Abfall-Projekt in Brighton 25.06.2014, 10:05 Uhr

England hat sein erstes Haus aus Müll gebaut

Aus alt mach neu: England hat sein erstes Haus, das fast nur aus Abfall gebaut wurde – aus weggeworfenen oder kaputten Gegenständen. Die Wände werden mit alten Jeans, Jacken aus China und Zahnbürsten isoliert. 

Das Waste House in England ist laut dem Architekturbüro BBM in Brighton "das erste Müllhaus, das offiziell beantragt wurde, alle Vorschriften einhält und daher auch langfristig stehen kann”.

Das Waste House in England ist laut dem Architekturbüro BBM in Brighton "das erste Müllhaus, das offiziell beantragt wurde, alle Vorschriften einhält und daher auch langfristig stehen kann”.

Foto: BBM

Teppichflicken, zerbrochenes Glas und ausrangierte DVD-Hüllen können sich zweckentfremdet durchaus sehen lassen: Das beweist das Haus aus Abfällen, das in Brighton auf dem Gelände der dortigen Universität errichtet wurde. Das „Waste House“ verströmt einen gewissen künstlerischen Schick: Die Wände sind kunterbunt mit Hüllen von Vinyl-LPs und gebrauchtem Geschenkpapier tapeziert. Die Treppe hinauf ins obere Stockwerk ist aus zusammengepresstem, recyceltem Papier konstruiert. Holz für Wände und Geländer ist Ware zweiter Klasse, von Baumärkten wegen kleiner Mängel aussortiert. Wo Farbe benutzt wurde, handelt es sich um Reste, die ein Maler-Betrieb spendete. Bilanz: Das Material des Wohnhauses besteht zu rund 85 Prozent aus weggeworfenen oder kaputten Gegenständen. 

Haus soll dauerhaft stehen bleiben

Federführend bei dem Forschungsprojekt ist der  Architekt Duncan Baker-Brown, der für das Architekturbüro BBM arbeitet. Er hat das Müllhaus gemeinsam mit Studenten konzipiert. Bauen mit Abfällen liegt zwar im Trend, aber die meisten Objekte verschwinden nach einer gewissen Zeit wieder. Das ist laut dem Architekturbüro BBM in Brighton anders: „Es ist das erste Müllhaus, das offiziell beantragt wurde, alle Vorschriften einhält und daher auch langfristig stehen kann”, heißt es dort. 

Das Waste House von innen: Insgesamt wurden rund 20 000 Zahnbürsten eingebaut. Für die Wärmedämmung wurden zwei Tonnen Stoff verarbeitet, darunter  gebrauchte Jeans, alte Teppiche und Jacken made in China. Außerdem sollen noch über 4000 ausrangierte DVD-Hüllen und 2000 Videokassetten für mollige Wärme sorgen.

Das Waste House von innen: Insgesamt wurden rund 20 000 Zahnbürsten eingebaut. Für die Wärmedämmung wurden zwei Tonnen Stoff verarbeitet, darunter  gebrauchte Jeans, alte Teppiche und Jacken made in China. Außerdem sollen noch über 4000 ausrangierte DVD-Hüllen und 2000 Videokassetten für mollige Wärme sorgen.

Foto: BBM

Bemerkenswert ist das Projekt in der britischen Küstenstadt alle Male. Über ein Jahr wurde an dem einstöckigen Haus mit einer Wohnfläche von 85 Quadratmetern gebaut. Insgesamt haben 2500 Menschen in irgendeiner Form mitgemacht. Der Zulauf war riesig, weil auch die örtliche Presse viel darüber berichtete. Alle sind sich einig: Ohne das freiwillige Engagement wäre das Projekt so nicht umgesetzt worden. Architekt Baker-Brown schätzt die Kosten des Hauses ohne die Arbeit der Freiwilligen auf umgerechnet 240 000 EUR oder 2700 EUR pro Quadratmeter. 

20 000 gebrauchte Zahnbüsten isolieren das Waste House

Die Türen in der fertigen „Villa Kunterbunt“ stehen für Besucher offen. Hunderte Schulkinder staunten schon nicht schlecht über gebrauchte Zahnbürsten, die statt Styropor oder Dämmwolle nun als Isoliermaterial eine neue Aufgabe gefunden haben. Insgesamt wurden knapp 20 000 Zahnbürsten im ganzen Haus eingebaut – gespendet von Privatleuten und dem Flughafen Gatwick.

Verbaute Zahnbürsten dienen der Wärmedämmung.

Verbaute Zahnbürsten dienen der Wärmedämmung.

Foto: BBM

Für die Wärmedämmung wurden zwei Tonnen Stoff verarbeitet – unter anderem gebrauchte Jeans, alte Teppiche und Jacken made in China. Außerdem sollen noch über 4000 ausrangierte DVD-Hüllen und 2000 Videokassetten mit für mollige Wärme sorgen.

Photovoltaikanlage deckt größten Teil des Energiebedarfs ab

Für die Außenwände wurde ein Gemisch aus Kalkstein und Lehm angerührt. Optimal, um Wärme lange zu speichern, meinen die Architekten. Mit einer günstig erworbenen Photovoltaikanlage auf dem Dach wird der Energiebedarf zu 75 Prozent abgedeckt. Die Fenster bestehen aus aussortiertem Dreifachglas. Die Rahmen an den Seiten dichten alte Fahrradschläuche ab. Wie hoch der Energieverbrauch des Müllhauses insgesamt ist, weiß man noch nicht. Das herauszufinden ist die nächste Aufgabe der Studenten in dem laufenden Forschungsprojekt.

Von Lisa von Prondzinski

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