Grüne Architektur 24.04.2026, 14:30 Uhr

Dieses Gebäude ist eine Düne: Küstenarchitektur in Belgien neu gedacht

Wie in Middelkerke Architektur, Küstenschutz und Landschaft zusammenfinden – ein Projekt mit technischem Anspruch an der Nordsee.

Silt Middelkerke

Die skulpturale Form des Gebäudes fügt sich harmonisch in die Küstenlandschaft ein – getragen von einer Dachbegrünung, die Klima, Nutzung und Gestaltung vereint.

Foto: picture alliance / imageBROKER | alimdi / Arterra

Entlang der belgischen Nordseeküste reiht sich vielerorts ein Hochhaus ans nächste. In Middelkerke durchbricht nun ein Projekt dieses Muster – nicht mit einem weiteren Turm, sondern mit einer begehbaren Düne. Mit dem Ensemble „SILT“ setzt die Stadt bewusst auf ein Konzept, das Architektur und Landschaft gezielt miteinander verzahnt. Unter einer modellierten, begrünten Dachlandschaft vereint das Bauwerk ein Casino, ein Hotel und ein Veranstaltungszentrum.

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Rückgriff auf eine verschwundene Insel

Die Planenden orientieren sich an der historischen Küstenlinie. Die Insel Testerep war im Frühmittelalter durch einen natürlichen Kanal vom Festland getrennt. An ihren Enden lagen Ostende und Westende, in der Mitte Middelkerke. Mit der Verlandung verschwand diese Struktur.

Das Planungsteam von ZJA Architects & Engineers und DELVA Landscape Architecture & Urbanism überträgt dieses Prinzip in die Gegenwart. Die neue Topografie folgt den typischen Merkmalen einer Küstenlandschaft: sanfte Höhenunterschiede, Windkanten, robuste Vegetation.

Der Hotelturm ragt aus dieser Struktur heraus. Seine Form wirkt organisch, fast wie gewachsen. Gleichzeitig bleibt er funktional klar gegliedert. Steven Delva beschreibt den Ansatz so:

„Silt dagegen ist ,Landschaftshochhaus’, ein ,Landscraper’: Eine neue, einzigartige, horizontale Dünenlandschaft mit programmatischem Innenleben. Wir nutzen diese typische Landschaft als Mittel, um die Herausforderungen auf eine scheinbar natürliche Weise zu integrieren.“

Dach wird Teil des Systems

Die Dachfläche übernimmt Aufgaben, die klassische Gebäudehüllen nicht leisten. Regenwasser bleibt zunächst im System. Ein Teil wird gespeichert, ein Teil verzögert abgegeben. Gerade bei Starkregen entlastet das die Kanalisation.

Gleichzeitig wirkt die Vegetationsschicht als Puffer. Im Sommer sinken die Oberflächentemperaturen. Im Winter reduziert die Substratschicht Wärmeverluste. Damit verändert sich die Rolle des Dachs grundlegend.

Die Bepflanzung ist darauf abgestimmt:

  • Strandhafer verankert den sandigen Untergrund mit tiefen Wurzeln
  • extensive Vegetation kommt mit wenig Pflege aus
  • salzresistente Arten sichern die Funktion bei Seeluft und Wind

Küstenschutz als Bestandteil des Entwurfs

Die künstliche Düne erfüllt gleichzeitig eine Schutzfunktion. Sie ist so ausgelegt, dass sie extremen Sturmereignissen standhält.

Berechnungen gehen von Wasserständen aus, die mehr als zwei Meter über dem heutigen Hochwasser liegen können. Die Dimensionierung orientiert sich an sehr seltenen Ereignissen mit entsprechend langen Wiederkehrzeiten. Im Vergleich zu klassischen Deichsystemen fällt diese Auslegung deutlich robuster aus.

Nach Angaben der Planenden zählt Middelkerke damit zu den stärker gesicherten Abschnitten der belgischen Küste.

SILT Kasino, Hotel und Restaurant im Badeort Middelkerke vom Strand aus
Wie in Middelkerke Architektur, Küstenschutz und Landschaft zusammenfinden – ein Projekt mit technischem Anspruch an der Nordsee.Ein fließender Übergang vom Strand zur Architektur: Die modellierte Dachlandschaft von SILT führt Besucherinnen und Besucher wie eine begehbare Düne hinauf zur markanten Landmarke. Foto: picture alliance / imageBROKER | alimdi / Arterra / Philippe Clém

Stadtraum neu organisiert

Mit dem Bau des Ensembles verändert sich auch der Ortskern. Der Epernay-Platz wurde vollständig umgestaltet. Der Verkehr verschwindet in einer Tiefgarage.

An der Oberfläche entsteht Raum. Die Fläche steht nun vor allem Fußgänger*innen und Radfahrenden zur Verfügung. Aufenthaltsbereiche, Wege und Sichtachsen zum Meer rücken stärker in den Vordergrund. Damit verschiebt sich die Nutzung des Zentrums – weg vom Verkehr, hin zum öffentlichen Raum.

Holz als konstruktives und gestalterisches Element

Der Hotelturm ist von einer offenen Struktur aus Accoya-Holz umgeben. Das Material ist für den Einsatz in feuchter und salzhaltiger Umgebung ausgelegt.

Die Konstruktion erfüllt mehrere Aufgaben gleichzeitig. Sie schützt die Fassade, schafft Abstand zwischen Innenraum und Außenklima und sorgt für Privatsphäre auf den Balkonen. Gleichzeitig reduziert Holz den CO₂-Fußabdruck gegenüber konventionellen Fassadenlösungen.

Mit der Zeit verändert sich die Oberfläche. Das Holz vergraut und passt sich farblich der Umgebung an. Zusätzliche Beschichtungen sind nicht erforderlich.

Reinald Top von ZJA sagt dazu: „Das Projekt mit seinem bescheidenen Hotelturm fügt dem Ort viel neuen öffentlichen Raum hinzu, während er eine relativ kleine Grundfläche hat.“

Räume folgen dem Licht

Im Inneren gibt es kein klassisches Raster. Wände und Stützen orientieren sich an der Form der Düne. Dadurch entstehen geneigte Flächen und ungewöhnliche Raumgeometrien.

Die Nutzung ist nach dem Bedarf an Tageslicht organisiert. Das Restaurant liegt offen und hell, mit großen Glasflächen und Oberlicht. Veranstaltungsräume erhalten gefiltertes Licht und lassen sich flexibel abdunkeln. Das Casino liegt weitgehend unter der Oberfläche, öffnet sich aber gezielt in Richtung Meer.

Diese Anordnung reduziert den Energiebedarf für Beleuchtung und verbessert gleichzeitig den Nutzungskomfort.

Neue Funktion für die Stadt

Mit SILT entsteht ein zentraler Ort für Veranstaltungen. Konzerte, Ausstellungen und Kongresse finden an einem Punkt statt. Das Gebäude bündelt Funktionen, die zuvor verteilt waren.

Die Bauzeit fällt vergleichsweise kurz aus. Zwischen Aushub im Februar 2022 und Eröffnung 2024 liegen rund zwei Jahre. Für ein Projekt in unmittelbarer Küstenlage und mit komplexem Baugrund ist das eine enge Taktung.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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