Architektur 02.07.2010, 19:47 Uhr

Kompetenzzentrum für integrale Fassaden

Immer komplexere internationale Großbauprojekte mit starkem Qualitäts-, Termin- und Kostendruck lassen die Anforderungen an die Bauplanung und -ausführung stetig steigen. Besonders die Gebäudehülle schafft ein Aufgabenfeld, das längst nicht mehr ohne hochqualifizierte Spezialisten auskommt. Die Gründung eines Kompetenzzentrums für die Gebäudehülle trägt diesem Trend Rechnung.

Mit der Gründung des kürzlich eröffneten Entwicklungs- und Forschungszentrums Facade-Lab in Großbeeren bei Berlin will die Priedemann Fassadenberatung GmbH den technologischen Fortschritt in diesem Segment vorantreiben und die Verknüpfung von Entwurf, Planung, Ausführung und Bewirtschaftung optimieren. Unter dem Motto „Experience Sustainable Technology“ werden Entwicklung und Anwendung neuester Fassadenlösungen erlebbar gemacht.

Zentrales Thema des Facade-Lab ist „Intelligent Facade Engineering“ (IFE), ein virtuelles, integriertes Verfahren zur optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Fassadenkonstruktionen nach der Methode des „Building Information Modelling“ (BIM).

Verglichen mit der klassischen Bauplanung, bei der Planungsänderungen mühsam in alle Einzelzeichnungen sowie Massen- und Kostenermittlungen übertragen werden müssen, sorgt die parametrische Gebäudemodellierung für einen deutlich reduzierten Koordinierungs- und Arbeitsaufwand und verbessert den Informationsaustausch zwischen den Planungsbeteiligten.

Um das zentrale Thema IFE herum gruppiert das Facade-Lab seine vier Eckpfeiler zur Entwicklung und Markteinführung nachhaltiger Technologien rund um die Gebäudehülle: Der Bereich „Forschung“ liefert zukunftsweisende Impulse und entwickelt innovative Fassadentechnologien bis zur Marktreife. Unter dem Stichpunkt „Realisierung“ entstehen durch einen CNC-Fertigungsautomaten oder in externer Herstellung funktionale Prototypen sowie geschosshohe Mock-ups im Maßstab 1:1. Der „Showroom“ bietet mit einer Vielzahl an Musterfassaden Fachbesuchern einen Überblick über die neuesten Materialien und Technologien in der Fassadenkonstruktion. Das „Forum“ als Veranstaltungsort zum fachlichen Austausch von Forschungs- und Entwicklungsergebnissen schließlich ist die Grundlage für die Implementierung der entwickelten Verfahren und Technologien in die nationalen und internationalen Märkte und bereichert wiederum die Forschung.

Immer höhere Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Fassade als Schutz vor Hitze oder Kälte – insbesondere hervorgerufen durch die rasant ansteigende Bautätigkeit in Regionen mit extremen Klimaverhältnissen sowie die sich abzeichnende Verknappung natürlicher Ressourcen – verlangen nach einem intensiven Bemühen um technologisch fortschrittliche Lösungen im Bereich des energieeffizienten und nachhaltigen Bauens. Diesem Ziel widmet sich das Facade-Lab mit seiner breit angelegten, interdisziplinären Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Die enge Verknüpfung mit der Planungs- und Baupraxis generiert hierfür ständig neue Problemstellungen, deren erarbeitete Lösungen wiederum direkt in die Praxis eingebracht werden können. Aktuelle Forschungsthemen neben IFE sind beispielsweise bauteilintegrierte Photovoltaik-Dünnschichtmodule, automatisierte Fassadenreinigungsanlagen, vorgespannte Glasstützen, Verglasungen mit integrierten LED-Leitersträngen, Abluftfassaden zur Reduzierung der Kühl- und Heizleistung sowie Steuerungsmodule für komplexe Fassadenfunktionen.

Das Facade-Lab produziert auf der Basis der IFE-Daten funktionale Prototypen und Mock-ups noch während der Planungsphase. Architekten und Investoren können vor Ort ihr Fassadenkonzept „anfassbar“ und im Maßstab 1:1 erleben und die Planungsergebnisse so schon frühzeitig überprüfen. Anders als im Normalfall, der die Erstellung eines Mock-ups allenfalls nach der Auftragsvergabe an den Fassadenbauer vorsieht, lässt sich die Planung so noch optimieren. Die Ausschreibung kann präziser formuliert werden und birgt durch die eindeutige „Vorlage“ keinerlei Interpretationsspielraum mehr. So bringt das Mock-up eine erhöhte Planungs- und Qualitätssicherheit und kann außerdem zur frühzeitigen Vermarktung des Gebäudes herangezogen werden, indem es etwa auf dem zukünftigen Bauplatz potenziellen Käufern oder Investoren präsentiert wird. Die praktische Umsetzung zum Mock-up erfolgt teilweise unter Einsatz der CNC-Mehrachs-Produktionsmaschine im Facade-Lab, die direkt aus dem IFE-Modell heraus angesteuert wird und Planungsfortschritte so in Echtzeit abbilden kann. Als Prototypen hingegen werden spezifische Einheiten von Funktionskomplexen – etwa in den Bereichen Photovoltaik, Solarthermie, Solar Cooling, Vakuumglas oder „Phase Changing Material“ – gebaut, um Neuentwicklungen zu realisieren, Lösungen zu veranschaulichen, Nutzen und Leistungsfähigkeit zu überprüfen sowie die Kosten zu steuern.

Passend zum Motto „Experience Sustainable Technology“ bringt das Facade-Lab in einem inspirierenden, interdisziplinären Showroom Architekten, Entwickler, Investoren, Auftragnehmer, Hersteller und Verarbeiter zusammen und zeigt verschiedenste Fassadenmaterialien und -lösungen sowie ihre Verarbeitungsmöglichkeiten. Auch hier ist der haptische und optische Eindruck „realer“ als mit den üblichen kleinen Materialmustern. MM/rok

Ein Beitrag von:

  • Rolf-Otto Karis

    Stellvertretender Chefredakteur VDI nachrichten. Fachgebiete: Wirtschaft, Wirtschaftspolitik, Messen.

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