Vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof 03.10.2013, 12:07 Uhr

Moderne Dachkonstruktion des Salzburger Hauptbahnhofes schützt mit Folie statt Glas

Der historische Salzburger Hauptbahnhof wird noch bis 2014 zu einem modernen und leistungsfähigen Durchgangsbahnhof ausgebaut. Dabei bleibt die historische Architektur der markanten Stahlbögen erhalten. Überdacht wird der neue Bahnhof mit einem hochtransparenten Foliendach, das neue Möglichkeiten in der Architektur leichter Dachkonstruktionen aus Stahl erlaubt.

Schön sieht er aus, der neue historische Salzburger Hauptbahnhof aus dem Jahr 1860: Der Österreichischen Bahn und dem Aachener Architekturbüro Kada Wittfeld ist das Kunststück gelungen, einen historischen Kopfbahnhof in einen modernen Durchgangsbahnhof zu verwandeln, ohne dass die historische filigrane Stahlkonstruktion auf der Strecke bleibt. Obwohl der Umbau noch bis 2014 dauert, sind jetzt die wesentlichen Bauten dem Verkehr gewidmet.

Inzwischen strahlt der historische, komplett modernisierte Bahnhof wieder in alter und neuer Schönheit. Und dank der Ideen und Entwürfe des Architektenbüro Kada Wittfeld aus Aachen ist das Werk auch ein Ziel für Ingenieure.

Planer Klaus Kada, dessen Entwurf den Architektenwettbewerb im Jahre 1999 gewann, hatte die Aufgabe zu lösen, den Kopfbahnhof zu einem modernen Durchgangsbahnhof für den Schnellverkehr zwischen Paris über Wien nach Bratislava umzubauen. Und das Ganze erfolgte unter laufendem Betrieb mit täglich rund 25 000 Bahnkunden, die diesen Verkehrsknotenpunkt frequentieren. Und unter Erhalt der historischen Dachkonstruktion aus Stahl über dem Mittelbahnsteig.

Seit 1996 ist historische Innenstadt von Salzburg UNESCO-Weltkulturerbe

Es ist oft ein Spagat, in einem historisch als bedeutsam empfundenen Umfeld eine Modernisierung und Anpassung an gestiegene Anforderung der Verkehrsinfrastruktur zu realisieren. So stehen große Teile des historischen Salzburgs seit 1996 auf der UNESCO-Liste als Weltkulturerbe. Der Hauptbahnhof liegt in der Pufferzone dieses historischen Stadtgebietes. So war klar, dass die Fassade des Bahnhofes bei dem Umbau erhalten bleiben muss und auch das stählerne Bogentragwerk über dem ehemaligen Mittelbahnsteig Bestand haben muss.

Leichte Folienkissen statt Glas überspannen die Gleise

Der erfolgreiche Entwurf ergänzt die drei historischen und im Jahre 2009 restaurierten Stahldächer um zwei rund 300 Meter lange Dachkonstruktionen. Klaus Kada setzte bei seiner Planung auf ein äußerst transparentes und äußerst leichtes Material. Er setzte auf pneumatisch unterstützte Folienkissen des amerikanischen Technologiekonzerns 3M. Die eingesetzte Folie ist eine Fluorpolymerfolie, deren Flächengewicht nur rund ein Zwanzigstel dessen von Glas ist. Das macht sie einsatzfreudig für sehr filigrane Konstruktionen und eröffnet völlig neue Freiheiten in der architektonischen Formensprache. Diese sehr speziellen Folien sind mit lediglich 250 bis 300 Mikrometer – ein Mikrometer entspricht dem tausendsten Teil eines Millimeters – extrem dünn. Zudem sind sie hochtransparent und lassen 90 bis 95 Prozent des sichtbaren Lichtspektrums durch.

Die Folien bieten somit eine ganze Reihe von Vorteilen, um einen Funktionsbau wie einen Bahnhof zu überdachen. Neben der sehr hohen Lichtdurchlässigkeit, die der von Glas nicht nachsteht, ist sie sehr reinigungsfreudig. Diese Fluorpolymerfolie hat eine niedrigenergetische Oberfläche. Damit reicht in den meisten Fällen ein vollkommen normaler Salzburger Regenschauer, um den angesammelten Schmutz herunter zu waschen. Das wird sich in der Zukunft sehr deutlich in den geringeren Unterhaltungskosten des Bahnhofes niederschlagen.

