100 Jahre alt, bis heute modern: UNESCO ehrt Tauts Waldsiedlung
Genau 100 Jahre nach Baubeginn wird die Waldsiedlung Zehlendorf Welterbe. Warum Bruno Tauts 1917 Wohnungen bis heute als Vorbild gelten.
2008 noch nicht aufgenommen, heute Welterbe: Die Waldsiedlung Zehlendorf verbindet Architektur, Natur, Nahversorgung und U-Bahn.
Foto: picture alliance / epd-bild | Hans Scherhaufer
Vor 18 Jahren reichte ihr Erhaltungszustand noch nicht für die UNESCO. Nun gehört die Waldsiedlung Zehlendorf doch zum Welterbe, genau 100 Jahre nach Baubeginn. Mit 1917 Wohnungen ist sie die größte der nun sieben „Siedlungen der Berliner Moderne“.
Das UNESCO-Welterbekomitee hat die Berliner Wohnanlage auf seiner Sitzung im südkoreanischen Busan in die Welterbeliste aufgenommen. Formal handelt es sich nicht um eine neue eigenständige Welterbestätte, sondern um eine Erweiterung der bereits seit 2008 geschützten „Siedlungen der Berliner Moderne“. Die Zahl der deutschen Welterbestätten bleibt damit bei 55.
Die Waldsiedlung ist der siebte und nach aktuellem Stand letzte Bestandteil des Ensembles. Laut UNESCO schließt sie die Serie ab; weitere Erweiterungen sind nicht vorgesehen.
Inhaltsverzeichnis
- Warum die UNESCO die Siedlung auszeichnet
- 1917 Wohnungen statt einer Villenkolonie
- Balkon, Loggia oder Garten für jede Wohnung
- Gegenentwurf zu dunklen Berliner Hinterhöfen
- Warum die Waldsiedlung 2008 noch nicht Welterbe wurde
- Was der Welterbestatus für Bewohner bedeutet
- Kein Bauplan zum Kopieren aber ein bis heute relevantes Prinzip
Warum die UNESCO die Siedlung auszeichnet
Das Welterbekomitee stützt seine Entscheidung auf die Kriterien ii und iv der Welterbekonvention. Die Berliner Siedlungen stehen demnach für eine Wohnungsreform, die die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten verbessern sollte. Ihre städtebaulichen, architektonischen und landschaftsplanerischen Lösungen beeinflussten den sozialen Wohnungsbau weit über Deutschland hinaus.
Zugleich gelten die Anlagen als außergewöhnliche Beispiele neuer Gebäude- und Quartierstypen. Die Planer verbanden moderne Grundrisse, Flachdächer, Freiflächen und neue hygienische Standards mit dem Ziel, gesünderes und bezahlbares Wohnen zu ermöglichen. Die UNESCO würdigt ausdrücklich das Zusammenspiel von Städtebau, Architektur, Gartenplanung, technischen Lösungen und ästhetischer Gestaltung.
Die Waldsiedlung ergänzt die sechs bisherigen Welterbesiedlungen um einen eigenen Typus: ein groß angelegtes Wohnquartier in naturnaher Stadtrandlage, eng verbunden mit öffentlichem Verkehr und urbaner Infrastruktur.

1917 Wohnungen statt einer Villenkolonie
Die Waldsiedlung entstand zwischen 1926 und 1932 im Auftrag der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft GEHAG. Bruno Taut entwickelte den städtebaulichen Gesamtentwurf und plante große Teile der Bebauung. Weitere Abschnitte stammen von Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg. Für die Freiräume waren Leberecht Migge und Martha Willings-Göhre verantwortlich.
Trotz ihrer Lage im Grünen war die Anlage kein exklusives Villenviertel. Die Planer schufen insgesamt 1917 Wohneinheiten. Davon befinden sich 1108 in Mehrfamilienhäusern mit bis zu drei Geschossen. Hinzu kommen 809 Einfamilienhäuser, die überwiegend als Reihenhäuser ausgeführt wurden.
Die unterschiedlichen Gebäudetypen erzeugen verschiedene Dichten und Straßenräume. Mehrfamilienhäuser wechseln sich mit Reihenhauszeilen, Gärten und gemeinschaftlich nutzbaren Freiflächen ab. Die Gebäude gruppieren sich um die Argentinische Allee und den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. Damit verband die Planung Wohnen und öffentlichen Verkehr bereits im Maßstab eines vollständigen Quartiers.
Balkon, Loggia oder Garten für jede Wohnung
Ein zentrales Merkmal war der sogenannte Außenwohnraum. Jede Wohnung erhielt einen Balkon, eine Loggia oder einen Garten. Freiflächen waren damit keine Restflächen zwischen den Gebäuden, sondern ein fester Bestandteil des Wohnkonzepts.
Die Landschaftsplanung stand nach Angaben des Berliner Senats gleichberechtigt neben dem Hochbau. Häuser, Wege, private Gärten und gemeinschaftliche Grünräume sollten ein zusammenhängendes Wohnumfeld bilden. Durchgehende Flachdächer, klar gegliederte Baukörper und die für Bruno Taut typische Farbgestaltung gaben den einzelnen Bauabschnitten dennoch ein deutliches Profil.
Deshalb wird die Anlage auch als Papageiensiedlung bezeichnet. Die Farben sollten nicht nur schmücken. Sie gliederten Fassaden, markierten Eingänge und unterschieden einzelne Straßen- und Gebäudebereiche voneinander.

