Architektur 17.12.2004, 18:36 Uhr

Blühende Landschaften in der Cargolifter-Halle

VDI nachrichten, Berlin, 17. 12. 04 -Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt winkt ab Sonntag in Brandenburg der künstliche Tropenurlaub. Ein malaysischer Investor brachte mit enormem Aufwand satte Wärme in die ehemalige Cargolifter-Halle, rund 60 km von Berlin entfernt. Damit sorgt er in der strukturschwachen Lausitz für Hoffnung.

Am Horizont geht seit ein paar Tagen in Brandenburg die Sonne auf. Täglich. Bei 25 °C im Schatten. Kein Sonnenbrand, keine Moskitostiche, kein Schweiß. Warmes Südseewasser lockt. Sonnenauf- und untergang flimmern samt künstlichem Horizont und Schiffen über die 16 m breite Leinwand. Darunter liegt Europas größtes Indoorschwimmbecken mit einer Fläche von 4000 m2. Die so genannte „Südsee“ ist nur ein kleiner Teil von „Tropical Islands“, dem tropischen Freizeitpark, der in der größten freitragenden Halle der Welt ab 19. Dezember auf Besucher wartet.
Die Fiktion vom Urlaub unter Palmen nähren eine Lagune mit Grotte zum Durchschwimmen, exotische Flora und kleine asiatische Kulissendörfer.
Trotz 11 000 Palmen, Mahagonibäumen, Büschen und zahlreicher Orchideen, trotz Wasserfall und asiatischer Kochkunst für maximal 8000 Besucher täglich wirkt das neue Freizeitparadies wie eine kleine Hotelanlage auf einer großen Insel. 107 m hoch spannt sich die imposante Stahl-Membran-Konstruktion luftig leicht über dem Palmen-Legoland, das etwa zur Hälfte den rund acht Fußballfelder großen Hallenboden bedeckt.
Der Malaysier Colin Au hatte die Idee zum Tropenurlaub in Brandenburg. Anfang des Jahres 2003 begeisterte er sich für die Halle, im Mai 2004 begann der Umbau. Mit maßgeblicher Unterstützung des malaysischen Tanjong-Konzerns investierte der 55-Jährige 70 Mio. €.
Das nach der Eigenwerbung „größte Lifestyle Ressort in Europa“ begeisterte auch rund 450 Experten, die Au engagierte. Monatelang schufteten Bauarbeiter und Ingenieure im Dreischicht-Betrieb, um die Ideen eines internationalen Landschaftsdesigners für Lagune und Grotte sowie eines brasilianischen Regenwaldexperten zu verwirklichen. Fachleute für Elektrotechnik, Wasseraufbereitung und Energieversorgung tüftelten darüber, wie die Altanlagen aus Cargolifter-Zeiten mit neuen kombiniert werden können, um das Tropenklima bis zum Starttermin ans Laufen zu bringen.
Membranbau-Spezialisten mussten die wohl größte Herausforderung stemmen: das Tageslicht. „Die Halle sprengt alle Dimensionen“, sagt Martin Fockenbrock von Ceno Tec. Der 28-jährige Ingenieur ist dafür zuständig, dass die lichtundurchlässige Membran der Cargolifter-Halle verschwindet. Sie sollte durch glasklare Teflonfolie, im Fachjargon ETFE genannt, zwischen den riesigen Stahlbögen ersetzt werden. „Ich hatte etliche schlaflose Nächte“, stöhnt der junge Projektleiter.
Doch ihm lief die Zeit davon. ETFE lässt sich bei Brandenburger Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht mehr verarbeiten. Seine Spezialkonstruktion aus 56 dreilagigen, luftgestützten Pneukissen funktioniert, das weiß der Ingenieur. Doch kurz vor der Eröffnung war bei Kissen 14 Schluss. „Je nachdem, wie warm es hier ist, geht es weiter“, kommentiert Fockenbrock am Fuß der riesigen Membran. Und so müssen Pflanzen und Besucher wohl noch einige Zeit mit ein bisschen Tageslicht und viel Kunststrahler auskommen.
Gegen die Uhr arbeiteten alle. „Für einen Testlauf haben wir keine Zeit“, stellt Thorsten Birkholz, verantwortlich für die gesamte Elektrik, wenige Tage vor der Eröffnung gelassen fest. Wenige Tage vor dem Starttermin liefen erst zwei der vier riesigen Kondensatlüftungsanlagen. Sie sollen je 50 000 m3 Luft stündlich in die Halle pumpen und per Weitwurfdüsen verteilen. Diese warme Luft soll sicherstellen, dass aus der Mischung aus warmem Badewasser und Regenwaldpflanzen kein Kondensat entsteht. Noch weiß keiner, wie sich diese Balance zwischen Wärme und Feuchtigkeit herstellen lässt. „Erst im laufenden Betrieb können wir das erfahren.“
