der neue Stuttgarter Hauptbahnhof. Dort müssen sich die markanten Gitterschalen kontrolliert bewegen und verdrehen können.

Der „Zeppelin“ greift die Geschichte der Halle auf
Die neue Konstruktion nimmt die Ballonvergangenheit der Gare d’Austerlitz bewusst auf. Auf einer Metallstruktur entsteht ein langgestreckter Baukörper mit transluzenter, teilweise aufblasbarer Hülle.
Die Form erinnert an ein Luftschiff, die Nutzung ist jedoch eine ganz andere: Vorgesehen sind neue Gewerbeflächen und eine große Terrasse innerhalb der historischen Bahnhofshalle.
Der Entwurf setzt damit weniger auf technische Nachahmung als auf einen historischen Verweis. Wo 1870 tatsächlich Gasballons gebaut wurden, wird die Erinnerung daran heute Teil der Architektur.
Dass Luftschiffe auch technisch wieder stärker in den Fokus rücken, zeigt ein anderer Zusammenhang: VDI nachrichten berichtet über aktuelle Transportluftschiff-Projekte von Flying Whales und LTA Research.
Der Bahnhof wird noch bis 2027 umgebaut
Der Luftschiffkörper ist nur ein Teil des Umbaus. Zugleich werden die Wege zwischen Fernbahn, RER und Metro neu geordnet. Seit Juli 2026 gibt es bereits eine neue direkte Verbindung zwischen den Metrolinien 5 und 10.
Weitere Arbeiten am Verkehrsknoten sollen bis Ende 2027 laufen. Dann sollen unter anderem neue Rolltreppen die große Bahnhofshalle direkt mit der Linie 5 verbinden. Der auffälligste Teil des Projekts bleibt dennoch das Luftschiff unter dem historischen Glasdach.
Denn seine Form erzählt eine Geschichte, die eng mit der Konstruktion der Halle zusammenhängt: Nur wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung wurde aus einem der großen Eisenbahnbauten des 19. Jahrhunderts eine Ballonwerkstatt. Mehr als 150 Jahre später erinnert ein neuer „Zeppelin“ genau daran.
Quellen
- SEMAPA: Un « zeppelin » s’invite dans la gare d’Austerlitz, 7. November 2025
- AREP: Paris Austerlitz train station – Modernisierung und Restaurierung
- Französisches Kulturministerium: Denkmaldatenbank Mérimée – Gare d’Austerlitz
- Musée Carnavalet / Paris Musées: Historique des 34 ballons-poste construits et lancés par Eugène Godard
- Stadt Paris: Die Ballons während der Belagerung von Paris 1870/71
- RATP: Umbau des Verkehrsknotens Gare d’Austerlitz, aktualisiert am 30. Juli 2026
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