Gegenentwurf zu dunklen Berliner Hinterhöfen
Der Bau der Waldsiedlung war eine Reaktion auf die massive Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg. In Berlin fehlten nach Angaben der Senatsverwaltung mindestens 130.000 Wohnungen. Viele Menschen lebten in dicht bebauten Mietskasernen mit dunklen Hinterhöfen und unzureichenden hygienischen Bedingungen.
Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften, die Hauszinssteuer und reformierte Bauvorschriften ermöglichten ab Mitte der 1920er-Jahre neue Siedlungsprojekte. An die Stelle eng bebauter Grundstücke traten Wohnungen mit Küche, eigenem Bad, Balkon und besserer Belichtung.
Das Leitbild lautete „Licht, Luft und Sonne“. Wohnungsbau sollte nicht mehr möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Grundstücksfläche unterbringen. Er sollte Gesundheit, Alltagstauglichkeit und Lebensqualität verbessern.
Warum die Waldsiedlung 2008 noch nicht Welterbe wurde
Als die UNESCO 2008 sechs „Siedlungen der Berliner Moderne“ in die Welterbeliste aufnahm, blieb die Waldsiedlung Zehlendorf außen vor. Nach Angaben des Landesdenkmalamtes lag das an ihrem damals schlechten Erhaltungszustand. Noch im selben Jahr begann auf Bezirksebene die Initiative, die Anlage für eine spätere Erweiterung zu qualifizieren.
Eine entscheidende Rolle spielte die langfristige Denkmalpflege. Bereits in den 1980er-Jahren erhielt die Waldsiedlung einen der ersten Berliner Denkmalpflegepläne für ein vollständiges Wohnquartier. Das Regelwerk beschreibt wiederkehrende bauliche Lösungen und soll sicherstellen, dass Sanierungen nicht zu einem uneinheitlichen Erscheinungsbild führen.
Das Landesdenkmalamt aktualisierte den Plan 2023. Er erfasst inzwischen neben den Einfamilienhäusern auch die Mehrfamilienhäuser und öffentlichen Freiflächen. Hinzu kamen Vorgaben für den Umgang mit Energieeffizienz, Klimaschutz und den Folgen veränderter klimatischer Bedingungen. Nach Einschätzung des Landesdenkmalamtes trugen die langfristigen Vorgaben wesentlich zum heute hervorragenden Erhaltungszustand bei.

Was der Welterbestatus für Bewohner bedeutet
Für Eigentümer und Mieter ergeben sich zunächst keine grundsätzlich neuen Beschränkungen. Die Waldsiedlung stand bereits vor der UNESCO-Entscheidung unter Denkmalschutz. Veränderungen an historischer Bausubstanz oder Erscheinungsbild mussten schon bisher von der zuständigen Denkmalschutzbehörde genehmigt werden.
Zusätzliche Aufgaben entstehen vor allem für das Welterbemanagement. Das Komitee empfiehlt eine auf die Siedlung zugeschnittene Risikovorsorge, präzisere Indikatoren zur Überwachung des Erhaltungszustands und eine stärkere Beteiligung der Bewohner.
Vor größeren Bauvorhaben in der Welterbefläche, der Pufferzone oder dem direkten Umfeld sollen außerdem Welterbe-Verträglichkeitsprüfungen stattfinden. Damit soll verhindert werden, dass neue Gebäude oder Umbauten die räumliche Wirkung der historischen Anlage beeinträchtigen.
Kein Bauplan zum Kopieren aber ein bis heute relevantes Prinzip
Die Waldsiedlung lässt sich nicht einfach auf den heutigen Wohnungsbau übertragen. Reihenhäuser mit eigenen Gärten benötigen mehr Fläche als dichter Geschosswohnungsbau. Auch Baukosten, Grundstückspreise, technische Vorschriften und Anforderungen an Barrierefreiheit und Energieeffizienz haben sich grundlegend verändert.
Ihre zentrale planerische Idee bleibt jedoch aktuell: Wohnungsbau funktioniert nicht allein über Gebäude und Quadratmeter. Entscheidend sind auch Freiräume, Verkehrsanbindung, unterschiedliche Wohnformen und die Qualität des gesamten Quartiers.
Die Waldsiedlung zeigt zudem, dass standardisierte und wirtschaftlich geplante Wohnungen nicht zwangsläufig monotone Siedlungen ergeben müssen. Verschiedene Gebäudetypen, klar zugeordnete Außenräume und eine eigenständige Gestaltung können auch in großen Wohnungsbauprojekten Identität schaffen.
Quellen
- UNESCO World Heritage Centre: Beschluss 48 COM 8B.32 zur Erweiterung der Welterbestätte
- Deutsche UNESCO-Kommission: Waldsiedlung Zehlendorf ist UNESCO-Welterbe
- Senatsverwaltung Berlin: Daten und baugeschichtlicher Hintergrund zur Waldsiedlung
- Landesdenkmalamt Berlin: Antragsprozess zur Aufnahme in die Welterbeliste
- Landesdenkmalamt Berlin: Denkmalpflegeplan Waldsiedlung Zehlendorf
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