Badegäste erwarten angenehme Temperaturen. Dazu muss Birkholz die 5,5 Mio. m3 Luft in der gigantischen Halle aufheizen. Die Fußbodenheizung erwärmt den weißen Sand, der aus Sachsen-Anhalt angekarrt wurde, auf 35 °C, die Raumtemperatur soll sich auf 25 °C einpendeln, während die Wassertemperaturen zwischen 29 °C und 32 °C liegen. Doch mit Wärme allein ist es nicht getan.
Südsee, Lagunenwasser und Whirlpools müssen mit sauberem Wasser versorgt werden. Darum kümmert sich Alexander Nierich unter dem Regenwald. „Entscheidend ist nicht die Technik, sondern die Dimension“, erklärt der 36-Jährige vor riesigen Tankspalieren. Im Bauch der Tropeninsel befindet sich die komplette Lüftung, Wasseraufbereitungs- und Abwasseranlage. Wassermassen für die Südsee und die Lagune werden hier zunächst beflockt, um kleinste Partikel auszufiltern, danach desinfiziert, neutralisiert und vieles mehr. Nierich mit Blick auf eine der zahlreichen Messstationen für die Wasserqualität: „Das Ganze ist eine Aufgabe der Superlative.“
Investor Colin Au verlässt sich auf die deutschen Experten. Nach nur sieben Monaten Bauzeit ist er sich eine Woche vor der Premiere des Erfolges sicher. Nicht nur dass die Bauarbeiten abgeschlossen sind und alles reibungslos laufen wird, auch die Investitionen werden sich lohnen, glaubt der ehemalige Chef einer asiatischen Kreuzfahrtlinie. Mit rund 30 Mio. € Betriebskosten jährlich rechnet der Manager.
„Wir werden ab dem ersten Tag schwarze Zahlen haben“, verkündet Au selbstbewusst. Wie dieses Wunder zu erreichen ist, lässt er offen. Wenig Sorgen macht er sich zudem über die noch fehlenden 13 Mio. € Landeszuschuss. Tropical Islands werde auch ohne diese Gelder auskommen.
Vom Projektstart bis heute wurden allerdings die erwarteten Besucherzahlen kontinuierlich nach unten korrigiert. Sprach Au selbst zu Beginn noch von 3 Mio. Gästen pro Jahr, heißt es mittlerweile von der Pressestelle, man rechne mit 1,5 Mio. Immerhin lebten 16 Mio. potenzielle Gäste maximal drei Autostunden entfernt, rechnet Au vor. In erster Linie sind es betuchte Berliner, die auf der Insel erwartet werden. Doch das Einzugsgebiet reicht bis nach Polen.
Zudem hofft der Investor auf die Sogkraft der Touristenregion Spreewald. Wassersportler, die z. B. Lübben ansteuern, könnten den Abend beim Cocktail am Südseestrand verbringen – vorausgesetzt, sie erreichen eine der wenigen Bahnstationen auf der Strecke zwischen Cottbus und Brand.
Die Chance per Bahn in den kleinen, abgelegenen Weiler zu reisen, ist mit der neuen Hallennutzung gestiegen. Der asiatische Investor überzeugte die Deutsche Bahn davon, ihren Regionalexpress von Berlin nach Cottbus in Brand stündlich stoppen zu lassen.
Schon lange ist das Bahnhofsgebäude von 1864 verriegelt. Kein Wartesaal, nicht einmal ein Fahrkartenautomat oder ein Kiosk findet sich hier. Hinter dem baufälligen roten Backsteingebäude wartet der Shuttlebus. Er verlässt die „Tropical-Islands-Allee“ zwischen den Dörfchen Brand und Krausnick und holpert rund zehn Minuten über das alte Militärgelände. Es geht über die Rollbahn, vorbei an noch immer bedrohlich wirkenden Sheltern, in denen bis zu Beginn der 90er Jahre die Russen ihre Kampfjets unterstellten. Auf dem riesigen Areal ruht die Halle in der märkischen Heide, weit weniger massiv als die Größe erwarten lässt.
Das luftige Gebäude, das seit seiner Fertigstellung gerne mit einem gerade gelandeten Ufo verglichen wird, war schon immer ein Anziehungspunkt. Die einst viel bestaunte Torkonstruktion ist heute jedoch verfugt, um die Wärme in der Halle zu halten.
Für die neuen Hallenurlauber öffnet sich eine normale Glastüre. An der Teakholz-Rezeption geben sie ihre Wintermäntel ab, gehen in die Umkleidekabine und beginnen ihren Inseltrip. Wer will, kann seinen Tag mit balinesischen Spezialitäten, karibischen Cocktails und südamerikanischen Rhythmen verbringen bis zum magischen Sonnenuntergang auf der Großleinwand am Südseestrand. 25 Megawatt Leistung braucht das Unternehmen für dieses Spektakel, das 24 Stunden und 365 Tage im Jahr geöffnet hat. B. BÖHRET/N. WOHLLAIB
www.my-tropical-islands.com

Von B. Böhret/N. Wohllaib

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