Folien lassen sich beliebig einfärben für architektonische Akzente

Die Dachmembran ist schwer entflammbar und erfüllt die Brandklasse B1 nach der DIN 4102. Zudem können die Folien in allen denkbaren RAL-Farbtönen koloriert werden, was architektonische Akzente ermöglicht, die bei Glaskonstruktionen so nicht umzusetzen sind. Die extrem zugfesten Folien benötigen weder Weichmacher noch Stabilisatoren und behalten über Jahrzehnte ihre vorteilhaften Eigenschaften.

Die technische Umsetzung der planerischen Vorgaben verantwortet die Ceno Membrane Technology GmbH aus Greven im Münsterland. Die Firma gehört seit über 30 Jahren zu den führenden Unternehmen im Bereich der Textilen Architektur. Vor drei Jahren hat sie beispielsweise dem Einkaufszentrum Rhein-Galerie in Ludwigshafen mit einer transparenten Membrandachkonstruktion einen unverwechselbaren architektonischen Charakter verliehen. Auch das Pleiteprojekt CargoLifter in Brandenburg hat die Grevener Firma mit ihren transparenten Folienkissen im Jahre 2008 in einen lichtdurchfluteten Freizeitpark mit tropischem Regenwald und Badebereich unter der Dachmarke Tropical Island verwandelt.

Edle weiße Überdachung als Aushängeschild

Die Fluorpolymerfolien werden mit Hilfe eines kontinuierlichen Wärmeimpuls-Schweißverfahrens konfektioniert und in individuell konstruierte Aluminiumrahmen eingespannt. Für die neuen Durchgangsgleise im Salzburger Hauptbahnhof hat das Architekturbüro Kada Wittfeld eine edle, weiße Überdachung gewählt, welche als Aushängeschild die Reisenden empfangen soll und den Wartenden ein Dach bieten soll.

Das restaurierte Bogentragwerk über den früheren Mittelbahnsteig wird elegant in die neue Folienüberdachung integriert, indem sich die filigrane Überdachung für das Tragwerk aufweitet. Das Herzstück des neuen Hauptbahnhofes bildet jetzt eine zentrale Fußgängerpassage, die die Lastenstraße mit dem Südtiroler Platz verbindet. Über diese sind künftig die Bahnsteige durch Stiegen und Rolltreppen sowie barrierefrei durch Lifte erreichbar. Die Teilinbetriebnahme des umgebauten Hauptbahnhofes erfolgte im Jahre 2012. Seitdem sind hoher Komfort, kurze Wege, barrierefreies Umsteigen und eine moderne Passage mit vielen Einkaufsmöglichkeiten Realität.

Der Salzburger Hauptbahnhof verband schon immer zwei Staaten miteinander

Schon bei seiner offiziellen Eröffnung am 12. August 1860 verband der Hauptbahnhof Salzburg zwei Staaten miteinander: das König- und Kaiserreich Österreich-Ungarn und Bayern. Salzburg wurde mit der Eröffnung der Bayerischen Maximiliansbahn von München über Rosenheim nach Salzburg und innerhalb Österreich-Ungarns mit der Kaiserin-Elisabeth-Bahn nach Wien an das internationale Eisenbahnnetz angebunden.

Der Hauptbahnhof wurde im Lauf der Jahrzehnte mehrfach erweitert und war über 100 Jahre ein kombinierter Durchgangs- und Kopfbahnhof, in dem mehrere Gleise endeten. Jetzt, im Zuge des Ausbaus des transeuropäischen Streckennetzes wandelt die ÖBB Infrastruktur Bau AG den Hauptbahnhof in einen leistungsfähigen Durchgangsbahnhof um. Unter Erhalt des historischen Empfangsgebäudes und unter Erhalt der stählernen Spannbögen über den alten betagten Gleisen. Eingerahmt von einer filigranen, leichten und transparenten Folie aus Fluorpolymeren. Im nächsten Jahr soll alles fertig sein und Salzburg gut aufgestellt sein im modernen Europa. Dank der spannenden Architektur von Klaus Kada hat der neue Salzburger Hauptbahnhof gute Chancen, dann vom VCÖ zum schönsten Bahnhof Österreichs gekürt zu werden.

Ein Beitrag von:

  • Detlef Stoller

    Detlef Stoller ist Diplom-Photoingenieur. Er ist Fachjournalist für Umweltfragen und schreibt für verschiedene Printmagazine, Online-Medien und TV-Formate.

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