Ausstellung 21.05.2010, 19:46 Uhr

Baukunst – leicht, effizient und transparent

Die Stuttgarter Bauingenieure Jörg Schlaich und Rudolf Bergermann haben ihr baukünstlerisches Archiv der Akademie der Künste in Berlin überlassen. Als Dankesgeste zeigt die Akademie in ihrem Gebäude am Pariser Platz die Ausstellung „High Energy – Ingenieur-Bau-Kunst“.

Die Sendehalle Berus steht nun in der Reihe der „Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“. Foto: Ingenieurkammer des Saarlandes

Die Sendehalle Berus steht nun in der Reihe der „Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“.

Foto: Ingenieurkammer des Saarlandes

Gemeinhin gilt beim Bau Arbeitsteilung: Während der Ingenieur für die Konstruktion zuständig ist, kümmert sich der Architekt um die Funktionen und nicht zuletzt um die Ästhetik. Seit nahezu einem halben Jahrhundert widersetzt sich das Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner dieser Arbeitsteilung. Die aufsehenerregenden und innovativen Dachkonstruktionen, Glasfassaden und Brücken, die dieses Büro weltweit konstruiert hat, vereinen neue bautechnische Lösungen und Ästhetik. Das Büro hat eine unverkennbare Handschrift entwickelt, die sich durch Leichtigkeit, Transparenz und zugleich durch Effizienz auszeichnet.

Dass der Nachlass der beiden Ingenieure künftig in der Akademie der Künste untergebracht ist, erscheint da nur folgerichtig. Anhand von drei Themenschwerpunkten zieht die Ausstellung eine konzentrierte Bilanz des Lebenswerks der Ingenieure – mit einem Ausblick in die Zukunft. Während unter den Stichworten „Konstruktion und Kunst“ und „Konstruktion und Gesellschaft“ Bauwerke aus drei Jahrzehnten dargestellt sind, präsentiert der letzte Raum unter dem Motto „Konstruktion und Ökologie“ einen Vorschlag, wie die künftigen Energieprobleme der wachsenden Weltbevölkerung mithilfe erneuerbarer Ressourcen gelöst werden könnten.

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Bevor der Besucher hier angekommen ist, durchläuft er einen Schnellkurs in Konstruktionstechnik. Die Ausstellung ist nach Konstruktionsformen gegliedert. In langen Vitrinen mit Schiebetafeln ist reichhaltiges Material ausgebreitet – über Bauteile aus Stahlguss ebenso wie über Brücken, die an Kreisringträgern aufgehängt sind, über Dachkonstruktionen mit pneumatischen Kissen ebenso wie über Gitternetzfassaden.

Einst starre Bauwerke geraten bei Schlaich und Bergermann in Bewegung. So etwa Dächer. Die Ingenieure verpassten der historischen, kreisrunden Stierkampfarena in Saragossa ein wandelbares, federleichtes Membrandach. Dieses lässt sich bei Wind und Regen binnen weniger Minuten per Seilzug schließen, wobei es sich vom Mittelpunkt nach außen wie eine Blüte entfaltet.

Immer beweglicher werden aber auch Brücken. Wo früher Brücken starr aufgeklappt werden mussten, wenn Schiffe passieren wollten, steigern Schlaich und Bergermann bei ihrer Fußgängerbrücke im Duisburger Innenhafen einfach die Krümmung, bis der Scheitelpunkt die gewünschte Höhe erreicht. Diese „Katzbuckelbrücke“ ist eine rückverankerte Hängebrücke. Mithilfe von Hydraulikzylindern in den Abspannseilen können die in Normalstellung bereits leicht schrägen Pylonen weiter nach außen gekippt werden, wodurch sich die Tragseile zwischen den Stützen spannen und der bewegliche Fahrbahnträger hochgezogen wird.

Dass Bauen vor allem in Ländern der Dritten Welt immer mit den sozialen Gegebenheiten vor Ort zu tun hat, haben Schlaich und Bergermann bei der Konstruktion der seinerzeit größten Schrägseilbrücke in Asien berücksichtigt, der Hooghly Bridge über den Ganges in Kalkutta. Diese riesige Brücke mit einer Spannweite von beinahe 500 m wurde in den 1980er-Jahren nicht geschweißt, sondern genietet, weil dies die verbreitete Verbindungstechnik in der Stahlstadt Kalkutta war. Die Nieten wurden über Holzkohle erhitzt. Die Bauzeit der Brücke zog sich über anderthalb Jahrzehnte hin, in dieser Zeit waren aber Tausende Arbeiter in Lohn und Brot, wie Schlaich rückblickend hervorhebt.

Besondere Beachtung findet in der Ausstellung schließlich das Engagement von Jörg Schlaich für Aufwindkraftwerke. Mit diesem Solarkraftwerktyp meint Schlaich, den weltweiten Energiebedarf decken zu können, trotz des bekannt geringen Wirkungsgrads dieser Technologie. Aufwindkraftwerke bestehen aus großen kreisförmigen Glas- oder Kunststoffflächen, unter denen die Luft durch die Sonneneinstrahlung aufgewärmt wird. Die warme Luft steigt auf und strömt in die Mitte der Fläche in einen Kamin. Der sich bildende Aufwind treibt am Eingang des Kamins Turbinen zur Stromerzeugung an.

In den 1980er-Jahren hat Schlaich in Spanien eine Versuchsanlage im kleinen Maßstab errichtet. Die Berliner Ausstellung präsentiert Entwürfe für größere Aufwindkraftwerke und eine Berechnung des – enorm hohen – Flächenbedarfs, der für eine bedarfsdeckende Erzeugung notwendig ist. Schlaich hat damit eine Alternative zum Desertec-Großprojekt im Köcher, da beim Aufwindkraftwerk im Gegensatz zu anderen Solartechnologien kein Wärmeträgermedium erforderlich ist.

Das jahrelange Werben der beiden Stuttgarter Ingenieure für ihre Idee des Aufwindkraftwerks ist ein Musterbeispiel für die gelebte Verantwortung des Ingenieurs. Ihre Aufgabe ist es, stichhaltige Vorschläge für die Lösungen der großen Probleme zu machen, vor denen die Menschheit steht.

„High Energy“ bis 4.7.10 in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin.

 

Ein Beitrag von:

  • Johannes Wendland

    Johannes Wendland ist freier Journalist und schreibt für überregionale Magazine, Zeitungen und Online-Medien u.a. über Wirtschaftsthemen, Raumfahrt und IT-Themen.

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